Stiglitz: EZB vertritt Interessen der Banken, nicht der Steuerzahler

Harte Worte vom Nobelpreisträger: Joseph Stiglitz wirft der Europäischen Zentralbank vor, dass sie die Interessen der Banken stärker vertritt als die der europäischen Steuerzahler. Möglich sei dies, weil es bei der EZB keine Transparenz und schon gar keine demokratische Kontrolle gäbe.

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Der freiwillige Schuldenschnitt für Griechenland ist noch nicht endgültig beschlossen. Viele Gläubiger, allen voran die Hedge-Fonds, fordern eine Beteiligung der EZB und drohen mit Klagen (hier). Nun plant die EZB offenbar, ihre Griechenbonds quasi über Nacht in neue Papiere umzutauschen, um dieser Beteiligung zu entgehen (hier).

Das Verhalten der EZB erscheint vielen, auch langjährigen Beobachtern, als nicht schlüssig. Der Nobelpreisträger und Professor der Universität Columbia, Joseph E. Stiglitz, hat sich in einem grundsätzlichen Artikel für das Project Syndicate mit der Rolle der EZB beim griechischen Schuldenschnitt befasst.

Die EZB besteht auf einem freiwilligen Schuldenschnitt der Gläubiger, der jedoch die Auszahlungen der von den Banken gekauften Versicherungen (Credit Default Swap) verhindern würde. Zu diesen Auszahlungen würde es erst kommen, wenn Griechenland offiziell pleitegeht, wenn also der so genannte „credit event“ eintritt. Das will die EZB jedoch verhindern. „Die EZB-Haltung ist eigenartig“, schreibt Stiglitz.

Eigentlich müsste sich der „Regulator, der um die systemische Stabilität besorgt ist“, freuen, dass die Investoren sich für einen möglichen Schadensfall absichern. Doch stattdessen umgeht die EZB diese Absicherung, indem sie einen freiwilligen Schuldenschnitt verlangt. Stiglitz zufolge gibt es drei mögliche Erklärungen für die Haltung der EZB. Alle drei würden jedoch nicht für die EZB und ihr “regulatorisches und aufsichtsrechtliches Verhalten“ sprechen – im Gegenteil.

„Die erste Erklärung ist, dass die Banken tatsächlich gar keine Versicherung gekauft haben und einige einfach spekulative Positionen übernommen haben“ – in diesem Fall würden sie bei einem „credit event“ keine Absicherung haben. Das könne jedoch ausgeschlossen werden.

Es könnte aber auch sein, so Stiglitz, dass die „EZB weiß, dass dem Finanzsystem Transparenz fehlt“ und, „dass die Investoren wissen, dass sie selbst die Auswirkungen einer unfreiwilligen Pleite nicht beurteilen können.“ Diese könnte nämlich zur Einfrierung der Kreditmärkte führen und so die „Folgen des Zusammenbruchs von Lehman Brothers im September 2008 wieder aufleben lassen“.

Joseph E. Stiglitz schließt jedoch auch nicht aus, dass die EZB versuchen könnte, „die wenigen Banken, die Versicherungen verkauft haben, zu schützen“. Auf diese Banken kämen bei einer unfreiwilligen Pleite entsprechend hohe Kosten durch die Auszahlung an die Halter der Versicherung zu.

Den dritten Erklärungsversuch favorisiert Stiglitz in seiner Argumentation. „Es gibt kaum Anzeichen“, so Stiglitz, „dass eine tiefe, unfreiwillige Umschuldung traumatischer wäre als eine tiefe, freiwillige Umschuldung.“ Eher könne es sein, dass die EZB, indem sie auf der Freiwilligkeit beharrt, bezweckt, europäische Banken vor der Auszahlung der CDS zu bewahren. Für Griechenland wäre ein umfangreicherer Schuldenschnitt allerdings sinnvoller, um sich schneller von der Krise lösen zu können.

Durch die Abfederung eines zu tief greifenden Schuldenschnitts könnte die EZB die Banken zu einem freiwilligen Haircut zu bewegen. Dies wäre, wie oben angemerkt, im Interesse der Banken, die die Credit Default Swaps verkauft haben. Und damit, folgert Stiglitz, stelle die Zentralbank die Interessen der Banken, die Absicherungen verkauft haben, sogar vor die Interessen Griechenlands, der europäischen Steuerzahler und der Gläubiger, die umsichtig gehandelt und eine Versicherung (CDS) im Vorfeld gekauft haben.

Stiglitz kritisiert in diesem Zusammenhang auch, dass die Entscheidung, ein freiwilliger Schuldenschnitt Griechenlands ist kein „credit event“, von „einem geheimen Komitee“ der International Swaps and Derivates Association (ISDA) getroffen wurde. Einem „Komitee von nur an sich selbst interessierten Marktteilnehmern“.

