Weniger Wald und mehr Verkehr sollen Wachstum sichern

In Kanton Bern soll ein Teil des Waldes für Wohnungen gerodet werden. Zugleich fordern Ökonomen, mehr Geld in Infrastrukturprojekte zu investieren. Die Schweiz müsse wachsen. Einen Gegenentwurf gibt es auch. Der treibt jedoch die Benzinpreise in die Höhe.

Immer mehr Menschen leben in der Schweiz. Durch Zuwanderung und Geburtenüberschuss bekommt die Schweiz 100.000 neue Einwohner pro Jahr. Die Bevölkerung wächst stetig und wird im Jahr 2035 die zehn Millionen Einwohnergrenze überschreiten. Das bringt Herausforderungen in der Städteentwicklung und der Verkehrspolitik mit sich. Unterschiedliche Konzepte lassen erkennen, dass es in der Schweiz grundlegende Veränderungen geben wird, um diese Herausforderungen zu meistern.

Der Wohn- und Lebensraum in der Schweiz ist begrenzt. Der Regierungspräsident des Kantons Bern, Christoph Neuhaus, fordert daher eine „Flexibilisierung der Waldfläche. Man muss sich überlegen, ob der Kanton Bern die 700 Hektaren Wald, die in den letzten zehn Jahren zusätzlich wuchsen, kompensieren kann, sagte Neuhaus einem Bericht von Sonntag Online zufolge. Ein Teil des Waldes  im dicht besiedelten Mittelland, solle für neue Wohn- und Arbeitsviertel gerodet werden.

In den nächsten 20 Jahren werden 1,3 Millionen neue Wohnungen gebraucht. Viele Schweizer sind für den Bau neuer Hochhäuser. Mit den Einwohnerzahlen steigt auch das Verkehrsaufkommen. Wirtschaftsvertreter wollen das Straßennetz ausbauen. „Es braucht deutlich mehr Kapazitäten, auch bei den Autobahnen. Es braucht mehr Parkplätze“, sagte Morten Hannesbo, Chef der Amag-Gruppe. „Die Schweiz wächst, die Bevölkerung wächst, die Wirtschaft wächst“, der Ausbau des Straßennetzes dürfe daher nicht gebremst werden. Die Schweiz müsse das Wachstum umarmen.

Ganz anders sehen das die Vertreter alternativer Verkehrskonzepte, die im Richtungsstreit um die Entwicklung des Landes für den Erhalt Schweizer Waldflächen plädieren.

Wie etwa ETH-Professor und Verkehrsexperte Anton Gunzinger. Mobilität soll verteuert werden, um das Verkehrsvolumen zu reduzieren: In diesem System (Mobility Pricing) zahlen die Verkehrsteilnehmer die vollen Kosten oder einen größeren Anteil als bisher. Eine Reduzierung des Betrages von 3.000 auf 800 Franken, die Pendler von den Steuern abziehen können, ist jedoch im Parlament gescheitert.

„Die Mobilität macht inzwischen 40 Prozent des Energieverbrauchs in der Schweiz aus“ sagte Günzinger dem Tagesanzeiger. „Wir müssen das System umkehren, also jene belohnen, welche die Ressourcen schonen. „Die Automobilität ist der größte Landverbraucher der Schweiz.“

Die Fläche für Infrastruktur beanspruche drei Mal so viel Platz wie die Wohnfläche der Schweiz. Der öffentliche Verkehr wächst überdurchschnittlich, der motorisierte Individualverkehr behält aber seine dominante Stellung. Die Staus in der Schweiz kosten jährlich 1,2 Milliarden Franken. Im Kanton Zürich werden sich die Kosten bis 2025 mehr als verdoppeln. Pro Jahr fließen 4,5 Milliarden Franken in neue Infrastrukturprojekte, die Unterhaltungskosten betragen 3 Milliarden Franken. Das ist deutlich zu viel für Gunzinger.

