Deutsche Firmen entdecken Potenzial in Afrika

Die Voraussetzungen für deutsche Unternehmen, Geschäftsbeziehungen nach Afrika auszuweiten, sind so gut wie nie zuvor. Eine wachsende Mittelschicht und eine positive Arbeitsmarktentwicklung machen Afrika als Absatzmarkt attraktiv. Der Kontinent bietet allerdings nicht nur Chancen, sondern auch Risiken, wie zum Beispiel Korruption, Bürokratie und eine mangelnde Infrastruktur.

Afrika spielt für die deutsche Wirtschaft insgesamt nur eine untergeordnete Rolle – zumindest bislang. Lange wurde Afrika mit Krieg, Korruption und Krankheiten gleichgesetzt. Doch das beginnt sich zu ändern – trotz aller nach wie vor vorhandenen Bedenken. In immer mehr Chefetagen wird Afrika entdeckt: Enorme Zuwachsraten und eine stark wachsende Mittelschicht lassen die Manager zunehmend gen Süden blicken. Zumal der Aufschwung in großen Schwellenländern wie Brasilien und Russland ins Stocken geraten ist und Europa die Schuldenkrise noch lange nicht verdaut hat. „Der Mittelstand blickt jetzt nach Afrika“, weiß Sascha Meyer vom Beratungsunternehmen African Development Solutions in Berlin.

Doch das glänzende Geschäft in Afrika lockt auch die Konkurrenz aus China. Der gesamte zwischen der Volksrepublik und Afrika summierte sich 2013 auf 200 Milliarden Dollar (147 Milliarden Euro), etwa dreieinhalb Mal so viel wie das deutsche Handelsvolumen. Bis 2020 will die chinesische Führung dies noch einmal verdoppeln. Deutsche Exporteure lieferten 2013 Waren im Wert von fast 1,1 Billionen Euro ins Ausland. Davon landeten aber nur zwei Prozent, rund 22 Milliarden Euro, in Afrika mit seinen 1,1 Milliarden Einwohnern. Davon wiederum ging knapp die Hälfte nach Südafrika, traditionell wichtigster deutscher Handelspartner auf dem Kontinent.

Erst jedes fünfte der im Ausland aktiven deutschen Unternehmen macht Geschäfte mit Afrika, zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter Exporteuren. Das sei immerhin doppelt so viel wie vor fünf Jahren, sagt Heiko Schwiderowski, der beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) das Referat Afrika und Entwicklungspolitik leitet. „In den nächsten Jahren dürften unsere Exporte nach Afrika um jährlich zehn bis 15 Prozent wachsen.“

Dass der Blick nach Süden schweift, ist angesichts der Probleme auf den angestammten Märken wenig verwunderlich. Die Exporte nach Europa – wuchsen 2013 wegen der noch immer schwelenden Schuldenkrise nur um 0,1 Prozent (mehr hier). Und in großen Schwellenländern wie China und Indien, den Hoffnungsträgern von einst, läuft es längst nicht mehr rund. Die Ausfuhren in die Volksrepublik legten im vergangenen Jahr lediglich um 0,4 Prozent zu. Die nach Indien brachen gar um fast zwölf Prozent ein. Auch im Geschäft mit Brasilien und Russland sieht es derzeit mau aus.

Dagegen lockt Afrika mit glänzenden Wachstumsaussichten und Rohstoffreichtum. Die Industriestaaten-Organisation OECD traut den Ländern südlich der Sahara in diesem Jahr ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 5,8 Prozent zu. Und die Aussichten sind noch besser. „Wenn man sich die Wachstumsraten einiger afrikanischer Volkswirtschaften anschaut, dann werden sie in nur 20 oder 30 Jahren drei- oder viermal so groß sein wie heute“, prognostiziert der langjährige Daimler-Chef Jürgen Schrempp.

Noch in diesem Jahrzehnt wird die Zahl der Beschäftigten auf dem Kontinent um 160 Millionen steigen. In weniger als 20 Jahren wird Afrika mehr Beschäftigte zählen als China. Bis 2050 dürfte jeder vierte Job weltweit in Afrika angesiedelt sein. 13 der 20 am schnellsten wachsenden Länder finden sich der Weltbank zufolge dort. Allein in den 18 größten Städten soll die jährliche Kaufkraft nach einer McKinsey-Studie bis 2030 auf rund eine Billion Euro steigen.

