Renten: Deutsche haben im Alter weniger Geld

Die Rentenreform wird dazu führen, dass die Deutschen im Alter mit deutlich weniger Geld werden auskommen müssen. Das betrifft die gesetzlich Rentenversicherten ebenso wie die Beamten. Prof. Uwe Fachinger von der Universität Vechta hält dies für einen gefährlichen, schleichenden Prozess.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Kürzlich befasste sich eine Tagung mit der Frage: „Wie viel Alter verträgt unsere Gesellschaft?“ Ich leite die Frage an Sie als Ökonomen weiter, wie kann die Gesellschaft funktionieren, in der es immer mehr alte Menschen gibt?

Uwe Fachinger: Ich würde erst einmal diese Frage etwas anders stellen. „Wie viel Alter verträgt oder verkraftet unsere Gesellschaft?“ ist ja sehr negativ konnotiert. Alter oder Altern als solches ist aber als positiv zu sehen: als Gesellschaft des langen Lebens. Prinzipiell kann eine solche Gesellschaft funktionieren, da die dazu erforderlichen Ressourcen vorhanden sein werden. In allen entsprechenden Berechnungen geht man davon aus, dass es nach wie vor ein adäquates Wirtschaftswachstum geben wird. Die Funktionsfähigkeit ist somit prinzipiell ein Problem der Verteilung. Also, wie wird mit den Ressourcen innerhalb der Gesellschaft umgegangen, wofür werden diese Ressourcen verwendet. Dementsprechend stellt sich die Frage, wie viel möchte die Gesellschaft an Ressourcen für ältere Menschen aufwenden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Es ist aber faktisch doch so, dass wenn mehr Menschen in Rente gehen, mehr Leute aufhören zu arbeiten. Ist es abzusehen, dass das Rentenalter immer weiter steigt?

Uwe Fachinger: Die Heraufsetzung des Rentenalters ist eine politische Entscheidung. Aus Finanzierungssicht, aus Sicht der gesetzlichen Rentenversicherung, ist das nicht erforderlich. Diese Personengruppen können oder dürfen nicht mehr aktiv am Erwerbsleben teilnehmen, weil die Altersgrenze überschritten ist. Manchmal wollen sie auch nicht, weil die Tätigkeit, die sie ausgeübt haben, nicht notwendigerweise eine sehr erfreuliche war. Das zu finanzieren ist eigentlich in einem Umlageverfahren nicht das Problem. Wie ich sagte, alle Vorausberechnungen gehen von einem positiven Wirtschaftswachstum aus. Wenn das Erwirtschaftete in der Gesellschaft nach wie vor immer größer wird und wir eine alternde und eine schrumpfende Gesellschaft haben, dann bekommt jeder pro Kopf mehr als das heute der Fall ist.

Die Frage ist also, wie geht man damit um. Es ist nicht so, dass man notwendigerweise, quasi wie ein Naturereignis, tatsächlich länger arbeiten muss. Das ist nur dann der Fall, wenn man dem Modell der Kapitalfundierung folgt, bei der jeder – so jedenfalls die Vorstellung – für sich allein entsprechende Anwartschaften ansammelt und diese individuellen Anwartschaften, dann, wenn die Altersgrenze erreicht worden ist, entsprechend abgebaut werden.

In der Realität sieht das anders aus. Da werden beispielsweise von Versicherungen Kapitalbestände aufgebaut, die zu dem Wert verrechnet werden, den sie in 20 oder 30 Jahren haben werden, wenn die Versicherung in Anspruch genommen wird. Dieser Wert ist abhängig vom wirtschaftlichen Erfolg der Versicherung. Das Erwirtschaftete wird dann im Rahmen einer solchen Versicherung gemäß den erworbenen Anwartschaften verteilt. Im Gegensatz dazu bezieht sich das Umlageverfahren auf das, was innerhalb einer Gesellschaft an materiellen Ressourcen insgesamt zur Verfügung steht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Für ältere Menschen, die arbeiten wollen oder müssen, sieht die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht gut aus. Erwarten uns Modelle wie in den USA, bei denen ältere Arbeitnehmer mit jüngeren zusammenarbeiten?

