IT-Giganten setzen deutsche Industriebetriebe unter Druck

Die Investitionen von Facebook und Google in fremden Branchen und Geschäftsfeldern macht der Autoindustrie, der Finanzbranche Konkurrenz. Der Telekom-Sektor kämpft seit Jahren gegen die Marktstrategien von Facebook und Google.

In einem scheinen Google, Facebook oder Apple unschlagbar – sie können Fantasien bei Kunden und Anlegern wecken. Jüngstes Beispiel ist die Ankündigung des amerikanischen Internet-Konzerns Google, in den kommenden Jahren ein selbstfahrendes Auto ohne Lenkrad und Gaspedal auf die Straße zu bringen (mehr hier). Doch die IT-Riesen aus den USA dringen angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Welt nicht nur im Automobilsektor vor, sondern systematisch in immer neue Felder. Mit ihrer Kapitalstärke und Innovationskraft werden sie zu Konkurrenten in klassischen Industriezweigen und sogar der Finanzbranche. „Letztlich werden Autos, vereinfacht ausgedrückt, künftig vier Räder um einen Computer herum sein“, stichelt ein ranghoher Vertreter der Bundesregierung. Sein Schreckensszenario: „Wenn wir keine Kontrolle mehr über den Computer haben, liefern wir nur noch die Räder.“

Autoexperten sind uneins, wie sehr die Strategie von Google die Hersteller unter Druck setzt. „Das ist keine Spielwiese, sondern äußerst ernst zu nehmen“, sagt etwa Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen. Der Internet-Konzern verfolge zwei Ziele: Google wolle die Software für das autonome Fahren an die Autokonzerne verkaufen und dabei den Markt beherrschen. Sollte das nicht gelingen, da sich Autobauer nicht gerne von nur einer Firma abhängig machten, werde der US-Konzern so wie der Elektroauto-Pionier Tesla selbst Autos bauen (hier). „Google ist Tesla hoch zehn mit dem Geld, das sie auf der Bank haben“, sagt Dudenhöffer. Der Elektroauto-Hersteller setzt die traditionellen Autokonzerne weltweit schon länger unter Druck.

Helmut Becker vom Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München hält Googles Plan dagegen schlichtweg für „Quatsch“. „Wenn sich die Autobauer davon ins Bockshorn jagen lassen, gehören sie eingesperrt“, sagt der frühere BMW-Manager. Mit Skepsis betrachtet er aber nicht nur den neuesten Testballon von Google – das Auto ohne Lenkrad –, sondern insgesamt den Traum vieler vom vollautomatisierten Fahren. Nach Beckers Einschätzung wird es dafür nicht genug Nachfrage geben, da die meisten Menschen gerne Auto fahren und das Steuer in der Halt behalten wollen.

Auch der Autobauer Daimler, der für sich eine führende Rolle in der Entwicklung des automatisierten Fahrens beansprucht, gibt sich angesichts der Konkurrenz von Google gelassen. „Wir freuen uns grundsätzlich über alle Initiativen, die dieser Technologie den Weg ebnen“, sagt Guido Herrtwich, Leiter Fahrassistenzsysteme in der Forschung des Stuttgarter Konzerns. Bei Mercedes hätten die ersten teilautonomen Funktionen das Prototypen-Stadium allerdings längst verlassen und kämen in der S-, E- und C-Klasse zum Einsatz (hier).

Als eine der ersten Branchen in Deutschland haben die Telekommunikationskonzerne das Vordringen der neuen Wettbewerber aus dem Silicon Valley zu spüren bekommen. Kostenlose Telefon-Dienste wie Skype oder das Kurzmitteilungs-Programm WhatsApp untergraben seit Jahren die einst einträglichen Geschäftsmodelle von Vodafone und der Deutschen Telekom (mehr hier). Letzterer ist das Treiben der Newcomer seit langem ein Dorn im Auge: Der neue Konzernchef Tim Höttges lässt keine Gelegenheit aus, um die nach seiner Ansicht unfairen Bedingungen im Wettbewerb mit den US-Größen zu beklagen. Google und Facebook etwa verschafften sich über ihre Angebote Zugang zu Kundendaten wie Bewegungsprofilen und Adressen, klagte Höttges auf der Hauptversammlung Mitte Mai. „Anschließend werden diese Daten im einträglichen Werbegeschäft vermarktet.“ Der Telekom würde die Politik das niemals durchgehen lassen.

