Schulabgänger wollen keine Ausbildung mehr anfangen

Die Beschäftigung in Deutschland steigt. Doch Mittelständler finden keine geeigneten Azubis. Schulabgänger fangen lieber ein Studium an. Die hohe Quote der Studienabbrecher kommt dann zu spät ins Unternehmen.

Ungeachtet der schrumpfenden Wirtschaft ist die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland auch im zweiten Quartal gestiegen. Sie nahm um 340.000 oder 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf rund 42,5 Millionen zu, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Zum ersten Quartal fiel das Plus mit 413.000 oder 1,0 Prozent noch größer aus. Dabei war das Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni überraschend um 0,2 Prozent und damit erstmals seit mehr als einem Jahr gesunken (mehr hier).

Zu verdanken ist der Zuwachs vor allem den Dienstleistern, die von der robusten Binnenkonjunktur profitieren. Die größten Beschäftigungsgewinne verzeichnete der Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit mit 129.000, gefolgt von Unternehmensdienstleistern (80.000) sowie dem Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe (76.000).

Im Produzierenden Gewerbe stieg die Zahl der Erwerbstätigen dagegen nur leicht um 18.000 Personen. Die exportabhängige Industrie leidet besonders unter dem schrumpfenden Russland-Geschäft und der wackligen Weltkonjunktur. Im boomenden Baugewerbe nahm die Beschäftigtenzahl um 29.000. In der Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei sank sie hingegen um 7000 oder 1,0 Prozent.

Nachfrage nach Personal steigt

Auf dem deutschen Ausbildungsmarkt steigen die Chancen für Jugendliche, während die Firmen händeringend nach guten Kandidaten suchen. Da die Zahl der Schulabgänger sinkt und gleichzeitig immer mehr junge Menschen ein Studium beginnen, spitze sich die Situation zu, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, am Donnerstag in Berlin.

„Während für Jugendliche die Chance auf einen Ausbildungsplatz so gut wie nie ist, wird es für Unternehmen immer schwieriger, Bewerber zu finden.“ Jeder zweite Betrieb habe mit sinkenden Bewerberzahlen zu kämpfen (mehr hier). Im IHK-Bereich blieben 2013 rund 80.000 Lehrstellen offen. „Wir befürchten, dass die Zahl der unbesetzten Plätze in diesem Jahr nicht niedriger sein wird“, fügte er hinzu.

Hauptgründe für die schwierige Nachwuchssuche sind der demografische Wandel und der Trend zum Studium. In diesem Jahr hätten 53.000 junge Leute weniger die Schulen verlassen als 2013, erklärte Schweitzer. „2025 werden wir nochmals 120.000 weniger Schulabgänger haben als 2014.“ Zudem sei der „Run auf die Hochschulen“ ungebrochen. Im Vorjahr hätten rund 507.000 junge Menschen ein Studium begonnen und damit rund ein Drittel mehr als noch zehn Jahre zuvor.

Auch beim Handwerk zeichnet sich ab, dass 2014 mehr Lehrstellen unbesetzt bleiben als die 15.000 im vergangenen Jahr. 28.000 freie Ausbildungsplätze stehen nach Angaben des Dachverbands ZDH derzeit noch in den Börsen der Handwerkskammern und damit 5.000 mehr als 2013 zu diesem Zeitpunkt. „Rund zwei Drittel aller Handwerksbetriebe mit Ausbildungsberechtigung bilden auch aus“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. „Weitere Betriebe würden gerne ausbilden, finden aber keinen Azubi.“ Es mache sich bemerkbar, dass rund die Hälfte eines Jahrgangs auf Abitur und Studium setzten. „Für viele praktisch begabte Jugendliche wäre das Handwerk die bessere Wahl.“

DIHK-Präsident Schweitzer kritisierte, dass das duale System – also die berufsbegleitende Ausbildung – in der Gesellschaft nicht genügend Wertschätzung bekomme. „Wir lassen uns im Ausland feiern, dass wir die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa haben.“ Grund für den Erfolg sei vor allem das System der parallelen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Dennoch würden sich viele junge Leute für ein Studium entscheiden, dies dann aber nicht abschließen. Vor allem Gymnasien müssten offener für Betriebspraktika sein, um Schülern eine bessere Berufsorientierung zu ermöglichen, kritisierte Schweitzer und verwies auf jährlich 100.000 Studienabbrecher.

