Gummi aus Pusteblumen: Chemie-Unternehmen erfinden Rohstoffe aus Biomasse

Künftig wird Plastik aus Pflanzen hergestellt. Biokunststoffe sind auf dem Vormarsch, denn sie können Erdöl als Rohstoff ersetzen und sind biologisch abbaubar. Chemie-Firmen entwickeln neue Basissubstanzen aus nachwachsenden Rohstoffen. Das eröffnet ganz neue Produktionsverfahren.

Wer die Motorhaube der A-Klasse von Mercedes-Benz öffnet, blickt auf eine neue Hoffnung der chemischen Industrie. Die Motorabdeckung: rechteckig, leicht gebogen, aus schwarzem Kunststoff. Eigentlich sieht sie aus wie zig andere Plastikteile. Das besondere sind die Ausgangsstoffe. Während konventioneller Kunststoff aus Erdöl hergestellt wird, besteht die Abdeckung zu 70 Prozent aus Bio-Plastik, der aus den Samen des Rizinus-Baums erzeugt wird. In der A-Klasse verbaut Daimler zum ersten Mal in einer Großserie einen derartigen Kunststoff.

Im vergangenen Jahr sorgten Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts mit der Meldung für Aufregung, zusammen mit dem Autozulieferer Continental Gummi für Reifen aus Pusteblumen zu entwickeln. Zwar gibt es synthetischen Kautschuk aus petrochemischen Verfahren bereits seit mehr als einem Jahrhundert. Dennoch baut die Reifenindustrie nach wie vor erheblich auf natürliches Gummi aus Südostasien. Eine Alternative dazu, die dazu noch großflächig in vielen Regionen angebaut werden kann, könnte diese Abhängigkeit verringern.

Derzeit allerdings ist Bio-Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen noch ein Nischenmarkt. Nach einer Untersuchung von PlasticsEurope, dem Verband der Plastikhersteller in Europa, wurden 2012 rund 288 Millionen Tonnen Kunststoffe weltweit produziert. Die Produktionskapazität für Bio-Kunststoffe lag dagegen nur bei 1,4 Millionen Tonnen. Die Zahlen schwanken zwar je nach befragtem Experten – die Tendenz ist aber eindeutig. Nach Einschätzung des privaten Nova-Instituts lag die Produktionskapazität von Bio-Polymeren im Jahr 2011 bei rund 3,5 Millionen Tonnen – das wären etwa 1,5 Prozent der weltweiten Kunststoff-Produktion, die das Institut auf 235 Millionen taxiert.

Dabei ist das Aushängeschild „Bio“ missverständlich. In den vergangenen Jahrzehnten wurden angesichts einer Flut unverrottbarer Plastiktüten Forderungen nach sich selbst zersetzenden Kunststoffen laut. Sogenanntes „bioabbaubares Plastik“ wurde entwickelt, das unter bestimmten Bedingungen zerfällt – etwa in Kompostieranlagen. Der neue Bioplastik-Trend hat mit solchen Kunststoff-Produkten kaum noch etwas zu tun.

Es geht um die Herstellung von Basissubstanzen der Chemiebranche aus nachwachsenden Rohstoffen. Der so gewonnene Kunststoff muss dann aber nicht notwendigerweise biologisch abbaubar sein. Solche „biobasierten“ Chemikalien sind identisch mit den aus Erdöl gewonnenen Ausgangsstoffen für Kunststoffe oder ihnen doch sehr ähnlich. Die Chemiebranche entwickelt auf diesem Wege nicht nur alternative neue Produktionsverfahren. Unternehmen verbreitern damit ebenso ihre Rohstoffbasis – und verringern in der Folge ihre starke Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen wie Erdöl oder Erdgas.

 

Lesen Sie in Teil 2: Biokunststoff setzt sich langsam am Markt durch

 

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