Viele Experten halten es für eine Frage der Zeit, bis Technologiekonzerne auch im Finanzbereich angreifen. Die Banken bereiten sich darauf bereits vor. Google, Apple oder Facebook halten sich zwar noch bedeckt, was ihre Pläne angeht. Erste Hinweise, dass die Banken mit mächtigen neuen Konkurrenten rechnen müssen, gibt es aber. Google hat in den USA eine elektronische Geldbörse, das sogenannte Google Wallet, auf den Markt gebracht und verfügt in Europa bereits über eine Banklizenz.

Facebook steht der FT zufolge kurz davor, in Irland eine Banklizenz zu erhalten. Damit könnten Nutzer auf Facebook Geld aufbewahren und an andere Nutzer überweisen. Apple-Chef Tim Cook erklärte im Januar, ein Grund für den Einbau eines Fingerprint-Sensors auf dem neusten iPhone sei das Interesse des Konzerns am Bezahlen über das Handy. Und mit Produkten wie dem Musikprogramm iTunes hat Apple inzwischen bereits Erfahrung mit Geldüberweisungen gemacht – wenn auch meist nur Kleinstbeträge.

In einem angestammten Bankgeschäft ist ein Eindringling bereits Marktführer: Ein Viertel der Internet-Einkäufe in Deutschland werden einer Schätzung der Unternehmensberatung Bain zufolge über PayPal bezahlt. Weltweit gehört die Tochter des US-Internetkonzerns Ebay damit inzwischen zu den nutzerstärksten Finanzdienstleistern überhaupt (mehr dazu hier und hier).

Bereits im April 2013 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsche Industrie zu einer regelrechten Aufholjagd aufgefordert. „Nachdem die Entwicklung des Internets sehr stark geprägt wird durch die Vereinigten Staaten von Amerika und den dortigen Firmen, haben wir in Deutschland und Europa jetzt wieder Chancen, in der integrierten Industrie, der „Industrie 4.0“ (mehr hier), eine deutliche Spur zu hinterlassen“, hatte sie zur Eröffnung der Hannover-Messe gesagt. Zuletzt klang Merkel warnend: Wenn die Europäer im IT-Sektor nicht endlich aufwachten, drohten sie endgültig zurückzufallen (hier). Man benötige „europäische Googles“. „Beim ganzen digitalen Markt, da sitzt Europa auf der Zuschauerbank und erklärt dem Rest der Welt, wie er sich verhalten soll: Aber wir müssen auch dabei sein, wenn was Neues erfunden wird.“

 

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Kommentare

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  1. Merkelstan sagt:

    Ich weiß nicht, was das Gejammere soll! Interessiert es deutsche Firmen, dass sie ihre Mitbewerber in Europa nach allen Regeln der Kunst in Grund und Boden konkurriert haben und dass ihre Exporte nichts weiter sind, als massives Absaugen von Kapital aus anderen Staaten – der Überschuss in Deutschland entspricht ja einem Minus woanders.
    Jetzt haben sie mal nicht die Nase vorn und weinen gleich ganz bitterlich auf hohem Niveau.
    Wer seine Belegschaft mit Werksverträgen und Zeitarbeit auslutscht und sie trotz Vollzeitbeschäftigung zu Sozialfällen macht, der muss damit rechnen, dass ihre Innovationskraft nachlässt.

  2. Ingenieur sagt:

    Diese grössenwahnsinnigen Amis halten sich wirklich für die Herren des Universums. Es wird ihnen gehen wie dem einst auch so grossspurigen Wal Mart: nach dem sie viel Geld verbrannt haben ziehen sie sich sang und klanglos wieder zurück.

