„Indische Rupie wird das erste Opfer der Eurokrise sein“

Die EU-Krise könnte in Indien zu einem Währungscrash führen. Das Land ist stark abhängig von ausländischen Investoren, die mittlerweile ihr Geld abziehen. Indien kämpft gegen eine hohe Inflation und gegen geringes Wachstum. Indische Ökonomen sind sehr besorgt.

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Indien steht nach Einschätzung von Ökonomen vor der schlimmsten Finanzkrise seit Jahrzehnten. Indien spürt die Folgen der globalen Finanzkrise besonders, weil sich das Land zugleich mit inländischen und externen Problemen rumschlagen muss. Die Reserve Bank of India (RBI) ist zwar die letzte Bastion, die Indien noch hat, aber die Bank steht vor fast unlösbaren Aufgaben. Von außen gefährdet die Euro-Krise das Land und im eigenen Land kämpft Indien mit hoher Inflation, geringerem Wirtschaftwachstum und fehlenden strukturellen Reformen. Allein in den vergangenen vier Monaten ist der Rupie um 16 Prozent gefallen. Zwar konnte die Intervention der sechs weltgrößten Notenbanken (mehr hier) der indischen Währung eine kleine Verschnaufpause verschaffen, aber Analysten gehen davon aus, dass sich die Talfahrt der Rupie fortsetzen wird.

„Der indische Rupie wird das erste Opfer bei einer Verschlechterung der Euro-Zonen-Krise sein“, sagt Rupa Rege Nitsure, Chefökonom der Bank of Baroda in Mumbai. Wenn sich die Krise verschärfe, würde sich das Handelsdefizit noch schneller vergrößern und das Land hätte noch größere Schwierigkeiten, ausländisches Geld anzulocken. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres wuchs das Leistungsbilanzdefizit Indiens auf 14,1 Milliarde Dollar, fast drei Mal so viel wie im Quartal davor. Auf das ganze Jahr gerechnet, wird sich die Lücke auf 54 Milliarden Dollar ausweiten. Zusätzlich dazu lag das Haushaltsdefizit Indiens in der Zeit von April bis Oktober bei 58,7 Milliarden Dollar.

Der Abfall der Rupie tut sein Übriges. So wird zwar vermutet, dass die RBI Mitte November in die Talfahrt der indischen Währung eingegriffen hat, da die Währungsreserven um 16 Milliarden Dollar auf 304 Milliarden Dollar geschrumpft sind, dennoch fiel der Rupie in dieser Zeit um sieben Prozent. Die schwache Währung macht die Schließung der Lücke des Leistungsbilanzdefizits noch kostspieliger und somit schwieriger. „Die Währungskrise wird wahrscheinlich schrittweise die Form einer Zahlungsbilanzkrise annehmen“, beurteilt Rupa Rege Nitsure die Situation.

Indiens starke Abhängigkeit von ausländischen Investoren verschärft die Lage aufgrund der um sich greifenden Euro-Krise zusätzlich. Die ausländischen Investoren ziehen ihr Geld aus dem Land ab. Um beispielsweise die hohen Eigenkapitalquoten zu erfüllen, die von den europäischen Banken erbracht werden müssen, investieren diese nicht mehr in Indien und, was noch schlimmer in der derzeitigen Situation ist, sie ziehen sich aus dem indischen Markt zurück. Allein im November haben etwa ausländische Fonds 661 Millionen Dollar aus indischen Aktien zurückgezogen. Die UBS schrieb in einer E-mail, die zu einem Kundenkonferenzgespräch einlud, dass die sich „Stimmung der Investoren von vorsichtig zu vollständig verängstigt“ bewegt habe, berichtet Reuters India. Der Titel der E-mail lautete „Indien explodiert“.

„Die indische Wirtschaft ist für Liquiditätsschock viel verwundbarer“ als andere Länder der Region, sagt Radhika Rao, Ökonom von Forecast PTE in Singapur. Derzeit leiht sich das indische Bankensystem, mehr als 19 Milliarden Dollar bei der Zentralbank, um die Bargelreserveanforderungen zu erfüllen. Die RBI könnte zwar die Liquidität erhöhen, indem sie eben diese Reserveanforderungen reduziert. Das könnte jedoch die hohe Inflation noch weiter anheizen.

