Das Ergebnis von Brüssel ist eine Zeitbombe für Europa

Das vage Bekenntnis zur Haushaltsdisziplin reicht der EZB als Feigenblatt, um den europäischen Banken unbegrenzt Geld zu leihen. Die Banken werden ausdrücklich aufgefordert, mit diesem Geld Schrottpapiere zu kaufen. Europa sitzt seit Donnerstag auf einer tickenden Zeitbombe.

Viele Beobachter wussten nicht so recht, wie sie denn nun diesen EU-Gipfel deuten sollten. Angela Merkel wirkte bedrückt. Ihre Botschaft: Wir haben einen ersten Durchbruch zur Fiskalunion erreicht, weil die 17 Euro-Staaten gesagt haben, dass sie eine Fiskalunion wollen. Bis wir aber eine wirkliche Fiskalunion haben, wir noch viel Wasser die Seine und die Spree hinunterlaufen.

Der sonst so redselige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gestand ein, dass es noch viel zu tun und noch mehr zu interpretieren gäbe (mehr hier).

David Cameron bluffte bis zum Äußersten und war am Ende richtig erschreckt, dass sein Bluff für bare Münze genommen worden war. So sitzt er nun mit dem Schwarzen Peter in London, leckt seine Wunden und droht mit dem Anwalt (mehr hier).

Fast unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit kam jedoch Nicolas Sarkozy aus dem Verhandlungssaal. Und er lächelte, wie eigentlich nur Sieger lächeln. Was aber hatte er gewonnen?

Die Antwort gab der französische Notenbank-Präsident Christian Noyer. Er berichtete am Freitag von der EZB-Direktoriumssitzung am Donnerstag und sagte in einem Interview mit dem französischen Fernsehsender LCI: „Wir haben im Direktorium der EZB gestern entschieden, dass wir die große Kanone (Bazooka) benutzen werden. Damit können die Banken weiter ihren Geschäften nachgehen, können weiter der Wirtschaft Kredite geben – und können weiter Staatsanleihen kaufen. Dies ist die Aufgabe von Versicherungen, Banken und Finanzinvestoren. Wir werden ihnen alle Liquidität geben, die sie brauchen, um das tun zu können.“ Die EZB habe beschlossen, den Banken für drei Jahre unbegrenzte Liquidität zu geben, damit sie „wirtschaftliches Wachstum finanzieren und Staatsanleihen kaufen können, um zu helfen, dass die Zinsen für Staatsanleihen sinken.

Damit ist der Befehl zum unbegrenzten Gelddrucken gegeben. Um die Europäische Zentralbank jedoch nicht allzu offensichtlich in Konflikt mit ihrem Statut zu bringen, welches ihr strikt verbietet, Staatsanleihen zu kaufen, brauchten alle Beteiligten die windelweichen Beschlüsse von Brüssel. So begrüßte Noyer auch den entschiedenen Willen der Europäer, nun sparen zu wollen. In der Interpretation der EZB ist diese Absichtserklärung Sicherheit genug, um Geld zu drucken. Nun braucht die EZB keine Staatsanleihen mehr zu kaufen, man braucht auch keine Euro-Bonds. Denn die Banken sollen nun die Schrottpapiere aufkaufen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rollenverteilung, die Noyer den Banken und Versicherungen zuteilt: Es sei ihre Aufgabe, Staatsanleihen zu kaufen. Wer bisher gedacht hatte, die Aufgabe von Versicherungen bestehe darin, zu versichern und jene von Banken, Gewinne für ihre Shareholder und Kunden zu erwirtschaften, wurde nun eines Besseren belehrt. Die Aufgabe der Finanzinstitutionen ist es gemäß der Noyer-Definition, daran mitzuwirken, dass die Zinsen für Staatsanleihen sinken. Schöner hätte man es in Peking auch nicht formulieren können.

In dieser Logik wischte Noyer auch die Drohungen der Ratingagentur von Moody’s, französische Banken herabstufen zu wollen, vom Tisch. Die Ankündigung der Agentur sei „bizarr“, sagte Noyer.

Damit aber steigt die Hoffnung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, die Präsidentenwahlen im Frühjahr erneut zu gewinnen. Sein Kalkül: Die Krise ist aufgeschoben, der Rest verläuft nach dem berühmten französischen Motto: „Après moi le déluge!“ (nach mir die Sintflut).

Die offene Frage ist nun, wann die Sintflut kommt: Die Banken haben nämlich in den vergangenen Monaten massiv damit begonnen, Kreditausfallsversicherungen (CDS) für die Staatsanleihen ihrer eigenen Regierungen zu verkaufen. BNP Paribas, UniCredit und die österreichische Volksbank sind bereits seit einigen Monaten Wetten gegen ihre eigenen Staaten. Sich versichern also Käufer von Staatsanleihen  für den Fall einer Staatspleite. Wenn diese CDS fällig werden, geht die Zeitbombe hoch. Gray Jenkins von Evolution Securities sagt: Dann gibt es ein richtiges Gemetzel. Die Folgen für die Weltwirtschaft sind in diesem Fall unabsehbar (mehr dazu hier).

Mehr zum Thema:
Noyer-Interview zusammengefasst bei Reuters (englisch)
Europas Banken wetten gegen eigene Staaten
Russland: Investoren fürchten arabische Verhältnisse

Kommentare

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  1. Gamper sagt:

    Von wo und wie soll jetzt noch in Europa Wachstum kommen wenn uns das ganze Geld weggenommen wird.
    Das möchte ich noch wissen.