1.500 bis 2.000 deutsche Unternehmen sind dem DIHK zufolge in Afrika tätig. Die deutschen Investitionen auf dem Kontinent belaufen sich aktuell auf fast neun Milliarden Euro, davon rund fünf Milliarden in Südafrika und knapp drei Milliarden in Nordafrika. Die Ausgaben könnten sich bald stark erhöhen. „Mehr als 60 Prozent der Einwohner Afrikas haben kein elektrisches Licht“, sagt etwa Weltbank-Ökonomin Vera Songwe. „Hier tun sich riesige Chancen auf im Energiesektor – nicht nur im Solarbereich, sondern auch bei allen anderen Formen erneuerbarer Energien.“

Das weiß kaum ein Unternehmen besser als Siemens. Deutschlands größter Industriekonzern, seit 1857 in Afrika, sieht das Jahr 2035 als Wendepunkt. Dann sollen mehr Afrikaner in Städten leben als auf dem Land. Das dürfte die Nachfrage nach Energie, Wasser, Verkehrsinfrastruktur und Gesundheitsfürsorge steigern – alles Branchen, in denen Siemens unterwegs ist. „Und Afrikas steigender Konsum wird die Nachfrage nach lokalen Produkten erhöhen, was den Binnenkonsum befeuern wird“, ist sich Sabine Dall’Omo sicher, Finanzchefin von Siemens South Africa.

Auch Krones hat die Chancen früh erkannt. Seit sieben Jahren ist der weltgrößte Hersteller von Abfüll- und Verpackungsanlagen als eines von gut einem Dutzend deutscher Unternehmen in Angola präsent. Die bayerische Firma hat dort bereits einen Marktanteil von 90 Prozent bei der Ausrüstung von Wasser-, Bier- und Limonadenabfüllanlagen. Dennoch sieht Marcello Pulcini, Krones-Manager in der Hauptstadt Luanda, „noch jede Menge Potenzial für Wachstum“.

Auch die Maschinenbauer erwarten steigende Umsätze (mehr hier). Schon 2013 zog der Umsatz um elf Prozent auf 4,4 Milliarden Euro an, sagt der Präsident des Branchenverbandes VDMA, Reinhold Feste. Große Chancen sieht er zum Beispiel für Landmaschinen, die Energieerzeugung oder Anlagen für Trink- oder Abwasser. „Es gibt dort enorme Rohstoff- und Energiefunde, die es den Afrikanern erlauben, in Infrastruktur, in Wirtschaftswachstum zu investieren“, betont Feste.

Es sind aber nicht nur etablierte Weltkonzerne, die Afrika ins Visier nehmen, sondern auch Newcomer wie das Berliner Beteiligungsunternehmen Rocket Internet, das durch den Online-Händler Zalando bekannt ist und derzeit an die Börse strebt. Die Firma hat in Nigeria, der Elfenbeinküste, Kenia, Ägypten und Marokko den Online-Händler Jumia gestartet, der wie Amazon von Kleidung bis Spielekonsolen ziemlich alles anbietet. Dazu kommt noch der Lieferservice Hellofood, der in zehn afrikanischen Staaten Essen frei Haus liefert – darunter Ruanda und Tansania. „Es gibt eine riesige Mittelschicht und sehr wenig Angebote für sie“, begründet der Co-Chef von Rocket, Sacha Poignonnec, die Expansion nach Afrika.

Dort kommt das Engagement gut an – zum Beispiel bei Muhereza Kyamutetera, einem 34-jährigen Werbefachmann aus Kampala, Ugandas Hauptstadt. Anstatt mit dem Auto nach einem Restaurant und einem freien Parkplatz zu suchen, rufe er die Hellofood-Homepage auf und wenige Minuten später sei das Essen auf dem Weg zu ihm ins Büro.

Bei aller Begeisterung gibt es aber auch hohe Risiken für die Investoren. Mangelnde Demokratie und Rechtssicherheit gepaart mit enormer Bürokratie und schlechter Infrastruktur stehen besseren Handelsbeziehungen häufig im Weg. Und die blühende Korruption in etlichen Staaten schreckt viele Dax-Konzerne, die zuhause eine reine Weste in Sachen Good Governance vorweisen müssen und juristischen Scherereien aus dem Weg gehen wollen.

Mit Togo, Guinea und der Zentralafrikanischen Republik finden sich gleich drei afrikanische Staaten unter den letzten fünf Rängen der Demokratie-Rangliste, die von Wissenschaftlern der in Wien ansässigen Democracy Ranking Association erstellt wird. Der Korruptionsindex von Transparency International listet ebenfalls drei afrikanische Staaten unter den letzten fünf Plätzen auf – Somalia, den Sudan und den Südsudan. Und auch die mangelnde Sicherheit ist ein Thema: Die Anschläge und Entführungen der islamistischen Sekte Boko Haram in Nigeria – der größten Volkswirtschaft Afrikas – ruft ins Bewusstsein, wie instabil die Lage in vielen Regionen ist.

