„Mystic“ Company: Internet-Unternehmen arbeiten wie Geheimdienste

Mit der Überwachungs-Software „Mystic“ kann die NSA alle Telefonate eines Landes für einen Monat speichern. Darüber hinaus gelingt es dem Geheimdienst, zielgenau Informationen aus dieser Datenflut heraus zu filtern. Wie die NSA die Grenzen von Big Data für ihre Zwecke nutzt, wird auch für Unternehmen immer wichtiger. Digitale Ökosysteme revolutionieren Marketing-Strategien schon jetzt. Der Kunde fühlt sich in dem digitalen Garten wohl, kann ihn aber nie wieder verlassen.

Die Behauptung klingt unvorstellbar: Der US-Geheimdienst NSA verfügt mit der Software „Mystic“ über die Mittel, mit dem alle Telefonate eines Landes für einen Monat „zu 100 Prozent“ gespeichert und bei Bedarf wieder abgespielt werden kann. Auf welche Staaten die Software Mystic angewandt wird, ist noch geheim. Der Washington Post zufolge lagern auf den Servern der NSA die Aufnahmen von Milliarden Telefongesprächen. Aus dieser gewaltigen Datenmenge filtern die Agenten Millionen von Gesprächen zielgerichtet heraus.

Die Methode gibt ihnen die Möglichkeit der Spionage zu einem Zeitpunkt, an dem die verdächtigen Personen noch gar nicht verdächtigt waren. Die Macht der NSA ist unheimlich. Die Dystopie von Orwells 1984 scheint wahr geworden. Doch nicht nur staatliche Behörden wollen ihre Macht über die Bürger maximieren.

Was die Geheimdienste heute im großen Stil möglich machen, können Unternehmen Stück für Stück nachahmen. Je mehr sie über potenzielle Kunden wissen, desto stärker können sie ihre Marketing-Potenzial maximieren. Die Kooperation von Unternehmen -wie zum Beispiel die Deutsche Telekom – und Geheimdiensten ist nichts Neues (mehr hier).

Wenn z.B. Google eine web-basierte Brille anbietet (mehr hier) oder an der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge forscht (hier), dann geschieht das aufgrund einer kalkulierten Strategie: Beide Produkte erlauben einen beinahe schrankenlosen Zugriff auf teils intime und persönliche Daten. Ein einzelnes Unternehmen bekommt Einblicke in die täglichen Handlungsweisen der Menschen, deren Aktivitäten, Neigungen und Identitäten.

Gefangen im digitalen Ökosystem

Eine Datenbrille kann aufzeichnen, wo ihr Träger hinsieht, das Fahrzeug übermittelt die Route an das Unternehmen und sammelt Informationen über Musikgeschmack, Temperatur, Telefonate oder Gespräche. „Damit erhält das Unternehmen die Möglichkeit, die Big-Data-Analyse-Instrumente optimal in Echtzeit einzusetzen, um wertvolle Muster aus den gesammelten Daten zu ziehen, diese gegebenenfalls zu monetarisieren bzw. Menschen individuelle Werbebotschaften zu senden“, so eine Studie der Deutschen Bank.

Google kann zudem die gesammelten Daten an dritte Unternehmen verkaufen, die ihrerseits daraus Informationen gewinnen, um daraus Produkte maßgeschneidert für ihre Kunden zu entwickeln. „Es zeigt sich, dass die Anonymisierung bei der Weitergabe personenbezogener Daten nicht aus-reicht, um Privatsphären zu schützen, denn bereits einzelne Suchanfragen (evtl. kombiniert mit weiteren Daten) lassen exakte Rückschlüsse auf die Urheber der Daten zu – auch dann, wenn Username oder IP gelöscht wurden“, heißt es bei DB Research (mehr dazu – hier).

Die Gesamtheit des digitalen Umfeldes, dass personenbezogene Daten sammelt, speichert und weiterleitet, wird als digitales Ökosystem bezeichnet. Durch die Nutzung dieser Ökosysteme in sozialen Netzwerken, die Dienste anbieten, die wiederum mit anderen Diensten verknüpft werden, entstehen starke Lock-In-Effekte. Die Nutzer können den Diensten nicht mehr entkommen, weil deren Anbieter durch den Marktvorsprung ein Monopol ausüben. Wer auf Facebook (mehr hier) mit all seinen Kontakten vernetzt ist, wird sich aus Datenschutzgründen kein anderes soziales Netzwerk suchen, weil dies weder die Kontaktmöglichkeiten, noch die Dienste bieten kann, die Facebook derzeit anbietet.

„Für viele Unternehmen bedeutet dies vor allem ein lukratives Geschäft. Der Großteil der Konsumenten wird weiterhin die Vielfalt an Services und personalisierten Diensten trotz etwaiger Datenschutzbedenken nutzen“, heißt es in der Studie (die Studie finden Sie – hier). Dieser Effekt wird als Walled-Garden-Strategie bezeichnet: Zuerst lockt das kostenlose Angebot von Diensten die Nutzer an und bringt sie dazu, ihre persönlichen Daten anzugeben. Danach findet der Nutzer nicht mehr aus diesem digitalen Ökosystem heraus.

Die Arbeit der Geheimdienste ist nur der Anfang einer Entwicklung, die Unternehmen fortführen werden und den Markt und die Gesellschaft nachhaltig verändern.

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