Einheitlicher Arbeitsmarkt: Brüssel will deutschen Meisterbrief abschaffen

Die EU-Kommission gefährdet die duale Ausbildung in Deutschland. Eine neue Richtlinie will den Zugang zu handwerklichen Berufen erleichtern und nimmt dabei den deutschen Meisterbrief unter die Lupe. Handwerkskammer und Bundesregierung versuchen, die Pläne aus Brüssel zu entschärfen.

Die Bundesregierung wehrt sich gegen Brüsseler Pläne, die den deutschen Meisterbrief in der Handwerksbranche aufweichen könnten. Man werde darauf hinwirken, dass dieser durch Maßnahmen des europäischen Binnenmarktes nicht beeinträchtigt werde, heißt es in dem Reuters am Montag vorliegenden Entwurf des neuen Jahreswirtschaftsberichts.

Die EU-Kommission will im Rahmen einer neuen Richtlinie in Kürze alle reglementierten Berufe in Europa unter die Lupe nehmen. Ziel ist es, den Berufszugang in vielen Bereichen zu erleichtern.

Zuvor hatte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) bereits vor einer Abschaffung des Meisterbriefs und damit letztlich der zweigleisigen Ausbildung in Deutschland gewarnt, also der Kombination aus Lehre und Berufsschule. Nur als Handwerksmeister darf man in Deutschland Lehrlinge einstellen. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sagte in einer Mitteilung: „In letzter Konsequenz könnte das dazu führen, dass der deutsche Meisterbrief und die duale Ausbildung im Handwerk auf Druck aus Europa ausgehöhlt werden.“

Die EU-Strategie wirkt sich vor allem auf die Berufe im Bau– und im Verarbeitenden Gewerbe aus und höhlt Qualitätsstandards aus:

„Die duale Ausbildung in Deutschland ist in Gefahr durch neue Pläne aus Brüssel. Die Europäische Kommission arbeitet intensiv daran, bewährte und notwendige Qualifikationsanforderungen abzuschaffen und droht so, bewährte und gewachsene Ausbildungs- und Qualitätsstandards zu zerstören – gerade im Bau- und im verarbeitenden Gewerbe. In letzter Konsequenz könnte das dazu führen, dass der deutsche Meisterbrief und die duale Ausbildung im Handwerk auf Druck aus Europa ausgehöhlt werden“, so Wollseifer.

Das deutsche Handwerk stellt mit mehr als einer Million Betriebe eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft dar. Es beschäftigt 5,35 Millionen Menschen und setzte zuletzt mehr als eine halbe Billion Euro im Jahr um. Zudem entfällt auf das Handwerk mehr als ein Viertel der Auszubildenden, von denen es in Deutschland jetzt schon zu wenige gibt (mehr zur Akademisierung in Deutschland – hier).

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier gehe es nicht darum, Berufe zu deregulieren oder Mitgliedstaaten mit Sanktionen zu belegen. Vielmehr besteht das Ziel darin, „einen besseren Zugang zu den Dienstleistungen der freien Berufe sicherzustellen, indem überprüft wird, welche Zugangsstrukturen einem vereinfachten, angemessenen, sicheren und transparenten System am ehesten förderlich sind“, sagte Barnier in Brüssel.

In Deutschland bestehen Beschränkungen für den Zugang zu bestimmten Berufen und deren Ausübung. Zum Beispiel sind das Berufe, deren Ausübung an den Besitz besonderer Qualifikationen geknüpft ist oder bei denen die Berufsbezeichnung (z. B. Architekt oder Apotheker) geschützt ist. Ein derartiger Schutz ist allein aus Verbraucherschutzgründen gerechtfertigt.

Allerdings könnten – der EU zufolge – übermäßig restriktive Bedingungen für den Zugang zu bestimmten Berufen auf junge Menschen eine abschreckende Wirkung haben und ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt sogar verhindern. Aufgrund unterschiedlicher rechtlicher Bestimmungen ist es für qualifizierte Fachkräfte häufig schwierig, sich um Arbeitsplätze in anderen Mitgliedstaaten zu bewerben.

Verbesserungen bei den Bedingungen für den Berufszugang, insbesondere in Form eines angemesseneren und transparenteren Rechtsrahmens in den Mitgliedstaaten, würden die Arbeitsplatzmobilität qualifizierter Fachkräfte im Binnenmarkt und die grenzübergreifende Erbringung von Dienstleistungen der freien Berufe erleichtern.

