Wie Apple zukünftige Journalisten kauft

Dieser Tage verbreitete sich ein Foto viral im Internet, das einen Hörsaal zeigt: Alle Studenten bis auf einen verwenden Apple Produkte. Zeitungen und Blogs griffen das Foto auf, um Apples Erfolg zu illustrieren. Allerdings ist das Foto Teil einer Guerilla-Marketing Kampagne. In den USA laufen unterdessen mehrere Klagen gegen Apple wegen des Einsatzes einer Spionage-Software.

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Früher einmal haben Journalisten in der ersten Stunde ihrer Ausbildung ein ehernes Gesetz eingebleut bekommen: Du sollst Dich mit keinem Produkt gemein machen, damit Du immer unabhängig über alles berichten kannst.

Das ist heute ganz anders. Journalisten versehen sich gerne als Lifestyle-Trendsetter. Und während früher „das Redaktionssystem“ der natürliche Feind jedes Journalisten war, ersetzt coole Technologie heute nicht selten den Inhalt.

Kein anderes Unternehmen versteht es so gut, sich in den Köpfen von Verlagen und Journalisten so festzusetzen wie Apple. Dazu braucht es nicht erst den deutschen „Verleger“, der sagt, die Zeitungsverlage müssten jeden Tag auf die Knie fallen und zu Gott Steve Jobs (der damals noch lebte) beten, weil Jobs mit dem iPad die Verlage gerettet habe. Die Gebete dürften verstummt sein, als die Verlage entdeckten, dass sie mit ihren Inhalten nur aufs Gelobte Gerät kamen, wenn sie dem Herrn in Cupertino einen saftigen Zehent ablieferten.

Doch Apple wartet nicht auf die Erleuchtung der Verleger. Vergangene Woche kündigte Apple an, dass der Computerkonzern in das Schulbuchgeschäft einsteigen wolle und die traditionelle Schulbuchindustrie – ähnlich wie schon seinerzeit die Musikindustrie –  marginalisieren wolle.

Damit die Medien hier nicht auf dumme Gedanken kommen, hat sich Apple schon seit geraumer Zeit an den Journalisten-Schulen und anderen Bildungseinrichtungen festgesetzt. So ist die Missouri School of Journalism vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, ihre notorischen Finanzierungs-Nöte damit zu lindern, dass sie sich von Apple die Computer sponsern lässt. Der Associate Dean der Schule, Brian Brooks, beschloss im Jahr 2004, alle Computer bei Apple zu kaufen. Er sprach eine Kaufempfehlung an alle künftigen Journalisten aus, nur noch Apple-Geräte zu kaufen. Auf der offiziellen Website von Apple preisen nun die zukünftigen Aufdecker der Nation die Produkte an und erklären mit bemerkenswerter Naivität, dass sie eigentlich nur dank Apple gute Journalisten sein könnten (Apple-Werbeseite – hier).

Im Jahr 2007 entstand das Foto, das nun wieder – zeitgerecht zur Ankündigung der Eroberung der Kleinkind-Gehirne durch Apple – durch die Medien ging. Die Huffington Post der einstigen Hollywood-Größe Arianna Huffington, die gerade angekündigt hat, mit der altehrwürdigen Pariser Zeitung Le Monde die französischen Intellektuellen beglücken zu wollen, überschrieb das alte Foto mit der Überschrift: „Wie eine wirkliche College Vorlesung aussieht“. Auf dem Foto verwenden alle Studenten bis auf eine Studentin einen Apple Laptop. Mit lustigen Texten versehen, was die Studenten alles so mit einem Apple machen können („letzte Reihe: Pornos anschauen“), wurde mit keinem Wort erwähnt, dass es sich hier um ein PR-Bild der Firma Apple handelt, hergestellt mit freundlicher Mitwirkung der künftigen vierten Gewalt von Missouri in der Rolle von Statisten (HuffPost – hier).

Ein Apple Blog brachte das Foto, wie mehrere andere auch, und fragte pseudokritisch: Wenn Apple-Kritiker anlässlich der exzellenten Quartalsergebnisse vom vergangenen Quartal nun zweifeln, ob Apple denn bei so viel Erfolg weiter wachsen könne, müsse ihnen dieses – rein zufällig aufgenommene – Bild doch zu denken geben: Könne es denn nicht sein, dass Apple dereinst eine Marktdurchdringung von 100% haben sollte? Dieser Vision sollten die Käufer von Aktien folgen. Fast flehentlich schreibt der Apple-„Blog“: „Jetzt wäre es auf jeden Fall die schlechteste Zeit, Apple-Aktien zu verkaufen!“ (Apple-Blog – hier).

Allen Berichten ist gemein, dass sie nicht wenigstens offenlegen, ob die Schreiber materiell von den gefälligen Berichten profitieren: Wie viel hat Apple der Journalismus-Schule von Missouri gezahlt? Hat Mr. Brooks seinen Laptop selbst gekauft, und wenn ja, zum vollen Ladenpreis? Ist das ein echter Hörsaal oder eine PR-Nummer? Wie viele Apple-Aktien besitzt der „Blogger“? Wird er von Apple bezahlt, wenn ja, in welcher Höhe?

