Österreich: Hälfte aller Jugendlichen findet keine Lehrstelle

Der Lehrlingsmarkt in Österreich kämpft mit strukturellen Problemen. Unternehmen bemängeln fehlende Qualifikation der Schulabgänger und stellen konjunkturbedingt weniger Lehrstellen zur Verfügung. Die Forderung nach einer Qualitätssicherung der Ausbildungsplatzgarantie wird lauter.

Zu Beginn des Jahres kamen auf 5.544 beim Arbeitsmarktservice (AMS) gemeldete Jugendliche, die auf der Suche nach einer Lehrstelle sind, nur 2.500 offene Lehrstellen. Mehr als die Hälfte der jungen Arbeitssuchenden bleibt also vorerst auf der Strecke. Das Ausbildungssystem in Österreich leide an massiven strukturellen Problemen, sagte Ulrike Huemer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

Huemer begründet ihre Aussage damit, dass die duale Ausbildung zu sehr auf traditionelle Berufe mit wenig Wachstumsdynamik ausgerichtet sei. Andererseits seien einige Ausbildungsberufe zu stark frequentiert, andere wiederum würden von den angehenden Auszubildenden ignoriert. „Künftige
Arbeitnehmer sind vor völlig neue Herausforderungen gestellt: Häufige Jobwechsel, auch Zeiten als Selbstständige, Flexibilität sowie Kenntnisse außerhalb des traditionellen Berufsbildes werden von
ihnen weit mehr gefordert sein als das, was traditionelle Lehrausbildungen heute bieten können“, sagte Volker Plass, Bundessprecher der Grünen Wirtschaft, der Nachrichtenagentur ots.

Die am häufigsten gewählten Ausbildungsberufe bei jungen Mädchen befinden sich immer noch im Einzelhandel, im Büro oder im Frisiersalon. Das Spektrum der Berufswahl wird nur ganz langsam größer, sagte Gerlinde Hauer von der Arbeitskammer dem Standard. Es brauche eine „vermehrte Anstrengung auf betrieblicher Ebene“, so Hauer, um Mädchen in die für sie untypischen Berufe zu locken.

Großbetriebe böten immer weniger qualitativ hochwertige Ausbildungsplätze an, behauptet das Wifo. Betriebe, die sich zu stark spezialisiert haben oder bei denen es keine Betreuer für die Azubis gibt, verzichteten ganz darauf, Stellen auszuschreiben.

Dabei ist die Zahl der 15-Jährigen seit ihrem Höchststand im Jahr 1980 von 130.000 auf nun 90.000 gesunken. Die demografische Entwicklung begünstigt als den Arbeitsmarkt für Auszubildende scheinbar. Aber seit den 90er Jahren geht der Anteil der Lehrlinge in dieser Altersklasse zurück und liegt derzeit bei unter 40 Prozent.

Die 1998 ins Leben gerufene Ausbildungsgarantie stellt sicher, dass Jugendliche ohne Ausbildungsplatz in einer überbetrieblichen Lehrwerkstatt unterkommen können. Zum Jahreswechsel war das in Österreich bei etwa 10.000 Lehrlingen der Fall, das entspricht  einer Quote von 7,6 Prozent. Die Kosten für diese Ausbildung liegen jedes Jahr bei 150 Millionen Euro. Kritiker bemängeln, dass die Qualität der Lehre dem Vergleich mit der betrieblichen Ausbildung nicht standhält.

Denn die Vergabe der Mittel an die Unternehmen erfolgt nach dem Gießkannenprinzip: „Um die Ausbildungsqualität nachhaltig sichern zu können, müsse im Berufsausbildungsgesetz (BAG) verankert werden, alle drei bis vier Jahre zu überprüfen, ob ein Betrieb die Voraussetzungen zur Ausbildung von Lehrlingen erfülle“, fordert Helmut Gotthartsleitner, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp).

Unternehmer denken kurzfristig, ziehen die schwache aktuelle Konjunktur in Betracht und würden sich dann gegen die Ausschreibung einer Ausbildungsstelle entscheiden, sagte AMS-Chef Johannes Kopf. Die Ausbildung von eigenem Personal ist mit einem hohen Aufwand verbunden.

Ein weiteres Argument der Unternehmen gegen die betriebliche Ausbildung ist, dass Jugendliche nicht qualifiziert genug seien. Plass will eine „gemeinsame Schule“ für alle Jugendlichen. Sie soll dem Besuch einer berufsbildenden Schule (BHS und AHS) vorausgehen, Bildungslücken schließen und optimal auf eine Ausbildung vorbereiten. Plass fordert den Staat auf, mehr in die Ausbildung zu investieren: „Wenn die Lehre immer mehr von einer Arbeits- zu einer Bildungsphase wird, müssen wir den Unternehmen auch finanziell mehr unter die Arme greifen.“

Wenn Unternehmen qualifizierte Arbeitskräfte anlocken wollen, müssen sie zudem eine Marke aufbauen und strategisch umsetzen. Denn die Arbeitsplatzsuche im Internet wird immer wichtiger. Die Präsentation als attraktiver Arbeitgeber bedeutet, auch den Internetauftritt in Hinblick auf Personalmarketing entsprechend zu gestalten. Einige Unternehmen folgen dem Trend von Employer Branding bereits. Auf Portalen wie JobABC.at können sich Unternehmen Tipps holen, wie sie ihr Personalmarketing verbessern können.

