Lafarge-Holcim will Geschäfte im Wert von 5 Milliarden verkaufen

Etliche Zementwerke der ehemaligen Konkurrenten stehen durch die Mega-Fusion bald zum Verkauf. Pro Land werden entweder die Lafarge oder die Holcim-Werke verkauft. Konkurrent HeidelbergCement kann strategisch wichtige Werke erwerben, rechnet aber mit Verzögerung des Deals. Im schlimmsten Fall können Kartellbehörden den Deal sogar blockieren.

Einen Tag nach der Elefantenhochzeit mit dem Konkurrenten Lafarge leitet der Schweizer Zementkonzern Holcim den Verkauf von Teilbereichen ein. „Wir halten uns alle Optionen offen“ für den „Verkauf an Konkurrenten“, einen „Verkauf an Private-Equity-Gesellschaften oder Börsengänge“, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag. Holcim und Lafarge wollen mit der Trennung von Sparten erreichen, dass die Wettbewerbsbehörden grünes Licht für die Fusion geben.

Zuerst steht die gemeinsam betriebene Gesellschaft in Französisch-Guyana zum Verkauf. Die kolumbianische Argos bezahlt nach eigenen Angaben vom Mittwoch 50 Millionen Euro für Ciments Guyanais. Der Zukauf ergänze die Argos-Anlagen in Surinam und auf den Antillen.

Die Branchenführer aus der Schweiz und Frankreich hatten am Montag angekündigt, bis Mitte 2015 zu fusionieren. Zusammen kommen Holcim und Lafarge auf einen Umsatz von rund 32 Milliarden Euro. Angesichts von Überlappungen vor allem in Europa will LafargeHolcim aber Geschäfte mit einem Umsatz von insgesamt rund fünf Milliarden Euro verkaufen. „Der Prozess wird jetzt gestartet“, erklärte der Sprecher. „Wir schauen uns jedes Land einzeln an.“ Analystenschätzungen zufolge haben die Unternehmen in neun Ländern, darunter Kanada und Frankreich, einen kombinierten Marktanteil von über 50 Prozent.

Weltweit kommen Holcim und Lafarge nicht einmal auf zehn Prozent Marktanteil. „Unsere Branche ist im Vergleich mit vielen anderen Branchen immer noch ziemlich fragmentiert“, hatte Holcim-Finanzchef Thomas Aebischer am Montag gesagt. Er bezifferte die globale Zementnachfrage auf jährlich vier bis 4,4 Milliarden Tonnen. Holcim und Lafarge setzten gemeinsam lediglich 280 bis 300 Millionen Tonnen ab.

Die angekündigte Fusion mit dem Wettbewerber Lafarge belastet die Bonität des Schweizer Zementkonzerns Holcim. Die Ratingagentur Moody’s nahm den Ausblick für das „Baa2″-Rating der Schweizer Holcim am Montag auf „negativ“ von „stabil“ zurück. Moody’s begründete den Schritt mit der schwächeren Kapitalstruktur von Lafarge und mit den Risiken der Zusammenführung der beiden Unternehmen. Dagegen will die Agentur eine Erhöhung der Ratings des französischen Konzerns prüfen.

Konkurrenten reiben sich die Hände: Die geplante Fusion der Baustoffkonzerne bringt Deutschlands größten Zementhersteller HeidelbergCement in eine komfortable Lage: Die Nummer drei der Branche kann in Ruhe abwarten, was die Nummern eins und zwei auf Geheiß der Kartellwächter für ihr Zusammengehen auf den Markt werfen müssen. Experten erwarten, dass sich die beiden als Zugeständnisse für ein „Ja“ zur Fusion von etlichen Fabriken trennen müssen.

Da der nächste größere Konkurrent, Cemex aus Mexiko, wegen seiner hohen Schuldenlast als Mitbieter weitgehend ausfallen dürfte, kann HeidelbergCement-Chef Bernd Scheifele die Rosinen picken – und das womöglich zum Schnäppchenpreis. „Wenn Werke aus kartellrechtlichen Gründen verkauft werden müssen, drückt das natürlich den Preis“, sagt ein Branchenkenner.

