Megafusion zwischen Holcim und Lafarge verändert Zement-Industrie

Gespräche über eine Fusion zweier Zementgiganten befinden sich in fortgeschrittenem Stadium. Holcim und Lafarge wollen einen Konzern mit 100.000 Mitarbeitern und 30 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr gründen. Die Fusion könnte die Unternehmen jedoch dazu zwingen, Sparten an Konkurrenten zu verkaufen, um den Wettbewerbsregeln gerecht zu werden.

Die Zementbranche steht vor der größten Fusion ihrer Geschichte. Der Weltmarktführer Holcim und die Nummer zwei Lafarge führen fortgeschrittene Verhandlungen über einen Zusammenschluss unter Gleichen, wie sie am Freitag mitteilten. Werden sich die Schweizer Holcim und die französische Lafarge handelseinig, entsteht ein Konzern mit einem Umsatz von mehr als 30 Milliarden Euro und weit über 100.000 Mitarbeitern. Trotz der dominierenden Stellung des neuen Riesen in Europa und den USA könnte eine Fusion der gebeutelten Branche neuen Schub geben und Firmen wie die deutsche HeidelbergCement dürften auf ein Ende des harten Preiskampfes hoffen.

Noch ist die größte Transaktion in Europa seit der Übernahme von Xstrata durch Glencore im vergangenen Jahr nicht in trockenen Tüchern. So warnten Analysten, dass die Unternehmen hohe kartellrechtliche Hürden überwinden müssten. Ein Zusammenschluss würde Kunden, Mitarbeitern und Aktionären beträchtliche Vorteile bringen, argumentieren dagegen die Zementriesen. Die Geschäfte der beiden Unternehmen ergänzten sich gut.

Lafarge ist Natixis-Analyst Abdelkader Benchiha zufolge in Afrika und im Nahen Osten stark, Holcim dagegen in Lateinamerika. Schwellenländer, die angesichts des starken Bevölkerungswachstums viele Wohnhäuser, Straßen und Dämme bauen, sind der Wachstumsmotor der Zementbranche. Holcim betreibt weltweit Produktionsstätten in rund 70 Ländern und erwirtschaftet mit 71.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 19,7 Milliarden Franken (16,1 Milliarden Euro). Lafarge kam 2013 mit 62.000 Mitarbeitern auf Erlöse von 15,2 Milliarden Euro.

Doch Überkapazitäten machen der Branche seit Jahren zu schaffen. Holcim und Lafarge haben wie andere Unternehmen Zuflucht in Kostensenkungen gesucht. Mit einer Fusion dürften sie noch zu weit tieferen Schnitten ansetzen und damit die Profitabilität verbessern. Lafarge ist hoch verschuldet, die Kreditwürdigkeit befindet sich nur noch auf Ramschniveau. Bei einem Zusammenschluss mit Holcim würde Lafarge vom besseren Kreditrating der Schweizer profitieren und könnte die Zinskosten drücken, sagte Natixis-Analyst Benchiha.

Die Anleger reagierten auf die Meldung euphorisch. Die Lafarge-Aktien gewannen bei weit überdurchschnittlichen Umsätzen 8,9 Prozent auf 64,09 Euro, Holcim kletterten 6,7 Prozent auf 80,20 Franken. Damit war Lafarge an der Börse 18,4 Milliarden Euro wert, Holcim 26,2 Milliarden Franken.

Wettbewerbshürden überwinden

Die Spekulation auf die Elefantenhochzeit verlieh der ganzen Branche Rückenwind. Die Anteilsscheine von HeidelbergCement kletterten um 4,3 Prozent und auch CRH aus Irland und die italienischen Buzzi Unichem und Italcementi rückten kräftig vor. Händlern zufolge würde der Abbau der Überkapazitäten in der Branche den Unternehmen Preiserhöhungen erleichtern. Zudem könnten Holcim und Lafarge von den Wettbewerbsbehörden gezwungen werden, Filetstücke aus den Geschäftsportfolios auf den Markt zu werfen.

Benchiha zufolge hätte Lafarge-Holcim in den USA, Kanada, Brasilien und Frankreich eine marktbeherrschende Stellung. Morningstar-Analystin Elizabeth Collins macht in Deutschland, Frankreich, Spanien, Tschechien, Rumänien und Serbien Überlappungen aus. Ein Verkauf von Produktionswerken und Verteilzentren dürfte allerdings längere Zeit in Anspruch nehmen. „Ich denke, dass ist eine Geschichte, die sich über ein Jahr oder mehr hinziehen wird“, erklärte sie. Selbst verschiedene kleinere Transaktionen in der Branche waren zuletzt auf Widerstand der Wettbewerbshüter gestoßen, warnte ein Analyst. So nehmen die Kartellwächter den geplanten Beteiligungstausch von Holcim und der mexikanischen Cemex in Europa unter die Lupe. Holcim will in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden Geschäftsteile von Cemex übernehmen. Im Gegenzug soll die tschechische Holcim-Tochter Csesko an Cemex verkauft werden.

Holcim und Lafarge erklärten denn auch, dass bisher noch keine Übereinkunft zwischen den Unternehmen erzielt worden sei. Es gebe keine Gewissheit, dass die Gespräche tatsächlich zu einer Vereinbarung führten. Die größten Aktionäre der beiden Konzerne hielten sich bedeckt. Weder Groupe Bruxelles Lambert noch der aus der Holcim-Gründerfamilie stammende Thomas Schmidheiny wollten sich zu den Fusionsverhandlungen äußern. Schmidheiny hatte allerdings schon vor Jahren durchblicken lassen, dass er einer Fusion nicht im Wege stehen würde, wenn sie dem Unternehmen nützen würde.

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