Daimler will autonom fahrenden Lkw auf den Markt bringen

Die Jungfernfahrt eines 40 Tonnen schweren Lkw auf der A2 verlief erfolgreich. Jetzt pocht Daimler auf eine rasche Gesetzgebung und will die Innovation schnell umsetzen. Im Fokus des Unternehmens steht Sparpotenzial und die Vermeidung von Unfällen. Gewerkschaften warnen: Der Fahrer dürfe nicht unterfordert werden.

Das Fahren ohne Hand am Steuer soll nicht nur bei Autos, sondern nach Vorstellung von Daimler auch bei Schwerlastern Alltag werden. Der Konzern führte am Donnerstag als erster Lkw-Hersteller den Prototyp eines 40-Tonners vor, der ohne Zutun des Fahrers bis zu 85 Stundenkilometer schnell auf der Autobahn fahren kann. Eine Markteinführung sei Mitte des kommenden Jahrzehnts vorstellbar, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen für autonomes Fahren rechtzeitig geschaffen würden, sagte Daimler-Vorstandsmitglied Wolfgang Bernhard in Magdeburg. Mit der Autopilotenfunktion sollen Staus und Unfälle vermieden werden.

Daimler ist weltweit der größte Hersteller von mittelschweren und schweren Lastkraftwagen und will seine führende Position behaupten. Im Mittelpunkt steht die Vernetzung des Lkw mit seiner gesamten Umwelt: Vom Fahrer und Spediteur bis hin zur Infrastruktur und anderen Verkehrsteilnehmern. „In diesem Zukunftsmarkt mit attraktivem Umsatz- und Ertragspotenzial wollen wir die Nummer eins sein“, betonte Bernhard.

Transportunternehmen soll der selbstständig fahrende Laster Einsparungen ermöglichen: Auch künftig werden rund drei Viertel aller Güter in der EU auf der Straße transportiert. Für Deutschland prognostiziert das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur eine Steigerung des Güterverkehrs von heute 3,7 auf fast 5,5 Milliarden Tonnen im Jahr 2050. Sinken hier die Kosten, ergeben sich Wachstumsimpulse.

Die Staugefahr und das Unfallrisiko seien geringer, womit Kraftstoff-Kosten, Emissionen und Versicherungsprämien sinken könnten, erklärte Daimler. Abstandsregeltempomaten, automatische Bremsassistenten, Stabilitätsregelungs- oder Spurhalteassistenten werden hundertausendfach installiert. Der neue „vorausschauende“ Tempomat „Predictive Powertrain Control“ vernetzt Informationen über Topographie und Streckenverlauf mit dem Antriebsstrang und sorgt so für eine kraftstoffsparende Fahrweise des Lkw.

Der Fahrer könnte die Zeit in der Kanzel zudem sinnvoller verbringen – und etwa die Routenplanung bearbeiten oder das Schnitzel an der nächsten Raststätte vorbestellen. Pläne, den Fahrer langfristig ganz aus dem Lkw zu verbannen, gebe es nicht. Forschungsarbeit dazu gibt es jedoch bereits (mehr hier). Pläne für komplett autonome fahrende Pkw ohne Lenkrad hatte Google zuletzt vorgelegt (hier).

Das System entlastet den Fahrer nicht nur von monotonen Tätigkeiten, vielmehr gewinnt dieser Zeit für Aufgaben, die beispielsweise bisher der Disposition vorbehalten sind. Aufstiegsmöglichkeiten von der reinen Fahrtätigkeit zum Transportmanager sind damit vorstellbar. Der Beruf des Lkw-Fahrers wird attraktiver – autonomes Fahren ist deshalb auch eine Antwort auf den Fahrermangel, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) erklärte hingegen, dass Einsparungen nicht das Ziel seien, das für die Transportunternehmer derzeit mit Blick auf autonomes Fahren am wichtigsten wäre. Priorität habe das Vermeiden von Unfällen, sagte Werner Andres, Abteilungsleiter Verkehrssicherheit beim BGL. Die Systeme müssten absolut sicher sein und ihre Funktionsfähigkeit ständig selbst kontrollieren. Der Standard müsse strenger sein als bei Pkw.