Die EU-Staaten mussten bereits eine Liste mit den Berufen abgeben, für dessen Zugang strikte Regeln gelten. Aufgrund dieser Arbeitsunterlage hat die Kommission eine Empfehlung für Deutschland ausgesprochen:

„Die Situation im Dienstleistungssektor hat sich seit letztem Jahr nicht signifikant verändert; es bestehen weiterhin Beschränkungen für den Zugang zu bestimmten Berufen und deren Ausübung. In vielen Handwerksbranchen, einschließlich im Baugewerbe, ist nach wie vor ein Meisterbrief oder eine gleichwertige Qualifikation erforderlich, um einen Handwerksbetrieb zu führen. Aufbauend auf den Erfahrungen der Reformen aus dem Jahr 2004 könnte Deutschland prüfen, ob diese Anforderung in allen Fällen weiterhin gerechtfertigt ist, und ob es zielführendere Möglichkeiten gibt, um zu gewährleisten, dass die Dienstleistungen sicher bereitgestellt werden. Für das Baugewerbe in Deutschland gelten zudem Einschränkungen im Hinblick auf Werbung und Zulassungsverfahren. Viele freiberufliche Dienstleistungen unterliegen zudem Anforderungen an die Rechtsform und in Bezug auf die Gesellschafter. Deutschland könnte prüfen, ob sich dieselben im öffentlichen Interesse liegenden Ziele nicht durch weniger rigide Vorschriften erreichen ließen.“

Die Vorgaben der EU sind noch nicht verbindlich. Der Widerstand der Regierung und der Handwerkskammer erhalten die Qualitätsstandards in Deutschland zunächst aufrecht.

Kommentare

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  1. Modoc sagt:

    Ich habe Teil 3 und 4 im Jahr 2014 gemacht
    ( Fachkaufmann und Ausbildereigung). Zudem muss ich sagen das ich seit 8 Jahren selbständig bin. Der Meisterbrief an sich, ist sehr teuer und er alleine bringt nur geringfügig etwas. Ich habe, um das direkt zu sagen die Kurse Teil 1-2 auch grob überflogen um zu wissen worum es da geht. Hier ist für mich ein ganz klares Ergenbis: Wer sich wirklich tiefgründig mit der Technik auseinander setzt und die Bücher/Aufgaben wie ein Schwamm aufsaugt, der hat definitiv nach dem Meistertitel im technischen Bereich ein Goldpunkt. Das wiederum ist aber nicht das alleinige was man zum führen eines Unternehmens braucht. Vor allem, weil das viele Gesellen mit guter Berufserfahrung und Lehrgängen mehr als ein frischer Bestandener Meister mal locker an wissen im technischen Bereich haben. Viel wichtiger ist das betriebswirtschaftliche,der Unternehmertum.

    Ich hatte mal einen Geschäftspartner der war gerade Meister und ich war zu diesem Zeitpunkt 2 Jahre selbständig. Zum Anfang war ich beeindruckt…er hat den „goldenen Titel des Handwerks“ …naja die Begeisterung hielt nicht lange an. Es hat gerade mal eine Woche gedauert, da musste ich schon feststellen, das der Jung nicht mal Preise kalkulieren kann, steuern ausrechnen und eine saubere Annahme und Abgabe durchführen konnte. Ich erwähne nochmal, ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur einen Gesellenbrief, keinen einzigen Teil der Meisterteile. Jedoch sämtliche Lehrgänge in Betriebswirtschaft und dem technischen Bereich. Es rückte also die zweite Woche an und ich dachte mir, gut er hat bestimmt die Technik mehr als genug auf der Meisterschule gelernt …nein auch da „Fehlanzeige“

    Seit dem ist mir klar, der Meister an sich ist überhaupt kein Garant für deutsche Wertarbeit oder der Brief ist ein aushänge Schild für Kunden, die dann ab sofort den Laden stürmen, nur weil es jetzt ein Meisterbetrieb ist. Ich kenne sämtliche Gesellen die im technischen Bereich, wirklich viel besser sind als Meister.

    Um zum Abschluss zu kommen. Ich kann nur jedem anstrebendem Unternehmer/in auf dem Weg mitgeben..“es kommt noch viel mehr, als euch auf der Meisterschule versucht wurde beizubringen! Ihr werdet so viel und hart arbeitet müssen, das dass eine oder andere Lehrgeld nicht ausbleiben wird. Ganz wichtig dabei, bildet euch immer weiter, Sie Zeit bleibt nicht stehen.

