Kaum Inflation in der Euro-Zone: Preise in Krisenländern fallen bereits

In Griechenland sind die Preise im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent gefallen. Sinkende Preise gibt es auch in Zypern, Portugal und Spanien. Ökonomen warnen jedoch, man dürfe sich von dem Schreckgespenst Deflation nicht verunsichern lassen.

Die Lebenshaltungskosten in der Euro-Zone steigen kaum noch. Die Inflationsrate sank im März auf 0,5 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat am Mittwoch mitteilte. Sie ist damit so niedrig wie zuletzt im November 2009, als die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Das schürt Ängste vor einer Deflation. Insbesondere die deutlich niedrigeren Energiekosten bremsten den Preisauftrieb. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an. Sie hofft darauf, dass die aus ihrer Sicht zu niedrige Teuerung im April anzieht.

Grund für die geringe Inflation sind nach Einschätzung der Währungshüter auch die späten Osterferien, die in diesem Jahr komplett auf den April fallen. Deswegen stiegen etwa die Preise für Pauschalreisen auch später als sonst üblich. Bei ihrem Zinsentscheid Anfang April beließ der EZB-Rat den Leitzins für die 18 Euro-Länder auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent. EZB-Präsident Mario Draghi zeigte sich aber bereit, notfalls auch mit unkonventionellen Maßnahmen einzuschreiten, um eine für die Konjunktur gefährliche Deflationsspirale zu verhindern.

In den Krisenstaaten gehen die Preise bereits jetzt zurück. So mussten die Verbraucher in Griechenland 1,5 Prozent weniger zahlen als vor Jahresfrist, in Zypern lag der Preisrückgang bei 0,9 Prozent, in Portugal bei 0,4 Prozent und in Spanien bei 0,2 Prozent.

In Deutschland lag die Teuerung bei 0,9 Prozent – das ist halb so viel wie vor einem Jahr. Die Inflationsrate in Österreich lag im März nach Angaben der Statistik Austria vom Mittwoch bei 1,4 Prozent.

BIZ-Chefökonom: Deflationsangst ist überzogen

Der Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Claudio Borio, hält die Angst vor einem gefährlichen Preisverfall in der Euro-Zone jedoch für übertrieben. „Man kann die Gefahr einer Deflation leicht überschätzen“, sagte Borio in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview. Eine Deflation als sich selbst verstärkende Abwärtsspirale der Preise sei „etwas völlig anderes“ als der graduelle Rückgang des Preisniveaus, wie er in einigen Ländern der europäischen Währungsunion stattfinde, sagte der Ökonom in Basel (Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte sich ähnlich geäußert – hier).

Viele Ökonomen aus dem angloamerikanischen Raum und der Internationale Währungsfonds (IWF) sehen die Euro-Zone am Rande einer Deflationsspirale. Sie fordern deshalb von der Europäischen Zentralbank (EZB), die Notenpresse anzuwerfen. Borio warnte dagegen, sich vom Schreckgespenst der Deflation verrückt machen zu lassen. „Man sollte vorsichtig sein, dieses Wort allzu zu oft zu benutzen. „Deflation als Begriff ist zu emotional besetzt und deshalb nicht hilfreich, wenn es darum geht, rational zu denken.“ Eine echte Deflation, wie in den 1930er-Jahren in den USA, als die Preise um 30 Prozent sanken, sei „eher die Ausnahme als die Regel“.

Damals führten ebenso wie in Japan in den 1990er Jahren fallende Preise und Löhne dazu, dass Privatleute und Unternehmen nicht mehr konsumierten und investierten, weil sie auf weiter sinkende Preise spekulierten. Dies würgte die Konjunktur ab. In der Euro-Zone fielen die Preisen zuletzt zwar nur in einigen Krisenländern wie beispielsweise Griechenland oder Spanien.

Borio sieht die EZB dennoch vor schwierigen Entscheidungen, die sie möglichst ohne Einflüsterungen von außen treffen soll: „Die EZB steht gegenwärtig vor besonderen Herausforderungen. Es ist wichtig, dass die Autonomie der Notenbanken respektiert wird.“ Zuletzt hatte der IWF eine Lockerung der Geldpolitik verlangt und sich von EZB-Präsident Mario Draghi dafür eine Rüge eingefangen (mehr dazu – hier). Aus Frankreich kamen zudem Warnungen wegen des jüngsten Euro-Anstiegs. Dieser wird allerdings auch von der Notenbankern kritisch gesehen, weil eine starke Währung über niedrigere Importpreise das Preisniveau drückt.

