Zuwanderungs-Quote schadet Schweizer Mittelstand

Mittelständler in der Schweiz sind auf Einwanderer angewiesen. Investitionen und Jobs könnten in den wirtschaftsstarken Kantonen infolge der SVP-Initiative wegfallen. Die Schweiz muss binnen drei Jahren Quoten für Einwanderer aus der EU einführen.

Seit mehr als einem Jahrhundert hat das hoch in den Alpen gelegene Hotel Schweizerhof erschöpfte Skifahrer und Wanderer beherbergt. Neben vielen Gästen kommt auch ein Großteil der Belegschaft aus dem Ausland. Doch nach dem überraschenden Votum der Schweizer für eine Beschränkung der Zuwanderung drohen mittelständische Unternehmen vom Heer von ausländischen Fachkräften abgeschnitten zu werden, ohne die viele Branchen nicht mehr existieren könnten.

„Die Schweiz ist zu klein“, erklärt Schweizerhof-Manager Andreas Züllig. Rund 40 Prozent der Belegschaft des Hotels in Lenzerheide stammten aus der EU. „Wir haben zu wenig qualifizierte Leute hier – im Tourismus, im Gesundheitswesen, in anderen Branchen.“

Züllig ist nicht der einzige, der sich über die Folgen des Referendums, das innerhalb von drei Jahren umgesetzt sein muss (mehr dazu – hier), Sorgen macht. Nach Angaben des Verbands der Chemie-, Pharma- und Biotechnologiefirmen ist fast jeder zweite Angestellte der Branche ein EU-Bürger. „Langfristig könnte das heißen, dass wir weniger in der Schweiz investieren und einstellen und mehr in unseren Betrieben im Ausland“, sagt Evolva -Sprecher Paul Verbraeken. Die Biotechfirma beschäftigt in der Schweiz rund 50 Mitarbeiter, zwei Drittel von ihnen aus der EU.

Die Wirtschaft um den Genfersee boomt, ist aber auf Einwanderer angewiesen. „Wir haben 300 000 Arbeitsplätze, aber nur 240 000 berufstätige Personen. Wir brauchen also ständig 60 000 Arbeitskräfte aus der Waadt oder dem benachbarten Ausland“, sagte  der Genfer Wirtschaftsminister Pierre Maudet der Schweiz am Sonntag. Ende Dezember 2013 lebten insgesamt 1.886.630 Ausländer in der Schweiz. Das entspricht einer Zunahme von 61.570 Personen (+3,4%) im Vergleich zum Vorjahr, meldet Schweizerische Eidgenossenschaft.

Die Firmen aus der Chemiebranche steuern zusammen mit den Finanzdienstleistern fast ein Fünftel zur Schweizer Wirtschaftsleistung bei. Die Ökonomen der Credit Suisse schätzen, dass die Wirtschaft als Folge des Referendums über die kommenden drei Jahre 80.000 weniger neue Stellen schaffen könnte.

Einwanderer haben entscheidenden Anteil am Gedeihen der Schweizer Wirtschaft. Der Deutsche Henri Nestle gründete den inzwischen zum weltgrößten Nahrungsmittelhersteller aufgestiegenen Nestle -Konzern im 19. Jahrhundert. Heute ist ein Österreicher Präsident und ein Belgier Konzernchef. Selbst die Uhrenindustrie wurde von Ausländern geprägt. Der gebürtige Libanese Nicolas Hayek führte mit seinem Swatch -Konzern die Branche in den 1980er Jahren aus der Krise.

Auch heute noch könnten die Schweizer Firmen viele Stellen nicht mit Einheimischen besetzen. Bei der jungen Biotechfirma InSphero sind dem Firmengründer Jan Lichtenberg zufolge 80 Prozent der Bewerber für offene Stellen Ausländer. Zuwanderungs-Beschränkungen könnten es nicht nur erschweren, Talente anzustellen. Der Deutsche befürchtet auch, dass die EU als Gegenmaßnahme Hürden für Exporte errichten könnte. „Wenn man das alles zusammennimmt wie den starken Schweizer Franken und die zusätzlichen Export- und Importkosten hilft das der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz nicht“. Lichtenbergs Firma erwirtschaftet rund die Hälfte des Umsatzes in Europa. Er sorgt sich zudem, dass seine Firma in Zukunft auf Forschungszuschüsse aus der EU verzichten muss.

