VW zu behäbig: Konzern-Spitze will sparen und umstrukturieren

Volkswagen ist nicht produktiv genug. Der Konzern verliert an Leistungskraft, weil die 12 Marken nicht mehr effizient zu steuern sind. Kannibalisierungs-Effekte führen dazu, dass sie die einzelnen Marken gegenseitig Kunden wegnehmen.

Volkswagen steht am Scheideweg: Nach den Übernahmen von Porsche, Ducati und Scania hat der Wolfsburger Autogigant mit zwölf Marken eine Größe erreicht, die nur schwer zu steuern ist. „Wenn man die Dinge jetzt nicht angeht, wird das vor die Wand laufen“, sagt Autoexperte Stefan Bratzel. Zwar fahre Europas größter Autobauer mit weltweit 570.000 Beschäftigten und über 100 Werken dank der starken Geschäfte vor allem in China Milliarden-Gewinne ein, jedoch nähmen die Reibungsverluste zu. Volkswagen verliere deutlich an Leistungskraft, schreibt Bratzel in einer am Montag veröffentlichten Vergleichsstudie. Vor allem bei der Ertragskraft und der Arbeitsproduktivität schnitten Konkurrenten wie Toyota, BMW und Daimler deutlich besser ab.

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, hatte Konzernchef Martin Winterkorn jüngst ein fünf Milliarden Euro schweres Sparprogramm angekündigt. Es soll Grundlage für ein Zukunftsprogramm sein, mit dem sich Volkswagen Ziele für das kommende Jahrzehnt stecken will. Der erste Schritt ist die Steigerung der Effektivität von VW. Dadurch soll die operative Rendite der Kernmarke bis 2018 auf mindestens sechs Prozent gehievt werden. Im vergangenen Jahr lag die Marge der Kernmarke, die für etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes steht, bei 2,9 Prozent. Zum Vergleich: Toyota kam im abgelaufenen Geschäftsjahr im Autogeschäft auf 8,2 Prozent, der aufstrebende koreanische Hersteller Hyundai glänzt mit einer Marge von 9,5 Prozent.

Beim Umbau von VW dürfe es jedoch nicht bleiben, fordert Bratzel. Auch bei den Hauptgewinnträgern Porsche und Audi könnten theoretisch einmal Probleme auftauchen. „Dann käme womöglich der gesamte Konzern ins Schwimmen.“ Volkswagen müsse seine Synergiepotenziale besser heben, ohne die Marken zu gefährden. Um dies zu erreichen, sollten die Strukturen vereinfacht werden. Derzeit würden zu viele Entscheidungen von einem kleinen Kreis von Managern um Winterkorn getroffen. „Alles läuft in Wolfsburg zusammen, teilsweise auch in Salzburg.“ Aufsichtsratschef Ferdinand Piech zieht von seinem Büro in Österreich aus die Fäden in dem Riesenkonzern. Er soll einem Magazinbericht zufolge mit den Fiat -Eignern Gespräche über einen Kauf des italienischen Autobauers geführt haben.

Bratzel schlägt vor, den Marken mehr Freiraum zu geben, um die Konzernspitze zu entlasten. Nicht alle wichtigen Entscheidungen müssten in Wolfsburg gefällt werden, vieles könne auch eine Ebene darunter und in den Regionen geschehen, sagte der Experte.

Dem Betriebsrat geht das nicht weit genug. Betriebsratsratschef Bernd Osterloh verlangt, den Konzern generell anders zu strukturieren: So wie die Nutzfahrzeugtöchter MAN und Scania eine eigene Sparte bildeten, sollten auch andere Bereiche gebündelt werden. Zudem müsse die Verantwortung auf Ebene des Konzernvorstands sowie der einzelnen Marken und Regionen klar verteilt werden, um schneller reagieren zu können. „Es geht um den intelligenten Einsatz unserer Gelder, nicht ums Sparen“, betonte Osterloh jüngst.

Bei Volkswagen waren die Pkw-Marken vor einigen Jahren in zwei Gruppen zusammengefasst. Winterkorn schaffte das Modell bei seinem Wechsel an die Konzernspitze 2007 jedoch ab. An die Stelle trat das Baukastensystem, in dem sich die Fahrzeugmodelle je nach Größe bestimmte Architekturen teilen. Innerhalb dieser technologischen „Leitplanken“ sollen sich die Marken künftig weiterentwickeln. Auf das modulare Produktionssystem werden derzeit die Fabriken weltweit umgestellt (mehr hier).

Wie die zwölf Marken effektiv zusammenarbeiten und dabei gleichzeitig ihre Identität nicht verlieren, ist nach Meinung von Experten noch nicht gut genug geregelt. „Die Markenarchitektur hat Optimierungspotenzial, das könnte besser gelöst werden“, sagt Sven Henkel, der das Automotive Institut for Management in Oestrich-Winkel leitet. Im VW-Konzern gebe es zunehmend Kannibalisierungs-Effekte: „VW nimmt Audi Kunden ab. Gerade mit dem neuen, höher positionierten Passat wird das zunehmen“, sagte der Marketing-Experte (mehr hier). Kunden, die sonst einen VW kaufen würden, griffen jetzt zu Skoda, weil sie hier weitgehend gleiche Technik vermuteten, das Auto aber günstiger sei.

Auch Henkel hält es für nötig, den Konzern einfacher zu strukturieren. Die Rolle von Autobauern werde sich durch neue Mobilitätsangebote wie Carsharing und das Vordringen von Anbietern wie Google in den nächsten Jahren drastisch verändern (mehr hier). Dem müssten sich die klassischen Hersteller anpassen. „Für dieses flexible Agieren im Markt ist Volkswagen derzeit unter Umständen nicht schlank genug aufgestellt“, sagt Henkel.

Kommentare

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  1. Zeitzeuge sagt:

    „behebig“ ? Was soll das sein, liebe Redaktion? Ich kenne nur den deutschen Begriff „behäbig“…

  2. Aufgewachter sagt:

    Ein Blick vom Satelliten auf das Autowerk Volkswagen in Wolfsburg zeigt Autos so weit das Auge reicht.

    Wieso die Neuwagen auf dem Neuwagen-Autofriedhof nicht einfach verschrotten, um die Preise stabil zu halten? Machen die Bäcker in Wien mit ihren Brötchen doch auch.

    Oder hat schon mal jemand davon gehört, daß die vielen VW Golfs nach Feierabend für lau über den Weg einer karitativen Einrichung dem Volk kostenfrei zugeführt werden? Wohl doch kein Volkswagen, was?

  3. Audofarer sagt:

    Unwahrscheinlich, dass das Programm nicht zu Lasten der Qualität geht.

    Da kann VW ja heute schon nicht mithalten…

  4. Naja sagt:

    VW nimmt Audi Kunden weg.
    Genau das war zu erwarten.
    Winterkorn hat auch die besten von Audi zu VW geholt.

    VW war noch nie effektiv. Vergleichbar mit einem trägen Luxusdampfer.
    H.Winterkorn hat bis dato nur von seinen Vorgängern bei Audi profitiert.

    Eigene Ideen Fehlanzeige !