Österreich: Schulschwänzen ist kein Kavaliersdelikt mehr

Die Regierung in Wien will die Strafen für das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht drastisch erhöhen. Schul-Schwänzen ist die Einstiegsdroge zum Ausstieg, hat eine Studie ergeben.

Österreich hat ein Problem im Fachkräftebereich. Eine der Ansätze kann, so hat nun eine Studie ergeben, der Bildungsbereich sein: „Um etwas leisten und seinen Weg in Österreich machen zu können, ist die Ausbildung entscheidend“, sagte Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz anlässlich der Präsentation der Studie. Kurz: „Und gerade hier haben wir die Probleme: Schulpflichtverstöße von schulpflichtigen Kindern im Alter von 6 bis 15 Jahren nehmen stark zu, 8.000 Schüler jährlich brechen die Schule ab, 75.000 Jugendliche sind ohne Ausbildung und Job. Wir investieren sehr viel Geld ins Reparieren dieser Probleme, tun aber wenig, um die Ursachen zu bekämpfen. Ich arbeite daher an Maßnahmen gegen die Ursachen: an einem Gesetz gegen Schulpflichtverstöße – auch Strafen, Maßnahmen gegen Schulabbruch sowie an einem offensiven Hausbesuchsprogramm für bildungsferne Migranteneltern, um Bildungsbewusstsein zu schaffen“, sagte Kurz.

Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hat daher in dem von der Regierung nun erarbeiteten Maßnahmenpaket gegen Schulpflichtverletzungen drakonische Strafen vorgesehen. Es soll eine Verdoppelung der Strafen für das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht geben – von derzeit 220 auf 440 Euro geben.

Dennoch will es die Regierung nicht bei Strafen belassen. Menschen mit Migrationshintergrund, sowohl in bildungsnahen als auch in bildungsfernen Familien, sind sehr an Bildung und Bildungsaufstieg interessiert, gleichzeitig fehlt ihnen oft das Wissen um das Funktionieren des Bildungssystems, insbesondere, dass Bildungserfolg im österreichischen Bildungssystem die Mitwirkung der Eltern und Familie voraussetzt. Dies zeigt die Pilotstudie, die vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) im Auftrag der Industriellenvereinigung (IV) gemeinsam mit den Kooperationspartnern Integrationsstaatssekretariat im Bundesministerium für Inneres, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) und der Caritas Österreich mit Unterstützung der ERSTE Stiftung durchgeführt wurde. Im Rahmen der empirischen Untersuchungen, beruhend auf Interviews mit Expertinnen und Experten aus Schule und Jugendarbeit sowie Gruppengespräche mit Jugendlichen zum Thema Bildungserfolg in der Migration, zeigt sich auch, dass sich traditionelle Geschlechterrollenbilder eher negativ auf den Bildungsaufstieg auswirken – dies sowohl bei jungen Männern, als auch bei jungen Frauen. Darüber hinaus ist ein weiteres Kernergebnis, dass vor allem bei jungen Männern das „Schulschwänzen“ äußerst bildungsschädlich ist, da die Schulabstinenz den „Einstieg in den Bildungsausstieg“ darstellt.

Die Handlungsempfehlungen des Studienautors Prof. Bernhard Perchinig liegen daher in der Schaffung eines verbesserten Schnittstellenmanagements und in der Einrichtung eines schultypen- und berufsübergreifenden, individualisierten Bildungscoachings, in der Elternarbeit und darin, einen besseren rechtlichen Rahmen für Schulabsentismus zu finden.

Hinsichtlich der Elternarbeit empfiehlt Perchinig, die Eltern über die Funktionsmechanismen und den Aufbau des österreichischen Bildungssystems besser zu unterrichten. Aufsuchende Elternarbeit solle darüber hinaus die Geschlechterrollenbilder in der Erziehung thematisieren. Das individualisierte Bildungscoaching sollte von Schnittstellenmanagern im Rahmen eines schultypen- und berufsübergreifenden Bildungscoachings erfolgen. Diese Schnittstellenmanager sollten ab der Sekundarstufe I Kinder und Jugendliche über Bildungswege und Berufsausbildungen informieren und mit ihnen gemeinsam Bildungspläne ausarbeiten. Wesentlich sei dabei, dass der Bildungscoach den Übertritt in die Sekundarstufe II begleite und als Ansprechperson so lange zur Verfügung stehe, bis der/die Jugendliche eine gefestigte Position in der jeweiligen Bildungseinrichtung erarbeitet habe. Durch den Aufbau einer langfristigen Beziehung zu einer Person sollte insbesondere auch die Resilienz der Jugendlichen gefördert werden, so Perchinig. Als Maßnahme zum Thema Schulabsentismus wird die verpflichtende Einschaltung von Schulsozialarbeitern nach mehrmaligem, unentschuldigtem Fernbleiben von der Schule angeregt.

