Unternehmen tragen keine Schuld am Rückgang der Investitionen

Nicht die hohen Lohnkosten und die Wettbewerbsbedingungen sind verantwortlich für die schwache Investitionsentwicklung in Deutschland. Eine Studie wirft ein neues Licht auf die Investitionen der öffentlichen Hand. Diese sind im Bausektor nach der Wende deutlich zurückgegangen. Auch der Wohnungsbau wird durch den Staat beeinflusst und lässt Zweifel an der weit verbreiteten Meinung zu, Unternehmen würden Investitionen scheuen, weil sich das für sie nicht lohne.

Standortfaktoren sind nicht in erster Linie verantwortlich für die Investitionsschwäche in Deutschland. Bei Investitionen müsse man nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Ausgaben des Staates zusätzlich berücksichtigen, sagen Sebastian Dullien und Mark Schieritz in einer wissenschaftlichen Studie zum Thema, die in der Zeitschrift Wissenschaftsdienst veröffentlicht wurde.

Untersucht wurde der Zeitraum von 1995 bis 2010. Hohe Arbeitskosten und ein harter wirtschaftlicher Wettbewerb seien die Hauptursachen dafür, dass die Unternehmen Investitionen scheuten und sich das Wirtschaftswachstum bis zum Höhepunkt der Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 schwach entwickelt habe, so die weit verbreitete Meinung.

Isoliert betrachtet liegt das Niveau der Ausrüstungsinvestitionen der deutschen Unternehmen aber über dem EU-Durchschnitt und deutlich über vergleichbaren Ländern wie Spanien (siehe Grafik 1). „Die relative Schwäche der deutschen Investitionstätigkeit im europäischen Vergleich geht also nicht auf eine Schwäche bei den Ausrüstungsinvestitionen, sondern ausschließlich auf eine Schwäche im Wohnungsbau und im Bau insgesamt zurück“, schreiben die Autoren in ihrer Studie. Gesamtwirtschaftliche Investitionen bestünden nicht nur aus den Unternehmensinvestitionen, die direkt auf Rentabilität und möglicherweise Lohnkosten im Inland reagierten, sondern auch aus öffentlichen Investitionen und privatem Wohnungsbau.

Brutto- und Nettoinvestitionen des Staates sind im europäischen Vergleich niedrig (siehe Grafik 2). In Frankreich und Spanien liegt die Quote deutlich höher, in Deutschland liegt sie weit unter dem Durchschnitt der Eurozone. Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei den Wohnungsbau-Investitionen ab (Grafik 3).

Eine Ursache der Wohnbauschwäche ist der Abbau von Subventionen, wie er sich durch den Wegfall der Eigenheimzulage äußert. „Insbesondere im Osten Deutschlands hatten Förderprogramme wie die Sonderabschreibungsregeln und die Investitionszulage zusammen mit dem erheblichen Sanierungsbedarf einen Bauboom ausgelöst, der massive Überkapazitäten entstehen ließ“, so die Autoren. Als Folge davon brachen die Bauinvestitionen ab Ende der 1990er Jahre regelrecht ein.

Erwartungen, dass die deutsche Wirtschaft von der Vertrauenskrise der Finanzmärkte in die Euro-Peripherieländer profitiere und dies positive Folgen für die deutsche Investitionsdynamik haben werde, erscheinen problematisch. Es sei „zu erwarten, dass die Krise in der europäischen Peripherie mittelfristig gesamtwirtschaftlich für Deutschland eher belastend wirkt. Über kurz oder lang wird die schwächere Exportnachfrage aus den Krisenländern auch die deutsche Exportindustrie belasten“, schreiben Dullien und Schieritz.

Die angebotsseitige Unternehmenspolitik der Bundesregierung in den letzten Jahren muss angesichts dieser Analyse infrage gestellt werden. Denn wenn nicht allein die Ausrüstungsinvestitionen für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich sind, dann sind auch durch die investitionsfördernde Politik wenige Anreize für die Wirtschaft zu erwarten.

Denkbar ist, dass eine etwas stärkere Lohnentwicklung weit weniger negative Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit der Unternehmen haben könnte, als dies bislang angenommen wird. „In dem langen Zeitraum gab es Phasen, in denen die deutschen Lohnstückkosten deutlich über jenen der Partner lagen, als auch Phasen, in denen Deutschland hoch wettbewerbsfähig war.“ Wäre diese relative preisliche Wettbewerbsfähigkeit ein wichtiger Bestimmungsfaktor für die Unternehmensinvestitionen, sollte eigentlich das Gegenteil erkennbar sein.

„Betrachtet man Investitionen insgesamt in der üblichen Abgrenzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, könnten sogar höhere Lohnsteigerungen zu mehr Investitionen führen.“ Plausibel sei das im Bausektor, sagen die Wissenschaftler. Für Gegner der Einführung eines Mindestlohns kommt diese Nachricht ungelegen. Wirtschaftsvertreter lehnen höhere Löhne ab.

