Datenschützer warnen vor Buch-Gutscheinen für Kinder

Die Bertelsmann-Tochter InmediaOne verteilt über Schulen gezielt Gutscheine an Kinder, um an deren Daten zu kommen. Im Gegenzug dafür erhalten diese ein Buch und weitere Werbung. Doch nicht nur datenschutzrechtlich ist dies fragwürdig. Datenschützer kritisieren vor allem die Rolle, die Schulen dabei spielen.

Wenn es um die eigenen Rechte geht, sind Verlage sehr streng und kaum nachgiebig. Erst am Freitag verabschiedete der Bundestag das so genannte Leistungsschutzrecht. Demnach dürfen Suchmaschinen und Nachrichten-Anbieter nur mehr stark verkürzte Texte ohne weiteres publizieren. Ansonsten müssen diese zukünftig Lizenzgebühren an Presseverlage bezahlen. Wie genau dies umgesetzt werden soll, ist jedoch noch unklar. In jedem Fall pochen die Verlage damit auf ihr Urheberrecht. In Sachen Rechte bei der Aggregation von Daten nehmen es die Verlage jedoch nicht immer so genau, wie sich bei der Bertelsmann Tochter InmediaOne zeigt.

Seit Jahren erhalten Kinder an unterschiedlichen Schulen deutschlandweit so genannte Gutscheine der Firma. Die Eltern müssten lediglich die Daten ihrer Kinder auf dem Gutschein ausfüllen und ihn zurücksenden, dann erhalten die Kinder ein kostenloses Buch. Damit verschafft sich Bertelsmann über InmediaOne tausende Datensätze von Kindern und kann diese wiederum für Werbezwecke nutzen.

Wie Bertelsmann den Deutschen Mittelstands Nachrichten bestätigte, werden Daten die der Kinder gespeichert. Durch die Unterschrift der Eltern auf dem Gutschein geben selbige quasi auch die Zustimmung zur Kontaktaufnahme per Telefon. Dass es sich bei den so gesammelten Daten um die Daten von Kindern handelt, spielt für Bertelsmann keine Rolle. Da die Adressdaten der Kinder denselben Datenschutzkriterien wie alle Adressen unterliegen würden. „Und wir behandeln die Daten selbstverständlich sehr sorgsam“, so Bertelsmann. „Wir sprechen im nächsten Schritt ja die Eltern an, nicht die Kinder“. Die Daten der Kinder würden dann „unseren Verlagspartner für die Terminierung zur Verfügung gestellt, um im Direktvertrieb unsere Bildungsprodukte vorzustellen“. Diese würden dann die Familien kontaktieren, so Bertelsmann. An Dritte würden die Daten jedoch nicht weitergegeben, so Bertelsmann.

Mit den Gutscheinen ködert Bertelsmann die Eltern der Kinder und bringt diese so dazu, die Daten ihrer Kinder herauszugeben. Daten, die normaler Weise schwer zugänglich sein sollten. Die Datenschutzbeauftragten Nordrhein-Westfalen haben bei ihrer letzten Überprüfung der Gutschein Aktion 2011 „im Ergebnis keine datenschutzrechtlichen Fehler festgestellt“, teilten sie den Deutschen Mittelstands Nachrichten mit.

Anders hingegen sieht es der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Thilo Weichert. Er kritisiert, dass Bertelsmann nicht klar angebe, wer die so genannte „Verlagspartner seien“. Aber auch die Äußerung Bertelsmanns, die Daten würden genutzt‚ um im Direktvertreib die eigenen Bildungsprodukte vorzustellen, sei „an Unbestimmtheit kaum zu überbieten“, sagte Weichert den Deutschen Mittelstands Nachrichten. „Wenn dann die Rede davon ist, dass die ‚Familien kontaktiert‘ werden, kann das bis zum belästigenden Hausbesuch gehen“, sagt Weichert. Darüber hinaus sei die Aussage, die Daten würden nicht verkauft, „Augenwischerei“. Die „Weitergabe der Daten an die Verlagspartner passiert bestimmt nicht für lau und reinem Informationsinteresse“, so Weichert. Denkbar sei außerdem, dass die Daten zwar nicht verkauft, aber eben vermietet würden, „also nur für die Werbungsversendung im Auftrag genutzt werden“.

Im Gespräch mit der entsprechenden Aufsichtsbehörde in Baden-Württemberg kam es hinsichtlich der Gutscheine noch zu einem weiteren fragwürdigen Aspekt bezüglich der Gutschein-Aktion. Wenn die Schule diese Gutscheine an Kinder verteilt, so Peter Diekmann, der stellvertretende Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, „gibt es immer einen gewissen Anteil von Eltern, die dann denken, die Schulen würden diese Gutschein-Aktion bzw. die angebotenen Bücher empfehlen“. Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang auch, dass die Gutscheine sogar einen Schulstempel aufwiesen.