Eine andere Vision findet dagegen kaum Eingang in die breite Berichterstattung: In Minneapolis hat ein Amerikaner Apple verklagt, weil auf seinem iPhone die Spionagesoftware Carrier IQ installiert sei und alle seine Daten – Emails, besuchte Websites, SMS – zentral bei beim Telefonanbieter AT&T gespeichert und aufbewahrt wurden. Insgesamt haben bereits 60 US-Amerikaner wegen dieser für den Nutzer nicht zu erkennenden Software geklagt, die sich nicht nur auf allen Apple-Telefonen, sondern auch auf jenen von Android und HTC befinden. Die Reaktion von Apple würde jeden deutschen Datenschutzbeauftragten ergrauen lassen: Ja, das wisse man, aber man werde Carrier IQ bei einem der nächsten Updates ändern. Wann das ist, wurde nicht gesagt. Immerhin wurde großzügig eingeräumt, dass das Speichern sämtlicher SMS bei Carrier IQ nicht beabsichtigt sei – dies sei eine „Panne beim Programmieren“. Wann die „Panne“ behoben wird, wurde nicht gesagt (mehr hier, bei der guten alten Minneapolis Star Tribune).

Immerhin: Auf der Hochglanz Website von Apple gibt es ein Video einer künftigen Nachfolgerin von Bernstein & Woodward, auf der sie schildert, wie hilfreich Apple bei einer ihrer Multimedia Reportagen war. Sie konnte Grafiken herstellen, Videos drehen und schreiben – alles auf dem einen Wunderding Apple. Das Thema ihrer Reportage: Die „Auswirkungen der Rezession auf die typischen Bürger von Columbia, Missouri“.

Die Geschichte sagt viel über die Manipulationskraft von Apple und noch mehr über die Qualität jenes Berufsstandes aus, der früher einmal angetreten war, Manipulationen aufzudecken.

Offenlegung der Redaktion: Wir benutzen Computer, Mobiltelefone und Tablets vor unterschiedlichen Anbietern. Die Microsoft-Nutzer ärgern sich über die Steinzeit-Navigation von Outlook; die Apple-Nutzer ärgern sich über den schlechten Empfang beim iPhone; die Android-Nutzer ärgern sich über die Probleme mit den offenen Apps. Die Microsoft-Nutzer freuen sich, dass Outlook immer noch gleich umständlich ist; die Apple-Nutzer freuen sich, dass das iPad eine tolle Leseerfahrung ist; die Android-Nutzer freuen sich über intelligente Features. Aber im Grunde ist es uns egal, auf welchen Geräten wir arbeiten. Wir sind froh, dass die Technologie uns die Möglichkeiten gibt, unter viel besseren Bedingungen zu arbeiten als Generationen von Journalisten vor uns. Was was wir plattformneutral bewahren wollen, ist die Unabhängigkeit im Kopf. Die ist nämlich keine Mode, sondern hoffentlich zeitlos gültig.

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Kommentare

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  1. Guido sagt:

    Die Gründerin und Chefredakteurin der Huffington Post heißt Arianna und nicht Adriana. Und wie kommen Sie auf die Idee, sie sei eine „ehemalige Hollywood-Größe“? Dafür kann ich nirgends einen Beleg finden.

    • redakteur sagt:

      Danke, den Fehler im Vorname wurde korrigiert. Wer es auf diese Seite http://www.hollywood.com/celebrity/1339959/Arianna_Huffington schafft, kann unserer Meinung mit Fug und Recht als Hollywood Größe bezeichnet werden. Die Redaktion

      • Guido sagt:

        Na ja, auf http://www.hollywood.com ist unter „Arianna Huffington“ gerade mal ein Film aufgelistet, und in dem hatte sie einen Auftritt als sie selbst. Ich würde auch andere Autoren und/oder Journalisten, die Cameo-Auftritte in Filmen haben, nicht als Hollywood-Größen bezeichnen. Huffington hat ihre Bekanntheit ihrer Tätigkeit als Gründerin und Chefredakteurin einer wichtigen Online-Zeitung zu verdanken und nicht der Schauspielerei; während „einstige Hollywood-Größe“ suggeriert, hier hätte eine ehemalige Schauspielerin eine zweite Karriere als Journalistin gestartet.
        So, nun schalte ich den Besserwisser-Modus aber ab und wünsche noch einen schönen Tag!

  2. karl sagt:

    Lustig, wie ein fünf Jahre altes Bild – das damals schon durchs Netz ging – jetzt wieder aufgegriffen wird. Auch das ist Journalismus, den man anprangern sollte: uralte Nachrichten immer wieder neu aufzuwärmen.

