Schlecker-Insolvenz: Filialleiter standen plötzlich vor verschlossenen Türen

Die Gewerkschaft ist von der Schlecker-Insolvenz überrascht worden. Schon die zahlreichen Filialschließungen bezeichnet ver.di als eine „überfallsartige“ Aktion. Insider berichten von skandalösen Zuständen im Unternehmen. Die nun vorgenommene Form der Insolvenz soll vor allem dazu dienen, dass die Familie Schlecker ihre Schulden mit einem Schlag los ist. Ein riskantes Manöver ist es trotzdem.

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Nachdem Schlecker vergangenen Freitag einen Antrag auf Planinsolvenz gestellt hatte (mehr hier), werden Stimmen lauter: Die Insolvenz könnte von langer Hand geplant und kalkuliert gewesen sein. Erst im Dezember hatte Schlecker die Gewerkschaft ver.di um Verhandlungen zu einem Sanierungstarifvertrag gebeten. Der Plan war, dass ein ver.di-Gutachter die Bücher prüft und dann ein Konzept zur Sicherung der Arbeitsplätze erarbeitet wird. Doch dann der plötzliche Insolvenz-Antrag: „Dabei war und ist Schlecker auf einem guten Weg gewesen“, sagt Christiane Scheller, Pressesprecherin von ver.di.

Das Fehlen von Transparenz sei aber immer schon problematisch gewesen. Stets auf Geheimhaltung bedacht, hatte sich Schlecker erst vor zwei Jahren für Gewerkschaften geöffnet. Gegenüber Mitarbeitern ein ähnliches Bild: Scheller spricht von „überfallsartigen“ Filialschließungen. Insider berichten, dass auch Betriebsräte nicht über die Schließung ihrer Filialen in Kenntnis gesetzt worden seien. Den Mitarbeitern ging es nicht besser: „Sie standen zum Teil vor verschlossenen Türen und erfuhren es wie die Kundschaft über einen Aushang“. Diese Geheimhaltungspolitik zieht sich bis heute durch: So hörte ein Großteil der Belegschaft das erste Mal in den Medien von der Insolvenz des Unternehmens.

Schon in der Vergangenheit war Schlecker durch abenteuerliche Arbeitsbedingungen wie Bespitzelung, Einschüchterung, Dumpinglöhne oder unterbesetzte Filialen in die Schlagzeilen geraten. Zwar habe Schlecker mit dem Anerkennungstarifvertrag den Tariflohn 2001 eingeführt, wie Scheller berichtet. Doch dies galt nur für die kleineren AS-Linien, die kurz darauf größeren XL-Filialen Platz machten – für diese galt der Einzelhandelstarif nicht. Dann versuchte Schlecker die Mitarbeiter über eine Zeitarbeitsfirma mit geringeren Löhnen auszulagern – dies konnte bald mit einem Verbot unterbunden werden, so ver.di.

Viele Bobachter sind sich einig: Der Imageverlust führte zum Ausbleiben der Kundschaft – nicht zuletzt durch die fehlende Kundenorientierung. „In den Regalen der Läden wurden die Lücken größer und größer. Schließlich wurden Läden dicht gemacht,“ berichtet ein Insider dem Finanzblog Hartgeld. Er sagt, die Insolvenz sei längst beschlossene Sache gewesen. „Der Einkauf wurde herunter gefahren. Aufträge zurück behalten und zum Teil wurden nur halbe Paletten Ware geordert“. So beschreibt er eine kontinuierliche Ausdünnung des Filialnetzes – in den vergangenen beiden Jahren wurden rund 3000 Filialen geschlossen. Auch wenn Schlecker seit gut zwei Jahren an einem Imagewandel arbeitete, sei die Situation im Unternehmen unverändert gewesen. „Kein Berufskraftfahrer wollte Ehingen freiwillig anfahren, weil auch diese Menschen schlecht behandelt wurden. Das hatte zur Folge, dass ein Aufgeld von den Speditionen erhoben wurde. Selbst die Lieferanten wurden am Telefon beschimpft und mit Unterstellungen bedacht.“

