„Die flache Welt des Thomas Friedman hat nie existiert“

Regionale und nationale Unterschiede können nicht durch die Ideologie der Globalisierung eliminiert werden. Der Ökonom Pankaj Ghemawat warnt vor einer einseitigen Ausbeutung der Erde durch die reichen Staaten. Wenn man die Kultur der Handelspartner nicht versteht, ist das Scheitern unvermeidlich.

Pankaj Ghemawat, Professor für Globale Strategie an der IESE Business School in Barcelona, räumt mit einem Mythos auf: Die Globalisierung ist eine Illusion. In den vergangenen Jahren wurden eher regionale Bündnisse gestärkt. In seinem Buch „World 3.0“ zeigt er unter anderem, dass nur 3% der Weltbevölkerung als Migranten der ersten Generation gewertet werden können; 90% der Weltbevölkerung werden das Land, in dem sie geboren sind, niemals verlassen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist die Globalisierung nur ein Traum, der nie wahr geworden ist – eine Illusion, die der Realität nicht entspricht.

Pankaj Ghemawat: Für einige ist sie ein Traum, für andere ein Alptraum. Eines glauben jedoch Gegner wie Befürworter: Die Globalisierung wird die Welt bestimmen. Und genau damit irren beide Seiten. Die genaue Analyse der Daten zeigt, dass Grenzen und Entfernungen in unserer Welt nach wie vor eine große Rolle spielen. Insgesamt finden von allen unseren Aktivitäten nur zehn Prozent über die Grenzen unserer Länder hinweg statt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist die Globalisierung also eine Fiktion?

Pankaj Ghemawat: Ein Zustand von Globalität ist noch lange nicht erreicht. Es ist daher unsinnig, überhaupt von einer Annäherung an einen Zustand der Globalisierung zu sprechen. Die Globalisierung wird insgesamt gewaltig überschätzt. Viel mehr Potenzial steckt in Aktivitäten zwischen den Ländern und in regionalen Kooperationen, also solchen, bei denen benachbarte Staaten zusammenwirken. Deshalb ist sowohl die Euphorie als auch die Angst übertrieben, wenn wir von der Globalisierung sprechen. Denn die Welt ist heute schon ausreichend integriert, um vernünftig zusammenzuarbeiten. Wir haben genug Handlungsspielraum, um die negativen Effekte, die durch ein Zuviel an Integration eintreten würden, zu überwinden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Entwicklung von der Welt 0.0. zur Welt 3.0. Worin bestehen hierbei die echten Errungenschaften, und worin bestehen die größten Bedrohungen?

Pankaj Ghemawat: Diese Entwicklung beschreibt, wie die Menschheit über ihren langen Geschichtszeitraum durch verstärkte Zusammenarbeit zu Wohlstand gekommen ist. In der Welt 0.0 haben sich kleine Stämme und Clans zusammentaten, um ohne große institutionelle Mechanismen zu kooperieren. Sie konnten ohne Institutionen lebensfeindliche Bedingungen überwinden.

Daraus entstand eine Kultur, in der Zusammenhalt herrschte. Um diesen Zusammenhalt zu sichern, wurden Grenzen gegen die unbekannten Feinde errichtet und befestigt. Diesen Instinkt des Zusammenhalts tragen wir bis heute in uns. Er mündete schließlich in der Gründung der Nationalstaaten. Diese Phase habe ich mit Welt 1.0 zusammengefasst. In der Phase 2.0 entstand die Illusion der „flachen Welt“, wie sie von Thomas Friedman ideologisch beschrieben wurde. Aber die „flache Welt“ des Thomas Friedman hat nie existiert. Sie war die Bühne für eine globalisierte und vor allem deregulierte Welt. Diese müssen wir überwinden. Wir müssen zu einer Welt 3.0 kommen, in der grenzüberschreitende Integration und Regulierung einander bedingen statt sich gegenseitig auszuschließen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Heute sehen wir schon erste Tendenzen des Protektionismus, etwa im Verhältnis von China und den USA. Wird sich der grenzenlose Liberalismus durchsetzen, oder werden wir wieder mehr Regulierung sehen?

Pankaj Ghemawat: Das ist schwer vorauszusagen. Im Moment regiert vor allem das Misstrauen: Wir vertrauen weder der freien Marktwirtschaft, noch einer Regulierung, wie sie von nationalen Regierungen eingesetzt wird. Wir müssen jedoch zu einer Entwicklung kommen, in der das freie Spiel der Kräfte dort wirksam werden kann, wo es wirklich nützlich ist. Integration kann, wenn es zum Beispiel in einem Bereich zu wenig Wettbewerb auf nationaler Ebene gibt. Dann nützt dem Konsumenten die wirtschaftliche Integration, weil er mehr Wahlmöglichkeiten bekommt. Umgekehrt sind dort, wo die Deregulierung das Zusammenleben eher gefährdet, Regulierungen von Märkten sinnvoll. Dies trifft etwa bei den unkontrollierten, globalen Finanzströmen zu.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Sie schreiben, dass das Exportvolumen nur 20 Prozent des weltweiten BIP entspricht. Ein exportorientiertes Land wie Deutschland fügt sich nicht leicht in diesen durchschnittlichen Spitzenwert. Würde man ausschließlich die Industriestaaten betrachten, wäre der Durchschnittswert vermutlich höher…

Pankaj Ghemawat: Deutschland übertrifft den weltweiten Exportdurchschnitt. Dieses Phänomen ist jedoch ein Privileg der wohlhabenden Gesellschaften. Länder mit hohen Einkommen exportieren mehr, als Länder, die von der Weltbank in die untere und mittlere Einkommensstufe eingeordnet werden. Außerdem sind kleinere Staaten mehr vom Handel abhängig als größere. Insoweit profitiert Deutschland sowohl von seinem Reichtum als auch von seiner Größe.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was müssen exportorientierte Unternehmen beachten? Könnte der Exporterfolg ein vorübergehendes Phänomen sein und sollte stattdessen das Hauptinteresse dem Binnenmarkt gelten?