Die Industriellenvereinigung sieht ihrerseits die Notwendigkeit verstärkt in die Präventionsarbeit zu investieren, um Bildungsabbrüche gerade dort zu vermeiden, wo es nur um Mangel an Informationen, um Bildungswege und Berufsorientierung geht und regt die Schaffung eines Buddy-Systems sowie ein individuelles Kompetenz-Portfolio für Jugendliche an. Es müssen die bereits vorhandenen Qualifikationen junger Erwachsener mit Migrationsgeschichte hervorgehoben werden.

Kommentare

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  1. hugin sagt:

    LESE-SCHREIBE-RECHNEN-DEFIZIT
    Lesen kann man in der Schule nicht wirklich lernen. Lesen lernt man nur durch lesen !
    Wer nicht sinnerfassend lesen kann, hat einen kleinen Wortschatz, Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung, Verfassung eines Schriftsatzes und kann sich kaum weiterbilden.
    Auch die Grundrechnungsarten und das Kleine 1×1 wird oft nicht beherrscht. Die Kids verbringen mindestens ein Drittel des Tages mit SMS senden und empfangen, Comuterspielen, telefonieren, Internet und Fernsehen. Da bleibt keine Zeit zum lernen oder ein Buch zu lesen. Die wichtigsten Sorgen sind: Wann ist das nächste Event, wo ist das nächste Clubbing ? Das alles in Summe zusammen mit Abbruch der Schule und Berufsausbildung führt direkt in die Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe. In der Vergangenheit hat es noch nie eine derartige Bildungsferne gegeben! Wird das von der Polirtik gefördert? Noam CHomsky: „Die breite Masse soll nur eine einfache Bildung erhalten, damit si die Zusammenhänge nicht begreifen kann“.

    • Jean Pierre sagt:

      Das ist ziemlich weiter hergeholt, Ihre Ansichtsweise wirkt ziemlich Fehlerhaft , ich hoffe Sie sind nicht tatsächlich davon überzeugt.

  2. Himmelachtungperkele sagt:

    Vielleicht sollte man auch die Schule mal etwas realitätsnäher gestalten. Das einzig nachhaltige, was man dort lernt, ist Lesen, Schreiben und das kleine Einmaleins. Viele Dinge die man sonst dort so lernt, sollte man am besten schnell wieder vergessen. Andererseits ist es natürlich auch klar, dass junge Menschen von klein auf, im Sinne dieser degenerierten Gesellschaft indoktriniert werden sollen. Eine wichtige Grundlage dafür ist nach wie vor der Schuldkomplex, der jedem hier früher oder später antrainiert werden muss. Deswegen haben wir als „Mehrfach-Tätervolk“ ja auch so eine herausragende Verantwortung, damit der europäische Gedanke nicht zerfällt…blabla…

  3. Karunga sagt:

    @ Marvin:
    Natürlich ist das blos augenauswischerei…
    Die Wirtschaft beklagt sich im Halbjahrestakt, dass es keine Fachkräfte gibt. Die Firma Siemens erdreistet sich sogar zu behaupten, sie würden so dringend suchen, sie würden sogar Leute direkt aus einer techn. Schule aufnehmen und einschulen. Ein entsprechender Zeitungsartikel war mitte 2011 in der guten Krone geschalten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mit abgeschlossener HTL und 4 Jahren Berufserfahrung in GENAU DEM BEREICH mehrere offene Bewerbungen bei Siemens die nicht einmal beantwortet wurden.

    Nein, man macht das nur, damit man sich vom Staat Österreich lecker Subventionen holen kann, unter dem Vorwand der Standort sei so unattraktiv.