EZB-Präsident Draghi, Bundesbank-Chef Jens Weidmann und andere Geldpolitiker hatten deshalb zuletzt immer wieder mit Worten versucht, auf den Devisenmärkten eine weitere Aufwertung des Euro zu verhindern. Weidmann kann sich vorstellen, dagegen im Ernstfall mit Strafzinsen für Banken vorzugehen, die diese bezahlen müssten, wenn sie Geld bei der EZB parken statt es zu verleihen (mehr hier). Das Kalkül: Dieses Signal könnte Kapitalimporte in die 18 Euro-Länder unattraktiver machen, die den Euro derzeit steigen lassen.

BIZ-Chefvolkswirt Borio sieht das genauso, beurteilt die Erfolgsaussichten einer solchen Aktion, bei der die EZB rein technisch ihren sogenannten Einlagesatz in negatives Terrain senken würde, aber skeptisch: „Zum Tango-Tanzen gehören immer zwei.“ Wie immer hänge die Nachhaltigkeit des Effekts also davon ab, was andere Länder parallel machten. Zudem könne man mit dem Einlagesatz nicht besonders weit runtergehen, sagte Borio. „Die Stärke des Effekts ist damit hochgradig unsicher.“

 

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Kommentare

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  1. WachtamRheinbeiRhöndorf sagt:

    Wirres Politökonomengerede. Sinkende Preise sind das Logischste in einer €-Krise, die nach dem Platzen sämtlicher Blasen, bis auf die Vermögenspreishausse, die Parameter der Volkswirtschaft auf leistungskonformes Normalniveau zurückfallen lässt und Produktivitätsfortschritte sowie Wettbewerbsverbesserung hervorbringt
    Durch den betrugsmäßigen Bailout/ die Konkursverschleppung der Geldhäuser und die €-Zwangsjacke wird eine solche Gesundung jedoch verhindert und der Absturz chronifiziert. Wechselkurs, Zins, Preisniveau und Löhne harmonieren nicht mit der Produktion bzw. der Leistungsbilanz.Und am Ende beissen die Hunde die Deutschen/Österreicher/Niederländer…,deren Volksvermögen verfrühstückt und deren Löhne ruiniert/nivelliert/“harmonisiert“ und deren Überschüsse im Rachen der Hochfinanzschaben verschwunden sind.

    Der € ruiniert Deutschland. Und Europa.

    • WachtamRheinbeiRhöndorf sagt:

      …hervorbringen (die sinkenden Preise!)

    • popper sagt:

      @WachtamRheinbeiRhöndorf
      Ihre Analyse in den ersten Sätzen wäre nur dann ökonomisch fundiert, wenn Sie feststellen würden, dass die Wettbewerbsunterschiede in einer Währungsunion nur vermieden werden können, wenn sich alle an das vereinbarte Inflationsziel halten und ihre Löhne zusammen mit der länderspezifischen Produktivitätsrate an die arbeitende Bevölkerung weitergeben.

      Und dagegen hat in erster Linie Deutschland massiv mit seiner Lohn- und Preisdumpingpolitik verstoßen. Natürlich haben andere über das vereinbarte Ziel hinausgeschossen, aber bei vertragskonformer Einhaltung durch Deutscland, wären nicht diese enormen Leistungsbilanzüberschüsse entstanden, die letztlich im Zuge der Finanzkrise zu dieser enormen Verschuldung geführt haben.

      Im Übrigen sinken die Preise infolge der Lohnkürzungen in den Südländern und nicht, weil sie ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit anpassen. Die Leisungskraft istüberhaupt nicht der entscheidende Punkt. Denn diese wäre nur zu erreichen, wenn sie mit ihren Löhnen um das Doppelte heruntergingen. Was das für diese Länder bedeuten würde, ist absehbar. Den völligen Ruin.

