Spaniens Mittelschicht: 80% mehr Sozialhilfeempfänger

Infolge der Schuldenkrise driften tausende Bedürftige in die Armut und sind auf Hilfe von spanischen Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen. Vor allem Mitglieder aus der Mittelschicht rutschen immer schneller in die Sozialhilfe.

Aktuell:
Warum das Ergebnis von Brüssel eine Zeitbombe für Europa ist

Die Schuldenkrise reißt eine tiefe Kluft in die Gesellschaftsschichten Spaniens. Die einst solide Mittelschicht befindet sich auf einer Talfahrt in Richtung Sozialhilfeempfänger. Die Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass viele Unternehmen Pleite gehen. Die Arbeitslosigkeit eilt von einem Rekord zum nächsten. Die neuen Arbeitslosen sind nicht in der Lage, gleichzeitig die gestiegenen Kosten für den Lebensunterhalt und den Wegfall von Sozialleistung zu verkraften. Der Schritt in die Verelendung ist in Spanien für viele keine Theorie mehr.

Javier Hernando, Koordinator der Cáritas Madrid berichtet, dass sie seit Beginn der Krise 2008 über 300.000 Bedürftige versorgen müssen, fast doppelt so viele wie zuvor. „Vor allem immer mehr spanische Familien, die aus stabilen wirtschaftlichen Situationen stammen und infolge der Krise vom sozialen System ausgegrenzt werden, kommen zu uns.“ Wie die Zeitung El Páis mitteilt, stieg die Zahl der Sozialhilfeempfänger im Vergleich zum letzten Jahr um 80 Prozent.

Diesen Zustand bestätigen auch andere wohltätige Organisationen wie Sant Egidio, die ihr Volumen der Essensvergabe verdoppeln mussten. Die Obdachlosen-Organisation para el Desarrollo Solidarios berichtet von einem deutlichen Anstieg von Menschen, die vor allem Nahrung und Kleidung benötigen.
Überdies können viele kein Geld für Gas, Wasser, Strom und Miete aufbringen.

Auch der Wohnungsbaugesellschaft Ivima ist die Zunahme bedürftiger Fälle nicht entgangen, erzählt der Direktor Juan Van-Halen. Die Gesellschaft besitzt 23.000 Wohnungen in Madrid. Da rund 5.200 Familien ihre Miete nicht aufbringen konnten, hat die Ivima eine Mietminderung veranlasst. Dennoch muss Van-Halen jährlich fast 200 Zwangsräumungen aufgrund von Zahlungsausfällen und Hausbesetzungen veranlassen.

Um den Ansturm Bedürftiger bewältigen zu können, hat die Madrider Cáritas schon den Notfallplan eingeführt, der bis Anfang 2012 noch greifen soll. Doch schon jetzt sind die Hilfsorganisationen hoffnungslos überlastet.

Auch der 52-jährige Álvaro nimmt die Hilfe nun täglich in Anspruch. Früher besaß er mehrere Werkstätten, verdiente monatlich 10.000 Euro. Heute bleiben ihm 600 Euro, davon 370 Euro aus der spanischen Sozialhilfe Renta Mínima de Inserción (RMI) und 200 Euro aus einer Garagenvermietung. Mit fünf anderen teilt er sich nun eine Wohnung, sein Essen besorgt er sich in Madrids Suppenküchen. Er selbst hat sich damit abgefunden. Dennoch: Seine Freunde und Kinder wissen nichts von seinem neuen Lebensstil, er fürchtet den Spott.

Mehr zum Thema:
Bosbach-Interview: „Haushaltsrecht darf nicht an Brüssel abgetreten werden“
Max Otte: Wir befinden uns im Wirtschaftskrieg Europa gegen USA
EU-Zerfall: Nun kommt Drei-Klassen-Europa

Kommentare

Dieser Artikel hat 29 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Mel, Vita sagt:

    10.Januar 2012
    E-03189 Orihuela Costa -Alicante – Spanien / Festland
    Es muss aufhoeren , Menschen auf die Strasse zu setzen, quasi ueber Nacht obdachlos zu machen und grosses Leid ueber diese Menschen zu bringen.
    Keiner achtet Menschenrechte und im Winter auf der Strasse. +5 C Wahnsinn !!!

    Unser Leid wird immer schlimmer werden aber offenbar interessiert das keinen in der Oeffentlichkeit ??
    Bitte dringend diesen Text veroeffentlichen- vielleicht hilft ja jemand.

