Frankreichs Regierung kann Industrie-Abbau nicht stoppen

In Frankreich ist die Zahl der Arbeitslosen auf 3,4 Millionen angestiegen, den höchsten Stand seit 15 Jahren. Damit gelingt der Regierung von Präsident Francois Hollande weiter nicht die versprochene Wende auf dem Arbeitsmarkt. Der wirtschaftliche Niedergang des Landes ist eine späte Folge der Euro-Währungsunion.

Neue Hiobsbotschaften aus Paris: Im April stieg die Zahl der Erwerbslosen um 14.800 auf ein weiteres Rekordhoch von 3,364 Millionen, wie das Arbeitsministerium mitteilte. Zum Vorjahr stellt dies einen Anstieg von 3,5 Prozent dar.

Damit gelingt der Regierung von Präsident Francois Hollande weiter nicht die Wende auf dem Arbeitsmarkt. Der Sozialist hatte versprochen, bis Ende vergangenen Jahres den Trend umzukehren. Seine Zustimmungswerte sind auf ein Rekord-Tief gefallen.

Damit bestätigt sich die Befürchtung, dass Frankreich offenbar auf der Kippe steht. Die HSH Nordbank kommt zu einem vernichtenden Urteil:

„Besorgniserregend sind die volkswirtschaftlichen Daten. Die Arbeitslosenquote liegt auf dem höchsten Stand seit 15 Jahren, die Wirtschaft hat einen tiefen Einbruch erlebt und erholt sich davon nicht und die Autoindustrie hat Platz 2 an den Produktionsstandort Spanien abgegeben – ein Zeichen für die fortschreitende Deindustrialisierung Frankreichs.“

Doch wie ist es eigentlich zu diesem Absturz gekommen? Warum hat Frankreich nicht die Chance genutzt, die der Euro dem Land geboten hatte?

Eigentlich sind die Franzosen 1999 gut in die Euro-Währungsunion gestartet und konnten anfangs von der EU profitieren. In den Jahren 1999 bis 2005 lag das französische Wirtschaftswachstum stets über dem deutschen. Im Durchschnitt dieser sieben Jahre wuchs das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,1%, das deutsche dagegen nur um 1,1%.

Auch persönlich ging es vielen Franzosen gut. Ein erster Indikator dafür ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. 2005 betrug das BIP pro Kopf in Frankreich durchschnittlich 28.200 Euro, in Deutschland dagegen nur 26.900€. Ja, die Franzosen waren damals wohlhabender als die Deutschen, auch wenn man beachten muss, dass vor allem die Ostdeutschen den deutschen Schnitt gedrückt haben.

Schon immer ein Problem war allerdings in Frankreich die Arbeitslosigkeit. Aber auch hier zeichnete sich in den ersten Jahren der Euro-Währungsunion und bei allen konjunkturellen Schwankungen eine langsame Entspannung ab. Betrug die französische Arbeitslosenquote 1998 noch 10,8%, lag sie 2005 nur noch bei 9,3%. Die Entwicklung war damit spiegelverkehrt zu der in Deutschland. Hier stieg die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum von 9,4% auf 11,3%.

durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum im Vergleich

Irgendwann um 2005/2006 herum wendete sich aber das Blatt. Der Hauptgrund dürfte darin gelegen haben, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs während all der Jahre gesunken ist. Welche Rolle dabei die Hartz-Reformen in Deutschland, die Euro-Währungsunion oder das französische Bildungssystem einnahmen, darüber wird noch gestritten.

Während die Franzosen vor 2006 immer vor den Deutschen lagen führten, war im Zeitraum 2006 bis 2013 das deutsche Wirtschaftswachstum jedes Jahr höher als das französische. Die einzige Ausnahme war lediglich 2009, als die exportlastige deutsche Wirtschaft besonders stark von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurde.