Die Argumentation, ein unfreiwilliger, aber vielleicht erfolgreicher Schuldenschnitt für Griechenland könnte Nachahmer anderer Länder finden und die Halter von deren Schulden gefährden, entkräftet Stiglitz: „Warum solle ein unfreiwilliger Schuldenschnitt ansteckender sein als ein freiwilliger Schuldenschnitt?“. Sind die Banken entsprechend mit Credit Default Swaps abgesichert, so Stiglitz, „sollte ein unfreiwilliger Schuldenschnitt die Finanzmärkte wenig stören.“ Lediglich die Banken, die die Credit Default Swaps verkauft haben, wären von einer Ansteckung bedroht.

So kommt Stiglitz zu dem Schluss, dass das Verhalten der EZB wohl am ehesten auf die Rücksichtnahme gegenüber den Banken, die Versicherungen verkauft haben, zurückzuführen sei. Institutionen, „die nicht demokratisch legitimiert sind, neigen dazu, von besonderen Interessen erfasst zu werden“, schließt Stiglitz seine Überlegungen mit Blick auf die EZB.

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Kommentare

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  1. imperator sagt:

    Diese Erkenntnis des Herrn Stiglitz ist nun wirklich nicht neu.Dazu muß man kein Nobelpreisträger sein.Seitdem Kriegsverbrecher den Friedensnobelpreis erhalten,kann man den Nobelpreis getrost vergessen.Nach Orwell ist Wahrheit Lüge,Krieg Friede.Und wir sind schon im Jahre 28 nach Orwell.
    Übrigens unterscheidet sich die EZB in keiner Weise von der FED.
    CDS sind sowieso schon von der Konzeption her Unsinn.WEr kann sowas für ein paar Prozent der Verpflichtung verkaufen,wenn er damit rechnen muß,daß er in Regress genommen wird ?
    Sollten die US-Investmentbanken für ein paar hundert Milliarden in Regreß genommen werden,übersteigt das um ein Vielfaches ihr Eigenkapital und sie sind sofort pleite ,d.h. aber auch der Käufer von CDS hat in Wahrheit gar keine Versicherung gekauft sondern nur Altpapier.

    • Fred Feuerstein sagt:

      Laut dem griechischen Milliardär und Groß-Investor Th. Margellos, sind 97 % der weltweit verkauften CDS, von den 5 größten amerikanischen Banken verkauft worden. Die gesamte Forderungssumme soll bei ca. 60 Trillionen $ (kein Schreibfehler) liegen. Viele Hedgefonds setzen auf den Untergang von Griechenland, Portugal und andere Länder, müssen die Staatspapiere aber gar nicht besitzen. Daher diese riesige Summe. Wie im Casino, rot oder schwarz. Würde durch den Konkurs von Griechenland der erste Dominostein fallen, dann der nächste und so weiter, dann würde das gesamte amerikanische $ Finanzsystem zusammen brechen. Es ist aber noch eine Sicherung eingebaut, dass so etwas nicht passieren kann. Die ISDA – Aufsichtsbehörde für CDS Geschäfte. Dabei wird es spannend, denn diese 5 Banken sind gleichzeitig die ISDA Aufsichtsbehörde. Sie muss nur verhindern, dass es bei Griechenland kein Konkurs ist. Ich bin sicher, dass sie Worte finden werden, die heute vielleicht noch niemand kennt, die aber sagen, dass Griechenland eben kein Konkurs ist, sondern ein XXXXXX. Hier geht es darum, ob das amerikanische Finanzsytem stirbt, oder ob sich die CDS Besitzer ihr Geld aufzeichnen müsssen. Ein klarer Versicherungsbetrug ! Aber auch das ist nicht das erste Mal.

  2. Korsar sagt:

    Wie will ein Land mit 11 Millionen Einwohnern, einer Verschuldung mit wohl 200 Milliarden EURO, kaum Industrie, höchst einseitiger und völlig sinnlos- und nutzloser Landwirtschaft sich „schneller von der Krise lösen zu können“? Das ist das Hauptproblem, man sieht in Griechenland, ein Land wie Frankreich, Italien oder Deutschland. Das ist es aber nicht zu 5 Prozentpunkten. Es ist im Gegenteil überhaupt nicht vergleichbar.

  3. Chris sagt:

    Ein wichtiger Umstand bleibt aber unbedacht. Wird ein default vermieden, so werden aus den Spekulaten die gegen Griechenland gewettet haben Bankenretter. Denn je nach Umfang der verkauften CDS könnte das für die ein oder andere Bank sehr schmerzhaft werden. Die Spekulanten verlieren ihren Einsatz und die Banken müssen nicht auszahlen und damit evtl. nicht gerettet werden.

  4. conforma sagt:

    Herr Stiglitz spricht nur das aus, was der halbwegs informierte Bürger schon seit vielen Monaten weiß. Und nicht nur die Bankster bedienen sich, auch die „Bilderberger“ haben ihre Kraken-Arme in alle Richtungen ausgestreckt. Und für viele der Finanz-Ströme wurden in Davos die Richtungen vorgegeben.

  5. DasBrot sagt:

    Für das verhalten der EZB gibt es noch einen ganze einfachen Grund.
    Wer zahlt den diese Credit Default Swaps? (Stiglitz spricht es ja auch kurz an) Es sind die größten 5 US-Banken die Systemkritischen Charakter haben… Jedenfalls wenn man der Argumentation von diesem Mann hier glauben schenken will…

    http://www.metallwoche.de/jim-sinclair-die-drohende-nicht-erklarte-insolvenz-von-funf-systemrelevanten-us-banken/

    • Fred Feuerstein sagt:

      zu DasBrot:

      Genau dieser Jim Sinclair berichtete darüber. Weiter oben habe ich schon darüber geschrieben.