  3. Nachklapp sagt:

    Eine ähnliche Politik betrieb SONY in den 80igern. Hübsche Geräte, Journalisten bekamen gute Rabatte, und in fast jeder Tagesschau war das Sony-Logo zu sehen; ich habe auch mitgemacht und profitiert. Als der Journalismus in den 90igern mehr und mehr Kampagnen fuhr und zur PR mutierte, bin ich ausgestiegen. Heute kommen bei mir Ekelgefühle hoch, wenn ich sehe, wie in ehedem seriösen Medien wie der FAZ z.B. Apple hochgepusht wird. Leider gibt es viele Kollegen, die gern die Nase hoch tragen. Diese Menschan haben statistisch häufig eine Affinität zu Apple.

    Als Musikproduzent habe ich reichlich Apple-Erfahrung mit Abstürzen und Abzocke mit jeder neuen OS-Version. Und benutze privat lieber MS oder Linux. Da gibt es zwar auch einiges zu kritisieren…doch läuft mein altes WORD 2002 noch heute auf W7, ohne teure upgrades.

  4. Sebastian sagt:

    Hier wird die gleiche Sau durch’s Dorf getrieben wie damals bei Microsoft. Alles böse, alles schlimm und alle lassen sich das Gehirn waschen. „Ich benutze lieber OS/2, BeOS, Linux, Mandriva, Redhat, AmigaOS“ etc. pp.

    Jetzt ist Microsoft nur noch ein kleines Licht, der IE ist abgemeldet und keine Sau schreibt mehr Artikel.

    Von Microsoft gibt es auch Studentenrabatte. Auch für Office for Mac.Seit Jahrzehnten geht das so. Demnach sind alle Studenten gekauft, ich weiß es genau.

    Wo ist da bitte der Artikel zu?

    Ach ja, die Produkte hat ja im Moment jeder und es hat sich jeder dran gewöhnt. Martkanteil Windows. 80%, das reicht ja nicht aus, früher waren es 97% so wie heute bei Apple mit dem iPad. Das ist unanständig so hohe Marktanteile zu haben, da muss man draufhauen. Und weil jeder die Produkte hat, ruft auch jeder dann die Webseite auf bzw. liest die Zeitung. Tausend Punkte.

  5. Christoph Seufert sagt:

    Der Artikel ist tendentioes und – viel wichtiger – suggestiv. Welcher Journalist hat sich denn nun von Apple beeinflussen lassen? Gibt es irgendwelche Belege dafuer? Ich lese davon nichts. Somit hat der Artikel dann doch ein wenig den Charakter einer Verschwoerungstheorie.

  6. Andreas sagt:

    „Die Reaktion von Apple würde jeden deutschen Datenschutzbeauftragten ergrauen lassen: Ja, das wisse man, aber man werde Carrier IQ bei einem der nächsten Updates ändern. Wann das ist, wurde nicht gesagt.“

    Dazu mal 2 Sekunden recherchiert:

    „Apple tells us there is only one device running iOS 5 that still runs Carrier IQ, and it’s the iPhone 4. Other devices running iOS 5, such as the iPad, the new iPhone 4S, and older iPhone models updated to iOS 5 have had Carrier IQ stripped out.“ (Quelle: http://arstechnica.com/tech-policy/news/2011/12/apple-carrier-iq-still-on-iphone-4-but-we-dont-read-your-e-mail-and-texts.ars)

    iOS 5 erschien am 12.10.2011 also vor mehr als einem Vierteljahr – nur mal so von wegen Aktualität und so.

    Kleiner Seitenhieb Richtung „andere Mobilfunktelefone“: Da sind bestimmt auch überall schon Updates erhältlich, ja ?

  7. Armin Knull sagt:

    Das Apple unfaire und zweifelhafte Methoden einsetzt war ja schon immer klar bzw. bekannt. Aber das sich die Journalisten so leicht beeinflussen lassen ist schon traurig – wundern braucht man sich allerdings nicht. Es werden von dieser Zunft ja ganz gerne Berichte ungeprüft kopiert – sei aus aus Pressemeldungen oder aus sonstigen Quellen.

  8. Achim sagt:

    Es gibt proprietär und proprietär.
    Meinen Desktop-Rechner habe ich selbst zusammen geschraubt, mein Notebook ist von Toshiba, ich sitze an einem Acer. Auf allen läuft ein Windows.
    Zum Desktop hätte ich kein Windows kaufen müssen, mit Glück findet man auch ein Notebook ohne BS.
    Diese Freiheit habe ich bei Apple nicht. Wenn ich einen Apple-Rechner kaufe, ist ein MacOS-X drauf.
    Immerhin habe ich nur bei einem Apple-Rechner die Freiheit, auch Windows und Linux oder ein BSD zu installieren, wobei X ja schon irgendwie ein BSD ist.
    Mir gefallen einfach keine komplett proprietären Systeme, die nur auf Hardware des Herstellers laufen.