Eurokrise: Inkassounternehmen erwarten schlechtere Zahlungsmoral

79% der deutschen Inkassounternehmen erwarten, dass sich durch die Eurokrise auch die Zahlungsmoral der Unternehmen in Deutschland verschlechtern wird. Marco Weber vom Verband der Deutschen Inkasso Unternehmen warnt vor unseriösen Eintreibern, deren teils rüde Methoden durch die unzureichende Rechtslage in Deutschland begünstigt werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Es gibt derzeit rund 750 aktive Inkassounternehmen – allein zwei Drittel davon sind im Bundesverband der Deutschen Inkasso Unternehmen (BDIU) organisiert. Haben Sie auch konkrete Zahlen über die sogenannten „Schwarzen Schafe“ Ihrer Branche? Wissen Sie wie viele unseriöse Inkasso-Büros in Deutschland existieren?

Marco Weber: Dazu liegen uns keine exakten Zahlen vor. Die schwarzen Schafe arbeiten in einem Graubereich – leider oftmals auch mit einer offiziellen Registrierung als Inkassodienstleister. Hier sehen wir das Hauptproblem: Die Behörden brauchen dringend ein Instrumentarium, mit dem sie gegen unseriöses Inkasso vorgehen können. Das ist der beste Schutz vor dubiosen Geldeintreibern.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie erkennt der Bürger unseriöse Inkassounternehmen?

Marco Weber: Inkassounternehmen benötigen in Deutschland eine offizielle Registrierung. Alle registrierten Unternehmen sind veröffentlicht unter www.rechtsdienstleistungsregister.de – hier kann ein Verbraucher nachschauen.

Für eine solche Registrierung müssen eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden. Neben strafrechtlicher Unbescholtenheit und dem Nachweis geregelter wirtschaftlicher Verhältnisse gehören dazu insbesondere theoretische und praktische Sachkunde, das heißt Kenntnisse im Allgemeinen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches, im Schuld-, Sachen-, Familien- und Erbrecht sowie dem Zivilverfahrensrecht.

Ein weiterer Hinweis auf eine seriöse Inkassotätigkeit ist die Mitgliedschaft im BDIU. Alle unsere Mitgliedsunternehmen haben sich einer strengen freiwilligen Selbstkontrolle unterworfen. Wir haben zudem eine Beschwerdestelle, an die sich Verbraucher bei Fragen zur Inkassosachbearbeitung eines BDIU-Mitglieds wenden können. Eine Mitgliedschaft im BDIU gilt daher auch als ein Gütesiegel für seriöse Inkassotätigkeit. Eine öffentliche Mitgliederliste finden Verbraucher unter www.inkasso.de.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welches Vorgehen ist erlaubt – wo sind die Grenzen?

Marco Weber: Seriöse Inkassounternehmen prüfen Forderungen vor der Geltendmachung. Haben sie Zweifel an ihrer Schlüssigkeit, geben sie den Auftrag wieder zurück.

Wenn die Prüfung keinen Anlass zu Bedenken gibt, nehmen sie Kontakt mit dem Schuldner auf, in der Regel zunächst schriftlich, und erinnern ihn an seine Zahlungsverpflichtung. Dabei prüfen sich auch unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten eines Schuldners individuelle Wege, die Zahlungsverpflichtungen zu begleichen – das ist ein Prozess, der sich durchaus über mehrere Jahre ziehen kann. Wichtig ist ein sachlicher Umgang mit dem Schuldner. Drohungen, Nötigungen und dergleichen gehören nicht dazu.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: In der Pressemitteilung vom 20. Oktober sprechen Sie von einem Abfall der Zahlungsmoral aufgrund der Eurokrise. Wie sieht die Situation konkret bei mittelständischen Unternehmen aus? Zeigt sich auch hier ein Abfall der Zahlungsmoral?

Marco Weber: Die Zahlungsmoral ist aktuell so gut wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Das ist eine Folge der höchst erfreulichen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Zeit. Wir sehen aber durchaus Gefahren durch die Eurokrise. Wenn hier nicht bald eine Lösung gefunden wird, dann wird es für Unternehmen und speziell den Mittelstand wieder schwieriger, sich über die Kreditwirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Das wird zwangsläufig zu einem Abschwächen der Zahlungsmoral führen mit all den unerfreulichen Folgewirkungen wie einem Ansteigen von Insolvenzen und mehr Arbeitsplatzverlusten. Für das kommende Jahr erwarten 38 Prozent der befragten Forderungsmanagementdienstleister eine Verschlechterung des Zahlungsklimas. Und wenn die Eurokrise weiter anhalten sollte, haben sogar 79 Prozent der BDIU-Unternehmen Befürchtungen, dass Unternehmen dann ihre Rechnungen schlechter bezahlen werden – von Verbrauchern nehmen dies 70 Prozent der Inkassounternehmen an. Einen starken Abfall wie er zur Krise 2008/2009 stattgefunden hat, erwarten wir jedoch nicht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie viele mittelständische Unternehmen sind denn derzeit verschuldet? Gibt es einen signifikanten Zuwachs, der mit der Eurokrise in Verbindung gebracht werden kann?

Marco Weber: Dazu liegen uns noch keine Hinweise vor. Die Entwicklung in diesem Jahr ist positiv. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen geht zurück auf gut 30.000, der beste Wert seit drei Jahren.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Zeigt die Eurokrise denn auch Folgen auf Seiten der Inkassounternehmen? Werden unseriöse Methoden der Inkassounternehmen durch die Krise begünstigt?