Uwe Fachinger: Solche Modelle gibt es nicht nur in den USA, sondern auch schon seit längerem in Deutschland und sie sind entsprechend verbreitet. Die Zusammenarbeit ist aber abhängig davon, welche Tätigkeiten ausgeübt werden. Es gibt Tätigkeiten, da funktioniert das wunderbar, wo jüngere Personen durch die Zusammenarbeit mit älteren Personen Erfahrungen gewinnen können, von deren Wissen profitieren. Allerdings sind nicht alle Jobs so. Mit Verlaub gesagt, jemand der am Fließband steht und Pralinen in eine Dose sortiert, braucht vielleicht eine kurze Anlernphase, aber da gibt es nichts, was man im Team als Arbeit zu erledigen hätte. Also man muss schon sehr genau hinschauen, um welche Tätigkeiten es sich dabei handelt und welche Art der Tätigkeit entsprechend für eine Zusammenarbeit geeignet ist.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ältere Menschen nehmen auch immer mehr Gesundheitsmaßnahmen in Anspruch. Wer übernimmt die wachsenden Ausgaben?

Uwe Fachinger: Dass wir wirklich wachsende Ausgaben haben, ist umstritten und hängt sehr stark davon ab, wie sich die Krankheitsbilder entwickelt werden. Wenn man sich das anschaut, ist es im Prinzip gar nicht so, dass durch eine längere Lebensdauer mit deutlich steigenden Gesamtausgaben in der Krankenversicherung zu rechnen ist. Die massiven Ausgaben treten immer in der letzten Lebensphase, den letzten Lebensjahren, dem letzten halben Lebensjahr auf, unabhängig davon, ob diese Person 70, 80, 90 oder sogar älter als 100 Jahre ist. Die Phasen davor sind eigentlich gar nicht so gravierend für die Ausgaben der entsprechenden Krankenversicherung.

Also es ist immer die Phase vor dem Tod, die so teuer wird, durch entsprechende Medikamente beispielsweise. Das geht Hand in Hand mit der beliebten These, dass wir tatsächlich immer älter werden. Auch das ist nicht unbestritten. Man kann durchaus beobachten, dass sich entsprechende Zivilisationskrankheiten ausprägen werden, beispielsweise Adipositas, Übergewicht auch schon bei Kindern, die dann zu einem höheren Gesundheitsrisiko beitragen und dazu führen können, dass man nicht so alt wird.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist Gesundheit der Zukunftssektor in Anbetracht eines größeren Bedarfs an Pflegekräften für alte Menschen?

Uwe Fachinger: Ich würde sagen, ja, es ist ein Zukunftssektor, allerdings würde ich die Begründung etwas anders formulieren. Nicht weil wir mehr Personen zur Pflege brauchen, sondern es wird ein gesamtwirtschaftlich zunehmender Sektor sein, der an Bedeutung gewinnen wird. Die Menschen entwickeln ein anderes Gesundheitsbewusstsein, in dem sie – das kann man über die letzten 20, 30 Jahre beobachten – mehr Wert legen auf einen adäquaten Umgang mit ihrer Gesundheit. Sie ergreifen präventive Maßnahmen, sie nehmen durchaus auch Geräte oder entsprechende Dienstleistungen in Anspruch, die ihr tagtägliches Leben begleiten.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Also ein bewussterer Umgang mit dem Thema Gesundheit…

Uwe Fachinger: Genau. Das Problembewusstsein ist deutlich stärker geworden: Man kann selbst sein gesundes Leben gestalten, man kann eigenverantwortlich tätig sein. Entsprechende Produkte können erworben werden. Allerdings unter der Rahmenbedingung, dass die Personen über entsprechende materielle Ressourcen verfügen. Wenn das nicht der Fall ist, wenn sich tatsächlich – die materielle Situation der Bevölkerung im Durchschnitt bei weiten Kreisen verschlechtern wird, was die Prognosen nahelegen, dann wird es diese Zunahmen in diesen Sektoren nicht so geben, wie das von dem ein oder anderen erhofft wird.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Angesichts dieser Entwicklung, ist es da abzusehen, dass wir in eine noch deutlichere Zwei-Klassen-Gesellschaft abdriften? Dass es diejenigen gibt, die durch ihre Ressourcen auch finanziell gut altern können und diejenigen, die im Alter verelenden werden?