    Wir brauchen dringend Hilfe, sonst landen wir auf der Strasse,
    bezahlen wir das evtl. mit unserem Leben,
    werden absolut nichts mehr besitzen, nur noch was wir am Leib haben.

    Uns ist es vor 5 Tagen auch so ergangen das wir unserer Haus wo ich,
    11 Jahre lang viel Geld in Spanien investiert habe, verloren haben. Nun leben wir mit viel Glueck in einem Appartement, haben nur noch das was wir greifen konnten und Leben aus Kartons. Alles andere im Haus, Moebel, Betten Werkzeug, etc. alle Investitionen weg, gehoeren jetzt der Bank.
    Eine monatlich Zahlung von voruebergehend 500,– wurde abgelehnt.
    Es sollen alle Rueckstaende auf einmal plus Gerichtskosten beglichen werden.
    Das kann ja keiner. Grausam und unmenschlich.
    Und es hilft uns niemand. Alle sehen weg. Eine Schande.
    Wir haben nun panische Angst, wissen nicht wie es weiter geht und meine Frau arbeitet auch noch
    o h n e Vertrag fuer 3,– bei einem China-Shop. Grausam.
    Wir sind nette Leute haetten uns in 3-4 Monaten nur noch um die weitere
    Haus-Abzahlung kuemmern muessen, jetzt haben wir keine Basis und Existens mehr.
    Alles weg, ein Alptraum.
    Wie soll man da wieder ohne Hilfe, ohne Existens, ohne Telefon/Internet
    und bei dem Arbeitsmarkt raus kommen ??
    Und das Winter ist, nachts 5 Grad interessiert auch keinen.
    Um ein Haar haetten wir auf der Strasse gesessen, krank geworden.
    Wer uns helfen moechte, spenden moechte, etc. melde sich bitte,
    wir haben auch vielen Leuten immer geholfen,
    jetzt sind wir selber in sehr grosse Not geraten und das wuenschen wir keinem.

    Haben sie ein Herz fuer eine Familie die das Grauen vor sich hat…,
    ueber Nacht am Abgrund stehen kann.
    Lesen sie diese Zeilen, nehmen sie bitte ernst, sie sind dramatisch und real in 2012.
    Wir wollen nicht betteln sondern Bitten um Hilfe.
    Danke

    PS.: Wir sind erst 2 Jahre verheiratet 09.09.09 , haben 2010 mit 1,50 Euro Weihnachten gefeiert
    und nun 2011/2012 die Zwangsraeumung. Schlimmer geht es nicht !!!
    Helft uns bitte, bietet uns was an, wir sind voellig fertig, werden alles verlieren
    was wir je besessen haben, denn nicht einmal die Kartons aus denen wir leben
    koennen wir je wieder abtransportieren. Wohin auch ?????
    Kleidung ,etc. alles weg……
    Nur noch das was wir am Koerper tragen wird uebrig bleiben,
    sollte meine Frau krank werden und erhaelt dann keinen Lohn,
    grausamer und schlimmer geht es nicht mehr !
    Fast kaputes Auto macht auch mich handlungsunfaehrig, keine Leute hier = Winter !

    Gebt uns unser Haus / unser normales einfaches Leben wieder…..
    wir wollen nicht hungern oder gar sterben…. jede Nacht Alptraeume, kein Ausweg in Sicht,
    bis wir tatsaechlich auf der Strasse landen.
    2 Menschen die keinem was getan haben, die bescheiden gelebt haben, gehen dann voellig unter
    weil die Bank ihnen alles genommen hat. Haus, Bett, Teller, Besteck, Toepfe, Werkzeug…..einfach alles.
    Wir haetten noch 3-4 Monate gebraucht waeren langsam aus der Krise gekommen,
    hatten auch keinerlei Mitteilung bekommen.
    Innerhalb 4 Wochen mussten wir ein Unterkunft finden ueber Weihnachten und Sylvester,
    das retten was wir tragen koennen.
    Nur noch ein kleiner Fehler und wir sind am totalen Ende auf der Strasse.
    Sitzen wie auf einer Zeitbombe und keiner hilft uns.

    Die Banken haben nun 3,4 Millionen Haueser leer stehen, jede Menge Obdachlose produziert,
    die zahlen wollen aber teils nicht koennen. Kinder landen im Heim !!
    Und 2012 sollen nochmal 1,8 – 2 Millionen Familien/Hypothekenbesitzer obdachlos werden.
    Jeder geht daran kaputt bis ans Ende seines Lebens, auch das Land selbst.
    Das darf einfach nicht passieren !!! Die Zeitbombe tickt !!!
    Wir wollen unseren eigenen Untergang verhindern aber ohne Hilfe schafft das niemand.
    Retten sie unser bescheidenes, kleines Leben.
    Danke !!!
    0034-96532.3995

  2. Bierbaum sagt:

    Es ist alles unsinnig und reine Spekulation !!!