Für Anfang des Jahres war eigentlich eine massive Schließungswelle geplant – von 600 Filialen war die Rede. Doch die Mietverträge wären trotz Schließung weitergelaufen. Die Planinsolvenz ist in diesem Fall eine vor allem für die Familie Schlecker angenehme Lösung. Denn der Unterschied zur Regelinsolvenz – die Planinsolvenz: hat nicht das Ziel Lieferanten und Banken auszuzahlen. Denn: Die Schlecker-Familie bleibt Gesellschafter – kann also nicht zu Zugeständnissen gezwungen werden, da die Rechtsform bestehen bleibt. Einer der wichtigsten Gläubiger – Einkaufsverbund Markant – hat jedoch bereits Vorbehalte signalisiert. Die Gläubiger müssten bei einer Planinsolvenz freiwillig auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Und genau hier wird das Manöver für Schlecker auch riskant: Spielen die Gläubiger nicht mit, droht ihm der Verlust eines erheblichen Teils seines Vermögens.

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Kommentare

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  1. Martin Müller sagt:

    Die Insolvenz von Schlecker ist eine verschleppte, denn das Unternehmen ist schon seit Jahren klamm, weil der Clan sich pervers bereichtert. Diese kriminelle Energie ,die da aufgewendet wurde kostet die Arbeitnehmer den Job und den Steuerzahler eine Menge Geld, die indirekt wieder in die Tasche von diesem Staatsbetrüger fliesen.

  2. Roger sagt:

    Hallo,
    ja, die Schleckerfilialen waren immer unterbesetzt, sodaß viele meiner Bekannten dann zu Rossmann gingen.
    Dort wird man beraten.
    Es ist schon klar, warum die Kunden wegbleiben.
    Mehr, höhere Löhne zahlen an die verkäufer. die machen dann ja auch die ganze Arbeit.
    Dann kommen Kunden und auch Geld.

    Verdienst ist ja genug da.

    Einfach mal wieder vernünftig die Löhne zahlen . Damit es auch zum Leben reicht.
    Deutsch geht kaputt / ist kaputt durch solche Machenschaften.

    Gruss
    Roger

  3. hunsrückbauer sagt:

    Planinsolvenz heißt: die Kosten tragen die anderen, nämlich Gläubiger, Lieferanten, Arbeitnehmer, der Steuerzahler…..Schlecker ist fein raus, ein Wiederholungstäter mit staatlicher Starthilfe, das nennen ich Resozialisation.

  4. Steffen sagt:

    Der Laden ist unrettbar, Schlecker versucht jetzt einen Teil seines Vermögens zu retten. Sollte er keine Planinsolvenz bekommen ist sein ganzes Vermögen weg, bei Planinsolvenz kann er einen Teil behalten. Denke aber, dass da alle Gläubiger nicht mitmachen.

  5. doci sagt:

    teeren, federn müsste man diese „Wohltäter des Handels“.

    Und dann das ganze Privatvermögen konfiszieren.

    Derart große Vermögen werden ruchlos gesammelt durch die Verweigerung fairer Löhne, durch das Drücken der Lieferantenpreise usw, usw….., ach ja, unser Steuersystem begünstigt solche Gaukler und bestraft die seriösen = anscheinend blöden Kaufleute.

    • hunsrückbauer sagt:

      der Meinung bin ich auch, deswegen wundert es mich, dass wir in D immer noch keinen Widerstand auf die Strassen bringen. Im www wird NIX entschieden.

      • Marichen sagt:

        natürlich wie üblich zahlen die Beschäftigten weil der Gesetzgeber das zulässt Firmen werden ausgebeutet Mitarbeiter werden ausgebeutet dann weggeschmissen Material Mensch und der Unternehmer liegt dann an Spaniens Küste weil das ist ja so einfach bei Gütertrennung unsere Gesetzte geben all das her und wir lassen uns das gefallen .
        Die Ossis haben uns gezeigt wie es geht aber wir sind dazu zu faul