Pankaj Ghemawat: Ich würde nicht befürworten, dass exportorientierte Unternehmen sich wieder auf den Binnenmarkt ausrichten – besonders dann nicht, wenn es sich um einen Binnenmarkt einer wachstumsschwachen Industrienation handelt. Ich würde die Unternehmen ermutigen, eine größere Sensibilität für Entfernungen und Unterschiede zwischen einzelnen Ländern zu entwickeln. Dazu sollten sie ihre Zielmärkte sorgfältig auswählen – etwa, indem sie kulturelle, administrative und geografische Faktoren stärker in ihre Planung einbeziehen. Blindes Wachstum um seiner selbst willen führt nicht zu nachhaltigem Erfolg. Wir haben dazu mit dem CAGE-System ein eigenes Berechnungsmodell entwickelt, mit dem Unternehmen ermitteln können, was für sie sinnvoll ist. Das Ziel muss es sein, von den „Global Players“ zu „Cosmopolitan Corporations“ zu kommen. Solche „kosmopolitische Unternehmen“ bleiben fest in einem Heimatmarkt verwurzelt und können gerade wegen ihrer Wurzeln in andere Märkte expandieren.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Profitieren Industrieländer stärker als Schwellenländer von der Globalisierung?

Pankaj Ghemawat: Die Vorteile sind sowohl für Industrie- als auch für Entwicklungsländer von sehr großer Bedeutung – obwohl ich keinen systematischen Vergleich darüber erstellt habe, welches Entwicklungsniveau sich größerer Vorteile erfreut. Entscheidend ist, dass Globalisierung nicht als ausbeuterische Bewegung verstanden wird, in dem nur wenige Länder profitieren. Es muss einen Prozess geben, in dem beide Handelspartner in fairer Weise voneinander profitieren.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie verhält es sich mit Freihandelszonen wie dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) oder Freihandelsabkommen wie dem NAFTA? Wird die Globalisierung diesen Handelsabkommen nützlich sein oder haben derartige regionale Abkommen eine geringe Bedeutung für die Weltwirtschaft?

Pankaj Ghemawat: Aufgrund der geografischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ähnlichkeiten zwischen Nachbarländern ist es ganz natürlich, dass der Großteil des Welthandelsvolumens eher innerhalb als zwischen den Regionen stattfindet. In den vergangenen Jahren haben sich die Handelsmuster mehr regional als global entwickelt. Deshalb sind regionale Handelsabkommen oft viel wirksamer als globale Abkommen. Es ist sinnvoll, die Integration auf regionaler als auch auf globaler Ebene weiter zu verfolgen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wo sehen Sie die Grenzen der Globalisierung, und wo ihre besten Möglichkeiten?

Pankaj Ghemawat: Es gibt einen beträchtlichen Freiraum, um von der zunehmenden Integration zu profitieren. Um Chancen zu identifizieren, sollten Unternehmen zunächst ein Verständnis für grenzüberschreitende Entfernungen und Unterschiede entwickeln, die für ihre jeweilige Industrie oder Branche relevant sind. Dann sollten sie Veränderungen mit Bezug auf die Entfernungen und Unterschiede trendbezogen analysieren. Schließlich sollten sich Unternehmen auf jene Bereiche konzentrieren, in denen sie wirklich mitgestalten können – etwa, wenn Expansion nicht über zu große Entfernungen erfolgt und ein kulturelles Verständnis für die Partner da ist. Dann wird es auch möglich sein, länderübergreifend neue Werte zu schaffen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Glauben Sie, dass die Welt in 50 Jahren ein höheres Globalisierungsniveau erreicht haben wird? Oder werden wir in die Welt 1.0 zurückverfallen?

Pankaj Ghemawat: Ich bin grundsätzlich optimistisch. Dennoch wird dieser Prozess keine gleichmäßige oder kontinuierliche Aufwärtsbewegung darstellen. Es wird Rückschläge geben. Doch ich hoffe, dass es in 50 Jahren stärkere Beziehungen zwischen einzelnen Ländern gibt, die uns auf eine Art zusammenbinden, die die Vielfalt der Welt unterstreicht, statt sie zu verschleiern. Wenn wir die Integration intelligent weiterentwickeln, unterstützt durch zielorientierte Regulierung, werden wir größeren Wohlstand und mehr Sicherheit genießen – so wie es in der Welt 3.0 prinzipiell möglich ist.

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Kommentare

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  1. Rico Coracao sagt:

    euronews video – aktuell:

    Steht das Ende des Euro bevor?
    http://de.euronews.net/2011/12/23/steht-das-ende-des-euro-bevor/

    • Munnie sagt:

      Der zweite Satz lautet:
      Dies war die Frage des Jahres und sie ist immer noch nicht beantwortet.

      In der Tat. Dieses Interview hätte man sich auch komplett sparen können, denn auch hier wurde überhaupt garnichts beantwortet. Der englische Sprecher gibt vollkommen andere Antworten als gefragt und die Frage, ob das Ende des Euros bevorsteht, wurde noch nicht mal angesprochen.
      Vollkommen daneben !

  2. Koslowski sagt:

    Also hier sei doch mal etwas richtig zu stellen.
    Es ist kein Phänomen der wohlhabenden Gesellschaften, daß Länder mit Exportüberschüssen höhere Einkommen erzielen, sondern dies wird durch
    eine größere Produktivität getragen.
    Das ist wohl ein kleiner aber feiner Dreher, der alles auf den Kopf stellt.