    An die Herren Komentatoren:

    Europa, (ohne Irrland, Spanien und Griechenland)
    wird keine Rezession erleben .. sie werden es sehen ….!!!

    Fazit an alle, die (da sie sich selbst nicht leiden können)
    sich den Zusammensturz herbei sehnen,
    sie werden weiterhin in der Unterschicht bleiben,
    da sie keine Hoffnung auf ein besseres Leben haben
    und kein Einsatz zeigen möchten, ausser dumme Spekualtionen
    auszusprechen um den Nächsten die Hoffnung zerstören
    ( In Deutschland leben zu 95 % nihilistisch veranlagte Psychopathen)
    weiter so Leute meckert ihr mal .. weiter in ein paar Jahren wenn es
    wieder aufwärts geht sind sie Psychisch Krank und ich ich
    beginne denn ein neues sorgenloses Leben .

    Adieu ihr Psycho Komentatoren und nicht vergessen:
    Den Spekulanten Bumskopp ..immer gegen die Wand knallen. Danke

  3. St.Haben sagt:

    Ich meine auch das besagter Herr Rücklagen hätte bilden müssen,darüber hinaus hätte er wissen müssen das die guten Geschäfte nur der Verschuldung insgesamt geschuldet waren und dieser Vorteil geht vorüber.Investitionen und eine oft hohe und langfristige Verschuldung sind vor diesem Hintergrund wohl abzuwägen.Mit ignorieren der tatsächlichen Situation geht es nicht.

  4. Atreides sagt:

    Das Beispiel des 52-jährigen Álvaros ist wohl etwas an den Haaren herbeigezogen. Mit 5 anderen teilt er sich eine Wohnung? Schwer zu glauben. Der hat entweder über seine Verhältnisse gelebt und alles in den Puffs ausgegeben, oder er lügt wie gedruckt. Mit 10.000 im Monat hat er möglicherweise mehrere Wohnungen gekauft, die er sicherheitshalber auf Dritte überschrieben hat und von denen er jetzt gut leben kann.

    Wer sich wohl eine Wohnung mit anderen teilen muß, das sind junge Leute, die netto vielleicht 1.000-1.500 EUR verdienen, aber das ist schon lange so. Wenn man in Madrid-Innenstadt wohnen will, muß man leicht 900 EUR Miete zahlen, und bei 1.500 netto geht das kaum. Aber der Lebensstandard in Madrid ist hoch, man merkt die Krise eigentlich nur in Restaurants und Supermärkten, der Verkehr aber ist keinen Deut zurückgegangen. Ich erinnere mich noch an die 80er Jahre, vor dem EG-Beitritt. Damals nahm der Verkehr in der zweiten Monatshälfte stark ab, weil das Geld nicht reichte, auch ohne Krise. Und man bedenke: Viele Spanier leben in bezahlten Eigentumswohnungen, andere in unbezahlten, aber fast alle in Eigentumswohnungen. Insgesamt sind es nicht viele, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können, vielleicht nur die, die nach 2004 gekauft haben, als die Preise sich vervierfacht hatten.

