Digitale Geldbörse erlaubt Überweisung ohne Online-Banking

Immer mehr Jungunternehmer arbeiten an Pay-Apps – die Überweisungen von einem zum nächsten Smartphone ermöglichen. Ein Umweg über das Online-Banking ist nicht mehr nötig. Trend steckt in Deutschland noch in Kinderschuhen. Die Spähaffäre hat der Bereitschaft, mit dem Smartphone zu zahlen zwar geschadet. Experten erwarten dennoch ein rasantes Wachstum bei den Transaktionen von unterwegs.

Das vierköpfige Startup-Unternehmen um den 28-jährigen Joschka Friedag hat mit der App Cringle eine technische Anwendung für Smartphones entwickelt, die es ermöglichen soll, mit dem Handy von einem Girokonto Geld auf ein anderes zu überweisen – überall und jederzeit ohne Umwege über Bankautomaten oder Online-Banking. „Wir schließen die Lücke zwischen Bargeldaustausch und Online-Überweisung“, sagt Cringle-Mitbegründer Malte Klussmann.

„Person to Person Payment“ – kurz P2P – heißt die Methode, auf die das Cringle-Team und eine ganze Reihe anderer deutscher Startups wie Cashcloud, Pockets United und Payfriendz setzen. Dabei handelt es sich um eine Form des mobilen Bezahlens – ein Trend, der in Deutschland in den Kinderschuhen steckt, in vielen anderen Ländern aber bereits gang und gäbe ist.

Vor allem in Afrika, wo eine Bankfiliale oft viele Kilometer weg ist und zahlreiche Menschen gar kein Konto haben. Doch auch in europäischen Ländern wie Großbritannien, Spanien und Polen ist das Bezahlen mit dem Smartphone im Handel nicht mehr unüblich. US-Bürger sind nach dem Aufkommen der Spähaffäre jedoch skeptisch geworden und zahlen lieber nicht mit dem Smartphone, wie eine Studie belegt.

In Deutschland sind es dagegen erst 13 Prozent, die ihre Smartphones oder Tablets auf diese Weise einsetzen, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Bain ergab. Dabei gibt es hierzulande bereits mehrere Modelle des Mobile Payment. „Vodafone SmartPass“ etwa ist eine Kooperation zwischen dem Telekomriesen Vodafone und dem Kreditkartenkonzern Visa. Der Zahlungsdienstleister Wirecard wickelt die mobilen Transaktionen ab. Die Deutsche Telekom will noch in diesem Jahr die mobile Brieftasche „MyWallet“ auf den Markt bringen. In beiden Fällen wird zunächst eine Prepaid-Karte aufgeladen.

Die Zahlungen laufen dann via Nahfeldkommunikation (NFC). Dabei wird ein entsprechend ausgerüstetes Smartphone zur Überweisung des fälligen Betrags im Geschäft einfach an ein NFC-Kassenterminal gehalten. Über 30.000 dieser Terminals gibt es in Deutschland, in den nächsten zwei bis drei Jahren erwarten die Anbieter eine Verzehnfachung.

Gerade die jüngere Generation ist an den Umgang mit dem Smartphone gewöhnt und damit Hauptzielgruppe für solche Anwendungen. Darin sehen die Startups auch ihre Chance: „Wir sind näher an den Digital Natives und am mobilen Zeitgeist“, sagt Klussmann von Cringle. Cashcloud-Geschäftsführer Olaf Taupitz sieht einen Vorteil darin, dass die Startups oft klein sind. Ideen ließen sich so schneller umsetzen. „Wenn man sich in einem großen Konzern abstimmen muss, dauert das immer länger.“

Deutsche Startups blicken generell optimistisch in die Zukunft, wie eine Studie der Unternehmensberatungsfirma Ernst & Young ergeben hat (mehr hier). Größte Schwierigkeit ist jedoch die Finanzierung. Dreiviertel der befragten Jungunternehmer greifen auf Eigenmittel zurück. Die Software-Entwickler von Cringle, die ihre App noch auf den Markt bringen müssen, hoffen auf eine Kooperation mit einem großen Partner, am liebsten einer Deutschen Bank. Cringle hätte dann mit dem Geld der Kunden nichts direkt zu tun, sondern könnte sich ganz auf die Technologie konzentrieren.