In konjunkturell schwachen Phasen sind junge Arbeitnehmer jedoch die ersten, die ihren Hut nehmen müssen. Auch solche, die einen Ausbildungsplatz ergattert haben, können nach dem Abschluss ihrer Ausbildung nicht immer mit einer Übernahme rechnen.

Kommentare

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  1. Jen sagt:

    Deutschland auch: Die Jugend konzentriert sich auf nur 10 Ausbildungsberufe…. Es wird in vielen Berufen auf Halde weit über Bedarf ausgebildet.

    Das wären: Verkäuferin, Kauffrau im Einzelhandel = immer öfter machen das Minijobber, oder nur Teilzeitler, Beruf ohne Perspektive, auch da igendwann überall moderne Future Stores mit SB Kassen entstehen oder wo man mit Handy und Smartphone abrechnen wird.

    Bürokaufmann, Kaufmann Bürokommunikation, und wie das alles heißt: DE hat 3 Büroberufe lange gehabt, die alle für denselben Beruf ausbilden – Schwachsinn Hoch10.

    und wir haben auf Halde Büroleute ausgebildet, die dann nachher keine Stellen finden. Meine Cousine hat das auch gelernt und putzt nun Krankenhäuser.

    Was bringen uns Ausbildungen, die danach nie in Beschäftigung münden im selben Bereich???

    außerdem muss Ausbildung wie in Dänemark und Norwegen mehr ALLGEMEINE Kompetenzen und Grundlagen vermitteln, also weiterqualifizieren, am besten noch einen weiterführenden Schulabschluss vermitteln wie dort. Wenn man dann arbeitslos wird, an der 2. Schwelle (Übergang in den Beruf) scheitert, über Bedarf ausgebildet ist oder sich einfach weiterbilden möchte oder umschulen möchte, so wäre das dann WESENTLICH leichter als jetzt!

    DE hat mit die längsten Langzeitarbeitslosen, auch wg. dem nicht ausreichend qualifizierenden Ausbildungssystem und unzureichendem Umschulungssystem.

  2. hugin sagt:

    FEHLENDE GRUNDKENNTNISSE HOHE LEHRLINGSKOSTEN UND STEUERN
    Bei den Lehrstellen-Suchenden sind mangelnde Kenntnisse in Lesen,Schreiben und Rechnen ein Handycap. Der Lehrer hat keine Möglichkeit einer Sanktionierung. Kein Nachsitzen, keine Strafaufgabe, verbale Beurteilung ohne negative Stellen. Dazu die vielfältigen Ablenkungen: Telefonieren, SMS, Computerspiele, Internet,Fernsehen…..
    Hans Joachim Kulenkampf: „Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durch das Fernsehen noch machen werden“.
    Auch sind die hohen Lehrlingsentschädigungen mitschuld, welche bis € 700.- betragen.
    Die Betriebe sind durch Steuern, Abgaben,Umlagen, Beiträge, Gebühren bereits an der Grenze der Belastbarkeit.

    • auw sagt:

      Wir haben einen kleinen Bootsbaubetrieb in Dänemark und bauen auch noch vereinzelt Boote. Wir würden gerne einen Lehrling nehmen, wenn er zumindest lesen, schreiben und ein klein wenig rechnen (abziehen, zusammenzählen, teilen, malnehmen) kann. Aber auch das würden wir ihm noch beibringen. Wenn die Lehrlingsentschädigung in Deutschland bis zu EUR 700,- ist, ist das wohl viel. In Dänemark kostet ein offizieller Lehrling dem Betrieb ca. EUR 2.000,- im Monat und von 4 Jahren ist er 3 Jahre im Betrieb, den Rest zur Schule, welche dann auch noch vom Betrieb zu bezahlen ist, und dann auch noch evtl. Internatskosten. Gerne würden wir einen jungen Menschen zum anständigen Handwerker machen, nur leisten können wir uns das nicht. Schade, aber wahr. Deshalb überlegen wir ob es möglich ist, kostenlose Kurse oder Praktiken anzubieten. Vielleicht gibt es ja Interessenten oder Antworten.

  3. biersauer sagt:

    Sie schreien nach Facharbeitern, aber wollen selber keine ausbilden!
    Das ist Drittweltdenken.
    Auch in Libyen und Afghanistan wird so gehandelt. Ein Verschulden unserer Politik.