JPMorgan: Spekulation gegen Euro-Staaten hat „soziale Gründe“

Der Chef von JPMorgan, Jamie Dimon, sagt, seine Bank habe im Herbst überlegt, aus Euro-Staatsanleihen auszusteigen. Aus „sozialen Gründen“ sei man jedoch geblieben. Eine merkwürdige Erklärung, zumal JPMorgan für das vierte Quartal keine Zahlen darüber gemeldet hat, wieviel Staatsanleihen die Bank in Südeuropa noch hält.

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Beim Weltwirtschaftsforum in Davos geben sich die Banker gerne besonders menschlich und volksnah. Im offenen Hemd räsonieren sie über die Welt – und wie man diese Welt besser machen könnte. Zwischen Theorie und Praxis liegt dabei oft eine Kluft, in der manchmal auch die Wahrheit auf der Strecke bleibt.

Das jüngste Beispiel: JPMorgan-Chef Jamie Dimon sagte der FT, JPMorgan habe über einen Ausstieg aus dem Engagement in Staatsanleihen nachgedacht, weil das Risiko zu groß erschien. Dann aber haben man sich, so Dimon, für einen Verbleib in den Papieren entschieden – „eine Entscheidung, die vor allem soziale Gründe habe, und nur teilweise wirtschaftliche“.

Wenn ein Investment-Banker vom Schlage Dimons „soziale Gründe“ für ein Investment anführt, muss man hellhörig werden: Eine Investment-Bank hat von Rechts wegen nur eine „soziale“ Verpflichtung – nämlich die, das Vermögen ihrer Kunden so zu verwalten, das es Rendite bringt. Alles andere würde JPMorgan sofort in einer der berüchtigten Massenklagen (class action case) vor Gericht bringen – wegen Veruntreuung des anvertrauten Vermögens.

Nun ist Dimon griechischer Abstammung, weshalb man ihm eine gewisse Sentimentalität für den Süden Europas unterstellen kann.  Was sich jedoch damit nicht erklärt, ist, warum JPMorgan seine Zahlen nicht im Detail offenlegt. Die Bank hat nämlich keine Details  über das GIIPS-Engagement für das 4. Quartal offengelegt. Der FT sagte Dimon in Davos: „Wir haben gegenwärtig ungefähr 15 Milliarden Dollar an risikoreichen Papieren in den kritischen Staaten Irland, Portugal, Italien, Griechenland und Spanien. Wir halten diese Assets als Anteile an Unternehmen, Staatsanleihen und Banken.“

Im November 2011 meldete JPMorgan nämlich in seinem Bericht an die amerikanische Börsenaufsicht SEC, dass das Ausfallsrisiko in diesen Staaten nicht mehr als 1,5 Milliarden Dollar betrage. 98% der GIIPS-Papiere seien durch Kreditausfallsversicherungen (CDS) gedeckt, meldete JPMorgan damals an die SEC (mehr hier – interessanterweise hat Bloomberg die Headline zu diesem Artikel nachträglich verändert; siehe Update am Ende des Artikels).

Das Thema wurde damals in den USA heftig diskutiert, weil sich die Investmentbanken weigerten, die wahren Zahlen herauszurücken, mit denen sie in den europäischen Staaten engagiert sind. Goldman Sachs Chef Llyod C. Blankfein sagte damals der Untersuchungskommission des Kongress für die Finanzkrise, man brauche die Zahlen nicht zu veröffentlichen, weil es keinen Anlass zur Sorge gäbe. Das Engagement dürfte tatsächlich gering gewesen sein. Goldman meldete damals etwa 3 Milliarden an die SEC.

Vermutlich haben alle Investmentbanken ihre Engagements in Südeuropa danach aufgestockt – als klar wurde, dass für sie kein Risiko besteht. Sie wollten keine Transparenz, damit die Preise für die Papiere nicht steigen. Es sollte ein exklusives Business bleiben – wie so oft bei den systemrelevanten Investment-Banken.

Denn sie hatten eine kleine, aber feine Fährte gewittert. Wenn sie ihr folgen, würden sich Staatsanleihen von gefährdeten Staaten in ein Bombengeschäft verwandelten: Die Investment-Banken haben nämlich, wie die Hedge Fonds, die Rechtslücke bei den europäischen Staatsanleihen entdeckt. Die Anleihen haben keine Klausel zur Zwangsumschuldung (CAC), sind also im Grunde risikofrei, weil sie mit der Berufung auf Eigentumsrechte eingeklagt werden können. Es kann außerdem angenommen werden, dass alle Investment-Banken die griechischen Spekulationspapiere nach britischem Recht gekauft haben. Die Zahl der Papiere, die so erworben wurde, ist just im Dezember deutlich gestiegen (mehr zu den spannenden Hintergründen – hier).

Dimon betont, dass auch sein Board der neuen, humanen Strategie zugestimmt habe. Kein Wunder: Die Chancen stehen gut, dass sich das Investment verdoppelt – bezahlt vielleicht am Ende von den europäischen Steuerzahlern (auch von den deutschen via EZB und Bundesbank – hier), wenn die Banken und Hedge Fonds gegen Griechenland klagen.

Um die Vernebelungs-Taktik weiter auf die Spitze zu treiben, sagte Dimon in dieser Woche der Zeitung „The Australian“, dass er glaube, dass Griechenland die Pleite werde abwenden können. Und wenn nicht, so hätte eine Griechenland-Pleite „null Einfluss“ auf die große Welt der Finanzmärkte. Der FT sagte er, dass er hoffe, dass JPMorgan auch in „50 oder 75 Jahren dort Geschäfte machen“ werde.

Update:
JPMorgans Informationspolitik ist merkwürdig: Am Freitag, den 13. Januar, sagte Jamie Dimon af einem Analystencall, dass er über die Entwicklung in Südeuropa zunehmend besorgt sei. Dennoch veröffentliche JPMorgen sein Engagament in südeuropäischen Staatsanleihen im 4. Quartal nicht. Die SEC warf JPMorgan vor, dass die Darstellung der Zahlen inkonsistent sei. Dimons Begründung, warum die Bank die Zahlen nicht veröffentlich hat: Es habe sich im Vergleich zum Vorquartal nicht verändert (mehr hier). In einer Präsentation der Zahlen von Anfang November finden sich dagegen tatsächlich die 15 Milliarden Dollar, die Dimon in Davos genannt hat (mehr hier).

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  1. Anna1950 sagt:

    Ich lese seit einiger Zeit täglich die D.Mittelstandsnachrichten und die Leserkommentare.
    Mich treibt eine Frage um,
    bei der Neugründung eines Handwerk-Betriebes sind bei der KfW Verbindlichkeiten entstanden, wäre es ratsam sie durch eine privat vorhandene gleichhohe Summe abzulösen, trotz Unsicherheit ob weitere Kundenaufträge reinkommen und laufende Kosten bewältigt werden können?

    • redakteur sagt:

      Die Redaktion gibt prinzipiell keine Empfehlung, weder für Anlagen oder sonstige Finanzgeschäfte. Am besten Sie wenden sich an einen wirklich unabhängigen Anlageberater in ihrer Nähe. Vielleicht haben auch unsere Leser Anregungen dazu. Die Redaktion