Europa droht ein verlorenes Jahrzehnt

Die rigiden Sparprogramme nach dem Platzen der Schulden-Blase würgen nach Ansicht von Richard Koo die europäischen Volkswirtschaften ab. Staatsanleihen sollten nur noch von Bürgern der eigenen Nation gekauft werden können. Damit hätte jede Nation die Möglichkeit, in einer Krise gegenzusteuern.

In einem Vergleich mit dem verlorenen Jahrzehnt in Japan sieht Nomura-Analyst Richard Koo Europa auf dem falschen Weg. In einer sehr interessanten Analyse (Original auf Englisch – hier) erläutert Koo, dass ein Staat nach dem Platzen einer Blase die Pflicht habe, durch aktive finanzielle Unterstützung der Realwirtschaft dafür zu sorgen, dass der Wirtschaftskreislauf nicht zum Erliegen kommt. Dies sei derzeit jedoch genau nicht die Strategie in der Euro-Zone.

Weil der private Sektor – Unternehmen wie Individuen – überschuldet sei, müsse der Staat in die Bresche springen. Wenn eine Blase platzt, kommen Privatpersonen und die Wirtschaft unter enormen Druck: Sie müssen ihre Schulden bedienen. In Europa (wie auch in den USA) ist die Verschuldung des privaten Sektors mindestens so besorgniserregend wie die öffentliche Verschuldung. Der Staat könne dann nicht den Schuldnern raten, ihre Schulden einfach nicht zu bezahlen.

Er müsse jedoch aktiv gegensteuern: Koo zeigt den Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt und der Staatsverschuldung auf. So unnatürlich es klingt: Der Rückgang des BIP hat auf das reale Leben der Menschen und auf die Lage der Unternehmen eine größere Auswirkung als die Staatsverschuldung. Wenn aber der private Sektor, wie derzeit in Europa und den USA zu beobachten ist, sein Geld nicht mehr für den Kauf von Gütern verwendet, sondern nur noch mit dem Abzahlen von Schulden verwendet oder das Geld für den Notfall spart, kommt der Wirtschaftskreislauf unweigerlich zu erliegen.

In Japan sei eine Katastrophe während des „verlorenen Jahrzehnts“ nur deswegen verhindert worden, weil der Staat die öffentlichen Ausgaben nicht gesenkt habe. Die öffentlichen Ausgaben müssen in guten Zeiten gesenkt werden, wenn der private Sektor durch den Wohlstand der privaten Haushalte und die Gewinne der Unternehmen in der Lage ist, öffentliche Aufgaben zu finanzieren. Erst wenn die Volkswirtschaft wieder gesund sei, könne der Staat die Ausgaben wieder zurückfahren.

Koo zeigt, dass die Niedrigzins-Politik nicht dazu geführt habe, die Volkswirtschaften anzukurbeln. Fiskalpolitik können nicht durch die Geldpolitik ersetzt werden – ein gravierender Fehler, in dem sich die USA und Europa gerade die Hände reichen wie zwei Ertrinkende (mehr über die Rolle von Fed und EZB in diesem Zusammenhang – hier).

In einer „Bilanz-Rezession“, wie Koo es nennt, müsse dagegen der Staat in die Bresche springen. In Japan habe es zwischen 1990 und 2005 zusätzliche staatliche Ausgaben in der Höhe von 460 Billionen Yen gegeben, mit denen sich Japan ein 2.000 Billionen Yen in Form einer besseren BIP „erkauft“ habe. Dass die Krise in Japan 15 Jahre gedauert habe, führt Koo auf den „Zick-Zack-Kurs“ der japanischen Politik zurück. Mehrere Sparprogramme hätten sich unmittelbar negativ auf die Wirtschaft ausgewirkt und Japan insgesamt mindestens 1 Billion Yen gekostet. Auch die amerikanische Krise nach 1937 führt Koo auf die falsche Einschätzung der Politik zurück, die auf die Angst der Leute deren Sparwut und endloses Schuldenabtragen durch radikale Schnitte bei den öffentlichen Ausgaben zu einem dauerhaften Problem für die gesamte amerikanische Volkswirtschaft werden ließ.