Insgesamt wuchs die deutsche Wirtschaft 2006 bis 2013 um durchschnittlich 1,4% jährlich. Die französische wuchs dagegen nur noch um durchschnittlich 0,7%. Insbesondere in den vergangenenbeiden Jahren konnte Frankreich lediglich ein Miniwachstum erreichen.

Die Entwicklung ist für Frankreich umso bedenklicher, als dort die Bevölkerung wuchs, während sie in Deutschland schrumpfte. Rechnet man die BIP-Zahlen pro Kopf um, ergibt sich darum: Ein durchschnittlicher Franzose erwirtschaftete 2013 mit 28.400 Euro kaum mehr als 2005 und sogar weniger als sechs Jahre zuvor. 2007 lag das BIP pro Kopf in Frankreich nämlich bei 29.100 Euro. Die Deutschen dagegen überholten klar die Franzosen und erwirtschafteten 2013 30.800 Euro pro Einwohner. (Alle Werte sind in Preise von 2005 umgerechnet.)

Entwicklung der Arbeitslosenquoten im Vergleich

In Frankreich stieg die Arbeitslosigkeit wieder von 9,3% auf 10,8%, in Deutschland dagegen sank sie rasant. Statt 11,3% im Jahr 2005 betrug sie 2013 nur noch 5,3%.

Präsident Hollande und sein neuer Premierminister Valls versuchen nun, das Ruder herumzureißen.Es könnte zu spät sein. Denn offensichtlich haben die Politiker die miserablen Wirtschaftsdaten jahrelang einfach ignoriert oder auf ein Wunder gehofft. Nun, da sich der verheerende Zustand der Wirtschaft auf das politische Gefüge auswirkt und die Regierungspartei praktisch bei jeder Wahl dramatisch einbricht, wollen die Sozialisten reagieren.

Premierminister Valls hat also in einem Interview mit RTL France Steuersenkungen für untere und mittlere Einkommen angekündigt. 1,8 Millionen Haushalte sollen bei der Einkommenssteuer um insgesamt 1 Milliarde Euro entlastet werden (mehr hier).

Es bleibt allerdings unklar, ob Valls damit eine zusätzliche Senkung zu jenen Versprechungen meint, die die französische Regierung bereits nach den verlorenen Kommunalwahlen vom März gegeben hat. Regierungskreise verbreiten in dem Zusammenhang laut Reuters, dass Valls lediglich frühere Aussagen bekräftigten wollte, den Steuerdruck zu senken.

Die französische Regierung hofft, mit den Steuersenkungen die Nachfrage anzukurbeln. Doch eine isolierte Einzelmaßnahme wird kaum den langfristigen französischen Wirtschaftstrend umkehren. Da wäre wohl ein umfassendes Reformpaket notwendig.

Zudem sind die geplanten Steuersenkungen vergleichsweise gering. Die Einnahmen der französischen öffentlichen Haushalte – also von Zentralregierung, Kommunen und Sozialkassen zusammen – betrugen 2013 über 1 Billion Euro. 1 Milliarde Entlastung ist da weniger als ein Promille.

Auch im Vergleich dazu, dass sich die französischen öffentlichen Haushalte in den Jahren 2005 bis 2013 allein 220 Milliarden Euro jährliche Mehreinnahmen genehmigten, fallen nun 1 Milliarde Entlastung kaum ins Gewicht.

Allerdings haben die französischen öffentlichen Haushalte inzwischen Schulden in Höhe von 1 Billion 934 Milliarden Euro angehäuft (Stand Ende letzten Jahres).

Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, wenn nun die 1 Milliarde Euro Steuerentlastung jährlich durch neue Schulden finanziert wird. Das Gleiche gilt, wenn man die 1 Milliarde zusätzlich mit den 787 Milliarden zusätzlich vergleicht, die bereits 2005 bis2013 auf den Schuldenberg obendrauf gekommen sind.