  6. mueller sagt:

    Mögen Sie Grafiken? go to:

    http://www.imf.org/external/np/pp/eng/2010/100410.pdf

    Cross-Border Exposures: Greece’s Interconnections (okt.2010)
    auf Seite 19!
    (zeigt die Verbindung zwischen Ländern auf, die in einer finanziellen Beziehung zu Griechenland stehen, und zeichnet die entsprechenden Geldströme nach)

    äh…was sind nochmal Schattenbanken?…..reusper…

  7. A. Brexler sagt:

    Dies spricht dafür, dass es illusorisch wäre, das Euro-EZB-System als Versuch zu sehen, Europa durch Aufbau einer eigenen Währung von den USA bzw. der Hochfinanz unabhängig zu machen. Vielmehr deutet diese Entwicklung darauf hin, dass die EZB dazu dient, Europa unter die Kontrolle der FED und der anglo-amerikanischen Hochfinanz zu bringen und auszubeuten.

    Es muss verhindert werden, dass die amerikanischen Großbanken die fälligen Versicherungsleistungen auszahlen müssen. In diesem Zusammenhang ist auch die Teilnahme des US-Finanzministers an den Krisentreffen der europäischen Finanzminister zu sehen.

    • Chris sagt:

      Noch so ein Verschwörer!

    • Fred Feuerstein sagt:

      zu A,Brexler:

      Du hast das 100 % ig richtig erkannt !

      Ergänzen möchte ich noch, dass diese 5 Banken ja auch Berater der einzelnen Länder (Parlamente) sind. Interessant, dass es ausschließlich diese sind, keine einzige andere Bank oder Beratungsfirma. Einer davon sitzt neben Frau Merkel, aber genauso wird die Slowakei (auch schon mit Drohungen), Ungarn (mit Drohungen), Rumänien, Cypern, usw. beraten. Als ich hörte, dass Draghi zur EZB, Monti in Italien, Papadopulos in Griechenland und der neue Chef in Spanien, Lohnempfänger dieser Banken waren und teilweise auch noch sind, war für mich klar, dass diese Bankster keine Geduld mehr hatten und ohne legitimation ihre Männer an die Schlüsselstellungen der Länder gebracht haben.

      So schaut´s aus ! Ich bin eben kein Verschwörer.

  8. Haikubehindert sagt:

    Stieglitz hat absolut Recht, der Drachen hat Bernanke im Rücken, und dieser die fünf wichtigsten CDS -Versicherungen -alle in den USA. Sollten die CDS beim default der Griechen nicht ausgelöst werden, dann tritt folgendes Scenario ein:

    CDS -Papiere werden in Zukunft das Geld von Investoren die in Staatsanleihen investieren nicht mehr genügend absichern. Da Griechenland ein kleines Land ist -und nicht einmal ein kleiner Fisch die Versicherung auslöst, wird das um so mehr für spanische und portugiesische CDS gelten.
    Zur Erinnerung: Die CDS sind nach dem sogenannten Nixon Schock geschaffen worden, also dem Bruch mit dem Bretton Woods System wo der US$ an Gold gebunden war. Vor diesem Nixon Schock erhielt man mit Bonds die Sicherheit über die Golddeckung einer Währung. Zur Finanzierung diverser Kriege musste die USA seinerzeit die Deckung aufgeben und Geld drucken -seither ist die Geldmenge in US$ (bzw. dessen innerer Wert) nicht mehr transparent. Als Ersatz für diese Transparenz wurde das CDS-System geschaffen -es würde im Prinzip den vom Markt errechneten Wert einer Staatsanleihe oder einer Firmenanleihe in einer Papierwährung garantieren.

    Wenn der Markt nun das CDS System aufgibt -infolge eines real existierenden Zahlungsausfalls einer Nation -die ISDA und die Politik aber behauptet es wäre kein Bankrott- dann könnte das Ende des Weltfinanzsystems mit Fiat Money -also das Vertrauen in Papiergeld mit einem Schlag verschwinden. Versicherungen die im Ernstfall nicht bezahlen müssen lösen kein Vertrauen, weshalb Billionen von Bonds abgestossen würden -innert Sekunden vermutlich. Da kein Käufer mehr vorhanden wäre, müssten die Notenbanken kaufen. Damit hätten wir dann endlich die Inflation -aber eben die Hyperinflation über Nacht -der Schrecken der Historiker und der Freund der Weltkriege.

    • Rico Coracao sagt:

      Die ISDA behauptet es wäre kein Bankrott, das haben die schon angekündigt! Ihre Prognose ist sehr interessant und so wird es wirklich kommen, eine Versicherung die nicht zahlt im Schadensfall (Griechenland) ist danach für immer wertlos, aber Bonds stabiler Staaten werden dann sicherlich auch ohne „Fallschirm“ gekauft..