Würde die RBI nun weiter versuchen, den Rupie zu stützen, würde sie dadurch noch mehr Liquidität aus dem eigenen Markt entfernen. Viele Ökonomen behaupten nun, die RBI sei zu ängstlich bei ihren Eingriffen vorgegangen und trage so eine Teilschuld für den schwachen Rupie. Andererseits hat die RBI seit Frühjahr 2010 13 Mal die Zinsrate angehoben, was normaler Weise zur Aufwertung einer Währung führt, in diesem Fall jedoch nicht half. Rajeev Malik von der CLSA in Singapore, eine Gruppe zur Anlage- und Abschlussvermittlung, sieht dies sogar als den „größten Fehler, den die RBI gemacht hat“. Sie habe so Spekulanten gegenüber eine offene Einladung ausgesprochen. Der Handel des Auslands-Devisentermingeschäftes in Rupie zeigte, dass bereits Wetten auf den Fall des Rupie abgeschlossen werden. Die RBI ist zwar vermutlich die letzte Rettung vor dem Crash, aber die Lösung des einen Problems scheint unmittelbar ein anderes zu vergrößern. Dass Indien als Euro-Retter unter diesen Vorzeichen nicht in Frage kommt, versteht sich von selbst.

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Kommentare

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  1. ferry sagt:

    Andererseits hat die RBI seit Frühjahr 2010 13 Mal die Zinsrate angehoben, was normaler Weise zur Aufwertung einer Währung führt, in diesem Fall jedoch nicht half. Rajeev Malik von der CLSA in Singapore, eine Gruppe zur Anlage- und Abschlussvermittlung, sieht dies sogar als den „größten Fehler, den die RBI gemacht hat“. Sie habe so Spekulanten gegenüber eine offene Einladung ausgesprochen. Der Handel des Auslands-Devisentermingeschäftes in Rupie zeigte, dass bereits Wetten auf den Fall des Rupie abgeschlossen werden. Die RBI ist zwar vermutlich die letzte Rettung vor dem Crash, aber die Lösung des einen Problems scheint unmittelbar ein anderes zu vergrößern. Dass Indien als Euro-Retter unter diesen Vorzeichen nicht in Frage kommt, versteht sich von selbst.

  2. Stützungskäufer sagt:

    Warum sollte die RBI die Rupie stützen wollen? Wird uns nicht ständig von unseren Experten eingetrichtert, dass nur eine abwertende Währung eine gute Währung ist? Demnach müssten sich doch die Inder freuen, wenn die Rupie an Wert verliert und sich anschicken, Deutschland als Exportweltmeister abzulösen. Dass dem nicht so ist zeigt, wie eindimensional das ständige Expertengequassel hierzulande ist, oder?!

  3. fetzenflug sagt:

    Man sollte auch imstande sein, diese Faktoren angesichts des Kolonialismus zu lesen. Das betrifft nicht alle eU- Länder, aber schon sehr viele nun.

  4. wir sind alle betroffen sagt:

    Die Zentralregierung in Berlin war immer ein schlechtes Omen aber auch der Euro, die Währung der deutschen Vereinigung, bringt Unheil.

  5. elbuhu sagt:

    „Andererseits hat die RBI seit Frühjahr 2013 13 Mal die Zinsrate angehoben“

    Aus welchem Jahr ist der Artikel – 2015?

    • Nagelix sagt:

      Irgendwie litt ich auch gerade an Hellseher-Faehigkeiten. Ich habe nur gesehen das der Artikel einen Kommentar hat, wusste aber schon was darin steht^^^^

      Wenn man aber sieht wann der Artikel erstellt wurde kann so was mal passieren

    • anonym sagt:

      Da kann man mal sehen wie weit die DMN in die Zukunft blicken und dann darüber in der Vergangenheits-Form darüber berichten kann.
      Schon beeindruckend.

    • redakteur sagt:

      Tatsächlich sind wir in der Redaktion nicht dazu übergegangen, die Handlungen der Banken genau vorauszusagen. Vielmehr hat die RBI seit Frühjahr 2010 13 Mal die Zinsrate angehoben – eher in kleiner Fehler als ein Blick in die Zukunft.

      Danke für den Hinweis