Ost-West-Konflikt bedroht Schweizer Erdgas-Importe

Die Schweizer Gas-Importe aus Russland haben stetig zugenommen. Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland bedroht daher auch die Schweiz. Sollte das Gas knapp werden, ist sich voraussichtlich jedes Land in Europa selbst das nächste.

Die Schweiz deckt rund 13 Prozent ihres Endenergiebedarfs mit Erdgas ab. Sie benötigt heute fast doppelt so viel Gas wie vor 20 Jahren. Und der Bedarf könnte weiter steigen. Die Schweiz gerät dadurch in eine stärkere Abhängigkeit von russischem Gas.

Bis 2050 erwarten die Experten von Energieministerin Doris Leuthard (CVP) einen Anstieg des Gasverbrauchs gegenüber 2010 um bis zu 120 Prozent, berichtet der TagesAnzeiger. Denn im Rahmen der Energiewende werden Atomkraftwerke durch Gaskombikraftwerke ersetzt.

Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland bedroht daher auch die Schweiz. Vorerst haben die G7-Staaten schärfere Sanktionen gegen Russland vermieden (mehr hier). Doch der Westen erhält die Drohung mit Boykottmaßnahmen aufrecht. Als Reaktion darauf könnte der russische Präsident Wladimir Putin den Gashahn in Richtung Westeuropa zudrehen.

Oder Putin wendet sich noch stärker China zu. Nach dem jüngst zustande gekommenen Erdgasgeschäft liefert Gazprom ab 2018 bis zu 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr nach China (mehr hier).

Heute stammen 25 Prozent der Importe aus Fördergebieten in Russland. Zu zwei Dritteln bezieht die Schweiz ihr Gas aus Norwegen, Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Italien. Zudem beteiligt sie sich vermehrt direkt an Gasförderprojekten in der Nordsee.

Die Schweizer Gasindustrie hat keine direkten Vertragsbeziehungen mit russischen Lieferanten. Sie beschafft das Erdgas von mehreren Großlieferanten, darunter der deutsche Energiekonzern E.ON. Engpässe bei Lieferungen aus Russland könnten diese Vertragspartner mit Untertagsspeichern überbrücken.

Im Winter 2009 fiel in den Transitleitungen für russisches Erdgas nach Westeuropa via die Ukraine plötzlich der Druck ab. Moskau und Kiew beschuldigten sich gegenseitig des Diebstahls. In der Slowakei, Bulgarien und Ungarn wurde das Gas knapp. Die Krise dauerte drei Wochen an, dann einigten sich Russland und die Ukraine auf einen neuen Liefervertrag.

Die Schweizer Gasversorgung sei damals „zu keiner Zeit nachteilig tangiert“, so der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG). Zudem habe sich die Lage seitdem weiter verbessert, weil sich dank der North-Stream-Leitung die Ukraine seit 2011 umgehen lässt. Ein guter Teil der Industrie könne notfalls auch auf Öl umstellen. Die kurzfristige Erdgasbeschaffung am Markt habe generell an Bedeutung gewonnen.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse warnt hingegen, es sei heute im schlimmsten Fall mit deutlich längeren Versorgungsstörungen als 2009 zu rechnen. Ganz auf sich allein gestellt würde die Schweizer Erdgasversorgung in kurzer Zeit erliegen, weil das Land nicht über große Untertagsspeicher verfügt.

Zwar planen die Schweizer Gasversorger in Innertkirchen BE eine Kaverne, die das Land rund 20 Tage mit Gas versorgen könnte. Doch das Projekt ist umstritten, unter anderem weil sich die Gemeindebehörden um die Sicherheit der Bevölkerung sorgen.

Bedenken hegt auch der Historiker Daniele Ganser. Welche Kettenreaktion etwa ein Lieferstopp Russlands auslösen würde, sei nur schwer abschätzbar. Die anderen europäischen Länder seien teils weit stärker abhängig vom russischen Gas als die Schweiz. Alternativen über Nacht zu finden, sei auch für sie unmöglich, so Ganser. Dies umso weniger, als in Großbritannien das Fördermaximum erreicht sei und die Vorräte zur Neige gingen.

Auch der Import von Flüssiggas könne die Abhängigkeit von Russland nicht brechen, sagt Ganser, die Mengen seien zu klein. Käme es in Europa zu einem Engpass, bestünde die Gefahr, dass jedes Land sich selber am nächsten wäre unabhängig von privaten Lieferverträgen und Abmachungen mit der EU.

Kommentare

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  1. Rico sagt:

    Das alles … nur wegen Uncle Sam …

  2. Hans von Atzigen sagt:

    Für Russland gibt es keinen rationalen Grund den Gas- Han abzudrehen.
    Kritisch wird es wenn Europa die Rechnungen nicht mehr begleichen kann oder will.
    Dies auf dem Hintergrund eines latent drohenden offenen Wirtschaftszusammenbruches. Die EU Wirtschaft ( inkl. CH Wirtschaft läuft langst an der Geldpumpe und das immer massiver.)
    Da übersehen zu viele Alternativlieferanten werden eigentlich logisch auch nicht zum Nulltarif liefern.
    Russland kann als einer der wenigen Staaten notfalls auch autark weitermachen und dies Militärisch auch verteidigen.
    Europa hat diese Fähigkeit längst eingebüsst verloren.
    Europa inklusive teilweise die USA sind sich der eigenen desolaten Geostrategischen Lage offensichtlich nur nebulös bewusst. Die sitzen auf einem selbst, Wirtschaftlich und Versorgungstechnisch schleichend aufgebauten inneren Pulverfass und spuken grosse Töne. Tja Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.