Chinas Wirtschaft droht schwächstes Jahr seit 1990

Deutsche Exporteure müssen mit einer schwachen Nachfrage aus China rechnen. Neue Konjunkturdaten lassen vermuten, dass Chinas Wirtschaft ihrem geringsten Wachstum seit Jahrzehnten entgegen steuert.

China steuert auf das schwächste Wachstum seit fast einem Vierteljahrhundert zu. Im ersten Quartal 2014 stieg das Bruttoinlandsprodukt mit 7,4 Prozent so langsam wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Geht es in diesem Tempo weiter, droht der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA das schlechteste Jahr seit 1990.

Das könnte sich dann auch negativ auf deutsche Unternehmen auswirken, die besonders viele Waren in die Volksrepublik exportieren (mehr hier). Je langsamer die chinesische Wirtschaft wächst, desto schwieriger wird es zudem, für genügend Arbeitsplätze in dem Riesenreich zu sorgen. Die Regierung in Peking zeigte sich dennoch zufrieden und sieht keinen Grund für neue Konjunkturhilfen. Ökonomen und die Börse reagierten sogar erleichtert auf die Zahlen: Sie hatten einen noch schlechteren Jahresauftakt erwartet.

„Auch wenn sich das Wachstum abgeschwächt hat, bleibt es doch in einem vernünftigen Bereich„, sagte der Sprecher des Statistikamtes, Sheng Laiyun, am Mittwoch. Ende 2013 lag die Rate noch bei 7,7 Prozent. Volkswirte hatten nun sogar einen Rückgang auf 7,3 Prozent befürchtet. „Die Wirtschaft bewegt sich in die erwartete Richtung“, so Sheng.

Nach Jahren des Booms will die kommunistische Führung die Wirtschaft modernisieren, die Abhängigkeit von Exporten senken und den Konsum im eigenen Land stärken. Dafür nimmt sie ein schwächeres Wachstum in Kauf, solange genügend Jobs entstehen und soziale Unruhen vermieden werden können. Für dieses Jahr strebt die Regierung 7,5 Prozent an. Angesichts der Milliardenbevölkerung braucht China ein Plus von mindestens 7,2 Prozent, um jährlich zehn Millionen Jobs zu schaffen und die Arbeitslosenquote in den großen Städten auf etwa vier Prozent zu beschränken. Die Beschäftigungslage sei „stabil und in guter Verfassung“, erklärte das Statistikamt.

Erhebliche Risiken bleiben jedoch bestehen: Dazu gehören eine Immobilienpreisblase, Überkapazitäten in einigen Industriebranchen (hier), die enorme Verschuldung von Unternehmen wie privaten Haushalten sowie der große Markt der Schattenbanken (hier). „Von diesen Faktoren gehen derzeit die wohl erheblichsten Abwärtsrisiken für das zukünftige Wachstum Chinas aus“, sagte NordLB-Analyst Frederik Kunze.

Die Regierung könnte im Notfall gegensteuern, sitzt sie doch auf den größten Devisenreserven der Welt. Sie summieren sich auf fast vier Billionen Dollar, was mehr als der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands entspricht. Ökonomen rechnen derzeit aber nicht mit neuen Konjunkturhilfen. „Die Politiker dürften mit dem aktuellen Wachstumstempo gut leben können“, sagte Julian Evans-Pritchard vom Analysehaus Capital Economics in Singapur. „Sie werden deshalb keine größeren Maßnahmen ankündigen.“

Peking hatte bereits mehrere kleinere Schritte getan, um der Konjunktur auf die Sprünge zu helfen – darunter Steuersenkungen für kleinere Unternehmen und Investitionen in den Ausbau des Schienenverkehrs (hier). Auch die Zentralbank dürfte vorerst still halten. „Es ist nicht schlecht genug, um die Geldpolitik zu ändern“, sagte Ökonom Stephen Green von der Großbank Standard Chartered in Hongkong.

Der Einzelhandelsumsatz zog im März mit 12,2 Prozent etwas stärker als erwartet an, während die Industrieproduktion mit 8,8 Prozent etwas schwächer zulegte als angenommen. Die Exporte schrumpften den zweiten Monat in Folge.

Die Wachstumsschwäche wird im Ausland mit Sorge verfolgt. Vor wenigen Tagen erst warnte der Internationale Währungsfonds vor den Folgen einer allzu starken Konjunkturabkühlung in China. Wenn es zu einer „harten Landung“ komme, werde dies auch andere Schwellenländer treffen. Auch die deutsche Wirtschaft macht gute Geschäft in der Volksrepublik: 2013 setzte sie dort Waren im Wert von 67 Milliarden Euro ab. Nur nach Frankreich, in die USA, nach Großbritannien und in die Niederlande wird mehr exportiert.

 

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