Abbau von Schuldenbergen

HeidelbergCement hatte wie Cemex vor rund zehn Jahren durch eine Übernahme hohe Schulden aufgetürmt, ehe die Finanzkrise ausbrach. Doch während die Kurpfälzer ihre Finanzlage seither stark verbesserten, kämpft Cemex weiterhin mit erdrückender Schuldenlast. Mit gut 16 Milliarden Dollar ist die Nettoverschuldung rund sechs Mal so hoch wie das operative Ergebnis (Ebitda), während HeidelbergCement die Schulden mit 7,5 Milliarden Euro auf das Dreifache des Ebitda drückte. „Cemex ist nicht in der Lage, irgendetwas zu kaufen“, sagt Fernando Bolanos, Analyst beim mexikanischen Broker Monex.

Die bessere Konjunktur könnte HeidelCement in diesem Jahr helfen, die Schulden wieder zu senken, erwartet Ingo Schmidt, Analyst der Hamburger Sparkasse. Auch will Firmenchef Scheifele die Ziegel-Sparte, ein Überbleibsel der teuren Hanson-Übernahme, in Großbritannien verkaufen oder an die Börse bringen. Schmidt zufolge kursieren Schätzungen von bis zu 1,8 Milliarden Dollar Einnahmen daraus, die ins angestammte Geschäft mit Zement, Kies und Sand oder Beton gesteckt werden könnten.

HeidelbergCement könnte sich Akquisitionen also leisten. Die große Frage sei aber, ob der Konzern sie auch brauche, sagt Schmidt. In Europa, wo vermutlich zwei Drittel der von Holcim und Lafarge abzustoßenden Werke angesiedelt sind, sind die Kurpfälzer schon gut aufgestellt. Staaten wie Brasilien sind nach Ansicht Schmidts keine verheißungsvollen Märkte. Auch sollten die Konzerne aus der Geschichte lernen und nicht wieder den Fehler machen, sich durch billiges Geld in einen Kaufrausch versetzen zu lassen. Schuldenabbau sei besser: „Die nächste Krise kommt bestimmt, dafür muss man gewappnet sein.“ Zugreifen sollte der Dax-Konzern höchstens, wenn ihm Baustoffwerke nachgeschmissen würden.

HeidelbergCement hat jedenfalls noch eine lange Bedenkzeit: Bei der milliardenschweren Fusion der zwei Zement-Riesen steckt der Teufel im Detail. Um herauszufinden, wo es Überschneidungen gibt, die zum Schutz des Wettbewerbs abzutrennen sind, müsse man jedes einzelne Werk anschauen, sagt ein Experte. Und davon gibt es genug: Holcim hat weltweit 1750 Produktionsstätten, Lafarge 1570. Die Berenberg-Bank listet 13 Länder auf, in denen beide zusammen einen Marktanteil von mindestens 20 Prozent hätten und damit kartellrechtliche Probleme bekämen. Ecuador steht ganz oben auf der Liste mit völliger Marktbeherrschung, gefolgt von Serbien, Rumänien, Kanada, Marokko, den Philippinen, Tschechien, Frankreich und Malaysia mit jeweils mehr als 50 Prozent. In den USA kämen sie auf 30 Prozent, in Deutschland, Indien und Brasilien auf 20 Prozent.

Die Berenberg-Analysten sind skeptisch, ob Lafarge und Holcim ihren Zeitplan einhalten und den Deal bis zum ersten Halbjahr 2015 besiegeln können: „Bei dem Umfang der Überschneidungen und der Zahl der involvierten Behörden erwarten wir eine Verzögerung und im schlimmsten Fall eine Blockade des Deals„, schrieben sie in einer Studie. Holcim und Lafarge wollen das Thema Verkäufe aber „sofort“ angehen und scheinen schon konkrete Vorstellungen zu haben. In 15 Ländern erwarteten sie kartellrechtliche Probleme. „Im Prinzip gehen wir davon aus, dass in jedem europäischen Land entweder das Holcim- oder das Lafargegeschäft verkauft wird“, sagte eine mit der Transaktion vertraute Person.

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  1. loew sagt:

    Da geht die Post ab 🙂