Handelskrieg schwächt die wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft

Die Gewinnwarnungen deutscher Unternehmen infolge der Sanktions-Spirale nehmen zu. Firmen zahlreicher großer Branchen klagen über Absatzeinbrüche. Die Auswirkungen werden vor allem in der zweiten Jahreshälfte zu spüren sein.

Der Handelskrieg mit Russland hinterlässt Spuren in den Bilanzen deutscher Firmen. Das Wehklagen zieht sich durch alle Branchen: Die Autobauer leiden ebenso unter der nachlassenden Nachfrage in dem riesigen Schwellenland wie Adidas, Henkel oder der Arzneimittelhersteller Stada. Hightech-Firmen haben Probleme bei der Ausfuhr von Gütern, Fraport sorgt sich um seinen Flughafen in St. Petersburg, die HHLA um ihren Hafen in Odessa. Und die Zahl der Unternehmen, die ihre Prognosen wegen der Ukraine-Krise senkt, nimmt von Woche zu Woche zu.

„Bei einer Ausweitung der Kampfhandlungen und einer weiteren Verschärfung von Sanktionen und Gegensanktionen könnte es zu massiven Einbußen für die deutsche Wirtschaft kommen. Denn dann würden weitere Branchen und ein deutlich größerer Kreis von Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen“, warnt Thomas Harms von der Beratungsgesellschaft E&Y.

Im Frühjahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft erstmals seit gut einem Jahr – nicht nur wegen des Konflikts mit Russland, sondern vor allem wegen der anhaltenden Schwäche wichtiger Partnerländer wie Frankreich und Italien, wie Experten betonten. Doch die Ukraine-Krise spitzte sich erst im Juli zu, als die EU nach dem mutmaßlichen Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine ihre Wirtschaftssanktionen gegen Russland verschärfte.

Kurz darauf antwortete Moskau mit Gegensanktionen, vor allem für Lebensmittel. Die Auswirkungen werden die deutschen Unternehmen also vor allem im zweiten Halbjahr zu spüren bekommen.

„Im ersten Halbjahr haben wir überraschend keine Abkühlung in Russland registriert. Aber wir erwarten diese jetzt“, sagte etwa Henkel-Chef Kasper Rorsted. Der Hersteller von Persil und Pritt, seit 1991 in Russland tätig, sieht sich in Osteuropa mit den schwersten politischen Turbulenzen der vergangenen zehn Jahre konfrontiert. Das Gewinnwachstum könne sich in der zweiten Jahreshälfte verlangsamen. Russland ist für Henkel der weltweit viertgrößte Markt. Auch Adidas befürchtet ein Kippen der Kauflaune in Russland, wo die Marke mit den drei Streifen Marktführer ist. Der Konzern kassierte unter anderem wegen der Ukraine-Krise seine Gewinnziele.

Mit seiner Gewinnwarnung steht Adidas nicht allein: Schon im März gab der hessische Arzneimittelhersteller Stada seine Ziele für 2014 auf, vor allem wegen der Krim-Krise, wie der Konflikt damals noch genannt wurde. Mit seinem Pessimismus hatte das für Ladival-Sonnencreme und Grippostad bekannte Unternehmen recht: Im ersten Halbjahr brachen die Umsätze in Russland, für Stada der wichtigste Auslandsmarkt, um 16 Prozent ein (mehr hier).

Es folgten Prognosesenkungen vom Rüstungskonzern Rheinmetall, der auf Geheiß der Bundesregierung auf einen Auftrag des russischen Heeres für ein Gefechtsübungszentrum verzichten muss, sowie vom Medizintechnikanbieter Drägerwerk und vom Tiefbaukonzern Bauer. Die Russland-Sanktionen verhagelten auch der Technologiefirma Jenoptik den Jahresausblick, dessen Produkte zum Teil militärisch genutzt werden können.

Deutsche Unternehmen sorgen sich auch zunehmend um ihre Investitionen in Russland. So hat der Energie-Konzern E.ON acht Milliarden Euro in das Strom- und Gasgeschäft des Landes investiert. „Russland bleibt ein ganz wichtiges Geschäft“, sagte Konzernchef Johannes Teyssen. Im ersten Halbjahr brach der operative Gewinn wegen negativer Währungseffekte und höherer Brennstoffkosten dort aber um ein Viertel ein. Die verwöhnten deutschen Autobauer sehen zumindest Bremsspuren in Osteuropa: „Im ersten Halbjahr haben wir noch 20 Prozent Plus im Russland-Geschäft gemacht, jetzt geht das Momentum nach unten“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche Anfang August. Im Juli schrumpfte der russische Automarkt, auf dem deutsche Luxusautos immer noch gefragt sind, um 23 Prozent (hier und hier).

Noch hielten sich die negativen Effekte der Ukraine-Krise für die deutsche Gesamtwirtschaft in Grenzen, erläutert E&Y-Experte Harms. Die Unsicherheit bremse aber das Vertrauen in die Wirtschaftskraft und die Investitionen. „Niemand kann sicher vorhersehen, wie sich diese Krise weiter entwickelt.“

Kommentare

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  1. hugin sagt:

    SANKTIONEN ALS VORWAND
    Der Rückgang der Wirtschaft und die Sanktionen sind ein Anlass, die „Freihandelszone“
    ohne Wenn und Aber zu unterzeichnen. Mit der üblichen Lüge „Alternativlos“ werden die schwachen und feigen Politiker in die Knie gehen. Man kann gespannt sein, welches Land diesen Knebelvertrag ablehnt.

  2. PeppermintPatty sagt:

    Das durch die Sanktionen die Wirtschaft Federn läßt, war doch so ziemlich Jedem klar. Aber wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Und die stehen parat, um unsre Wirtschaft zu ersetzen ! Das dürfte man wohl “ den Schuß ins eigne Knie “ nennen . An dieser Stelle wird man uns dann wohl diesen “ transatlantische Vertrag “ schön reden . Das ganze Szenario war gut durchdacht !

  3. holyowly sagt:

    Sorry, aber für die meisten Firmen dürfte es endlich DAS ALIBI sein, dass sie sich seit langem wünschen. Endlich muss man chronisch schlechte Zahlen nicht mehr schönrechnen. Endlich hat man einen Schuldigen.

    Ach ja – vor kurzem noch haben die gleichen Firmen noch getönt, wie wenig sie von dem Geschäft mit Russland abhängig sind.

    Ja was denn nun?

    • FoCS sagt:

      Im übrigen glaube ich, dass die Sanktionen in Europa tatsächlich nicht so sehr grosse Auswirkungen haben werden, denn, wie immer wieder hört und liest, ist Deutschland das einzige Land, dass die selbstauferlegten Sanktionsverpflichtungen erfüllt und sogar übererfüllt.

      Die Italiener, Briten und Franzosen z. B. sind da schlauer als unsereins.

  4. Delta120 sagt:

    Da seitens der Politik auch nichts mehr über weitere Sanktionen hört, ist das Thema wohl durch. Lieber den guten alten Stellvertreter Krieg wie früher. Jeder gibt seiner Partei das was er kann. Das stört die Wirtschaft nicht sondern fördert sie sogar noch und ist leichter kalkulierbar.