    Weiters ist eine höhere Bestrafung net sinnvoll. Ja fein, dann sitzen die Leute halt ihre Zeit in der Klasse ab und tratschen, stören den unterricht usw. Es geht ja nur um Anwesenheitspflicht. In meiner HTL gab es seiner Zeit eine reine Repidenten-Klasse.
    Also ein Raum mit 25 Leuten, die alle die selbe Schulstufe wiederholen –> was glaubt ihr wie toll man dort unterrichten kann.

    Weiters seht euch bitte mal an wer aller für die oben genannte Studie mitbezahlt hat:
    „[…] Dies zeigt die Pilotstudie, die vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) im Auftrag der Industriellenvereinigung (IV) gemeinsam mit den Kooperationspartnern Integrationsstaatssekretariat im Bundesministerium für Inneres, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) und der Caritas Österreich mit Unterstützung der ERSTE Stiftung durchgeführt wurde.[…]“
    Die Studie spiegelt natürlich die Interessen eben der Auftraggeber wieder und ich werde sehr sehr misstrauisch wenn ich die Industriellenvereinigung auch nur sehe.

    mfg

  4. Freiheit sagt:

    Klar muß man die Jugend bei Strafandrohung zwangsindoktrinieren, sie könnten ja anfangen, selbst zu denken.

  5. Marvin sagt:

    Klingt irgendwie erschreckend, was die in Österreich vorhaben. Gibt es denn in Österreich Arbeit für wirklich alle Leute und lediglich die Schulschwänzer bekommen keine? Ich kann mir nicht denken, dass die österreichische Regierung mit genauso harten Maßnahmen an die österreichischen Arbeitgeber herantreten würde und Strafen verhängen, wenn diese nicht zu den in den Schulen erarbeiteten Bildungsplänen passende Arbeitsplätze schaffen. Was ich genauso ablehnen würde wie die Einmischung bis in die Familie hinein. Aber Regierungen haben ja leider die Angewohnheit sich in alles einzumischen und für (fast) alle verpflichtende alternativlose Systeme aufzubauen und damit erst recht alles zu verschlimmern.

    Gerald Hüther meint: „Schule produziert lustlose Pflichterfüller“. Genau das wollen faschistische Regierungen ja auch. http://derstandard.at/1334368981969/Hirnforscher-Schule-produziert-lustlose-Pflichterfueller

  6. Kompetenzencoach sagt:

    In Österreich steht seit Jahrzehnten eine Bildungs- resp. Schulreform dringend an. In diesem Land hat sich seit Einführung der Schulpflicht durch Kaierin Maria-Theresia im Pflichtschulbereich wenig geändert. Ein kürzlich durchgeführtes Volksbegehren zu einer Bildungsreform (initiiert von Altfinanzminister Dr. Androsch) wird durch politische Akteure – allen voran die Vertreter der ÖVP – trotz hoher Beteiligung schlichtweg ignoriert!

    Sebastian Kurz: haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob ebenso viele Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fernblieben, wenn der Besuch desselben mehr Freude, mehr Sinn und nachhaltigere Erbenisse liefern würde? Wahrscheinlich wäre der Konsum von Psychoharmaka durch Lehrpersonal und auch Schülern erheblich weniger! Die ÖVP sollte endlich einsehen, dass es an der Zeit ist, Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen und nicht zu „disziplinierten Soldaten“ – was die ursächliche Absicht von Kaiserin Maria-Theresia war!

    • Zraxl sagt:

      Werte/r Kompetenzcoach, Sie betreiben hier billige Parteipropaganda. Es gibt in Österreich politische Akteure, die verhindern wollen, dass es weiterhin sehr gute öffentliche Schulen, wie z.B. Gymnasien, gibt. Stattdessen soll ein Gesamtschulmodell eingeführt werden, das sicherstellt, dass niemand mehr die Chance auf gute Bildung hat, der nicht teure Privatschulen bezahlen kann. Es ist kein Zufall, dass insbesondere Politiker der linken Parteien, die so vehement für die Gesamtschule eintreten, ihre eigenen Kinder in die teuersten Privatschulen schicken.

      Die schrecklichen Ergebnisse, die manche Bildungstests, wie z.B. die Pisa-Studie aufzeigen, kommen nicht durch die guten Gymnasien zustande, sondern sind das Resultat von städtischen Hauptschulen mit einem Migrantenanteil von bis zu 100%.

