Irland: Der Mittelstand kämpft ums Überleben

EU-Politiker bezeichneten Irland als Paradebeispiel für den Erfolg des Rettungspakets. Aber den irischen Mittelstand haben die strengen Sparmaßnahmen massive getroffen. Eine Pleitewelle ist die Folge. Zehntausende Iren wollen daher ihr Land verlassen.

Die Lobeshymnen europäischer Politiker für Irlands erfolgreiche Umstrukturierung und Initiierung der entsprechenden Sparmaßnahmen sind noch im Gedächtnis. Ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent im nächsten Jahr wird vorhergesagt und bescherte Irland die Urkunde eines Musterschülers (mehr hier). Doch die straffen Sparmaßnahmen spüren eben nicht die Finanzunternehmen, sondern die irischen Bürger und zwar drastisch.

Irland ist „noch immer eine insolvente Wirtschaft”, sagt Constantin Gurdgiev, Ökonom und Dozent am Trinity College in Dublin. „Nur weil wir die Rolle des guten Jungen spielen und nicht wie die Griechen Krach machen , heißt das nicht, dass Irland gesund ist“. Die Gehälter von Krankenschwestern, Professoren und anderen im öffentlichen Sektor tätigen Arbeitnehmern wurden um 20 Prozent gekürzt. Eine ganze Bandbreite an Steuern ist angehoben worden und es sollen zusätzliche 3,8 Milliarden Euro durch Steuererhebungen im nächsten Jahr eingespült werden und weitere Ausgabenkürzungen folgen, was vor allem die Gesundheitsversorgung, die soziale Absicherung und die Kindergelder treffen wird. Selbst als die Arbeitslosenquote die 14,5 Prozent erreichte und auch Vorhersagen im nächsten Jahr keine Besserung versprachen, wurde weiter gekürzt.

Die Iren müssen an allen Ecken und Enden sparen. Die Einzelhandelsverkäufe beispielsweise sanken im Oktober um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr: Selbst an grundlegenden Gütern sowie Schulheften und Schuhen wird gespart. Die Arbeitslosenrate wäre jedoch deutlich höher, wenn nicht so viele Iren nach Australien, Großbritannien und Kanada ausgewandert wären, weil sie sich dort eine Zukunft vorstellen konnten. Waren es 2008 noch Studierende und Bauarbeiter, die Irland verließen, sind es nun hochqualifizierte Arbeitskräfte wie Buchhalter, Ingenieure und Zahnärzte. Fast 40.000 Iren haben in diesem Jahr ihr Heimatland hinter sich gelassen.

Die Krise auf dem Arbeitsmarkt ist auch zurückzuführen auf die schwierige Situation für den irischen Mittelstand. Mehr als Fünf Unternehmen gingen in diesem Jahr jeden Tag in Irland Pleite, so die Analysten des irischen Vision Net am Donnerstag vergangener Woche. Das sind fast 160 Unternehmen pro Monat und 1800 Unternehmen in den ersten elf Monaten. Allein in der Bau- und Immobilienwirtschaft, die am stärksten von den Schließungen der Firmen betroffen ist, gibt es derzeit 4000 Unternehmen weniger als noch im Jahr 2008. Seit der Rezession vor drei Jahren haben 46.931 irische Unternehmen ihre Geschäfte eingestellt.

Und es sieht so aus, als hätten sich die Einschnitte, die die irische Bevölkerung aufgrund der Sparmaßnahmen über sich ergehen haben lassen müssen, nicht gelohnt. Zwar liegt das Haushaltsdefizit in diesem Jahr nur mehr bei 10 Prozent des BIP, aber Experten rechnen damit, dass es der Regierung selbst unter besten Bedingungen nicht gelingen wird, das europaweite Ziel von drei Prozent bis zum Jahr 2015 zu erreichen (die steigenden Zinsen auf die EFSF Anleihen machen die Situation nicht einfacher – mehr hier). Das Economic and Social Research Institute in Dublin kürzte diesen Monat sogar ihre Vorhersage für das irische Wirtschaftswachstum 2012 um die Hälfte auf unter ein Prozent.