  5. Atreides sagt:

    In Spanien gibt es eigentlich gar keine Sozialhilfe. Nur in Andalusien gibt es seit langer Zeit eine Art Sozialhilfe für Landarbeiter, mit der man deren Stimmen für die Sozialistische Partei kaufte; sie mußten dadurch nicht wie andere Arbeitnehmer mindestens sechsMonate arbeiten und Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Zapatero, unter dem Druck steigender Arbeitslosigkeit und dem Auslaufen der Arbeitslosengelder (maximal 2 Jahre, abhängig von der durchgehenden Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen – mindestens 2 Jahre für volle Leistung) erfand ad hoc eine Arbeitslosenhilfe von 400 EUR monatlich, was er gar nicht finanzieren konnte, genauso wie den Babyscheck von 2.400 EUR, die Mietbeihilfe für junge Leute von ca. 200 EUR und eine allgemeine Steuererleichterung von 400 EUR pro Jahr für Arbeitnehmer – alles „soziale Rechte“, die er und seine Partei erfanden, um sich vor den Wahlen 2008 liebkind zu machen, die aber inzwischen wieder abgeschafft wurden, mit Ausnahme einer Verlängerung der 400-EUR-Hilfe. Das trieb Spanien in eine noch höhere Verschuldung. Aber Sozialhilfe, die gibt es nicht und gab es nie in Spanien.
    Dann war da noch der „Plan E“, mit dem man 8 Mrd. EUR für neue Bürgersteige in den Gemeinden verplemperte, statt das Geld sinnvoller einzusetzen. Infrastrukturmaßnahmen wie in Madrid (Verkehrsknoten Nord) wurden verhindert, weil ja im Land Madrid die Volkspartei regiert, genauso wie viele Hochgeschwindigkeitszugstrecken und der Nationale Wasserumleitplan (PHN) für die Versorgung der Ostküste und der anliegenden Gebiete, die man mit überschüssigem Wasser aus der Ebroniederung versorgen könnte.
    Mit den 5 Mio. Arbeitslosen ist das of so, daß es mehrheitlich Zuwanderer sind, andere wieder schwarz arbeiten, um keine Steuern zu bezahlen. Die Massenzuwanderung setzte schon mit Aznar ein, wurde durch Zapatero verstärkt und ist nun ein bleibendes Problem. Man bedenke, daß Kolumbianer, Venezolaner u.a. Mittel- und Südamerikaner dank überkommener Staatsangehörigkeitsabkommen schon nach 2 Jahren legalem Aufenthalt die spanische Staatsangehörigkeit beantragen können, während das Europäer erst nach 10 Jahren können. Die bleiben dann, auch wenn sie arbeitslos werden, da sie ja schnell Spanier (Europäer) werden können.

  6. wolfram sagt:

    wenn der Kumpel 10.000 EUR verdient hat, dann fragen wir ihn doch einmal,wieviel Wohnungen er noch so nebenbei für seine ganze Familie mit überhöhten Hypotheken finanziert hat und ihm jetzt die Luft ausgeht ?
    Ich habe ca.10 Jahre in Spanien gelebt und als Selbständiger gearbeitet und ich habe erlebt, wie die Spanier 2000 zugelangt haben, bei der Umstellung auf EUR.
    Was vorher noch 166 Pes. (1 EUR bzw. 2DM ))gekostet hatte, kostete einen Tag später
    1,66 EUR oder mehr und deswegen habe ich auch kein Mitleid. Außerdem erhält ein Deutscher in Spanien, wenn er in Not ist, keinen Cent Unterstützung, denn in den Augen vieler Spanier sind wir doch nur die Quadratschädel oder Nazi’s und so manches Kind mußte sich dies in der Schule anhören.
    Ich war an der Mittelmeerküste ansässig und dort habe ich viel Gaunerei gesehen.
    Hier wurden Hypotheken meistens in Höhe von 120-130 % für den Wohnungskauf vergeben, damit man sich noch großzugig Autos für die ganze Familie zulegen konnte und alles noch ohne Garantien.
    Warum sollte man Mitleid haben?
    Als Deutscher können wir uns das nicht leisten und darum ganz locker bleiben.
    Es grüßt * http://www.wonogro-be2012.de *

    • Atreides sagt:

      Genauso ist es. 2002 wurden 100 Peseten zu 1,00 Euro (=166 Peseten), also eine Preissteigerung von 66% innerhalb weniger Tage. Das ist natürlich nicht in die amtlichen Inflationsraten eingeflossen.
      An der Südküste sah man schon 1979 Leute mit ganzen Geldscheinbündeln in den Hosentaschen zur Bank gehen. Schlecht ging es den Leuten im allgemeinen nie, nicht einmal im angeblich von Arbeitslosigkeit geplagten Andalusien – Schwarzgeld allerorten.
      Auch die Vorurteile gegen Deutsche kommen bei der erstbesten Gelegenheit immer wieder zum Vorschein.
      Übrigens: Kfz-Werkstätten machen in der Krise ihren „August“ (spanisches Sprichwort: seinen August machen), also ihren Reibach, denn der Rückgang bei Neuwagenverkäufen erhöht den Bedarf an Reparaturen und Aufbesserungen von Gebrauchtwagen. Wenn der Herr Álvaro mehrere Werkstätten hatte (evtl. Kfz?) muß er sich kaputtverdienen können.

  7. Bürgerin sagt:

    Wenn man 10.000 € montlich verdient hat, sollte man mit 52 J. genügend Rücklagen für Notfälle gebildet haben. Leider leben viele Gutverdiener nicht voraussschauend u. sparen für schlechte Zeiten. Wer seinen Lebensstandard immer an einem Normalverdiener orientiert, bekommt keinen Burnout u.kann früh in den Ruhestand.