Übernahmen in Frankreich trotz staatlicher Intervention möglich

Die Übernahme des französischen Industriebetriebs Alstom durch General Electric kam nicht zufällig zustande. GE legte das bessere Angebot vor und reagierte auf die Forderungen der französischen Regierung.

Französische Firmen zu kaufen ist kein Ding der Unmöglichkeit – wenn man sich an die französischen Spielregeln hält. Das ist die Botschaft der Übernahmeschlacht um die Industrie-Ikone Alstom. General Electric (GE), der Sieger aus den USA, spielte perfekt auf der Klaviatur politischer Befindlichkeiten und stach damit die Konkurrenten Siemens und Mitsubishi Heavy aus. „Das ist kein verbotenes Land, was Fusionen und Übernahmen angeht“, sagt Aktienanalyst Daniel Holland von Morningstar, der sich mit GE und anderen Mischkonzernen befasst. „Aber man muss sich immer bewusst machen, dass die Regierung mitmischt, auch wenn man glaubt, dass eigentlich der Markt entscheiden sollte.“

Dass die Regierung in Paris kurzerhand ein Dekret durchdrückte, das ihr ein Vetorecht in strategischen Branchen einräumt, befremdet viele Beobachter. „Der Deal zwischen GE und Alstom ist ein Beispiel für die typisch französische protektionistische Haltung“, schimpft der Deutschland-Chef einer großen Investmentbank. „Da werden nicht nur Firmenchefs als Geiseln genommen und Reifen angezündet, der Staat interveniert auch noch, wenn Unternehmen gar nicht darum gebeten haben.“ Zitiert werden will er damit nicht – das Geschäft in Frankreich könne ja darunter leiden.

GE-Chef Jeffrey Immelt hat das Spiel der Regierung mitgespielt und seinen Alstom-Plan komplett umgekrempelt: aus einem schlichten Kaufangebot wurde plötzlich ein komplexes Gebilde mit Gemeinschaftsunternehmen, einer Staatsbeteiligung und einem Vetorecht für die Atom-Sparte. Immelt startete eine Charme-Offensive, antichambrierte bei Staatspräsident Francois Hollande und Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg, begleitet von Versprechen an die Gewerkschaften, großen Zeitungsanzeigen und sogar Radio-Spots. 1.000 Arbeitsplätze wolle er binnen drei Jahren schaffen, versprach Immelt –und wenn das nicht gelinge, 50.000 Euro Strafe zahlen für jeden nicht geschaffenen Job.

„Wir leben in einer komplizierten Welt, wo man viele Stimmen hören und verstehen muss“, räsonierte Immelt in seinem Blog. Als Verstärker diente ihm dabei Clara Gaymard. Die Frankreich-Chefin von GE war vorher Chefin der Agentur „Invest in France“ und ist die Ehefrau eines Ex-Ministers. Und so setzte GE gegen die Angst vor dem amerikanischen Firmenräuber den Hinweis, dass General Electric schon seit 40 Jahren Teil der französischen Industrie sei. Und die Zugeständnisse, die Immelt am Ende machte, verhalfen Hollandes Regierung sogar noch, ihr ramponiertes Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren (mehr hier).

Siemens diente den Politikern letztlich als Mittel zum Zweck. Konzernchef Joe Kaeser kündigte zwar eine Offerte gegen das Gebot der Amerikaner an, zauberte dann aber Mitsubishi Heavy Industries (MHI) als Hauptbieter aus dem Hut. Selbst wollten die Münchner lediglich das Gasturbinengeschäft der Franzosen kaufen. Mitsubishi sollte als Minderheitspartner einsteigen und präsentierte ein kompliziertes Konstrukt. Alstom lehnte erwartungsgemäß ab. Die Politik fügte sich, zumal GE 1.000 neue Jobs bot. „Ganz ehrlich, am Ende gab es überhaupt keine Siemens-Offerte, das war nur ein Angebot von Mitsubishi, das von Siemens unterstützt wurde“, sagte Montebourg der Süddeutschen Zeitung. „Joe Kaeser hätte das Alstom-Management überzeugen müssen, trotz der Animositäten, die Alstom-Chef Patrick Kron gegen Siemens hegt. Daran hat es gelegen, nicht an uns“, so Montebourg.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das ein typisches Beispiel für französischen Protektionismus ist“, sagt ein in das Tauziehen involvierter Banker. „Der Staat hat erst eingegriffen, als klar wurde, dass der ursprüngliche Plan von Alstom-Chef Kron einen nicht lebensfähigen Eisenbahn-Zulieferer geschaffen hätte, während das interessante Energiegeschäft weg gewesen wäre.“

Es ist beileibe nicht so, dass die französische Regierung alle Übernahmen blockiert. Beim angeschlagenen Autobauer PSA Peugeot Citroen durfte der chinesische Konkurrent Dongfeng einsteigen (hier) – zusammen mit dem französischen Staat. Als die Zementriesen Lafarge und Holcim eine Fusion ankündigten, war aus Paris nichts zu hören, auch der – inzwischen gescheiterte – Zusammenschluss der Werbeagenturen Publicis und Omnicom störte Hollande und seine Minister nicht. Was fehlte, war das strategische Interesse und die Sorge um Arbeitsplätze.

Ein italienischer Investmentbanker kann am Verhalten in Sachen Alstom nichts Außergewöhnliches finden: „Frankreich hat sich selbst Vetorechte eingeräumt, aber das ist angesichts der strategischen Bedeutung normal. Ich bin sicher, andere Länder hätten das genauso gemacht.“ Tatsächlich: Auch der britische Premierminister David Cameron meldete sich zu Wort, als der US-Pharmariese Pfizer AstraZeneca schlucken wollte (hier). Cameron forderte weitere Zugeständnisse, die Übernahme kam am Ende nicht zustande. Auch Fondsmanagerin Andrea Williams von Royal London Asset Management gibt sich gelassen: „Investoren wissen, dass es Intervention gibt. Sie machen sich mehr Sorgen, wenn die Konjunktur nicht recht läuft und Hollande die Reformen nicht umsetzt.“

 

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  1. salsa sagt:

    Siemens wollte nicht so recht und hat ein Höflichkeitsangebot abgegeben. Dort ist man vermutlich heilfroh, dass sich nun die Amerikaner mit französischer Arbeitsmoral, Gewerkschaften etc. „amüsieren“ dürfen.
    Wenn das ein GE Sieg ist, dann ist es ein Pyrrhus-Sieg.