Am Wochenende wurde bekannt, dass die EU die Verhandlungen mit der Schweiz über ein milliardenschweres Forschungsprogramm auf Eis gelegt hat. „Alles, das nicht in den kommenden zwölf bis 18 Monaten auf den Markt kommt ist gegenwärtig Forschung, die über europäische Projekte finanziert wird“, erklärte Lichtenberg. „Sollten wir davon ausgeschlossen werden, müssten wir nach anderen Geldquellen Ausschau halten.“

Es gibt aber auch Firmen, die der Abstimmung Positives abgewinnen können. Das gegenwärtige System mache es schwierig, Spezialisten aus Nicht-EU-Ländern anzuheuern, erklärt die Chefin von Contrinex, Annette Heimlicher. Der Sensorhersteller verkauft einen großen Teil der Produktion nach Asien. „Wenn wir uns auf Europa fokussieren und Europäer anstellen, werden wir in Asien in zehn Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“ Sie hofft, dass das Referendum zu einem System führt, das die Rekrutierung von Mitarbeitern von anderen Kontinenten ankurbelt.

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) hat eine Studie zum Anstieg des Kriminaltourismus veröffentlicht. In den letzten drei Jahren hat die Anzahl Schmuggelfälle von verbotenen Waffen demnach stetig zugenommen. Bereits 2012 war ein Zuwachs der Schmuggelfälle um 47 % zu verzeichnen – für 2013 beläuft sich die Steigerung auf 22 % (2013: 2366). Im Bereich des Betäubungsmittelschmuggels halten sich die Zahlen auf dem Niveau der Vorjahre. Deutlich zugenommen haben Sicherstellungen von Heroin, Khat, Cannabis und Designerdrogen. Bei den synthetisch hergestellten Drogen ist seit rund einem Jahr ein zunehmender Trend zu beobachten – der Zoll stellt bei seinen Kontrollen vermehrt verbotene Amphetamine sicher. Bei den Tätern handele es sich nicht um Einzelpersonen, sondern um bandenartige Gruppierungen.

Aber auch im privaten Reiseverkehr hat die EZV im vergangenen Jahr so viele Schmuggelfälle registriert wie noch nie. Der Zoll richtet den Fokus seiner Kontrollen jedoch klar auf den gewerbsmässig organisierten Schmuggel aus. Einerseits geht es darum, Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, andererseits auch um den Schutz der Gesundheit von Konsumentinnen und Konsumenten.

Insgesamt wurden 400 Tonnen Lebensmittel geschmuggelt. Besonders zugenommen hat mit 91 Tonnen die sichergestellte Menge an Schmuggelfleisch (2012: 58 Tonnen). Eine weitere Rekordzahl wurde mit 1.900 Tonnen bei geschmuggeltem Futtermittel verzeichnet (2012:550 Tonnen).

In der Studie, die nur einen Tag nach der Volksabstimmung veröffentlicht wurde, purzeln die Rekorde: Mit 24,1 Milliarden Franken ist ein neuer Spitzenwert bei den Finanzen erreicht, der mehr als ein Drittel der Gesamteinnahmen des Bundes ausmacht. Im Außenhandel wurden täglich Waren im Wert von 582 Millionen Franken exportiert und für 509 Millionen importiert. Dabei hat der Zoll im grenzüberschreitenden Warenverkehr rund 32 Millionen Zollanmeldungen verarbeitet. Auch dies ist ein neuer Rekordwert. Wichtigstes Import- wie Exportland war auch im letzten Jahr Deutschland.