  3. philli sagt:

    Der Deutsche Michel, siehe Kommentar von „winter“, denkt eben wie ein alter Greis. Bloss nichts Neues! Und das wird sich bald negativ auswirken…

  4. winter sagt:

    Richtig, wer Auto fahren will, der läßt sich nicht von Google kutschieren. Googles Markt sind Alteneime, bzw. Leute die nicht mehr fahren können, oder so viel zu tun haben, dass sie auch während der Autofahrt arbeiten müssen.
    Alles sehr kleine Zielgruppen,

  5. Rudolf Steinmetz sagt:

    Leider ist es so, dass den Deutschen, nicht zuletzt den Spitzen-Managern wie Joe Käser das visionäre Denken abgewöhnt wurde, u.a.- durch die Reeducation. Ich selbst erinnere mich noch an den Jubel unter dem damaligen Siemens-Chef Karlheinz Kaske als er den Megabit-Speicherchip präsentierte. Das hielt nur solange wie aus Bonn die Forschungsgelder flossen. In einem Gespräch mit dem Computer-Pionier Konrad Zuse erzählte mir dieser, dass, nachdem Siemens seine Patente erworben hatte, er zwar als Berater fungierte, aber nirgendwo einen adäquaten Gesprächspartner gefunden hatte. Der ehemalige Präsident des Deutschen Patentamtes Professor Erich Häuser sagte mir des öfteren: „Wenn mich jemand fragen würde, wie könnte ich Deutschland am schnellsten ruinieren, dann müsste ich ihm antworten: nichts anderes als das, was ohnehin geschieht.“ Ausweg? Der findet sich bei Platons Demokratie-Kritik und in der platonischen Bildung (Paideia). Aber dummerweise sind wir dank der Scholastik einem falsch rezipierten Aristoteles auf den Leim gegangen. Die vom CIA massiv geförderten Googles & Co. profitieren nun davon. Capito, Joe Kaeser?

  6. Samson sagt:

    Die Gedanken von Google sind sehr interessant.

    Die Frage stellt sich beispielsweise:
    Warum hat nicht JEDER (interessierte) Mensch seine eigene Mini-Bank?

    Die eigene Bank ist der eigene Computer bzw. Telefon.
    Geld wird transferiert von einem Computer, Telefon zu anderen Personen.
    Auszahlungen in bar gibt es weltweit an Geldautomaten.

    Google könnte das mit EINER Banklizenz in einem beliebigen Land wie beispielsweise der Schweiz oder Russland!

    Jeder der teilnehmen möchte eröffnet bei der Google Bank in Russland ein Konto und zahlt darauf ein. Dazu gibt Google „Unter-Bank-Lizenzen“ an interessierte Personen.
    Als Kreditkarten-System wird ein neues russisches System erstellt. Interessierte Personen, Firmen in aller Welt können daran teilnehmen.

    Die Personen welche eine „Unter-Bank-Lizenz“ erhalten stellen eigene Terminals auf
    wie in Einkaufs-Centern. Dort kann jeder Geld transferieren, gewisse Dienstleistungen wie staatliche Gebühren bezahlen.
    Der Preis für ein eigenes Terminal liegt bei ca. 6.000Euro. Natürlich geht das NICHT in Deutschland weil die Banken es nicht wollen. In anderen Ländern ist dies aber möglich.
    Der Profit liegt darin, das 3% Transfergebühren anfallen. Für eine Investition von 6.000 Euro erhalte ich also 3% von jedem Transfer bzw. Barauszahlung Kreditkarten an meinem Terminal.
    Die Firma Pro-Client in Köln als Finanzmakler offeriert dieses interessante Produkt.

    Momentan stecken sich diese Profite in Deutschland die Banken ein.
    Warum sollte das aber nicht JEDE Person selbst machen?

    Sehen Wir also die Zukunft positiv.
    Wünsche jedem hier Seine/IHRE Eigene Mini-Bank!