„Lkw transportieren lebende Tiere, Nahrungsmittel oder Gefahrgut – die brauchen einen viel höheren Sicherheitsgrad“, sagte Andres. Mit der Änderung eines weltweiten Abkommens wurde kürzlich die Basis gelegt, dass Fahren ohne Hand am Steuer gesetzlich erlaubt wird. Die Gesetzgebung wird aber noch Jahre dauern.

Die britische Gewerkschaft Unite zeigte sich skeptisch. Die Fahrer könnten erst recht unaufmerksam werden, wenn sie nur noch hinter dem Steuer herumsitzen oder sich mit Papierkram oder Computer beschäftigen müssten, erklärte Adrian Jones, Verkehrsexperte von Unite. Letztlich trügen sie aber die Verantwortung und müssten in Notfällen eingreifen.

 Rekordabsatz bei Daimler

Daimler hat im ersten Halbjahr 2014 so viele Autos verkauft wie noch nie. Von der Oberklasse-Marke Mercedes-Benz wurden 783.520 Fahrzeuge ausgeliefert, das sind 12,8 Prozent mehr als vor Jahresfrist, wie der Stuttgarter Konzern am Freitag mitteilte. Für Schub sorgten kleine und kompakte Modelle, aber auch die E-Klasse. Am stärksten legten die Verkaufszahlen in China zu, wo Daimler zur Konkurrenz aus dem Premiumsegment aufschließen will. Mercedes lieferte dort fast 136.000 Wagen (plus 37,5 Prozent) an Kunden aus, lag damit aber weit hinter BMW mit knapp 211.000 Exemplare der weiß-blauen Kernmarke (plus 23 Prozent). Platzhirsch war in China erneut die VW-Tochter Audi mit einem Zuwachs um 18 Prozent auf nahezu 269.000 verkaufte Autos.

Wie sich die Münchner und die Ingolstädter im ersten Halbjahr weltweit geschlagen haben, haben sie noch nicht verraten. Daimler verbuchte von Januar bis Ende Juni auch in seinem größten Absatzmarkt, den USA, ein Plus. In Europa, wo die Pkw-Märkte nur langsam aus der Dauerkrise kommen, stiegen die Verkaufszahlen ebenfalls, nämlich um 7,4 Prozent.

Von der Kleinwagenmarke Smart wurden dagegen in den ersten sechs Monaten deutlich weniger ausgeliefert: Der Absatz knickte um 9,7 Prozent auf 46.816 Fahrzeuge ein. Daimler verwies darauf, dass Mitte Juli die neue Smart-Generation auf den Markt komme. Insgesamt sei der Konzern „auf Kurs, 2014 zu einem weiteren Rekordjahr zu machen“, sagte Vertriebschef Ola Källenius.

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Kommentare

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  1. Loewe2101 sagt:

    Fahrermangel? Wo?
    Die Transportunternehmen sollen mal vernünftige Gehälter zahlen und den Druck von den Fahrern nehmen, dann bekommen sie auch mehr und besseres Personal.
    Und der Staat soll seine Bluthunde an die Leine nehmen. BAG, Zoll, Polizei machen inzwischen regelrecht Jagt auf die Fahrer….
    Ich bin jahrelang Nahverkehr gefahren, hab jetzt meinen C-Schein nicht mehr verlängert….
    Diese Idee mit autonom fahrende LKW ist wieder mal nur Spinnerei. Was passiert, wenn ein PKW die Kreise stört? Bremst der 40Tonner dann abrupt ab? Bretteret der nachfolgene 40Tonner dann hinten drauf, weil da nicht die Maschine sondern der Mensch denkt und lenkt?

  2. nein sagt:

    na, wenn das mit der supermodernen und absolut virensicheren software, so wie wir sie alltäglich sehen, möglich ist, warum nicht.

    Bestimmt lustig, wenn es dann in den verkehrsnachrichten heisst.: „…..gerade ist wieder ein laster in den graben gefahren. Die polizei (spezialisten) geht von menschlichen versagen aus. Das mit den versagen ist dann auf die fhlerbehaftete software gemeint……“

    :-))

  3. Werner sagt:

    Selten über einen Blödsinn so gelacht !
    Wie soll den das auf der realen Straße im realen Verkehr funktionieren ?