Uwe Fachinger: Ich würde es nicht als Klassen bezeichnen. Aufgrund der sehr starken Umstrukturierungsmaßnahmen im Bereich der sozialen Sicherung, die die individuelle Vorsorge noch stärker in den Vordergrund gestellt haben, wird das Niveau der Regelversorgung deutlich sinken. Das gilt insbesondere für die gesetzliche Rentenversicherung, aber auch die Beamten sind davon betroffen. Das gilt für den Bereich der Pflegeversicherung, wo wir nicht eine entsprechende Anpassung der Leistungen an die Preise der Dienstleistungen haben werden. Es wird also mehr aus dem privaten Bereich finanziert werden müssen.

Das gilt für die gesetzliche Krankenversicherung auch dadurch, dass entsprechende Leistungen aus der Regelversorgung ausgegliedert werden und privat abgesichert werden müssten. Insgesamt gesehen werden wir eine Ausdifferenzierung haben, mit einer deutlichen Zunahme an Personen, die schlechter materiell dastehen werden als das heute der Fall ist. Auf jeden Fall deuten die Zeichen darauf hin. Dies wird aber nicht von heute auf morgen eintreten, sondern es wird ein schleichender, sukzessiver Prozess sein, bei dem man irgendwann einmal feststellen wird: „Jetzt haben wir eine deutliche Zunahme, wie können wir Regelungen finden, um diese Personen in ihrem Bedarf zu unterstützen?“

Uwe Fachinger ist Professor des Fachgebiets „Ökonomie und Demographischer Wandel“ am Institut für Gerontologie der Universität Vechta.

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Kommentare

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  1. General-Investigation sagt:

    Wahnsinn, wie schnell Fachleute so etwas herausbekommen können.
    Da hat sich das Studium tatsächlich bezahlt gemacht.

    * Ironie aus!

  2. Michele sagt:

    „Deutsche haben im Alter weniger Geld“

    Nicht nur im Alter!
    Das ist unerfreulich für Betroffene, Händler und Produzenten…

  3. Grauber sagt:

    Wenn nicht die weltweite “ Abschöpfung “ durch eine kleine Gruppe von Finanz-Zombies wäre, dann könnte man sich die elende Topfguckerei sparen und diese Problematik sachlicher angehen.

    Verfolgen wir den Lebenslauf dieser “ Technokraten „, dann erkennen wir einen gemeinsamen Nenner.

    Der Bundespräsident hat natürlich „Dreck am Stecken“, er ist erpressbar, wie alle Anderen auch.
    Er wird ausgetauscht gegen einen Jemand, der die unüberlegte „Turbo-Demokratie“, die Danistakratie, als Staatsform nicht kritisiert.

    • Michele sagt:

      zumindest ist Wulff bereits weitgehends mundtot gemacht…wir werden zukünftig , wie gewollt, nur noch Lobreden von ihm hören.

  4. Cecylia sagt:

    Wir stellen uns Soziopathen durchweg als gewalttätige Verbrecher vor. Aber in diesem Buch zeigt uns Martha Stout, daß erschreckende 4 Prozent unserer Mitmenschen – einer von 25 – eine oft unerkannte Persönlichkeitsstörung aufweisen, deren wichtigstes Symptom ein fehlendes Gewissen ist. Die Fähigkeit, Scham, Schuld oder Reue zu empfinden, fehlt einer solchen Person völlig.
    http://www.irwish.de/Site/Biblio/Psychologie/Stout.htm