Die Affäre Wulff: Das große Spektakel der politischen Dekadenz

So muss man sich den Zerfall eines Systems vorstellen: Das Staatsoberhaupt bekommt in beiden Staatssendern eine Sondersendung, um über seine Affären zu diskutieren. Früher gab es Sondersendungen bei Katastrophen oder im Kriegsfall. Die res publica ist gefährlich nahe an ihr lächerliches Ende gekommen.

Eigentlich wollen wir bei den Deutschen Mittelstands Nachrichten so eine Art „Wulff-freie“ Zone bieten. Wir glauben, dass es viel drängendere Probleme gibt, die geeignet sind, die Gesellschaft fundamental zu gefährden, als die Probleme eines Vertreters der Hannover-Connection in Berlin.

Aber der Auftritt von Christian Wulff simultan in beiden Staatssendern war doch irgendwie der bisherige Höhepunkt einer Affäre, die auch viel über den Zustand der Republik sagt: Wir erleben ein Schauspiel der Dekadenz in Deutschland, in dem alle Beteiligten vor allem eines nicht tun: die Aufgaben wahrnehmen, die sie als echte Stützen der Demokratie wahrnehmen müssten.

Das beginnt beim Bundespräsidenten: Er soll nach der deutschen Verfassung aus gutem Grund ein blasser Staatsnotar sein, kein Führer. Dafür gibt es den Bundestag. Die Aufgabe des Bundespräsidenten ist es, einmal im Jahr mahnende Worte zu sprechen und ansonsten zu beurkunden, dass alle Gesetze gemäß der Verfassung zustande gekommen sind.

Christian Wulff hat sich, dem tristen Hannover entronnen, von seiner eigenen Eitelkeit, seiner Frau und den Medien die Rolle des „Stars“ aufdrängen lassen. Nur: Wulff ist der letzte, aus dem man einen Star machen kann. Er ist verwoben in ein Netz von „Freunden“ und „Helfern“, einem System, in dem er groß geworden und klein geblieben ist. Es ist dasselbe  System, in dem solch prachtvolle Exemplare wie Gerhard Schröder ein unberührtes Biotop für ihre Machtambitionen gefunden haben.

Anders als Schröder hat Wulff jedoch keinerlei Ambitionen. Er wurde in den Job gehievt, weil zwei Frauen es so wollten: Betty und Angela. Er ist überhaupt nur in dem Amt, weil sein Vorgänger Horst Köhler aus bis heute ungeklärten Umständen über Nacht die Flucht aus dem Amt erfgriffen hat.

Anders als Wulff hat die Bild-Zeitung immer eine Ambition: Sie will den Politikern zeigen, dass, wer auch immer regiert, von Springers Gnaden regiert. Der Bild-Zeitung sind die politischen Positionen Wulffs ziemlich egal. Sie treibt den Präsidenten von einem Fettnäpfchen zum andern. Besonders zum Schenkelklopfen muss es für Springer sein, wenn die Bild ihren Angriff getarnt in der Rolle des Opfers der bedrohten Pressefreiheit vortragen darf.

Der Staatsfunk braucht sich dagegen nicht zu verstellen: Er stellt sich und seine Fragesteller zu Verfügung. Christian Wulff, Hauskäufer aus Burgwedel, bekommt eine Durchschalte bei ARD und ZDF, um über seine schillernden Beziehungen in Hannover und seine Gespräche mit einer Mobilbox zu schwadronieren. Früher gab es Sondersendungen im Katastrophen- oder Kriegsfall. Heute kauen die zwei Berlin-Chefs der zwei Staatssender gelangweilt wider, was der zwangsinformierte Leser ohnehin schon hundertmal gehört hat: Nebbich über einen donnernden Drohanruf auf die Mobilbox eines Journalisten! Und dafür wird, natürlich für Gebührengelder, auf zwei Kanälen alles ausgeräumt.

Wir erleben aber dennoch zwei Katastrophen, die weit über den Fall Wulff hinausgehen: Die eine ist die allgemeine Verstrickung von korrupten Politikern mit einer Teilen einer skrupellosen Wirtschaftselite, die sich jeden kaufen kann, den sie einmal brauchen könnte. Und die immer genug Dumme findet, die sich dabei erwischen lassen.

Und die andere ist die der Medien, die sich selbst in die Berichterstattung hineindrängen, zu Akteuren werden, anstatt unbestechliche, distanzierte Beobachter zu bleiben. Der Deutschlandfunk meldete in den 17 Uhr-Nachrichten am Tag des TV-Auftritts, dass der Journalistenverband dagegen protestiert habe, dass nur die Staatssender Fragen stellen dürfen und nicht alle Journalisten. Wo sind die Zeiten, als es im „Spiegel“ Artikel nur ohne Namen gab – als Ausweis, dass die Journalisten hinter ihre Meldung zurückzutreten haben. Heute sind die internen Ränkespiele der Medien schon die Meldungen selbst!