    • Walter Schneider sagt:

      Haben Sie’s noch nicht gemerkt? Sie werden weniger heizen dürfen, weniger Licht (sprich Strom) brauchen dürfen, weniger autofahren, weniger reisen, weniger essen, mehr bewegen, auf mehr verzichten usw. usf.

      Die Begründung lautet dabei: Umweltschutz (Rettung des Planeten), Solidarität mit x oder y oder sonstwas und wenn das nichts nützt; Schnauze halten und arbeiten (vorausgesetzt Sie haben keinen bestimmten von der Politik bevorzugten “Migrationshintergrund”)

  2. Michel sagt:

    Das Bildchen oben von der Sintflut ist wirklich nicht schön anzuschauen.
    Meines Wissens wurde nur Noah mit den Seinen mittels Arche bewahrt.

    Hoffentlich hat der Allmächtige diesesmal noch Geduld mit den kleinen Menschlein.

  3. ppq sagt:

    Und dann kommt der nächste Rettungsgipfel. Stellproben brauchen die nicht mehr. http://www.politplatschquatsch.com/2011/12/euro-endspiel-auf-ein-tor.html

  4. Bank sagt:

    Wer CDS Papier verkauft, der wettet nicht gegen seinen Staat. Er wettet, dass der Staat NICHT Bankrott geht. Ein Lebensversicherer wettet ja auch nicht, dass seine Kunden alle sterben, sondern dass Sie so lange wie möglich leben.

  5. cocooning sagt:

    “Scheitert der Euro – Scheitert Europa!”

    * Zu D-Markzeiten ist Deutschland vom dritten auf den neunten Platz beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der EU-Länder zurückgefallen.
    * Zur D-Markzeiten hatte wir Krieg und Unruhen – Urlaubsreisen in das EU-Ausland waren unbezahlbar.
    * Zu D-Markzeiten ging es uns schlechter als heute und wir waren nie Exportweltmeister.
    * Dass eine Eiskugel zu D-Markzeiten nur 60 Pfennige kostete ist schlicht erlogen.
    * Die Maastrichtverträge wurden nie gebrochen – dieses ist nur eine Propaganda von Rechtspopulisten.
    * Wir waren schon zu D-Markzeiten “staatsgläubig” und doof.
    * Der Euro fördert den Reichtum und die Demokratie in Deutschland.
    * Dank der Haftungssummen für Deutschland zur Eurorettung und aus den Target II-Salden und der EZB geht es uns besser als jemals zuvor zu D-Markzeiten.
    * Nur gemeinsam mit unseren unschuldigen EU-Schuldensündern und mit dem Euro können wir überleben, weil wir eine Schicksalsgemeinschaft sind.
    * Der Euro ist unser Lebenselixier.

    • Marie sagt:

      Hallo cocooning :o)

      ich gehe davon aus, dass das Ironie war ;o)

      Hätte ich vielleicht dazu geschrieben, sonst glaubt das noch wirklich jemand.

    • ichbindermartin sagt:

      Meine erste selbst gekaufte Eiskugel kostete 20 Pfennige. Klingt nach Vorkriegspreis? Nein. Das war in den frühen 70ern.

    • Andi sagt:

      Du hast dochn Schlag :D

    • Karl-Heinz sagt:

      Ja, ja, die gute alte D-Markt. Das war noch richtiges Geld.

      Von einer D-Mark – davon konntest du zu zweit in Kino gehen, dich anschließend rappel voll saufen und den Rest hast du für die Rente weggelegt. (Wilfried Schmickler)

    • helga sagt:

      und das ist gut so .

  6. Munnie sagt:

    Hades – Plan

    Habt ihr davon schon mal gehört?
    Was ist davon zu halten, kann das stimmen?

    http://www.politplatschquatsch.com/2011/12/hades-plan-waterloo-furs-empire.html

    • ichbindermartin sagt:

      Natürlich stimmt das. So wahr ich an das fliegende Spaghettimonster glaube.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Fliegendes_Spaghettimonster

    • Alexander Illi sagt:

      Interessante Satire,
      die sich allerdings nachträglich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Blog-Eintrags* leicht spinnen ließ.
      *Dabei beziehe ich mich auf diesen ursprünglicheren Weblog mit der Beschreibung des “Hades-Plans” und der angeblichen Beweise durch die STASI-Überwachung des Kanzlerbungalows 1991:
      http://www.politplatschquatsch.com/2011/10/das-euro-geheimnis-der-hades-plan.html

      Begriffe wie “Rettungsschirm” waren aber damals mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht vorherzusagen und außerdem pflegten sich Kohl, Waigel und insbesondere Schäuble ganz anders auszudrücken, als in dem vorgeblichen Abhörprotokoll.

      Zu dem im Blog angeführten Bild von der vorgeblichen Überwachungskassette hat ein Kommentator geschrieben:
      “google bildersuche
      orwo kasette
      mit ms paint “X Hades” reingekritzelt…
      saubere arbeit..*seuftz* ”
      Daraufhin gibt der Autor des Blogs sofort die satirische Intention zu.

      Ganz im Gegenteil zum “Hades-Plan” geht es aktuell nicht um Dominanz Deutschlands in Euroland, sondern um die schleichende Abschaffung der souveränen DEMOKRATIE in Deutschland und den Euroländern (und dann weltweit) zu Gunsten einer diktatorischen PLUTOKRATIE.

      Wie schon Joschka Fischer u.v.a. ‘führende’ Politiker sinngemäß meinten, Deutschland müsse in einem Vebund eingehegt werden und seine Identität verwässert werden, um die Gefahr erneuter Vormachtsbestrebungen endültig zu unterbinden.