An Qualität gespart: Zahl der Rückrufaktionen nimmt zu

Die massiven Rückrufe von GM offenbaren ein Grundproblem der Autobranche. Aus Zeit- und Kostengründen wird an der Qualität gespart. Bislang hielten sich die Hersteller lange bedeckt. Doch der Druck auf sie wächst. Rückrufaktionen werden weltweit zunehmen.

Die Rückrufaktion von GM ist bei weitem kein Einzelfall. Experten rechnen mit zunehmenden Rückrufen. Hersteller und Entwickler müssen aus Kostengründen größere Risiken eingehen. Nun rächt sich, dass Hersteller zu lange an der Qualität der Bauteile gespart haben.

Die Automobilindustrie steckt in einem Dilemma: Wollen die Hersteller in gesättigten Märkten wie den USA und Europa die Gewinne stabil halten, müssen sie die Kosten senken. Zugleich verlangen die Käufer in immer kürzeren Abständen technische Neuheiten. Der Druck auf Zulieferer und Entwickler wächst. „Es werden aus Kostengründen bewusst größere Qualitätsrisiken eingegangen„, sagt Helmut Becker, der das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München leitet. Vor allem deshalb rollt derzeit eine Welle von Rückrufen rund um den Globus. „Der Wettbewerb ist gnadenlos.“ Becker bemängelt, dass immer weniger Zeit bleibe, um neue Bauteile zu testen, bevor sie zum Einsatz kämen, und fordert ein Umdenken der Branche.

Dazu kommt, dass die Hersteller in immer mehr Autos die gleichen Teile einbauen. Auch das bringt Einsparungen, aber das das Risiko steigt, dass sich Mängel rasant ausbreiten. Die Folge sind Rückrufaktionen, die – wie im Falle von General Motors (hier) – mehrere Millionen Fahrzeuge betreffen. „Das ist ein Grundproblem der Automobilindustrie“, sagt Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY.

Bei der Opel-Mutter summieren sich die Rückrufe wegen defekter Zündschlösser, Airbags, Sicherheitsgurten oder Treibstoffleitungen seit Jahresanfang auf rund 20 Millionen Autos – mehr als doppelt so viele Fahrzeuge, wie der Konzern 2013 weltweit verkaufte. In einem solchen Ausmaß hat noch kein Autobauer in so kurzer Zeit Wagen zurückrufen müssen.

Dahinter verblassen selbst die mehr als zehn Millionen Fahrzeughalter, die Toyota zwischen 2009 und 2011 wegen rutschender Fußmatten und klemmender Gaspedale anschreiben musste (mehr hier). Im Gegensatz zu dem japanischen Konzern wendet sich die US-Kundschaft jedoch nicht von GM ab. Obwohl Probleme mit der Zündung mit mindestens 13 tödlichen Unfällen in Verbindung gebracht werden, verkaufte GM auf seinem Heimatmarkt im Mai so viele Autos wie seit August 2008 nicht mehr.

Bei GM kommt verschärfend hinzu, dass die technischen Probleme seit Jahren bekannt waren, das Management aber erst jetzt reagierte. Nun werden alle Fahrzeugmodelle nach möglichen Fehlerquellen durchforstet. Die Folge sind vermutlich weitere Werkstatt-Besuche. „Der Rückruf ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn man sich ansieht, was GM noch zu tun hat“, vermutet US-Senator Richard Blumenthal, der zu den schärfsten Kritikern von General Motors im Kongress zählt.

Branchenweit sind in diesem Jahr wahrscheinlich bereits 25 Millionen Fahrzeuge wegen Mängel in die Werkstätten beordert worden, schätzt Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. Die Dunkelziffer sei noch höher, da es viele „verdeckte Rückrufe“ gebe. Bei diesen in der Branche auch „stille Aktionen“ genannten Rückrufen nutzen Hersteller Inspektionstermine, um defekte Teile auszutauschen, wenn diese nicht sicherheitsrelevant sind. Bei gravierenderen Mängeln, die zu Unfällen führen können, sind die Autobauer gesetzlich verpflichtet, diese öffentlich zu machen. „2014 wird das Jahr mit den meisten Rückrufen global werden“, sagt Bratzel.

Am liebsten würden die Autobauer Qualitätsmängel natürlich unter den Teppich kehren, weil sie dem Image schaden. Wenn sie sich nicht angreifbar machen wollen, müssen sie aber handeln. Rückrufe hätten daher oft eine Konjunktur, sagt Bratzel: Wenn ein Unternehmen eine Aktion bekanntgebe, zögen oft andere nach. „Die überprüfen dann, ob sie ein ähnliches Teil verbaut haben.“ Zu beobachten ist dies derzeit bei Airbags des japanischen Zulieferers Takata. Nach dem Rückruf von weiteren 650.000 Fahrzeugen durch Toyota in Japan prüfen nun Honda, Nissan und Mazda, ob auch bei ihnen ein weiterer Rückruf nötig ist. Wegen der möglichen Explosionsgefahr von Prallkissen in Autos hatten Toyota, Honda, Nissan und BMW 2013 insgesamt 3,6 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten gerufen (hier).

Als mahnendes Beispiel gilt allen Toyota. Die Japaner hatten sich die Finger verbrannt, weil sie die Probleme mit den Fußmatten und klemmenden Gaspedalen zu lange verschwiegen. Die Folge war, dass Toyota vorübergehend an der Weltmarktspitze abgelöst wurde. Inzwischen ist der japanische Hersteller dorthin zurückgekehrt und achtet peinlich genau darauf, dass technische Unzulänglichkeiten nicht vertuscht werden.

Volkswagen gibt dem Qualitätsmanagement ebenfalls hohe Priorität. Auch die Nummer drei der Autowelt konnte bei dem starken Absatzwachstum in den vergangenen Jahren Rückrufe jedoch nicht ganz vermeiden (hier).

Fuß führt die Probleme der Branche auf die steigende Zahl an Gleichteilen in den Autos zurück. „Das ist die Kehrseite der Modulstrategie.“ Wenn ein Fehler bei einem Bauteil auftrete, seien oft alle Fahrzeuge einer Generation oder sogar von mehreren Modellreihen betroffen. „Das ist ein Damoklesschwert für die Hersteller“, fügt Fuß hinzu. Autoprofessor Bratzel rechnet damit, dass die Rückrufe weiter zunehmen werden. „Wir befinden uns erst am Beginn der Plattformstrategie.“ Das Risiko nehme daher zu – auch weil ein Umdenken nicht zu erkennen sei.

 

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