Bei Gutscheinen, die in Baden-Württemberg an Schulden ausgegeben wurden, sollten die Eltern außerdem das entsprechende Unterrichtsfach, das für ihre Kinder interessant sei, ankreuzen und wurden darum gebeten, den Gutschein zeitnah in der Schule abzugeben. Hier sieht Peter Diekmann eine weitere Problematik. Auf den Weg Bertelsmanns über die Schule ist seiner Meinung nach das Interesse zu richten. Dadurch, dass die Eltern bzw. Kinder die Gutscheine wieder in der Schule abgeben sollen, fungiert die Schule quasi als Adressensammler für Bertelsmann – sie ist der Vermittler. Für Diekmann ist „sehr zweifelhaft“, ob dies schulrechtlich überhaupt abgedeckt ist. Fraglich sei, inwiefern es dem Auftrag der Schulden entspreche, für alle auf dem Markt der Vermittler zu sein, die Verlage somit quasi „auf elegante Weise mit Daten zu versorgen“, sagte der stellvertretende Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg.

Dementsprechend läge es nicht nur im Aufgabenfeld der Datenschutzbeauftragten, diese Aktionen zu überprüfen, sondern vor allem auch im Bereich der Kultusministerien der entsprechenden Länder, so Diekmann. Da die Aktion von InmediaOne jedoch schon seit mehreren Jahren laufe, in Bayern beispielsweise seit 2009, „stützen sich scheinbar verschiedene Verlage darauf, dass dies schulrechtlich vereinbar sei“, sagt Diekmann. Er als Datenschutzbeauftragter äußert jedoch massive Zweifel, dass dies dem Auftrag der Schulen entspreche. Ein entsprechender Ansprechpartner im Kultusministerium Baden-Württembergs hat auf eine Anfrage der Deutschen Mittelstands Nachrichten bisher nicht reagiert.

Kommentare

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  1. Manuela Hahn sagt:

    Problematisch soll im Zusammenhang mit dem Gutschein wohl das Sammeln der Daten sein und die Besuche oder Anrufe der Bertelsmann Vertreter.
    Wer heutzutage noch auf Vertreter, sei es am Telefon oder im eigenen Wohnzimmer hereinfällt, ist vielleicht auch ein klein wenig selber schuld.

  2. Alfons sagt:

    Das kann nur ein Witz sein.
    Während zur gleichen Zeit die GEZ zum Nachfolger der STASI erweitert wird, mit unbegrenzten Vollmachten zur Datensammlung, kümmert sich ein „Verbraucherschützer“ um die armen Kindchen.
    Entweder ist das bewußte Verarschung oder der Mann hat ein Problem mit seinem geistigen Horizont.

    • Liz Mohn Stasi sagt:

      Bertelsmann gehört eben zu dieser Stasi. Liz Mohn nährt jene Frau, welche den Stasi-Staat hier eingeführt hat, an ihrem Busen. Konzerne wie der Springer-Verlag oder Bertelsmann, werden die zukünftigen Regime-Medien stellen!

  3. Durchblick sagt:

    Bertelsmann fungiert mittlerweile in allen Bereichen, sei es Wirtschaft, Politik, Bildung etc. Dieser Konzern mutiert mittlerweile international zu einer Riesenkrake, was meiner Meinung nach sehr bedenklich (gefährlich) ist.

  4. frame sagt:

    Laut Ivan Illitsch dient die Schule grundsätzlich zu Konditionierung der Kinder auf
    die „Tatsache“, daß die Gesellschaft so sein müsse wie sie ist. Vielleicht hat
    Wissensvermittlung irgendwann in grauer Vorzeit einmal zu deren Aufgaben
    gehört – aber das ist lange vorbei.

    So gesehen muß sich keiner über die Schulen und den Leerkörper [sic] verwundern.
    Sie erfüllen ihre Aufgabe, wenn auch, im Gleichklang mit der Regierung, entgegen
    unseren eigentlichen Interessen.

  5. zisch sagt:

    Nicht nur Schulen sind betroffen, die fangen schon in Kindergärten an.

  6. ratlos sagt:

    Eine interessante Neuerscheinung, die schon jetzt für viel Furore sorgt, ist das Buch von Heiko Schrang: DIE JAHRHUNDERTLÜGE, DIE NUR INSIDER KENNEN. Kenner der Szene rechnen mit einem Verbot des Buches, kein Verlag wollte es verlegen! Ich hab mir mein Exemplar ergattert! http://www.macht-steuert-wissen.de/shop/kaufen.php