Den Systemwechsel hält er für möglich, weil die Autofahrer überwiegend kurze Strecken zurücklegen. Solche „Entfernungen lassen sich problemlos zu Fuß, per Velo oder mit dem ÖV zurücklegen.“ Die Politiker dürften keine Angst davor haben, abgewählt zu werden. Wegen des maßlosen Verhaltens würden nachfolgende Generationen „uns deshalb dereinst als dekadente Schweine bezeichnen“, so Gunzinger.

Parkplätze sollen reduziert werden, Betriebe sollen helfen, vom Dogma Autofahren wegzukommen. Die Fahrzeugsteuer soll auf den Benzinpreis umgelegt werden. Unfallkosten und Kosten für die Kantonalstraßen ebenso. Kantons- und Gemeindesteuern sinken. Bis 2020 sollen eine Gemeingutabgeltung für Raum Lärm an alle Einwohner zurückerstattet werden. Das alles führt jedoch zu einem Anstieg des Literpreises für Benzin um das Fünffache, auf etwa zehn Franken. Der Preis für Bahnfahrten würde sich verdoppeln.

Wie die Schweiz in Zukunft aussehen soll, ist unklar. Die Debatte um die Entwicklung des Landes ist aber im vollen Gange.

Kommentare

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  1. Edith sagt:

    »Verbindliche Geburtenregelungen weltweit einführen«

    Es sollte endlich eine Vereinbarung zwischen allen Ländern getroffen werden, in der festgehalten wird, wie die „geeignete Bevölkerungsdichte“ unter Einbeziehung welcher Einflussfaktoren zu ermitteln ist, um allen Menschen weltweit eine Antwort auf die Frage geben zu können: Wie viele Menschen können in jedem einzelnen Land menschenwürdig ernährt werden und in Frieden und Harmonie wachsen und werden?

    Überbevölkerung ist die Unfähigkeit
    auf individuelles Leid angemessen zu reagieren.
    Das wirkt – nachhaltig!

    Deswegen unterstütze ich die Petition zur Einführung rigoroser Geburtenregelungen weltweit und erhoffe mir Aufklärung und mehr Menschlichkeit – sprich: mehr liebevolles Miteinander – weltweit: http://chn.ge/15QMPEZ

    P.S. Bitte beachten Sie auch die Petition Weltweite Ächtung und Aufhebung der Folter und Todesstrafe: http://tinyurl.com/q3fx8zu

  2. Werner sagt:

    Will die Schweiz wirklich die Fehler anderer wiederholen? Schade, hatte die Schweizer für schlauer gehalten.

  3. Hülsensack sagt:

    Na, es wurde aber auch Zeit, das man in der Schweiz erkennt, daß die Bäume im Weg der Gewinnmaximierung stehen.
    Bohrt noch ein paar Löcher durch die Berge, damit mehr Kutschen auch dieses Land eventuell „reicher“ machen. Irgendwann wird man dann feststellen, was man doch versaut hat mit derartigen Entscheidungen. Oder hat man in der Schweiz erkannt, daß es kein Waldsterben gab und gibt, wegen so ein paar Benzinkutschen mehr?

  4. Hans von Atzigen sagt:

    Der Schweiz droht zu gegebener Zeit der Erstickungstod. Ursache masslose innere Überdehnung. Spätestens mit einem Globalen Wirtschaft, s Ein bis Zusammenbruch geht es ganz massiv ans Eingemachte.

  5. DirtyDickDaddy sagt:

    Den letzten „Lebensraum“ vernichten und zubetonieren, so ist’s recht. Schön wird’s werden, in der neugeschaffenen „Dahinvegetiermetropole“, wo nur noch verkeimte Moskitos und Schmeißfliegen den sommerlichen Eiscafé-Besuch an der feinstaubbelasteten Hauptverkehrsstraße stören. Der emotional und geistig verarmte Humanoid wird sich wohlfühlen, in einer Welt, die seine innere Kälte und Leere wiederspiegelt. Die Träume wird das TV-Programm besorgen, die Sinnfreiheit kompensiert man mit Konsum, Psychopharmaka und Drogen. Vergesst bitte nicht, eifrig Kinder zu zeugen, schließlich wollt ihr doch jemandem zeigen, wie weit ihr es gebracht habt – mit eurem Hirn! 🙂