Die meisten Zahlen in diesem Artikel beruhen übrigens auf Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und daraus abgeleiteten eigenen Berechnungen.

Kommentare

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  1. Rudolf Steinmetz sagt:

    Derzeit das unbeliebteste Menü in Frankreich: Soße Hollondaise.

  2. No-Euro sagt:

    Vor dem Euro und der Agenda 2010 von Schröder hatte Frankreich auch nichts zu befürchten. PIB pro Kopf sagt leider gar nichts aus, denn es verzerrt ja auch durch die Einnahmen der deutschen Exporteure.
    Die Nettolöhne sind in Deutschland nämlich um 20% geschrumpft, während die Exporterlöse um 87% zugelegt haben. Da Frankreich nicht auf die Billiglohnschiene aufspringen wollte, ist Deutschland vorbei gezogen.
    Übrigens dürft ihr raten WER de facto in der Eurozone am frühesten in Rente geht: Die Deutschen! Weder Greichen, noch Franzosen erlauben sich die Rente so früh. Denn nirgends gibt es so viele Frührentner wie hierzulande. Die Hauptsache ist, sie tauchen nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Die muss in Merkelstan immer schön nach unten korrigiert werden. 😀

  3. dparvus sagt:

    Vor dem EURO stand Frankreich nicht in direkter Konkurrenz zu Deutschland und umgekehrt.

    Jedes Land konnte seine eigene Währung auf- oder abwerten, gegen den ECU.

    Danach ging es darum den EURO (und den US$) zu „erhalten“, „…mit allen Mitteln..“

    Von nun an gings bergab…

  4. le Pen, Grillo und Farage werdens richten sagt:

    Die Staatsquote in FR ist zu hoch, Beamte und Rentner sind bestens gestellt, gehen früh in Rente und Pension, verglichen mit DE ist der Deutsche schlecht dran, bei uns gibts Diskussionen bei Rente mit 63, in FR kann man darüber nur lachen. Beamte in FR gehen mit 50-55 in Pension, und das ohne Abschlag, welches Medium macht sich die Mühe, diese Zahlen einmal mit DE zu vergleichen? Der Deutsche schuftet nur und sucht sich im Alter noch einen Zweitjob, damit er über die Runden kommt.

  5. www.weltundzeit.de sagt:

    Richtig Alfons. Man könnte sagen, die Franzosen seien arm dran. Das ist nur bedingt, so: denn was nützt ein hohes BIB wenn gleichzeitig niedrige Nettlolöhne vorherrschen? Die Deutschen können sich auf die Brust klopfen, wenn man die Transfers über ESM und Target-Salden einrechnet, dürfte de fakto weniger dabei herauskommen.

  6. Alfons sagt:

    Was für ein Glück für die Franzosen, dass sie einen zahlenden Michel im Hintergrund haben, der sich bereits daran gewöhnt hat, dass er turnusmäßig von fremden Staaten zu „Solidarität“ aufgefordert wird und dessen Polit-Schergen diesen Forderungen sogar in vorauseilendem Gehorsam nachkommen.

    Dumm nur für südliche Gefilde in Europa, dass ihre Jugend und die übliche, nicht integrierbare kulturelle Bereicherung in den Banlieus und Favelas vor lauter Däumchendrehen nebenbei noch ganze Stadtteile terrorisieren.

    Da braut sich was zusammen, wenn gleich mehrere Generationen in Hoffnungslosigkeit und Elend gestoßen werden; kein Gemeinwesen kann dies auf Dauer aushalten ohne zu zerreißen.

    Aber was wissen schon europäische, hochkorrupte Clan-Chefs, Kaviar-Sozialisten und anderes politisches Kroppzeug von den Nöten ihrer Bürger?
    Sie brausen allenfalls mal mit Höchsttempo in ihren abgedunkelten und schwer bewaffneten Limousinen-Konvois durch die Städte; meistens von einem großen Fressen („Gipfeltreffen“) zum nächsten.