Ob eine Quote auf die Einwanderung Auswirkungen auf Schmuggel und Kriminaltourismus in der Schweiz haben wird, ist fraglich. Die bilateralen Verträge mit der EU können neu ausgehandelt werden. Die EU braucht die Schweiz als Wirtschaftsraum ebenso wie die Schweiz die EU braucht. Für den Fachkräftemangel müssen sich die mittelständischen Unternehmen mehr im Inland umschauen. Eine Reform der Arbeitsvermittlung und Schulungen sind da ein Schritt in die richtige Richtung.

Kommentare

Dieser Artikel hat 12 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. arkor sagt:

    Nach den heutigen Zahlen, wenn sie überhaupt stimmen, sind die Deutschen im Jahr 2035 eine bestenfalls noch geduldete Minderheit im eigenen Land, wahrscheinlich schon früher.

  2. arkor sagt:

    Die Zuwanderungslüge liegt schon in der Behauptung, dass sie irgendwo nötig wäre. Wer das behauptet ist ein Lügner und möchte die Menschen vorsätzlich betrügen. Tatsächlich ist es so, dass wenn bestimmte Leistungen nur durch Zuwanderung angeboten werden können sie eben einfach nicht angeboten werden können. Na und? Wenn ein Land wirklich den Punkt erreicht, dass die Bevölkerung arbeitstechnisch ausgelastet ist, dann gibt es eben nicht mehr und die Betriebe müssen in die anderen Länder gehen. Was sollte sich ein Land mehr wünschen? Gut ausgebildete Arbeitskräfte? ..muss man eben ausbilden, wenn welche benötigt werden. Zuwanderung ist hier nicht nötig.
    Es gibt auch nicht einen einzigen Grund, der Zuwanderung nötig macht, nicht einmal eine überalterte Gesellschaft, welches ein Problem ist, dass sich von selbst in Kürze löst, während die Probleme durch Zuwanderung für immer bleiben.
    Die Zuwanderungslüge ist nicht anderes als eine Lüge der Feudaleliten um den von ihnen gewünschten Bevölkerungsaustausch herbei zu führen. Ist erst einmal die multikulturlose Gesellschaft durchgesetzt, regiert es sich bequem über die Menschen, die sich dann für den Rest ihres Lebens in einem Kleinkrieg befinden.
    Aber für wie blöd sich die Menschen verkaufen lassen, sieht man an Slogans, wie: Du bist Ausländer fast überall, …und ähnliches……Dass es dann UMSO MEHR wichtig ist, dass man ein kleines Stück HEIMAT HAT, an dem man kein MIGRANT IST, darauf kommt das Durchschnittsschaf wohl erst, wenn er KEINE HEIMAT MEHR HAT. Sondern eine geduldete Minderheit im ehemals eigenen Lande ist.
    Das nennt man dann die dümmste und unfähigste und verantwortungsloseste Generation eines Volkes, dass dann den Lebensraum, den sie als Verpflichtung von ihren Ahnen bekamen um sie für zukünftige Generationen erhalten, mir nichts dir nichts aufgeben.

  3. Gautier Irgendwo sagt:

    Die fast ununterbrochen angeschwärzten JA stimmenden Bürger sind gerade noch gut genug, auf ihre eigenen Interessen zu verzichten um so, ähnlich wie die Arbeitsbienen dem Mittelstand und der Hoch Finanz unter die Arme zu greifen

  4. Syssiphus sagt:

    Darum soll ja die Einwanderung gesteuert und nicht ganz unterbunden werden.Die Quoten können eben erhöht oder gesenkt werden,also keine ungesteuerte (schädliche) Zuwanderung.
    Wo ist denn das Problem ,zu wenige Lohndrücker ?

  5. Gustav sagt:

    Quotierte Zuwanderung ist überhaupt kein Problem für keinen der Wirtschaftszweige in der Schweiz. Dem Bedarf entsprechend kann die Schweiz die Zuwanderungsquoten verändern. Die Quoten verhindern allerdings die unkontrollierte Zuwanderung in die Sozialsysteme und den Nachzug von Gesetzesbrechern und das ist gut. Dies sollte auch Deutschland genauso machen.

