Siemens will Tochterfirma in Konstanz verkaufen

Der Konzernumbau bei Siemens geht voran. Das Geschäft mit Post- und Sortieranlagen steht kurz vor dem Verkauf. Siemens VAI in Österreich geht an Mitsubishi. Siemens-Chef Joe Kaeser peilt mehr Umsatz an und leistet sich gleichzeitig einen Übernahme-Poker mit GE um den französischen Konkurrenten Alstom.

Siemens steht offenbar kurz vor dem Verkauf des Geschäftes mit Post- und Gepäcksortieranlagen. Als Käufer werde der amerikanische Finanzinvestor Wilbur Ross gehandelt, berichtet die Agentur Bloomberg am Sonntag unter Berufung auf mit den Plänen vertraute Personen. Siemens wolle einen Minderheitsanteil an der Tochterfirma in Konstanz behalten. Die Transaktion könnte bald unter Dach und Fach gebracht werde. Bei Siemens war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erhalten.

Joe Kaeser wird am kommenden Mittwoch seine Vision für Siemens vorstellen. In einer Pressekonferenz werden sich viele Fragen um das Angebot drehen, das die Deutschen für den französischen Technik-Konzern Alstom abgeben und mit dem sie den US-Konkurrenten General Electric (GE) ausstechen wollen. Kaeser will zeigen, welchen Weg der Münchener Industrieriese mit seinem Angebot von Zügen über Medizintechnik und Windturbinen bis hin zu Kraftwerken unter seiner Führung einschlägt. Noch ist nicht bekannt, wie die Spartenverkäufe mit dem Angebot an Alstom in Zusammenhang stehen (mehr hier).

Siemens will die Energiesparte von Alstom übernehmen und im Gegenzug die eigene ICE-Produktion an den TGV-Hersteller abgeben (mehr hier). Ob Kaeser sich den Konkurrenten nur einverleiben will, um GE auszustechen, oder ob er lediglich dem Ansinnen der französischen Regierung nachkommt, die eine europäische Lösung favorisiert – darüber wird spekuliert. Die Rivalität zwischen den beiden Branchengiganten war in den vergangenen Jahren groß.

Einige Aufsichtsräte stehen nach einem Bericht des Spiegel dem geplanten Zukauf reserviert gegenüber. „Für uns geht die Welt nicht unter, wenn wir den Zuschlag nicht bekommen“, zitiert das Nachrichtenmagazin einen Siemens-Kontrolleur. „Davon hängt die Zukunft von Siemens nicht ab.“ Bringt Kaeser den Deal tatsächlich unter Dach und Fach, müsse das niet- und nagelfest sein, warnt Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment. „Es ist seine erste große Handlung, seine erste große Akquisition. Wenn die schiefläuft, kann er es nicht wieder auf seinen Vorgänger schieben. Es ist jetzt seine Verantwortung.“

Fondsmanager Tim Albrecht von DWS Investment wäre eine risikoärmere Strategie des Wachstums aus eigener Kraft lieber. „Wir hatten uns gewünscht, dass sich der Konzern auf die profitablen Bereiche konzentriert, margenschwache Geschäfte verkauft und die freiwerdenden Mittel dann an die Aktionäre zurückgibt, entweder über einen Aktienrückkauf oder eine Ausschüttung“, sagt Albrecht. Eine milliardenschwere Übernahme passt da nicht ins Bild.

Sollten die Münchner den Zuschlag bekommen, fordert IG-Metall-Finanzchef Jürgen Kerner, dass Siemens entscheidenden Einfluss auf das im Rahmen der Übernahme avisierte Verkehrstechnik-Gemeinschaftsunternehmen unter Führung von Alstom behält. „Schließlich produziert Siemens auch Antriebe oder Automatisierungssysteme für Schienenfahrzeuge“, sagte Kerner, der im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. Andernfalls könnte Alstom solche Zulieferteile auch von Wettbewerbern kaufen. Dem Magazin zufolge bietet Siemens den Franzosen neuerdings an, auf Wunsch ein Joint Venture für die Bahn-Signaltechnik zu gründen.

Kaeser will Konzernstruktur aufbrechen

Der seit Sommer im Chefsessel sitzende Kaeser will die Struktur des Konzerns mit 360.000 Mitarbeitern ändern und Entscheidungsprozesse vereinfachen. Die Großsektoren Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur sollen abgeschafft werden, ist aus dem Unternehmen zu hören. Künftig soll es eine Hierarchieebene weniger geben – und damit weniger Leute, die reinreden und mitentscheiden können. Kaeser ließ bereits durchblicken, dass ihn die vielen Alleingänge vom mittleren Management an aufwärts nerven: „Bei Siemens muss Siemens wieder über allem stehen“, schärfte er seiner Mannschaft ein. Die Zentrale schnitt er bereits stärker auf seine Person und seinen engsten Stab zu. Die Verschlankung des Konzerns, so wird in Medienberichten spekuliert, werde die Streichung Tausender Stellen mit sich bringen. Nach vielen Jobkürzungen in der Vergangenheit mahnt die Arbeitnehmerseite, Neuausrichtung dürfe „nicht wieder Stellenabbau“ bedeuten.

Zu- und Verkäufe gehören ebenfalls zu Kaesers neuer Strategie: Die österreichische Anlagenbau-Tochter Siemens VAI soll an den japanischen Konkurrenten Mitsubishi Heavy Industries verkauft werden, wie es in Finanzkreisen heißt (mehr hier). Zudem wird über die Energiesparte des britischen Rolls-Royce -Konzerns verhandelt. Siemens interessiert sich laut Insidern vor allem für die Ausrüstung für die Gas- und Ölindustrie sowie die Produktion von Notstromaggregaten und wäre bereit, knapp eine Milliarde Euro zu bezahlen.

Mit seinem Kurs will Kaeser nach Jahren der Stagnation den Umsatz von zuletzt 76 Milliarden Euro wieder steigern. Das Renditeziel von zwölf Prozent hatte schon sein Vorgänger Peter Löscher über den Haufen geworfen, bevor er im vergangenen Sommer nach einer öffentlichen Schlammschlacht Siemens verließ und Kaeser vom Finanz- zum Konzernchef aufstieg (mehr hier). Für das abgelaufene zweite Quartal erwarten Analysten beim Umsatz keine großen Sprünge, aber sie rechnen mit einem kräftigen Gewinnanstieg. Schon in den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres 2013/14 erntete Kaeser die Früchte des Umbaus, den Löscher auf den Weg gebracht hatte. Die Rendite stieg im Startquartal kräftig, auch durch den laufenden Abbau von 15.000 Stellen.

 

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