„Es geht alles langsamer und bürokratischer zu als in Europa oder Deutschland“, sagt Ulrich Plantikow. Sein Unternehmen WME will im Senegal eine solarbetriebene Entsalzungsanlage bauen, bei der als Nebenprodukt Salz als knappes Gut anfällt. „Auf Entscheidungen muss man nicht einen Monat, sondern vielleicht sechs Monate warten.“ ILV-Geschäftsführer Wagner harrt sogar schon seit sechs Jahren aus, um einen Vertrag mit dem geologischen Institut in Angola endlich durch die Unterschrift des dortigen Außenministeriums unter Dach und Fach zu bringen. „Es ist oft ein steiniger Weg“, sagt er.

Wie schwierig es sein kann, davon kann auch Ricardo Gerigk ein Lied singen, der Vertreter der deutschen Wirtschaft in Angolas Hauptstadt Luanda. Das Land verfügt über Erdöl, Erdgas, Diamanten und seltene Erden in Hülle und Fülle, zählt zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt und könnte ein Paradies für Unternehmer sein. Das Geschäftemachen dort stellt die ausländischen Firmen jedoch vor ganz besondere Herausforderungen. Luanda gilt – ausgelöst vom Öl- und Diamantenboom – mittlerweile als teuerste Stadt der Welt für Ausländer. „Ein Gin Tonic kostet gern mal 20 Dollar, eine Übernachtung im Einzelzimmer eines Fünf-Sterne-Hotels im Stadtzentrum 490 Dollar“, berichtet Gerigk. „Für viele Geschäftsleute aus dem Ausland ist damit schon die Reisekostenabrechnung für Angola eine große Herausforderung.“

Ganz zu schweigen von der Bürokratie. „Vieles in Angola funktioniert nach dem Prinzip: ‚Für die Freunde alles, für die Feinde das Gesetz'“, sagt Gerigk. „Die Bürokratie ist wahnsinnig ausufernd, die meisten Angolaner finden sich da selbst nicht zurecht.“

Immer mehr deutsche Firmen haben Afrika inzwischen nicht nur als Absatzmarkt oder wegen seiner Rohstoffe auf dem Radar, sondern auch als verlängerte Werkbank. Namibia hat als Teil der Südafrikanischen Zollunion bevorzugten Zugang zu den USA, der weltgrößten Volkswirtschaft. „Wenn Sie Textilien in Namibia herstellen würden, dann könnten Sie die Produkte zoll- und quotenfrei in die USA liefern“, wirbt der Botschafter in Berlin, Neville Gertze, für sein Land. Damit seien Exporte von Namibia in die USA billiger als von Deutschland in die USA. „Dazu kommt, dass Firmen, die für den Export produzieren, in Namibia steuerfrei sind.“

Und die einstige deutsche Kolonie hat noch einen anderen großen Vorteil. „Namibia ist die perfekte Eingangstür, denn hier begrüßt Sie schon der Hafenmeister auf Deutsch“, erinnert Gertze an das koloniale Erbe des ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. 25.000 deutschsprachige Namibier erleichterten Firmen den Marktzugang. Ähnlich ist die Situation in Angola. Etwa 20 Prozent der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft Angolas haben nach den Worten Gerigks in der DDR studiert. Der Wirtschaftsminister etwa spreche deutsch, es gebe also gute Anknüpfungspunkte. „Leider legt die Bundesrepublik nicht nach“, bedauert Gerigk. „In fünf bis zehn Jahren ist es vorbei – dann müssen wir Mandarin lernen, um uns in Angola mit den Entscheidungsträgern zu unterhalten.“

Diese Vorstellung scheint auch die deutsche Politik zu schrecken: Mit ihren neuen Leitlinien für Afrika zollt die Bundesregierung dem rasanten Aufstieg des Kontinents Tribut und erkennt ausdrücklich dessen veränderte Stellung in der Welt an. Darin wird unter anderem auf die wachsende Bedeutung afrikanischer Märkte für deutsche Firmen verwiesen. Zudem ist die Rede von einer gezielten Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Kontinent. „Afrika hat sich gewandelt“, betont Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

 

Kommentare

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  1. dämliche Headline sagt:

    Nachdem China dort bereits beide Füsse in der Tür hat und
    langfristige Verträge längst unter Dach und Fach sind.
    Es ist wieder das Spiel Hase und Igel.
    Das aber scheint den Bubis, frisch von den Unis, unbekannt zu sein.

  2. Ralf Henriques Brdge-facenet.com sagt:

    Erstaunlch objektiv und sehr gut recherchiert!
    Weiter so, solche Beiträge braucht die deutsche Wirtschaft.