Marco Weber: Die Eurokrise hat hier keinen Einfluss. Seriöse Inkassounternehmen arbeiten auf der Grundlage von Recht und Gesetz. Sie suchen einen Interessenausgleich zwischen Gläubiger und Schuldner. Dubiose Geldeintreiber halten sich nicht daran – egal ob gerade eine Krise ist oder nicht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Hat sich generell an der Vorgehensweise seit der Eurokrise etwas geändert?

Marco Weber: Nein.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Haben Sie seit der Eurokrise eine Häufung von Fällen, in denen unseriöse Methoden angewandt wurden, feststellen können?

Marco Weber: Nein. Das Problem ist das Rechtsdienstleistungsgesetz, das den Behörden nur unzureichende Möglichkeiten bietet, gegen unseriöse Unternehmen vorzugehen. Das Rechtsdienstleistungsgesetz gilt seit 2008. Was dem neuen Gesetz zum vorherigen Rechtsberatungsgesetz fehlt, ist ein funktionierendes Aufsichts- und Sanktionsinstrument. Seit dieser Zeit beobachten wir auch eine signifikante Zunahme von Beschwerden über Firmen, deren Geschäftszweck offensichtlich darin besteht, unberechtigte Forderungen einzuziehen, etwa aus Abofallen und Gewinnspielen. Allein in diesem Jahr sind bei uns über 100 Beschwerden eingegangen – und das sind nur die schriftlichen. Die zahlreichen telefonischen Beschwerden kommen noch hinzu. Rund 40 Prozent gehen auf das Konto der „Deutschen Zentral Inkasso“. Allem Anschein nach gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Rechtsdienstleistungsgesetz und der Häufung der Beschwerden, denn dubiose Unternehmen haben seitdem ein leichtes Spiel. Die Politik muss handeln.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche Methoden sind beim Schuldeneintreiben erfolgreicher? Wie hoch ist die Erfolgsquote bei seriösen Inkassounternehmen?

Marco Weber: Ein fairer Umgang mit dem Schuldner ist generell der beste Weg zum Erfolg. Inkassounternehmen haben als Gläubigervertreter eine Mittlerfunktion. Sie suchen eine bestmögliche Einigung bei ausstehenden Zahlungen zu erreichen, ohne eine funktionierende Geschäftsbeziehung zwischen dem Schuldner und ihrem Auftraggeber zu gefährden. Psychologie, Taktik und Beharrlichkeit führen zum Ziel.

Die Erfolgsquote ist abhängig von den jeweiligen Forderungen. Generell gilt: Schnelles Handeln zahlt sich aus. Wenn ein Gläubiger eine Forderung zum frühestmöglichen Zeitpunkt an ein Inkassounternehmen übergibt, zeigt er, dass er es mit seiner Forderung ernst meint. Dann lassen sich in der Regel in deutlich über 50 Prozent der Fälle Zahlungen erzielen.

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  2. sturmwolf sagt:

    Braucht Deutschland inkasso Unternehmen ?

    Wenn beim Gläubiger nichts zu holen ist,wird die Grundforderung in die höhe getrieben.

    Der Staat tut nichts, er Profetirt davon.

    Inkasso ist nicht gleich inkasso.

    Es gibt ein Untenehmen das zum Beispiel für das insollvente Unternemen Quelle Geld eintreibt.

    Die haben eine art mit Gläubiger umzugehen das in unter Niveu

  3. Ewerk sagt:

    Mit den Inkassounternehmen ist das so eine Sache. Da schein es einen Pfuhl zu geben, wo sich jeder der glaubt, er könne das, sich bedienen kann. Ein Fall aus meinem Bekanntenkreis:
    Eine zurückgeforderte Doppelbuchung der Firma Talkline, 56€. Nach mehreren Klärungsversuchen, und des Beweises der Richtigkeit der Rückforderung, haben sich mittlerweile drei Inkasso und vier Rechtsanwälte aus Coburg um die Eintreibung bemüht. Was für ein Wahnsinn ist das? Darf sich da jeder Irre daran beteiligen. Gibt es da Ausschreibungen? Ich glaube dass dass genauso ausufert wie die ganzen Abmahner im Internet. Ob rechtens oder nicht, man kann es ja mal versuchen. Und wenn einer zahlt, ist er selber schuld. Jede Ordnung führt ins Chaos, wir sind auf dem besten Weg dahin.

    • Michele sagt:

      „Abmahner im Internet“

      Die Bundesnetzwerkagentur lässt es z. B. zu dass zunächst über Internet-Porovider die Gelder abgebucht werden und an Briefkastenfirmen weitergeleitet werden. Und das auch bei rein betrügerischer Abzocke mit den „Gewinnversprechen“ auf die du raffiniert und wiederholt in hochgebührenpflichtige, bis 4 Euro/min, Warteschleifen eingefädelt wirst. Die Gelder werden über die Telefonrechnung einbehalten und an Briefkastenfirmen, die mit rotierenden Nummern arbeiten, weitergeleitet. Wenn man sich beschwert, hat man es allerdings nur mit den Inkassofirmen zu tun, weil man nur mit präzisen Endnummern auf die Auftraggeber schliessen könne, Und sie hätten ja viele Auftraggeber. Ohne Einzelverbindungsnachweis sei es nicht möglich.

      Das Geld ist weg, und aus den „Bahamas“ kannst du es unter den Voraussetzungen nur mit einem internationalen Anwalt zurückholen. Die Zielgruppen dieser Machenschaften sind natürlich nicht Rechtsanwälte, sondern gutgläubige, naive Kinder, Jugendliche, Omas und Opas.