Noch zu teuer: Bio-Kunststoff wartet auf Durchbruch am Markt

Bio-Kunststoffe sind noch zu teuer, um erdölbasierten Kunststoff zu ersetzen. Außerdem besitzen sie noch so gut wie keinen Mehrwert. Doch die Technik setzt sich am Markt durch: Eine Daimler-Motorhaube aus Biokunststoff ist bereits umweltfreundlicher in der Herstellung, hitzebeständiger und leichter als herkömmliche Motorabdeckungen.

Ob Motorabdeckungen, Plastikflaschen, Folien oder Handyschalen: Bio-Kunststoffe stecken mittlerweile in vielen Produkten. Bekannteste Sorten des „grünen Plastiks“ sind aus Maisstärke gewonnene Bio-Polylactid-Kunststoffe, kurz PLA genannt, die etwa in Joghurt-Bechern zum Einsatz kommen. Auch Bio-Polyethylen aus Zuckerrohr, Bio-Polyamid aus Rizinusöl oder Bio-Polyurethane aus Zucker gibt es. Biomasse statt Erdöl – die technischen Möglichkeiten der Chemiker sind fast unbegrenzt.

Das Preisgefälle zu herkömmlichem Plastik ist allerdings noch beachtlich. BASF -Forschungschef Andreas Kreimeyer sieht hier auch die Verbraucher am Zug. „Wenn es heißt, wir möchten die billigste Kaffeemaschine haben, dann haben wir ein Problem“, sagt der BASF-Vorstand. Es liege auch am Konsumenten, dass solche Produkte sich noch stärker am Markt durchsetzen. „Generell heißt das, dass biobasierte Kunststoffe zurzeit noch mengenmäßig unter den Mengen der klassischen Kunststoffe liegen.“

Nach Einschätzung von Volker Fitzner, Chemieexperte von Pricewaterhouse Coopers (PwC), reicht das grüne Label allein nicht aus, um Kunden in Massen anzulocken. „Die Bereitschaft, für ‚bioplastics‘ mehr zu bezahlen, ist aus Kundensicht grundsätzlich relativ niedrig, sofern keine Performance-Verbesserung damit einhergeht“, schätzt Fitzner. Für den Experten ist das einer der Gründe, weshalb die Nachfrage nicht deutlich stärker anzieht: „Bioplastics bieten – derzeit z“, erläutert der PwC-Experte. Ob Hitzebeständigkeit oder Elastizität, es gibt kaum eine gewünschte Eigenschaft, die nicht auch mit herkömmlichem Plastik erzielt werden kann.

Auch wenn biobasiertes Plastik nicht immer biologisch abbaubar ist, der grüne Anstrich, der dem Label „Bio“ anhaftet, wird jedenfalls gerne genommen. Die Argumentation der Industrie: solche Kunststoffe sind dennoch umweltfreundlicher als die Pendants aus fossilem Öl. Daimler etwa gibt an, bei der Herstellung einer Motorabdeckung aus Bio-Polyamid fielen knapp vier Kilogramm Kohlendioxid-Emissionen an (mehr hier). Bei demselben Teil aus konventionellen Polyamid seien es über zehn Kilogramm. Auch Bedenken, der Anbau von Pflanzen für Kunststoffe könnte Agrarflächen für die Landwirtschaft verdrängen und damit die Ernährung teurer machen, lässt die Wirtschaft nicht gelten. So wachse der Rizinus-Baum nur auf kargen, für die Landwirtschaft eigentlich nicht geeigneten Böden, erklären die Produzenten von Bio-Polyamid. Und vielfach würden Pflanzenreste verarbeitet, die keine andere Verwendung finden würden.

Umweltschützer warnen jedoch davor, Biokunststoffe unhinterfragt als besonders umweltfreundlich darzustellen. „Ein stärkebasiertes oder zellulosebasiertes Material in eine Chemikalie umzuwandeln, ist so trivial nicht“, sagt etwa Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auch hier müssten wie bei der Ölverarbeitung chemische Prozesse angewandt werden, deren Auswirkungen zu bedenken seien. Zudem müsse die Entwicklung in den Erzeugerländern beobachtet werden: „Auch ein biobasiertes Produkt kann große Umweltschäden hervorrufen, indem wir zum Beispiel Regenwald zerstören, um Anbauflächen zu haben.“ Entscheidend sei letztlich, wie der Ressourcenverbrauch reduziert werden könne. Wenn nur der Erdölverbrauch durch den Verbrauch von Land und Wasser ersetzt werde, sei dies kein Gewinn.

Für Daimler waren bei der Suche nach dem geeigneten Material für die Motorabdeckung neben ökologischen Aspekten die Eigenschaften des Stoffes entscheidend: Zwar hätte es preiswertere Alternativen gegeben, räumt Hubert Bieder, der Leiter Materialsysteme im Interieur der Daimler Benz AG, ein. „Diese Nachteile können aber durch Vorteile wie etwa eine größere Hitzebeständigkeit oder ein geringeres Gewicht kompensiert werden.“ Man habe sich Kunststoffe verschiedener Hersteller angesehen und sich dann für Bio-Polyamid des niederländischen Chemiekonzerns DSM entschieden. „Bio-Polyamid ist der erste Kunststoff, der auch von Zulieferern in vernünftigen Mengen verfügbar ist“, erläutert Bieder.

Auch DSM-Entwicklungschef Marcel Wubbolts betont, das Etikett „Bio“ sei nicht das ausschlaggebende Verkaufskriterium: „Dass die biobasiert sind, ist nicht das erste Argument im Markt. Im Markt zählt die Performance, etwa in punkto Hitzebeständigkeit und Langlebigkeit.“ In der Polymer-Industrie müsse man erst einmal beweisen, dass die neuen Polymere gleichgut oder besser als die konventionellen, erdölbasierten seien. „Das dauert halt eine Weile, bis das in den Markt eindringt.“ Am Erfolg zweifelt Wubbolts aber nicht: „Wir erwarten ein Wachstum zwischen zehn und zwanzig Prozent pro Jahr.“

Teil 1:

Gummi aus Pusteblumen: Chemie-Unternehmen erfinden Rohstoffe aus Biomasse

Lesen Sie in Teil 3:

Plastik aus Traubenzucker: Bio-Kunststoffmarkt vervierfacht sich bis 2017

 

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