    Trotz dessen weiß ich, ihr könnt es mit hoher Qualität und großen Erfolg, Meisterlich schaffen… Das ganze geht jedoch auch ohne Meistertitel.

  2. Strehlow sagt:

    Ein Aufschrei.!
    Das Niveau des deutschen Handwerks soll demontiert werden.
    Wir passen uns den Nieten an. Bei Auslandsreisen sieht man ja das Chaos in den Betrieben.
    Jeder Hirni kann dann an deiner E-leitung rumfummeln . Was wird aus unser deutschen Wertarbeit.
    Man fasst es nicht,was haben wir da in Brüssel für Abgeordnete sitzen. Wir Handwerksmeister sind entsetzt. So ein stolzes Gefühl ,jemand anderem etwas vorleben
    können . Der Spruch : Lehrling ist jederman, Geselle ist der was kann, Meister ist wer was ersann.
    Ob das unsere Regierung mit der Kanzlerin an der Spitze wirklich durchsetzt?

    Meinung von Dita Strehlow Friseurmeisterin

  3. Marvin Pollock sagt:

    Das entspricht NICHT der Wahrheit. Die EU wollte nie den Meisterbrief abschaffen. Das zu behaupten ist gelogen und hat mit Journalismus nicht viel zu tun.

  4. cocooning sagt:

    In den Niederlanden, in Österreich, in der Schweiz ist das Wort Meisterzwang ein Fremdwort. Und dennoch stehen dort noch alle Häuser.

    Der Meisterzwang stammt noch aus dem Mittelalter. Damals durfte man nur mit Meisterbrief heiraten oder Mitglied in einem Schützenverein werden. In Deutschland ist der Meisterzwang eine bürokratische Wachstumsbremse. Viele deutsche Handwerker wandern deshalb ins EU-Ausland aus.

    Die Gewerbefreiheit wird zum Beispiel in der Schweiz als „Handels- oder Wirtschaftsfreiheit“ bezeichnet. Freie Berufswahl und Berufsausübung sowie das Recht, unternehmerische Entscheidungen weitgehend unabhängig von staatlichen Vorschriften zu treffen, hat dabei den grundsätzlichen Stellenwert eines Menschenrechtes, welches seinerseits als „Abwehrrecht“ konzipiert ist. Als eigenständig formuliertes Grundrecht wird die Handels- oder Wirtschaftsfreiheit sowohl Schweizer Bürgern als auch niedergelassenen Ausländern zugestanden. Dies ist eine Schweizer Besonderheit und stellt im Zusammenhang mit der Niederlassungsfreiheit und der Garantie des Eigentums ein Fundament der prinzipiell marktwirtschaftlichen Grundordnung der Schweiz dar.

  5. cocooning sagt:

    Liebe DMN:

    Es soll nicht der Meisterbrief abgeschafft werden, sondern der Meisterzwang.

    Jedem steht es weiterhin frei, 35.000 D-Mark (1 Jahr Vollzeitausbildung inkl. Meisterstück) für z.B. eine Schreinermeisterprüfung auszugeben und danach über 10 Jahre bis 15 Jahre sein Bafög wieder abzubezahlen.

    Der Meisterzwang dient nur zur Marktsteuerung durch Handwerkskammern und Innungen für deutsche Inländer und zur Marktabschottung von Konkurrenten, wärend EU-Ausländer sich in Deutschland auch ohne Meisterbrief niederlassen dürfen (= Inländerdiskriminierung).

    Im Gegenteil: Die Qualität des Meisterbriefes wird duch den Meisterzwang nur verwässert und verschlechtert, weil die Handwerkskammern gezwungen sind, mehr Briefe (auf denen sie sitzen), auszugeben.

    Jeder Verbraucher sollte selbst entscheiden, ob er sich sein Fenster von einem Schreiner-Gesellen oder von einem Meister reparieren lässt oder wo er zum Frieseur gehen möchte.

    Ich bin der Meinung, dass man die Handwerkskammern und die Zwangsverwaltung und Kontrolle der Industrie- und Handelskammern stellen sollte. Denn die IHK tut wenigstens etwas für Existenzgründungen, wärend viele Handwerkskammern diese blockieren.