      • Victoria Tausch sagt:

        Gegen die Gesamtschule sprechen sich nur diejenigen aus, die nicht über den Status quo hinausdenken können oder wollen. Eine Gesamtschule ist keine Fortschreibung der jetzigen Situation, sondern im Endausbau als gemeinsame, ganztägige und vollkommen neu organisierte und stukturierte Schule, die starke Schüler fordert und schwache fördert. Eine Schule, die einen verschränkten Unterricht vorsieht und allen dient. Eltern müssen sich nicht mehr mit Hausaufgaben plagen, denn die sind bereits unter Hilfe – sofern nötig – gemacht, Kinder haben wirklich Freizeit, wenn sie nach Hause kommen . . . und sie können sich ihren Fähigkeiten entsprechend weiter entwickeln.
        Auf dem Status quo zu bestehen, heißt die Misere fortzuschreiben. Die Frage ist wer will das? Systembewahrer, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen oder können. „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“, heißt ein chinesisches Sprichwort.

        • Zraxl sagt:

          „…und wer das nicht weiß, der ist dumm. Bumm!“ So argumentiert der Frosch im „Kleinen Ich bin Ich“, für eine Diskussion über Schulsysteme ist derlei Begründung etwas dürftig. Konkrete Fragen: Warum schicken rote und grüne Politiker (auch die Parteichefs!) ihre Kinder in Privatschulen? Warum schafft man justament jene Schulform ab, die bei sämtlichen Bildungstests die besten Ergebnisse liefert?

          Stattdessen wird mit einer nebulosen „strukturierten integrierten Gesamtschule“ argumentiert, die weder bezahl- noch administrierbar ist. Nein, ein hochbegabtes Kind ist in einer Schule, in der 80% der Kinder nur notdürftigstes Deutsch sprechen und jedes andere Kind verprügeln, das sich nur irgendwie für den Unterricht interessiert, fehl am Platz. Das können auch tausen Psychologen je Schule nicht ändern.

          Kinder brauchen eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entfalten und soziale Kontakte nach eigenem Wunsch aufzubauen. Und Kinder brauchen Eltern! Diese sozialistischen Kasernierungsphantasien sind ein Verbrechen an den Kindern.

  7. G.N. sagt:

    Ich galube nicht, dass das Schulschwänzen so schädlich ist, wie hier angesprochen.

    Wir haben auch damals die Schule geschwänzt. Um ehrlich zu sein, zwei Jahre vor dem Abitur musste unsere Klasse wegen Schwänzens das Klassenbuch verschwinden lassen, sonst wäre die Hälfte der Schüler erst gar nicht zum Abi zugelassen worden!
    Und dennoch haben wir hinterher studiert und sind „etwas“ geworden.

    Auch unserer Kinder waren keine Heiligen.
    Hier spielte vor allem der „Frust“ mit den „doofen Eltern“ und -Drogen- eine erhebliche Rolle. Manche Schüler machten auf Umwegen ihr Abitur, sind heute erfolgreiche studierte Leute oder haben nach einer Lehre ins Berufsleben gefunden und stehen „gut“ da.

    Es ist der Zeitgeist einer jeden Generation, die jungen Menschen müssen sich erst finden und „freistrampeln“. Da muss man nicht immer gleich zu drakonischen Maßnahmen greifen, sondern die Jugendlichen behutsam führen, für sie da sein, ihnen Hilfen anbieten, ihnen auch das vorleben, was man bei ihnen selbst erreichen möchte, anstatt den eigenen Egoismus ständig in den Vordergrund zu stellen und die Kinder zu „Schlüsselkindern“ zu machen! Das kostet viel Einsatz und VERZICHT!

    Meiner Ansicht nach widerspricht sich auch die Behauptung, dass Menschen mit Migrationshintergrund, sowohl in bildungsnahen als auch in bildungsfernen Familien, sehr an Bildung und Bildungsaufstieg interessiert sind.

    Ich kenne junge Migranten, die hier ihren Weg machen. Die kommen ausschließlich aus bildungsnahen Familien.
    Bildungsferne Migranten sind offensichtlich auch vor allem solche, die sich hier eben NICHT integrieren und schon gar nicht assimilieren wollen. Machen wir uns nicht ständig etwas vor und reden uns das Problem schön!

    Es sind genau diese integrationsfeindlichen Gruppen und Jugendlichen sowie ihre Eltern, die sich und uns das Leben schwer machen und in Zukunft höchstwahrscheinlich zu einem gefährlichen Pulverfass werden können!