  2. OutdoorM65 sagt:

    „In Deutschland liegt die Inflation bei 0,9 Prozent – und führt zu einem Anstieg der Kaufkraft“

    So so… das wäre das erste Mal in der Geschichte des Geldes, dass Inflation zu Kaufkraftsteigerungen führt. Manch Autor hier sollte vielleicht auch nochmal ein paar Semester VWL nachholen.

  3. popper sagt:

    Kaum Inflation ist nicht das, was uns beruhigen sollte. Insbesondere in Deutschland. Hier müsste über viele Jahre durch höhere Löhne Inflation angestrebt werden, um Europa aus der Krise zu führen. Denn gerade Deutschland hat mit seiner viel gepriesenen Lohnmoderation und der daraus entstandenen Agenda 2010 mit seinen Hartz-Gesetzen einzerstörerisches Lohndumping betrieben und sich wettberberbs- und Marktvorteile erschlichen. Die hieraus resultierenden Leistungsbilanzdefizite bei den Handelspartner in der Währungsunion sind das Ergebnis deutscher Niedriglohnpolitik. So wie Deutschland den Schlüssel in die Krise genutzt hat, muss es diesen nutzen, um Europa zu retten.

    Leider gibt es bis dato keinerlei Anzeichen, dass Deutschland diesen Zusammenhang erkennt und danach handelt. Im Gegenteil. Auch der vorliegende Artikel macht deutlich, dass mit angeblichen Gefahren der Inflation die inzwischen mit Händen zu greifende Deflation zu relativieren. Man glaubt immer noch an den Monetarismus der Neoklassiker, obwohl sie empirisch und theoretisch längst widerlegt ist. Man redet (Weidmann, Draghi) den Menschen weiterhin ein, die Geldpolitik der EZB habe noch Instrumente, die drohende Deflation zu verhindern. Doch wer schon bei der Analyse schwindet hat längst resigniert und bietet den Leuten nur noch falsche Lösungen, um sie zu beruhigen.

    Das, was dem Süden und jetzt auch Frankreich und Italien als sogenannte Anpassung oder Strukturreform aufgenötigt wird, führt direkt in den Ruin der EWU. Denn, um mit Deutschlands Kostenniveau gleichzuziehen müsste der Süden noch einmal um soviel die Löhne kürzen, wie sie bereits gekürzt worden sind und IT und FR um 20%. Das bedeutet den ultimativen Ruin. Also führt kein Weg daran vorbei. Entweder Deutschland bewegt sich und ändert seine Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik oder das Schicksal Europas ist besiegelt.

    • nadann sagt:

      schauen Sie bitte richtig hin:
      Dazu als erstes Goldschmied fabian gucken. Dann prof. bernd senf „tiefere ursachen der weltfinanzkrise“, andreas popp „danistakratie“ und mario fleischmann „das zwangsgeldsystem“. Wenn mans dann verstanden hat, findet man noch unzähliges im www dazu, wie z.b. gugeln -> „sklaven ohne ketten opel“ Wer dann noch richtig schmunzeln möchte zieht sich noch die exportdaten in bezug auf den momentanen Target II saldo rein.

  4. Writing.Angel sagt:

    Die Preise für Lebensmittel, die für mich als um Gesundheit, Umwelt- und Tierschutz bemühten Vegetarier mit geringer Rente relevant sind, sind die für Brot, Gemüse, Salat, Kartoffeln, Obst, Nüsse. Und die sind in den letzten 2 Jahren um 30 % gestiegen! Auch sind die Preise für Personentransport in den letzten 12 Monaten in meiner Heimatstadt um 23% gestiegen. Desweiteren starker Anstieg von Mieten und Energiekosten im Haushalt. Da ich prozentual das meiste Geld für meine Ernährung und kein Geld für PKW-Kraftstoffe, Smartphones oder Laptops verbrauche, ist die Rate von 0,9% für mich und die wachsende Anzahl der Einkommensschwachen irreführend.
    Die Inflationsrate wird mit einem völlig irrelevant gewichteten Warenkorb falsch niedrig berechnet!

    • christian sagt:

      Da sind Sie nicht der einzige…Die Zahlen werden so manipuliert, wie man es gerade braucht. Ausserdem befinden sich die Südstaaten nicht man Beginn einer Deflation, sondern in einer Wirtschaftsdepression! Das ist ein großer Unterschied. Ihnen viel Glück und Gott mit uns!