Cringles Spezialität, das P2P-Payment, ist auch für die Telekom-Wallet eine Option: „Direktüberweisungen unter Kunden ist ein Service, über den wir nachdenken und den wir uns in Zukunft auch vorstellen könnten“, sagt Telekom-Sprecherin Verena Fulde. Das Unternehmen sei allgemein in der Startup-Szene gut vernetzt. Wenn es dort für die Telekom interessante Lösungen gebe, „wären wir dumm, wenn wir uns selbst den ganzen Entwicklungsaufwand machen würden“. Eine Partnerschaft oder Investitionen seien dann durchaus denkbar.

Bernd Ruincik von der Verbraucherzentrale Berlin sieht allerdings Probleme bei Sicherheit und Datenschutz (mehr zu den Datenkraken im Netz – hier). Er plädiert deshalb für mehr Aufklärung und Transparenz. Damit sich das mobile Bezahlen fest etabliert, fehle außerdem ein einheitlicher Standard, sagt Jürgen Moormann, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. Doch auch er macht einen gesellschaftlichen Trend hin zum Smartphone als „zentrales Instrument für alles“ aus. Handy-Zahlungen wären somit der nächste logische Schritt. Steffen von Blumröder vom Branchenverband Bitkom sagt allerdings, dass sich das Konzept in Deutschland wohl nur langsam durchsetzen wird. „Es könnte durchaus eine Generation dauern.“

Generell sind sich Branchenkenner aber einig, dass Apps wie Cringle die Gewöhnung an die digitale Geldbörse vorantreiben. In einer internationalen Umfrage des Beratungsunternehmens PwC gab fast die Hälfte der Befragten an, sich vorstellen zu können, mit dem Handy Geld an andere Personen zu überweisen. Bankenprofessor Moormann sagt, dass die Wachstumsraten im Mobile Payment in Westeuropa bei mehr als 50 Prozent jährlich lägen. Auch wenn P2P nur ein kleiner Baustein davon sei, denkt er: „Da kommt eine Riesenwelle.“

Weitere Themen
Evolution der Fortbewegung: Roboter imitiert Bewegungen von Echsen
Mobile App macht den Nachbarn zum Dienstleister
IT-Firmen jagen Online-Betrüger mit Big Data Analytics

Kommentare

Dieser Artikel hat 7 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Kolishko sagt:

    Kann jeder machen wie er will, aber ich habe keine Lust noch mehr finanzielle Suveränität aufzugeben.

    Es passt mir schon nicht in den Kram dass alle Überweisungen von mir rückverfolgbar sind bis in die Jahre zurück. Ausserdem sind Handys um einiges einfacher zu Hacken als Computer da die wenigsten Anti-Viren-Apps usw. benutzen.

    Es reicht langsam…

  2. Robert Hanke sagt:

    haters gonna hate

  3. TC sagt:

    Wenn die Leute auch nur den Hauch einer Ahnung hätten, was der Verlust des Bargeldes für uns alle letztlich bedeuten wird, würden sie es wahrscheinlich ablehnen.
    http://stopesm.blogspot.de/search/label/Bargeldverbot

  4. WachtamRheinbeiRhöndorf sagt:

    Abgelehnt.

    Wie Selbstscankassen, wie diese Stuhlgangäpps, wie dieses Vollspaten-Gruppengevögele auf flachen Telefonen, paypal oder „glasshole“-Brillen.

    Es ist befreiend, wenn man Entwicklungen anhand eines homogen gewachsenen Weltbildes, republikanischer Grundsätze und im Lichte des DM-Verrates direkt als eher schädlich kategorisieren und sogleich aussortieren kann.

  5. Das passende Zahlungsmittel... sagt:

    …für Dummphonstreichler alias Sklaven.

  6. Bellutchen sagt:

    Die merkbefreiten Deppen werden es jubelnd begrüssen,
    wenn sie komplett gläsern sind.

  7. jakob sagt:

    ja, das ist ne dufte sache in diesem falsch schuldgeldsystem: nie mehr panik bzgl bank runs!