Schweizer zweifeln an Stabilität des Mittelstands

Im Schweizer Mittelstand mehren sich die Ängste vom sozialen Abstieg. Ein statistischer Beleg dieser These der schrumpfenden Mittelschicht fällt schwer. Dennoch ist die Gefahr des Abstiegs sehr real: Eine gute Qualifizierung und ein funktionierender Arbeitsmarkt sind Voraussetzungen für eine starke Mitte.

Der Begriff Mittelstand wird dem Autor Daniel-Müller-Jentsch zufolge mit den Berufsgruppen Facharbeiter, Angestellte, Kleinunternehmer oder mit Bildungskarrieren wie zum Beispiel einer akademischen Laufbahne beschrieben und kann auch synonym mit dem Begriff Mittelschicht verwendet werden. Der Mittelstand gerät in vielen Ländern in Bedrängnis, nachdem das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, nicht länger nur die Geringqualifizierten trifft. Für die Schweiz ist diese Befürchtung aus mehreren Gründen statistisch haltlos.

Die Angst vor dem Abstieg ist gleichzusetzen mit der Furcht vor dem Jobverlust. Arbeitsplatzabbau und –Verlagerungen sind immer auch Folgen der Globalisierung, dank der sich nicht nur die einfachen Tätigkeiten in andere Länder verschieben. Auch Buchhalter, Programmierer und andere mittelständische Berufe bekommen Konkurrenz von billigeren, aber dennoch qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland.

Dem Bundesamt für Statistik zufolge wird „der mittleren Einkommensgruppe eine staatstragende Funktion“ zugeschrieben und eine Schwächung dieser Schicht gelte als Gefahr für den sozialen Frieden und Wohlstand des Landes. Doch statistisch gesehen gibt es in der Schweiz keinen Grund zur Sorge: Die Erwerbslosenquote beträgt 4,4 Prozent. Für Hochschulabsolventen liegt sie bei 3,0 Prozent. Bei einem Bildungsabschluss auf Sekundarstufe I beträgt die Quote immerhin 7,8 Prozent, wie aus den Daten des BFS hervorgeht.

„In anderen Volkswirtschaften mit in Teilen zweistelligen Erwerbslosenquoten tat und tut sich die Mittelschicht deutlich schwerer, am Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und damit ohne Hilfe des Staates materiell voranzukommen“, schreibt Matthias Müller in der NZZ. Und Daniel Müller-Jentsch schreibt in seinem Buch Der strapazierte Mittelstand: Die Schweizer sind „in allen Gruppen der Einkommensverteilung wohlhabender als die Vergleichsgruppen im OECD-Durchschnitt, aber in der Mitte der Verteilungskurve ist der Einkommensvorsprung besonders gross: Die Schweiz weist im untersten Dezil (der Unterschicht) das achthöchste und beim obersten Dezil (der Oberschicht) das siebthöchste Einkommen von 30 analysierten OECD-Länder auf.“

Steigt man tiefer in die Details der Lohnentwicklung zwischen 1994 und 2010 ein, so liefert eine Studie von von Sandro Favre Reto Föllmi sowie Josef Zweimüller das Ergebnis, dass sich der Mittelstand mehr leisten kann als vor zwei Jahrzehnten. Dennoch haben die mittleren Bildungsschichten (Sekundarstufe II) gegenüber jenen mit Abschluss auf Sekundarstufe I (oder weniger) leicht an Boden verloren und sind von den Hochschulabsolventen etwas abgehängt worden.

Internationalen Normen folgend, gehört man zum Mittelstand, wenn man zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens verdient. In der Schweiz gehörte 2011 ein Paar mit einem Kind zum Mittelstand, wenn es zwischen 6.700 und 14.300 Franken verdiente. Den Berechnungen des BFS zufolge, schwankt der Anteil der Mitte an der Gesamtbevölkerung seit 1998 um den Wert von 60 Prozent.

Viele dem Mittelstand zugerechneten Haushalte erfüllen sich den Wunsch nach einem Eigenheim. Die steigende Einkommensgrundlage gewährt ihnen einen leichteren Zugang zu Krediten und daher einen leichten Zugang zur Finanzierung der eigenen vier Wände.

Auch Christoph Gorgas und Christoph Schaltegger fragen in ihrer eigenen Studie nach der schrumpfenden Mittelschicht in der Schweiz. Sie nutzen Steuerdaten seit 1941, die besagen, dass sich das Durchschnittseinkommen nicht vom Medianeinkommen entfernt hat. Das bedeutet zweierlei: Die Oberschicht hat sich nicht von der Mittelschicht entfernt und auch der Abstand nach unten (Gini-Koeffizient als Maß für Ungleichheit) ist stabil.

Die Furcht vor dem sozialen Abstieg und einem Schrumpfen der Mittelschicht kann daher nur durch den schnelleren Zeitenwandel begründet werden. Eine Berufsausbildung reicht nicht mehr aus, um sein ganzes Leben einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Ständige Weiterbildung und immer neue Reformen auf dem Arbeitsmarkt tragen dazu bei, dass aus dem gefühlten Abstieg kein realer wird.

Kommentare

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  1. Delta120 sagt:

    Ein kleiner Blick nach links und rechts und in die USA wird den Schweizer zeigen, dass der Mittelstand bei den Nachbarn erheblich kleiner ist. Die Idee den Arbeitsmarkt zu schließen und ab zu warten bis dieser Neoliberale Arbeitsmarktsturm sich gelegt hat, verhindert vielleicht das Schlimmste.