Die wirkliche Katastrophe ist jedoch die Kombination dieser beiden Phänomene. Alle großen Skandale finden heute nämlich – trotz einer dauerhaften Mega-Medien-Hysterie – unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Finanzindustrie hat es meisterhaft verstanden, ihren globalen Feldzug der Ausbeutung so umfassend zu camouflieren, dass niemand darüber schreibt: Wer will schon über Ungetüme wie EFSF, CDS oder „rehypothecated assets“ schreiben? Wer macht sich die Mühe, den Leuten zu erklären, worum es hier geht und dass das alles nicht graue Theorie ist?

Wer will den Leuten die Billionen erklären, die an Kunstgeld so geschaffen wurden, dass sie niemand anders als die sogenannten kleinen Leute einmal zurückzahlen müssen – mit Zins und Zinseszins. Gleiche Verschleierungstaktik verfolgen mit großem Erfolg die Euro-Industrie, die internationale Bailout-Branche, die globale Ernährungsindustrie, die Energiewirtschaft, die Pharmaindustrie und so weiter.

Und wer von den Politikern hat die seltene Kombination von Intellekt und Unabhängigkeit – dass er in der Lage ist, die Machenschaften zu durchschauen (Intellekt) und den Versuchung der Bestechlichkeit zu widerstehen? Längst vergessen sind die Skandale um diverse EU-Abgeordnete, die sich von Lobbyisten haben kaufen lassen und dabei mit versteckter Kamera gefilmt wurden. Hat irgendjemand etwas dagegen unternommen? Und: Ist eine empörte Öffentlichkeit aufgestanden und hat sich eingemauert mit dem Slogan: Bis hierher und nicht weiter? Wir haben nichts dergleichen erlebt.

Die Dekadenz unseres Systems besteht in einem unausgesprochenen Konsens: Wir wissen, dass hier etwas zugrunde geht, aber es ist uns zu kompliziert und mühsam, dagegen anzukämpfen. Daher flüchten sich Politik und Medien ins gemeinsame Dschungel-Camp der politischen Realsatire und inszenieren den Abgesang auf die Demokratie als Burleske, in deren Mittelpunkt keine Charaktere mehr stehen, sondern nur noch Marionetten eines todessüchtigen Zeitgeists.

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  2. Bonanza sagt:

    Hervorragender Kommentar!! Aus den Vielen, die es genauso sehen müssen einige hevorgehen, die mit Herz und Hand die Veränderung anpacken… eine Reformation von Werten, Strukturen hin zu einer gerechten und gesunden Gesellschaftsordnung.

  3. Bertram sagt:

    Wulffi ist unser Baron Münchhausen . Er passt nahtlos ins System der korrupten EUdSSR
    der Supra National Sozialisten in Berlin und Brüssel .
    Ist das nicht schööön ??

  4. ursel sagt:

    Haben wir keine andere Sorgen nur Wulfen.Alle dieser und Damen sind Korrupt keine S…. hält sich solang am Leben,nur wir sind zu gutgläubig. Siehe Schröder der hat sein Abgang gutgeplant . Mit einem Lupen freiem Demokraten.So unsere Dokra…… .Betrug und Betrügen gehört heute zur feinen Gesellschaft.Schon Kaiser Könige und der Rest der Blaublütigen war schon auf Raubzüge auf dieser Welt, Und heute Wulfen und die Hochfinanz. Was soll da ein Staatsanwalt ausrichten!!! wessen Brot ich esse dessen Lied ich singe.

  5. Melissa sagt:

    Die Zensur in den Medien ist perfekt. Da bringt man alle möglichen Peanuts an, um den Bundespräsidenten Wulff loszuwerden. Nur um ja nicht in die Öffentlichkeit zu bringen, dass eine Klage seit Anfang August am Arbeitsgericht Berlin anhängig ist (AZ: 57 Ca 12247/11) auf fristlose Entlassung mit Verwirkung von sämtlichen Pensionsansprüchen, weil er bereits mehrfach vom Freistaat Danzig angemahnt worden ist, dass seine Beamten wie Richter, Staatsanwälte und Kripobeamte ihre Arbeit nicht tun, z.B. Anzeigen wegen Protokollfälschung nicht bearbeiten und sich dabei gegenseitig decken. Das ist Verfassungshochverrat!
    Der Klage wurde nicht widersprochen und was bei Gericht vorliegt und nicht widersprochen wird, ist anerkannt (§ 138 ZPO Abs.2). Die Klage ist einsehbar unter http://www.freistaat-danzig.com