Dr. Michael Wolgast (DSGV): Finanzierung des Mittelstands ist ein Problem

Dr. Michael Wolgast ist Chefvolkswirt der Sparkassen-Finanzgruppe beim DSGV (Deutscher Sparkassen- und Giroverband): Die Förderung der innovativen Unternehmensgründungen ist wichtig für den technischen Fortschritt und das Wachstumspotenzial Deutschlands. Der Mittelstand dürfe nicht durch institutionelle Richtlinien behindert werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie schätzen Sie die konjunkturelle Lage in Deutschland für 2014 ein?

Dr. Michael Wolgast: Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Aufschwung 2014 kraftvoll fort. Dabei verlagern sich die Auftriebskräfte zunehmend zur Binnennachfrage. Vor allem ist die Investitionstätigkeit nach einer längeren Schwächephase wieder angesprungen. Der Wohnungsbau lief schon 2013 recht gut; jetzt treten auch die Ausrüstungsinvestitionen hinzu. Insgesamt dürften die Anlageinvestitionen 2014 um rund 5 Prozent zulegen. Allerdings bleiben die Investitionen damit immer noch unter früheren Werten. Die Exporte sollten bei guter Weltkonjunktur ebenfalls recht gut laufen. Der Konsum stützt sich auf die anhaltend gute Beschäftigungssituation. Für das Bruttoinlandsprodukt ist 2014 ein Zuwachs von 2 Prozent erreichbar. Das genügt – trotz aller wirtschaftspolitischer Belastungen – um die Erwerbstätigkeit weiter zu steigern. Der Preisauftrieb bleibt, obwohl Deutschland jetzt wieder über seinem Potenzialpfad wächst, sehr moderat, allerdings sehen wir auch keine Deflationsrisiken.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist die Euro-Krise Ihrer Meinung nach vorüber? Wenn nein: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Mittelstand?

Dr. Michael Wolgast: Die Anpassungsprozesse in der Europäischen Währungsunion laufen derzeit in die richtige Richtung. Viele Länder gerade in der Peripherie in Europa haben ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessert, konnten ihre Exporte steigern und auch beim Wachstum werden langsam wieder bessere Zahlen erzielt. Bei den öffentlichen Haushalten sind Konsolidierungsfortschritte zu verzeichnen, und die Rückkehr auf die Kapitalmärkte kann als ein Indikator der verbesserten Lage gesehen werden. Dennoch wäre es viel zu früh, hier Entwarnung zu geben. Vor allem bleiben die staatlichen Schuldenstandsquoten extrem hoch und es bestehen weiterhin Probleme im Bankensektor und bei der Finanzierung des Mittelstands. Zudem wäre es fatal, wenn die Reformanstrengungen angesichts der ersten Erfolge vermindert würden.

Für den deutschen Mittelstand bedeutet diese Ausgangslage wachsam zu bleiben und genau zu prüfen, in welchen Marksegmenten und in welchem Land im Euroraum Absatz- und Investitionschancen bestehen. Der positive Wirtschaftausblick lässt Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen jetzt sinnvoll erscheinen. Zudem ist mit Blick auf 2015 durchaus ein Szenario vorstellbar, in dem dann auch die aktuell historisch Niedrigstzinsphase sich wieder in Richtung steigender Zinsen ändern könnte. Von daher könnten die günstigen Finanzierungsbedingungen für wichtige Vorhaben auch in mittlerer Perspektive genutzt werden. Grenzüberschreitende Finanzierungen in die Krisenländer bleiben allerdings mit einem zumindest leicht erhöhten Risiko behaftet.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:Welche Innovationen werden in den kommenden Jahren für den Mittelstand besonders wichtig?

Dr. Michael Wolgast: Dem ZEW-Gründungsreport vom Dezember 2013 belehrt, dass etwa die Hälfte aller Unternehmensgründer mit neuen Innovationen eine Sparkasse als ihre Hausbank wählen, 31 Prozent eine Genossenschaftsbank und nur 19 Prozent eine Privatbank. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Nur die regional vernetzten Banken sind durch die langjährigen Geschäftsbeziehungen zu den Kunden in ihrer Region in der Lage, die bei Neugründungen wichtigen „weichen“ Faktoren adäquat zu bewerten. Die Förderung der innovativen Unternehmensgründungen durch die Sparkassen trägt dazu bei, den technischen Fortschritt und somit direkt das Wachstumspotential in Deutschland zu erhöhen. Es gilt daher Sorge zu tragen, dass die kleinen und mittelständigen Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden, in ihrer Investitions- und Innovationstätigkeit nicht durch institutionelle Richtlinien behindert werden, vielmehr könnte ihre Etablierung am Markt und ihre Forschungstätigkeit durch zielgenaue Förderprogramme noch weiter gestärkt werden. Wir erkennen über alle Branchen hinweg Chancen für Innovationen und Investitionen. Vor allem gilt es, im digitalen Zeitalter, Verfahren zu modernisieren und entsprechende Märkte mit neuen Produkten zu erschließen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:Welche Absatzmärkte sind für den Mittelstand im Moment besonders attraktiv?

Dr. Michael Wolgast: Der internationale Waren- und Dienstleistungshandel hat für den deutschen Mittelstand eine große Bedeutung. So sind die Ausfuhren und Einfuhren im letzten Jahrzehnt tendenziell ebenso gestiegen wie die Anzahl der international aktiven Unternehmen. Zugleich haben deutsche Unternehmen ihre Marktaktivitäten zunehmend diversifiziert, dies gilt sowohl regional als auch im Hinblick auf die Art der gehandelten Waren und Dienstleistungen. Der Schwerpunkt des deutschen Warenhandels liegt mit über 50 Prozent (sowohl der Einfuhren als auch der Ausfuhren) nach wie vor in der Europäischen Union. Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich sind die wichtigsten deutschen Handelspartner in der EU. An Bedeutung gewonnen hat im weltweiten Vergleich vor allem der Absatzmarkt China. Das Handelsvolumen mit China hat sich von 2006 bis 2011 nahezu verdoppelt. Gerade in den asiatischen Länder, aber auch in anderen Emerging Markets, sehen wir aus vielen Gründen nach wie vor besondere Chancen für den deutschen Mittelstand.

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