  6. biersauer sagt:

    Soferne Strassenbettler und Taschendiebe ebenfalls als Fachkräfte gelten und keinerlei Unterschied zu einem qualitativ unterschiedlichen Facharbeiter stattfinden, kann solches Gesabber nur Unmut auslösen.

    • arkor sagt:

      in Deutschland wird gefordert, dass die Patienten englisch lernen sollen, weil sie zugewanderten Ärzte kein Deutsch können. (Kein Englisch meistens auch nicht). Geht da jemanden ein Licht auf?

  7. Sennebueb sagt:

    Ihr kapiert`s einfach nicht. Wir haben darüber abgestimmt, dass wir Quoten einführen können, WENN WIR WOLLEN! Wie hoch, wie lange und in welchen Branchen, war in der Abstimmung überhaupt kein Thema. Also bitte, liebe Journalisten, lest zuerst mal den Abstimmungstext!

    • arkor sagt:

      Die Schweizer haben immer hervorragend Produkte hergestellt für sich und genügend exportiert. Wieso sollten sie hierfür auf einmal Zuwanderer brauchen. Wieso die Deutschen oder Österreicher, wo es das gleiche ist?
      Es gibt keinen Grund für Zuwanderung, außer dem Einem: Dass man seinem Verstand an der Garderobe abgegeben hat, was in Deutschland schon lange der Fall ist.

    • arkor sagt:

      eben es ist Euer Land und Eure Entscheidung. Nur merkt Ihr Schweizer genauso wenig wie die anderen, DASS DIESER ZUSTAND EIGENTLICH GAR NICHT SEIN DÜRFTE!
      Dass diese Abstimmung nötig ist, zeigt, dass die Schweizer von ihrer Politik genauso verschaukelt und verraten werden, wie die anderen europäischen Länder.
      Oder hat je ein Schweizer ein Mandat hierfür ausgestellt? Nun in Deutschland und Österreich auf jeden Fall, gibt es nicht die geringste rechtliche Grundlage für die Zuwanderung.
      Die alliierte Brd-Verwaltung handelte gegen geltendes Staatsrecht und gegen verbindliches Völkerrecht, nach dem das Grundgesetz sich an die geltende Verfassung zu halten hat, also die Souveränitätsrechte der natürlichen deutschen Rechtspersonen.

      • Sennebueb sagt:

        Was soll denn dieses Gefasel? Mir scheint DU hast den Verstand an der Garderobe abgegeben.
        Wir Schweizer wurden doch nicht verschaukelt! Wir haben ja alle gewusst, dass wir als Gegengewicht zu den bilateralen Verträgen die Personenfreizügigkeit akzeptieren müssen. Haben wir auch so gewollt. Doch nun lief dieses Agreement mengenmässig für die kleine Schweiz aus dem Ruder und nun haben wir halt die Notbremse gezogen. Also genau genommen haben wir den Notgriff erst einmal in die Hand genommen, gezogen wurde er noch nicht.

  8. Urs Krachli sagt:

    Bla, Bla, Bla.
    Es wurde in den Jahren auch nicht Rücksicht genommen, wer und wieviele in unsere Systeme wanderten! Und es geht auch nicht um die gut qualifizierten Arbeitskräfte.
    Nun müssen eben die oberen Verantwortlichen sich einen Kopf machen. Akzeptiert endlich das Abstimmungsergebnis! Und respektiert unser Land! Euer Schröder IST 2005 auch nur mit 19000 Stimmen Merheit Kanzler in Deutschland geworden. Nur Jubeln, wenn das Ergebnis einigen in den Kram passt!? Das heißt Bürgermitbestimmung!
    Eine Farce die medialen Verreissungen! Schade, auch hier!

    Löscht das ruhig, aber ihr wisst, dass ich recht habe!!!