Britische Firmen wollen von deutschem Mittelstand lernen

Produktivität, Forschung und Finanzierung. Die Britische Regierung will ihren Mittelstand nach deutschem Vorbild gestalten und den Abstand zur europäischen Konkurrenz verkleinern. Insbesondere mittelgroße Betriebe wurden von der Politik bislang benachteiligt.

Auf einer Konferenz im Hauptquartier von JCB, dem britischen Hersteller von Bau-, Industrie und Landmaschinen mit Hauptsitz in der englischen Grafschaft Staffordshire, sprechen führende deutsche Unternehmer über die Vorteile des mittelständischen Wirtschaftsmodells in Deutschland. Regierung und Wirtschaft in Großbritannien sind interessiert am Erfolgsmodell des deutschen Mittelstands. Sie wollen produktiver, innovativer und finanziell besser aufgestellt sein.

Die Veranstaltung „Meet the Mittelstand“ wird von der britischen Regierung unterstützt. Mittelgroße Betriebe in Großbritannien sind der Schlüssel zu nachhaltigem wirtschaftlichem Erfolg, hofft die Regierung. Die etwa 10.000 mittelgroßen Unternehmen, die zwischen 25 und 250 Millionen britische Pfund pro Jahr erwirtschaften, sind verantwortlich für knapp ein Drittel des BIP und schaffen einen von drei Arbeitsplätzen.

Im vierten Quartal 2013 wuchs die britische Wirtschaft um 0,7 Prozent, wie das Statistikamt am Mittwoch in London mitteilte. Das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone legte mit 0,3 Prozent nicht einmal halb so stark zu. Das von Europas größter Volkswirtschaft Deutschland stieg mit 0,4 Prozent ebenfalls schwächer. Angekurbelt wurde die britische Wirtschaft von den Investitionen der Unternehmen, die so stark zulegten wie seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Auch der private Konsum zog an.

Trotzdem ist die Wirtschaftsleistung der Briten noch immer um 1,4 Prozent schwächer als vor Beginn der schweren Krise 2008. Großbritannien wird der EU-Kommission zufolge aber in 2014 kräftiger wachsen als jedes andere westeuropäische Land. Davon würde auch die deutsche Wirtschaft profitieren: Großbritannien ist ihr drittgrößter Kunde – nach Frankreich und den USA, aber vor China und den Niederlanden.

Durch die Stärkung der britischen Unternehmen will die Regierung vor allem den schwachen Exportsektor stützen. „Wir haben einen Mittelstand. Er ist nur nicht so groß und so dynamisch wie er sein könnte“, sagte der britische Handelsminister Lord Livingston der Financial Times. Für 60 Prozent der Unternehmen nehme der Exportsektor weniger als ein Zehntel ihrer Einnahmen ein. Jedes dritte britische Unternehmen habe gar keine Einnahmen aus Exporten, so der Minister.

In der Vergangenheit hat die britische Regierung sich auf die Unterstützung großer Unternehmen konzentriert. Die breite Masse der Mittelständler wurde vernachlässigt. Nun soll der Abstand zu den deutschen Konkurrenten verkleinert werden.

Dabei mangelt es britischen Unternehmen vor allem an Produktivität. Man müsse nicht nur härter arbeiten, man müsse auch „besser arbeiten“, sagte Bob Bischof, Berater der Deutsch-Britischen Chamber of Commerce and Industry. „Die größte Abteilung in einer deutschen Fabrik dient der Arbeitsvorbereitung“, also der vorbereitenden Planung und Steuerung des Produktionsprozesses.

Ein viel profunderes Problem gibt es bei der Finanzierung. In Deutschland gibt es hunderte Banken, in Großbritannien hingegen nur „ein halbes Dutzend“ Kreditgeber, so Bischof.

„In Deutschland lebt der Bankmanager im selben Dorf“, so Bischof. „Die Kinder gehen in dieselbe Schule. Man geht zusammen Golfspielen. Man vertraut einander. In Großbritannien fehlt heute das Wort ,Vertrauen‘ zwischen Unternehmen und Kreditgebern.“

Bischof lobt auch die Rolle der deutschen Unternehmen für die Organisation und Qualität der Berufsausbildung. 80 Prozent der Ausbildungsprogramme werden von deutschen Mittelständlern angeboten, nicht von Großunternehmen.

Großbritannien hat sich an dem deutschen Vorbild orientiert, technologische Innovationen für mittelständische Betriebe zugänglich zu machen. Ein Netz von sieben regionalen Forschungszentren nach dem Modell der Fraunhofer-Institute macht dies gegen die Zahlung einer Gebühr möglich. „Das wird als eine der wichtigsten Politik-Entscheidungen der letzten 25 Jahre“ in die Geschichte eingehen, sagte Bill Williams, Direktor des Centre for Engineering and Manufacturing Excellence in London.

Die Regierung will es den Unternehmern leichter machen, Betriebe über Generationen weiter zu vererben. Das Erbrecht soll Familienbetriebe stärken. Die gesetzliche Definition für kleine und mittelständische Unternehmen ist über 30 Jahre alt. Seitdem haben sich Industrie und Technologie fundamental verändert. Die Regierung fängt nun damit an, die Rahmenbedingungen für britische Unternehmen anzupassen.

Kommentare

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  1. Fred sagt:

    Da sollten sie sich aber beeilen, denn allerorten wird ja bereits die Grundlage unseres Erfolges durch die EU reglementiert und aufgelöst. Siehe angestrebte Abschaffung des Meisterbriefes etc. Ganz zum Schluß können sie dann nur noch lernen, wie man Wettbewerbsvorteile, den eigenen Binnenmarkt und schlußendlich sich selbst abschafft!

  2. Aufgewachter sagt:

    Vom Mittelstand lernen per Industriespionage oder wie?

    http://aufgewachter.wordpress.com/

  3. spatz sagt:

    Seltsam?!
    Sonst liest man immer nur dass die Deutschen schlecht ausgebildet,ja
    überhaupt ungebildet, faul, rückständig und dumm sind.
    Alle anderen sind natürlich um Welten besser.
    Natürlich gibt es in allen an der Moderne orientierten Gesellschaften
    viele gute Leute und entsprechend erfolgreiche Unternehmen.
    So schlecht kann es hier aber nicht sein wenn andere Volkswirtschaften
    sich zumindest in Teilbereichen an hiesigen Modellen orientieren.
    Vielleicht sollte man so langsam mal den inzwischen schon
    zwanghaften, institutionellen gesellschftlichen Selbsthass
    beenden und ein gesundes zwar selbstkritisches aber auch
    von gesundem Selbstwert geprägtes Bild
    der eigenen Gesellschaft Finden.