Diese Gruppe rückt bei den Firmen immer stärker ins Visier. Denn Studienabbrecher seien vor allem für die IT-Branche, Banken und Versicherungen interessant. Die Unternehmen ködern bei der Nachwuchssuche zunehmend mit Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten oder Auslandsaufenthalten. „Manche Betriebe bieten sogar ‚Goodies für Azubis‘ wie etwa ein Smartphone oder einen Dienstwagen“, erklärte der DIHK zur Umfrage unter 13.000 Unternehmen (mehr hier).

Kommentare

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  1. P.Marx sagt:

    Ich kann mich dem Vorredner cashca nur anschließen. Hinzu kommt jedoch noch leider hinzu das viele Jugendliche egal mit welchem Abschluss die Anforderungen an die Ausbildung (Lehre oder Studium nicht erfüllen)Früher sagte man: zu dumm!
    GRUNDLAGEN fehlen teilweise extrem. Ich bilde seit über 15 Jahren aus und weis
    von was ich rede. Da nützen auch keine Lockangebote um jemanden zu Ausbildung zu
    bewegen wenn er unfähig ist. Systemversagen in Schule und Elternhaus sowie in unserer Gesellschaft sind sehr oft die Ursache. „Leistungsprinzip „ist nicht mehr
    gesellschaftstauglich. Es ist unerwünscht. Jeder soll Alles „Haben können“ auch wenn
    er nichts dafür macht. Das funktioniert nicht. Leider erleben wir dies zur Zeit!
    Hier muss ein massives Umdenken stattfinden was sehr schwer wird, Wenn es nicht
    gelingt wird das Boot in dem wir alle sitzen ganz schnell voll Wasser laufen…..absaufen
    nennt man so etwas!

  2. Conrad sagt:

    Man unterschätzt die Folgeschäden der Agenda 2010 (SPD). Verhältnismäßig gut bezahlte Jobs verschwinden schlecht bezahlte Jobs entstehen. Wer hat schon Lust auf Hartz 4 oder immer Aufstocker zu sein und immer die Hose runter lassen? Gruss

  3. cashca sagt:

    100 000 studienabbrecher, das muß man sich mal vorstellen.
    Wahrscheinlich waren diese von vorneherein nicht für ein Studium geeignet.

    Es gibt eben viele unterschiedliche Begabungen.
    Wer mehr praktisch veranlagt ist, weniger theoretisch, der tut sch schwr.
    Der ist mit einem ordentlichen Handwerksberuf besser bedient.
    Aber wir denken immer moch, jeder müsste studieren, auch wenn damit hernach brotlos ist, weil er die Anforderungen nicht erfüllen kann.
    Am schlimmsten sind die Eltern selber, die Kinder werden doch regelrecht getrieben zum Studium, als wäre das das einzig Wahre.
    Was mützen uns lauter Studierte, wenn keiner mehr ein Haus Bauen kann, Wasser installieren, Möbel schreinern u.s.w., alles , was wir für unsere Existez eben brauchen.
    Ein guter Handwerker hat in Zukunft jedenfalls bessere Grundlangen für sein Einkommen, als ein schlechter Akademiker, da werden viele keine Anstellung mehr finden, es gibt einfach zuviele davon. Die guten starten durch, die anderne bleiben auf der Strecke.
    Und schlechte gibt es haufenweise. Drum soll sich jeder Jugendliche gut überlegen, taugt er für ein Studium?

  4. Steuerzahler sagt:

    Zugegeben, ich bin nicht mehr so jung.

    In den 70er konnten die Leute noch mit einer guten mittleren Reife eine Ausbildung als Banker machen, oder, wenn sie 18 wurden, die Ausbildung für den gehobenen Dienst eines Beamten antreten. Dafür wird heute das Abitur verlangt.

    Letztendlich ist es so, dass eigentlich alle Berufe, welche man in den 70ern und 80ern mit Mittlerer Reife machen konnte, heute das Abitur gefordert wird.
    Das Handwerk wurde früher von den Hauptschülern bedient. Heute machen das die Jugendlichen mit einem mittleren Bildungsabschluss und die Hauptschüler können oftmals nicht richtig schreiben oder wenigstens die Grundrechenarten sicher beherrschen.