Genau denselben Fehler begehen nach Einschätzung des Nomura-Analysten die Europäer durch ihre vollkommen eindimensionale Spar-Politik. Verschärft werde diese Entwicklung durch die Möglichkeit, dass jedermann Staatsanleihen von europäischen Staaten ohne Wechselkursrisiken kaufen könne. Dadurch würden Effekte verstärkt: Als der Süden Europas boomte, kauften Investoren aus Nordeuropa südeuropäische Staatsanleihen, weil sie dafür bessere Zinsen bekamen als für die deutschen Bunds. Nun ziehen alle Investoren ihr Kapital aus den Anleihen der betroffenen Länder ab – und beschleunigen die Krise in Südeuropa.

Koo macht daher den unkonventionellen Vorschlag, dass Staatsanleihen nur von Bürgern der betreffenden Staaten gekauft werden dürften – und zwar grundsätzlich, verbindlich und langfristig. Dies sei der sicherste Garant dafür, dass Staatsanleihen aus dem Kasino der Spekulanten herausgehalten und die nationalen Regierungen wirksam kontrolliert werden. Die EU leide unter dem Geburtsfehler der Maastricht-Verträge, in denen eine Obergrenze der Neuverschuldung mit 3% festgelegt wurde, ohne auch nur daran zu denken, was ein Staat eigentlich in einer Rezession machen solle. Dieser Fehler wird durch die aktuelle EU-Politik nicht nur korrigiert, sondern durch die Ideen des Fiskal-Pakts noch verschärft. Denn in einer Krise müsse eine nationale Volkswirtschaft von einem Staat so unterstützt werden können, dass der Staat nicht nur das Lied der Märkte singt, sondern in der Lage ist, zum Wohle der Bürger richtig zu handeln.

Es ist für Koo ein interessantes Phänomen, dass die Erhöhung der öffentlichen Ausgaben in Demokratien in Friedenszeiten immer umstritten ist. Nur im Kriegsfalle werde nicht endlos diskutiert. Da stehen dann meist mit großer nationaler Begeisterung all jene Mittel zur Verfügung, die man Schulen, Krankenhäusern oder Sozialeinrichtungen im Normalfall nur mit dem Generalverdacht der Verschwendung zugesteht.

Der australische Wirtschaftswissenschafter Billy Mitchell geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert, dass es in den kommenden zehn Jahren „außergewöhnlich hohe Haushaltsdefizite“ geben müsse, um den Zusammenbruch einzelner Volkswirtschaften zu verhindern (mehr dazu in seiner Analyse, englisch – hier).

Die Thesen von Koo und Mitchell klingen für die europäischen Ohren exotisch. Immerhin liefern sie belastbare Daten und historisch tragfähige Belege. Mitchell zeigt außerdem, dass die Schulden-Blase von der gefährlichen Kultur des „financial engineering“ angefacht wurde: Das Leihen von Geld hatte nicht mehr den Zweck, Volkswirtschaften anzukurbeln, sondern diente nur noch dem Profit von Finanzprodukten, die keinerlei reale Wertschöpfung aufweisen.

Natürlich können diese Thesen angefochten werden, etwa mit dem Argument, dass sie das demografische Problem nicht einbeziehen (wie einer der Kommentatoren auf Koos Blog treffend anmerkt – hier). Aber sie sollten zumindest von jenen Politikern bedacht werden, die sich gerade anschicken, die gesamte wirtschaftliche Zukunft Europas in die Hände von Investment-Bankern zu legen (mehr über die Goldman-Connection – hier). Deren Kreativität bei der Lösung der europäischen Schuldenkrise hat sich bisher als sehr begrenzt erwiesen.

Kommentare

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  1. klaus mair sagt:

    google : euro plündert deutschland google: giralgeldschöpfung fördert inflation http://www.das-kapital.eu/nationalstaat.html

  2. M.Schmidt sagt:

    Der Europagedanke wurde schon mit der stümperhaften Einführung des Euro zu Grabe getragen …. Schade um diese tolle Idee, die nur noch auf Schulden und Geld reduziert wird!

  3. Karl Heinz sagt:

    DER PARTEIENSTAAT IST DIE ZERFALLSERSCHEINUNG DER REPUBLIK

    Prof Karl Albrecht Schachtschneider über Recht, Freiheit und Demokratie.

