EZB und Bundesbank mischen sich in die Lohnentwicklung ein

Der Chef der Bundesbank fordert eine Lohnerhöhung von durchschnittlich drei Prozent in Deutschland. Damit folgt Jens Weidmann der Forderung von EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Die Zentralbanken wollen höhere Löhne, weil sie auf positive Impulse bei der Preisentwicklung hoffen. Die Inflation in Deutschland liegt derzeit bei nur 1,0 Prozent. Arbeitgeber und Gewerkschaften verbitten sich jedoch eine Einmischung in ihre Tarifhoheit.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die umstrittene Forderung seines Instituts nach höheren Löhnen in Deutschland konkretisiert. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nannte er für die Gehaltssteigerungen einen Richtwert von drei Prozent. Dieser Wert ergebe sich „überschlagsmäßig aus mittelfristig knapp zwei Prozent Preisanstieg und ein Prozent trendmäßigem Produktivitätswachstum“, sagte Weidmann in dem vorab verbreiteten Interview.

Der Chef der Bundesbank betonte, der Arbeitsmarkt sei heute in erheblich besserer Verfassung als in den vergangenen Jahren. In einer Reihe von Branchen und Regionen gebe es praktisch Vollbeschäftigung, und es häuften sich Meldungen über Arbeitskräftemangel. „Insofern liegt es in der Natur der Sache und ist auch zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen als zu Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft in deutlich schlechterer Verfassung war.“ Richtig sei jedoch auch, dass Tarifabschlüsse mit Blick auf die spezifische Lage einzelner Branchen vereinbart werden sollten.

Weidmann unterstrich, die Bundesbank mische sich nicht in Tarifverhandlungen ein. Die Abschlüsse hätten aber erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung und spielten für die Bundesbank daher eine wichtige Rolle. Die Inflation ist im Juli mit 0,8 Prozent auf den tiefsten Wert seit 2010 gefallen (mehr hier).

Er mahnte zugleich, zu hohe Lohnabschlüsse, die über dem Produktivitätszuwachs lägen, schadeten Wachstum und Beschäftigung in Deutschland und erwiesen dem Euroraum einen Bärendienst.

Zuvor hatten der Chefvolkswirt der Bundesbank und der Chefökonom der Europäischen Zentralbank höhere Löhne in Deutschland angeregt. Dies sorgte für Aufsehen, da die deutsche Notenbank seit Jahrzehnten als Verfechterin von Lohnzurückhaltung gilt. Arbeitgeberverbände, aber auch Gewerkschafter verbaten sich eine Einmischung.

Tarifpolitik keine Sache der Zentralbanken

Das Plädoyer der Europäischen Zentralbank (EZB) für höhere Lohnabschlüsse in Deutschland trifft bei Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer auf Befremden. „Tarifpolitik ist in Deutschland Sache der Sozialpartner und kein Instrument der Währungspolitik“, sagte Kramer der Nachrichtenagentur Reuters. Die differenzierte Tarifpolitik der letzten Jahre müsse fortgeführt werden, damit Deutschland die Konjunkturlokomotive der EU bleibe und die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Arbeitsplätze gesichert werde.

Für höhere Lohnabschlüsse in Deutschland sieht Kramer wenig Anlass. Die Tarifabschlüsse dieses Jahres von zwei bis drei Prozent je nach Branchensituation machten wegen der niedrigen Teuerung reale Einkommenszuwächse möglich, sagte er. „Soweit aus der EZB gefordert wird, dass die Lohnsteigerungen in anderen EU-Staaten niedriger ausfallen sollten, ist dieser Hinweis zweifellos berechtigt“, ergänzte Kramer. In Deutschland aber müssten die nachlassende Konjunktur und die sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen einzelner Branchen berücksichtigt werden.

Auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) traf die Empfehlung der EZB nur auf begrenztes Verständnis. Zwar sei es schön, wenn es aus gesamtwirtschaftlicher Sicht Rückenwind für großzügigere Lohnabschlüsse gebe, sagte eine Sprecherin. Doch letztlich gelte hier die Hoheit der Tarifpartner. Man benötige keine Belehrungen von außen.

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  1. Michael aus dem Paradies sagt:

    Den Politikern geht die Geldentwertung nicht schnell genug? Ist ja auch ein interessanter Ansatzpunkt für Otto-Normalverbraucher. Mit einem stabilen Geldsystem gäbe es überhaupt keine Inflation sprich Geldentwertung.