Langsam aber regt sich ein Widerstand unter der irischen Bevölkerung. Inspiriert von der Occupy Wall Street Bewegung in den USA gibt es bereits einzelne Protestaktionen, wie die vor der Irisch Central Bank. „Das ist alles neu“, sagte David Johnson, ein IT-Berater, der an dem Protest vor der Zentralbank teilnimmt, der New York Times. „Das ist alles neu für Irland”, die Leute haben das Gefühl, dass die, „die es sich am wenigsten leisten können, die Bürde der Krise schultern“.

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Kommentare

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  1. Jeremy sagt:

    Jeder in Irland muss unsere Gehälter zu senken. Wir zahlen EUR188 pro Woche auf Sozialhilfe. Die Politiker müssen geschnitten Vorteile. Irland muss wettbewerbsfähiger werden.

  2. tomorrow sagt:

    Der Bankrott ist quasi allgegenwärtig, wenn man bedenkt, dass viele Investitionen in unbestimmte Zukunft verschoben werden. Die Einzelhandels-Kultur ist bereits im Sinkflug begriffen. Die Umsatzzahlen des Einzelhandels sind nicht das Papier wert auf dem sie gedruckt sind. Die Wahrheit ist, dass der Handel kaum noch Rücklagen besitzt, um das Negativ-Wachstum zu kompensieren. Als Beispiel nenne ich nur mal das Shop in Shop-System von (Karstadt.)
    Kaufkräftige Kunden vorausgesetzt, kann so eine Vertriebsphilosophie Erfolg haben. Sollte sich jedoch die Kaufkraft um nur minus 5-8% verringern, wird das den Gewinn derart schmälern, dass die Investoren in diesem Maße den Rückzug antreten.

    Seinen (einen) Euro kann man nur einmal ausgeben. Fragt sich nur wie, wofür?
    FG, tomorrow

  3. Chris sagt:

    Solange noch genug Geld für Politiker und deren Pensionen da ist, ist alles in Ordnung!

  4. Goodie sagt:

    „Das ist alles neu für Irland”, die Leute haben das Gefühl, dass die, „die es sich am wenigsten leisten können, die Bürde der Krise schultern“.“

    Anscheinend sind Iren ähnlich gestrickt wie Deutsche. Man muss zuerst am Boden
    liegen und noch einen Tritt bekommen bis man sich bewegt. Aber besser zu spät als
    nie.

  5. schlaumeister sagt:

    Die Migrationswellen werden zunehmen, doch, unglücklicherweise wird es bald
    überall ähnlich aussehen. Der Mittelstand kämpft ums Überleben, während die
    Schattenbanken in Billionenumfang Geld aus Geld schöpfen. Gehts schief, haftet
    der Steuerzahler, Eine kleine Firma dagegen, wird über Nacht platt gemacht.
    Weltweit hat die Finanzmafia die Realwirtschaft heruntergewirtschaftet und durch
    eine virtuelle Spekulantenwelt ersetzt. In dieser Parallelwelt braucht kein Geld
    durch Warenproduktion oder Dienstleistung verdient werden, mit ein paar Maus-
    klicks kann man Millionär werden. Mal sehen, wann die ganze Papiergeldbude
    lichterloh abbrennt.

    • Lexy sagt:

      Leider sind die auch nicht ganz blöd und werden wohl bevor der Kahn absäuft ein paar ihrer Bonimillionen sicher auch in ein paar Sachwerten parken und dann wahrscheinlich recht sanft landen.

    • Karl-Heinz sagt:

      +++++ Sehr interessant +++++ Parallelstrukturen +++++

      Abgekoppelt von der „BRD“ gibt es bereits eine funktionsfähige Wirtschaftsstruktur, auf deutschem Boden.

      Sehr interessant für mittelständische Unternehmer, die ihr Dienstverhältnis mit der „BRD“ kündigen wollen.

      Staat im Staat – die NeuDeutschland-Reformation
      Der Vorstandsvorsitzende des «Verein NeuDeutschland», Peter Fitzek, im Gespräch mit Michael Vogt über seine Abkoppelung von jeder Staatlichkeit in der BRD.

      http://www.alpenparlament.tv/playlist/516-staat-im-staat%20die%20neudeutschland-revolution