  6. Jen sagt:

    Was ist mit Architekt und Stadtplaner?

    im ausland darf ein Bachelor schon die Bezeichnung Architekt, Stadtplaner etc führen, in DE wird man erst mit Master in die Architektenkammer eingetragen. Bachelorabsolventen haben so das Nachsehen.

    zumindest im Gegensatz zum Ausland, wo schon der Bachelor als voller Architekt gilt.

    Das ist eine unnötige Reglementierung weil mit der Berufserfahrung erst der volle Architekt entwickelt wird. So kann man es beim Handwerk auch sehen.

    auch mit Gesellenabschluss sollte man Firmen gründen können, damit man keine unnötigen Hürden aufbaut.

  7. alacran sagt:

    Oh yeah Mrs. Nuland ,–mit Fu.. EU lagen Sie offensichtlich nicht so ganz falsch!

  8. spatz sagt:

    Es geht nur darum zuwandernden „Fachkräften“ zu ermöglichen hier die Gründung von Betrieben ohne die entsprechende fachliche Qualifikation zu ermöglichen.
    Das wäre dann das Ende der hohen Qualität von Handwerksleistungen wie wir sie hier gewöhnt sind.
    Die herrschaften dfe hier politisch Korrekt aus Prinzip dagegenschreiben
    sollten sich mal überlegen ob sie ihrer unreflektierten politischen Haltung zuliebe
    in Zukunft klappernde Fenster, schlecht schliessende Türen und schlampig
    verlegte Böden im Haus etc. haben wollen.
    Deutscher Perfektionismus im Anspruch bei gleichzeitiger larifari- Haltung
    gegenüber der Ausbildung passen hier nicht zusammen.

    • Michael sagt:

      Als ich deutsche Handwerksbetriebe aus der Region für einen Umbau bestellte und darauf hinwies, dass ich nur 43 Euro pro Stunde zahle, wenn die Angestellten nach Tarif bezahlt werden sagten mir die Handwerker zu. Mein Motto war immer aus der Region für die Region. Dann kamen sie und etwas später stellte sich heraus, dass sie für 7,50 Euro Leiharbeiter mitbrachten. Für mich ist seitdem klar, dass deutsche Handwerker und deutsche Meister bei mir nicht mehr reinkommen. Interessanterweise war aber das Zeitarbeitsunternehmen nicht bereit, mir für pauschal 16.80 brutto ebenfalls einen Leiharbeiter zur Verfügung zu stellen. Das war der Stundensatz, den der Handwerker zahlen musste. Da ich das unanständig fand rief ich die Zeitarbeitsfirma an und sagte, ich würde dem Leiharbeiter 15 Euro brutto zahlen plus Sozialversicherung und wäre so auf ca 28 Euro gekommen. Das hat man rundrum abgelehnt. Das ist jetzt einige Zeit her und die Löhne im Handwerk für die, die eine Ausbildung haben, sind immer noch nicht besonders attraktiv, besonders wenn sie dann in der Zeitarbeit mit Ausbildung arbeiten sollen. Da ist Deutschland meisterhaft.

    • Andreas sagt:

      So wie man es liest, haben die meisten hier keine Ahnung. Genau das wird passieren mit den Handwerk, wenn es keine Meister ect. mehr gibt.
      Lieber Michael, der stundensatz mit 43€ ist ok und noch günstig. Auch wenn es Leiharbeiter sind. Bei den Stundensatz sind nicht nur die Abgaben für die Versicherungen drin, sondern auch Abnutzung von Maschinen, Anfahrt, und und. Jetzt mal zu der Logig…. andere Länder haben es ja auch nicht und es steht noch alles. Warum holen die den die deutschen Ingi, Architekten Meister oder Techniker? Weil die nicht nur dafür da sind um einen Betrieb zu führen, sondern statische Berechnungen, Qualität, ständige Verbesserungen und und und. Das war an allen die sich ungebildet zu Wort gemeldet haben und absolut null Ahnung haben von all den. Die sehen nur was es kostet und wollen damit alles rechtferdigen und mitreden. Aber keinen Plan haben, was eigl. hinter so einen Titel oder Abschluss steckt.

      • Josh sagt:

        @Andreas
        naja, Rechtschreibung und Grammatik muss man offensichtlich als hochqualifizierter deutscher Meister nicht beherrschen 😉

        lg
        Josh