Kommentare

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  1. Miesmacher sagt:

    Die kleinen Leute haben weniger in der Tasche, damit die Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt im Konkurrenzkampf mit Niedriglohnländern wie China ! China produziert nicht nur Billigware für den Massen- Konsum in den USA und Euroland , sondern auch Hoch-Technik-Produkte. (Alternative Energien, Autos, Wehrtechnik etc.) Hier entsteht das Problem für die BRD. Made in Germany ist nicht billig zu haben, Made in China schon! Nur das Preis-Leistungsniveau ergibt den Vorsprung! Trotzdem ist die Lohnkostensenkung auf Dauer für den Konsum im Inland kontraproduktiv! Dort fehlt dann die Kaufkraft der Massen! Ein Teufelskreis!

  2. c-nes sagt:

    Wirtschaftsvertreter lehnen nicht höhere Löhne ab, sie lehnen es ab Löhne oberhalb der Wertschöpfung zu zahlen.

  3. Stefan Wehmeier sagt:

    Weder die Unternehmen noch der „liebe Staat“ tragen irgendeine „Schuld“, sondern allein eine seit jeher fehlerhafte Geld- und Bodenordnung, die zu systemischer Ungerechtigkeit (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) führt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    Warum ist das für den „Normalbürger“ so schwer zu verstehen? Weil der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation, die Verwirklichung des Prinzips Eigennutz = Gemeinnutz (wahre Nächstenliebe), die Überwindung der Religion, den Erkenntnisprozess der Auferstehung, voraussetzt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/10/glaube-aberglaube-unglaube.html

  4. Dr. Hamer sagt:

    Wenn die Herren Sebastian Dullien und Mark Schieritz in Ihrer Studie zu dem Ergebnis kommen, daß die Lohnkosten kaum Auswirkung auf die Investitionstätigkeit in Deutschland haben, ist dies falsch. Statistisch könnte man vielleicht diese Schlüsse ziehen, aber die Realität verbietet dies. Die Lohnkosten (Lohn zzgl. Sozialkosten) sind mit der Bürkratie und der Kreditvergabepraxis der Banken auch im Mittelstand die entscheidenden Investitionshemmnisse. Die Studie ist irreführend und an der Realität vorbei.

    • c-nes sagt:

      Das ist korrekt, denn die Kreditvergabe in Deutschland ist seit Jahren rückläufig.

    • Agincourt sagt:

      Auch zu berücksichtigen wären die Bürokratieebenen der Unternehmen.

      Die hören auf der sog. Lenkungsebene bekanntlich zu 90% auf den Titel „Betriebswirt“.

      Ähnlich der Lehrerstellung in der öffentlich-rechtlichen Verwaltung winken intellektuell beschränkten oder im akademischen Sinne untauglichen Studienkandidaten allein aus dem Grunde feudale und eigentleistungsinäquavilente Privilegien, weil eben seit den 60er Jahren eine ideologische Indoktrination der Unternehmen i.S. der US-amerikanischen Verwertungs- und Herrschaftsideologie stattgefunden hat, deren doktrinäre Implantierung dem Betriebswirt (nebenbei ein doch bezeichnender Begriff) übertragen ist – ein zweifach fatales Signal, was sich an der Vermassung der sog. „Wirtschaftswissenschaften“ zeigt.

      Und in der Tat wird seither die Volksvermögenssubstanz auch nur noch verzehrt, vgl. Anstieg der Staats- und Unternehmensverschuldung seit ca. 1960.

      In diesem Sinne ist der Betriebswirt ähnlich dem demokratieideologisch konditionierten „Lehrer“ mitnichten ein produktiver Leistungsträger, sondern eine Art ideologisch indoktrinierter Betriebskommissar mit übertragenen Eigentümerrechten, der über die strikte Obedienz der Unternehmensleitung gegenüber der reinen, angelsächischen Lehre wacht – also letztlich komplentär i.S.d. globalen Tribuzahlungen des US$ System zu handeln hat.

      Wie ein jeder Funktionär wird er allein für treue Gefolgschaft großzügig privilegiert – und wie stets durch abstrakten Zwang („Gesetze“) auf Kosten der abstrakt-hierarchisch untergeordneten, wertschöpfenden Gruppen (hier der Produktivkräfte in den Unternehmen).

      Wie immer in solchen Fällen übt auch der „Betrtiebswirt“ i.S. seines Konditionierungsmusters delegierte Herrschaft aus durch anonymisierte, bürokratische Apparate.

      Dementsprechend ist fast keine universitäre „Fachrichtung“ prozentual so gering unter originären Unternehmensgründern vertreten wie die sog. Betriebswirte.

  5. Brigitte sagt:

    Gerade innerhalb der Unternehmen liefern sich Arbeitnehmer und Investitionen einen einseitigen Konkurrenzkampf. Werden nun die Löhne gesetzlich erhöht, anstatt das Arbeitnehmer ihre Forderungen ohne gesetzliche Mitthilfe durchsetzen können, so werden die Unternehmen abwägen, welche Arbeit geringere Kosten verursacht. Hier werden wieder einmal die Investitionen gewinnen.

    Doch warum investieren, wenn es mangels Einkommen an Abnehmer der produzierten Güter mangelt? Ein Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt.

    Deshalb meine Forderung: Prozentual einheitliche Verteilung der steuerlichen Belastung der Arbeitnehmer auf jegliche Gewinne, Abschreibungen (Investitionen) und Arbeitnehmerentgelte. Abschaffung der Umsatzbesteuerung und der derzeitigen Besteuerung der Arbeitnehmer und Unternehmen.