    Ein staatsrechtlicher Grundkurs – absolutes must see:

    http://www.youtube.com/watch?v=OoMu0akB6mY

  4. Albert Albern sagt:

    Die Wirtschaft kann nicht so einfach an den Menschen vorbei wachsen. Die Wirtschaft muss für ihre Kunden, die Menschen, etwas Sinnvolles, Nützliches leisten, sie muss den Menschen dienen. Natürlich kann sich die Wirtschaft auch ganz spezielle Kunden suchen, wie es z.B. die Rüstungsindustrie macht. Aber ohne die Hersteller von Kleidung, Brot und Schulheften ginge auch die Rüstungsindustrie den Bach runter.

    Also muss sich das wirtschaftliche Wachstum an den Menschen orientieren. Natürlich nicht nach allen Menschen, das gibt es bei der Wirtschaft eine eiserne Regel, dass sie sich prinzipiell nur nach denjenigen Menschen/Kunden orientiert, die auch die verehrte KAUFKRAFT, also das Geld besitzen.
    Und Menschen, welche kein Geld besitzen, können von der Wirtschaft nicht erwarten, dass sie ihnen ihre Wünsche erfühlt. Da müssen die Menschen ohne Geld traditionsgemäß erst auf den Nikolaus warten.

    Also ist das Wachstum der Wirtschaft nicht nur von den Menschen anhängig, sondern auch von dem Geld. Und wenn nur noch eine Million Menschen in der EU genug Geld hätten, dann müsste sich die Wirtschaft nach den Wünschen und Bedürfnissen dieser einer Million Menschen richten. Und sie könnte nicht wachsen. Die meisten Kaufhäuser müsste man schließen, weil sie nicht mehr „rational“ wären.

    Natürlich bringen Investitionen die Wirtschaft in Bewegung, sie müssen aber SINNVOLL sein, sie müssen sich LOHNEN. Es muss also bei den Menschen-Kunden genügend Geld vorhanden sein, damit sich die Investitionen lohnen – damit sie Geld einbringen.

    Durch die Staats- und Privatverschuldung floss über lange Zeit immer viel Geld in die Wirtschaft, sie konnte stolz wachsen und dabei viel Gutes tun.

    Warum müssen sich aber die Staaten und die Privatleute verschulden, damit die Wirtschaft Gutes tun kann???
    Weil die Staaten und die Privatleute einfach nicht genug Geld haben, damit die Wirtschaft richtig gedeihen und Gutes tun kann. Und das von Anfang an.

    „Am Anfang stand das Wort…“ steht in der Bibel.

    Doch alle rational denkenden Menschen müssen sich einem anderen Satz beugen:

    „Am Anfang war nicht genug Geld da und die Wirtschaft wuchs, und wuchs und wuchs…. Trotz dem Geldmangel.“
    Es muss also für jeden rational denken Menschen erkennbar sein, dass es sich dabei um ein echtes Wirtschafts- WUNDER handelt.

    • General-Investigation sagt:

      @ Albert Albern

      Sie haben es absolut getroffen und ich schließe mich Ihrer Aussage voll umfänglich an!
      _____________________________________________________________

      Zu aller erst müssen wohl die angeblichen Wirtschaftsfachleute vernünftige Denkweisen erlernen. Studenten der Wirtschaftswissenschaften glauben allen Ernstes, das es sich wirklich um eine Wissenschaft handelt, doch weit gefehlt.

      Definition Wissenschaft: Es existiert kein einheitlicher Wissenschaftsbegriff
      Aber man sagt, das Wissenschaft in der Lage ist, unter gleichen Bedingungen jegliches Experiment zu wiederholen und ein gleiches Ergebnis zu erhalten.

      Will das ernsthaft jemand bei den Betriebs- und Volkswirten annehmen?
      Wäre dem so, würde kein Unternehmen in die Pleite gehen können, würde es keine finanziellen Probleme wie gerade mit dem Euro geben, würde es keine Finanzblasen geben die alles zunichte machen.

      Wir züchten uns also irgendwelche Deppen heran die überhaupt keine Ahnung haben wie man auch nur einen Kiosk führen könnte, aber wollen anderen erklären wie man große Konzerne und Banken leitet.

      Ironie des Schicksals?

  5. Küstennebel sagt:

    Deutschland, ein verlorenes Volk und ein verlorenes Land!
    „Nur ein Unglück ist unheilbar: wenn ein Volk sich selbst aufgibt!“ (Johann Wolfgang von Goethe). Dies geschah bereits vor Jahrzehnten

  6. Gero sagt:

    Diese ideologiischen Politikverbrecher müssen in den Knast!