    Dafür machen fast alle Abi und studieren. Viele sind dazu gar nicht geeignet und hinterher doppelt frustriert. Selbst die, welche alle Scheine haben, finden dann keinen Arbeitsplatz. Ich hatte in letzter Zeit einige Gespräche mit jungen Menschen, denen man dann entweder sagte, sie seien überqualifiziert und würden sicherlich überall einen Job bekommen (nur nicht in diesem Unternehmen) oder welche sich von einem Teilzeit-Job zum nächsten hangeln.

    Das sind keine guten Perspektiven.

    Hätte ich noch Kinder in der Ausbildung, würde ich ihnen zu einem handwerklichen Beruf raten. Anschließend den Meister machen und eine betriebswirtschaftliche Grundbildung dazu. Ich glaube, das sind die besseren Perspektiven.
    Da gibt es zwar nicht so viel Renomee zum Angeben, aber wohl eindeutig bessere Verdienstchancen.

    Wir haben genug taxifahrende Doktoren in unserem Land.

    • Jule sagt:

      ehrlich gesagt:

      ich hab mal den Fehler gemacht und eine duale Ausbildung absolviert!

      ich würde es NIEMANDEN empfehlen und meine immer mehr ausgedünnte Familie (nur noch ein Kind von Dreien hat eigene kinder!) wird künftig nur noch Abitur machen und gleich studieren gehen.

      Gründe:

      Mit Abitur hat man volle Berufswahlfreiheit!

      Viele Ausbildungsberufe werden von Akademikern verdrängt, mit meinem Ausbildungsberuf bekommt man fast nur noch Stellen auf Hilfsarbeiterniveau und landet in der permanenten geistigen Unterforderung bei niedrigem Einkommen.
      Für alles braucht man heute ein Studium oder eine Weiterbildung, dann kann man aber auch gleich studieren gehen, geht schneller

      es vergeht kein Tag, wo ich es nicht bereue gleich Abitur gemacht zu haben. Ich schreib gerade meine Bachelorarbeit, weil ich mit dem ausbildungsberuf nur noch Stellen auf Hilfsarbeiterniveau finde und mir diese permanente geistige Unterforderung auf den Senkel geht.

      Berufliche Perspektiven hat mir die Ausbildung auch nicht gebracht, ist eher wie lebendig begraben sein.

  5. Jule sagt:

    die meisten Ausbildungsberufe die offenbleiben – dazu gibt es Statistiken – sind Niedriglohnjobs, mit den Höchsten Abbrecherzahlen, schlechten Ausbildungsbedingungen, oder schlechtem Image und Verdienst.

    Die Liste der Berufe, die leerstehend bleiben:

    Fleischer (Rumänen für 3 Euro Konkurrenz)
    Bäcker (Backautomaten als Konkurrenz, kein echtes Handwerk mehr)
    Bäckereifachverkäufer = ein Leben am Niedriglohnsektor, viele Minijobber ohne Ausbildung später
    Koch = Höchste Abbrecherrate , schlechte Ausbildungsbedingungen, saisonal ständig arbeitslos
    Kellner = schlechter verdienst oft, viele Minijobber und Niedriglöhner

    hingegen sind andere Berufe total überlaufen oder werden überrannt — 1,5 Mio bis 34 sind ohne Ausbildung — davon könnten ja welche die 80 000 offenen plätze besetzen, oder nicht?

  6. Exildeutsch sagt:

    Beschäftigung Steigt ! Ja im Niedriglohn Sektor.Ausbilden kostet Geld.Was da alles aus diesem Rot/Grünen Schulsystem ausscheidet ist für eine Lehre unbrauchbar. Z.B. Tierärzte Mangel auf dem Land. Wer von über 80% Weiblichen Studenten in diesem Bereich will was mit Großvieh zu tun haben bzw. ist Körperlich dafür geeignet ? Männliche Bewerber scheitern an einem sinnlosen Numerus Clausus und werden Benachteiligt in der BRD.Anstelle dehn Deutschen Nachwuchs zu Fördern werden sogenannte Fachkräfte aus dem Ausland angeschafft . Weiter so! Eines Tages wird sich das Rächen.

  7. SoWieSo sagt:

    Warum hat denn Herr DIHK-Präsident Schweitzer selbst Betriebswirtschaftslehre studiert, anstatt eine duale Ausbildung zu beginnen? Vermutlich weil er ahnte, wie schlecht die Zukunftsaussichten für ihn in den angebotenen Ausbildungsberufen sein würden…