Krieg im Osten: Ukrainische Armee gerät in die Defensive

Im Kampf um die Ost-Ukraine scheint die von Kiew befehligte Armee in die Defensive zu geraten. Der private US-Geheimdienst Stratfor liefert eine unerfreuliche Lagebeschreibung. Die militärisch Lage dürfte neben den negativen Wirkungen der Sanktionen auf die EU der Grund sein, warum sich Deutschland still und leise für eine sanfte Teilung der Ukraine ausspricht.

Das ukrainische Militär ist in der Ostukraine offenbar in die Defensive geraten. 13 von 15 ostukrainischen Städten sind unter der Kontrolle der Separatisten. Lediglich in den Städten Ilowaisk und Charzysk hat das Militär noch die Oberhand. Doch auch dort ist die Lage aus Sicht der Ukraine und des mit Kiew verbündeten Westens besorgniserregend. Die Rebellen haben die Truppen des Militärs weitgehend eingekreist, wie Itar-TASS meldet. Die Verbände werden an vielen Stellen von den Separatisten aufgerieben. Die anfänglichen Erfolge des ukrainischen Militärs sind verpufft, die groß angekündigte Erstürmung von Donezk musste vorerst abgeblasen werden – und das, obwohl die Ukraine ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung mit Raketen auf die Stadt geschossen hat. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat die Ukraine und die Rebellen für ihre Kriegsführung scharf kritisiert.

Der private US-Geheimdienst Stratfor hat eine Karte erstellt, der die missliche Lage der ukrainischen Armee verdeutlicht. Nun fürchten die Amerikaner, der Krieg könne sich noch Monate hinziehen. Die Position der Ukraine dürfte sich in einem langen Krieg nicht verbessern. „Der Herbst und der Winter werden die Kämpfe verlangsamen“, zitiert CNN den Chef-Analysten des privaten US-Geheimdienstes Stratfor, Robert D. Kaplan.

Das Kampfgebiet wird schlammig und schwer zugänglich werden. Die Russen könnten dagegen auf Zeit spielen und Kiew mit der Drohung unter Druck setzen, dem Land den Gashahn zuzudrehen.

Die Ukraine versucht daher, die Amerikaner zu einem stärkeren militärischen Engagement zu bewegen. Am Dienstag veröffentlichte Kiew ein Video, das gefangengenommen russische Falschirmjägerzeigen soll. Damit sei, so Kiew, der Beweis erbracht, dass Russland die territoriale Integrität der Ukraine verletze. Etwa 50 gepanzerte Fahrzeuge sollen nach ukrainischen Militärangaben im Südosten über die Grenze eingedrungen sein. Das Militär äußerte die Vermutung, dass damit eine „zweite Front“ bei Mariupol geschaffen werden soll. Die Separatisten wie auch Moskau wiesen die Vorwürfe zurück. Die Region Mariupol ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März einverleibten Halbinsel Krim.

Die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Susan Rice, erklärte in der Nacht zum Dienstag über Twitter, das wiederholte russische Eindringen in die Ukraine stelle eine erhebliche Eskalation dar.

Beweise für die globale Eskalation konnten die Amerikaner bisher nicht erbringen: Der Abschuss der malaysischen Boeing 777 mit der Flugnummer MH17 war von Washington als der Grund genannt worden, warum die EU drastische Sanktionen gegen Russland zu verhängen habe. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte am Montag beklagt, dass das westliche Interesse an der Aufklärung nach dem Inkrafttreten der Sanktionen schlagartig erloschen sei, Er forderte die Freigabe der von Kiew unter Verschluss gehaltenen Funksprüche.

Doch die Sanktionen der EU erweisen sich zunehmend als Bumerang: Der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft rechnet wegen des russischen Import-Boykotts mit dem Verlust von 50.000 Arbeitsplätzen in Deutschland. Vor allem im deutschen Mittelstand herrscht Verärgerung über die eigenen Lobby-Verbände, deren Funktionäre sich offenkundig im Sommerurlaub befanden und bei der Bundesregierung nicht laut und deutlich auf die Folgen der Sanktionen hingewiesen haben. Auch im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sei eine geradezu gespenstische Apathie zu beobachten gewesen, sagten Unternehmer den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Der BDI war willenlos dem Vorhaben der Bundesregierung gefolgt und habe lediglich darauf gesetzt, in späteren Verhandlungen den Schaden vom Steuerzahler refundiert zu erhalten. Der BDI habe nicht erkannt, welch verheerende Wirkung die Sanktionen auf die wichtigen deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen haben werde, sagte ein Unternehmer den DMN.

Die EU ist nervös, weil die Landwirtschaft in mehreren Staaten in eine existenzbedrohende Lage gerutscht ist und die Erstattung der Umsatzausfälle durch den europäischen Steuerzahler fordert.

Daher sondiert die deutsche Außenpolitik diskret nach einem Ausweg aus der verfahrenen und teuren Situation: Von den deutschen Medien kaum beachtet, hat sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel überraschend für eine Föderalisierung der von Kämpfen zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten erschütterten Ukraine ausgesprochen. Gabriel sagte: „Die territoriale Integrität der Ukraine kann nur erhalten werden, wenn man den Gebieten mit russischer Mehrheit ein Angebot macht.“ Gabriel in einem Interview mit der Zeitung Welt: „Ein kluges Konzept der Föderalisierung scheint mir der einzig gangbare Weg zu sein.

Ziel der deutschen Bemühungen sei es vor allem, eine unmittelbare militärische Konfrontation zwischen der Ukraine und Russland unter allen Umständen zu verhindern, sagte Gabriel. Kaum eine Chance sieht der Minister für eine Rückkehr der Halbinsel Krim zur Ukraine: „Niemand geht wohl derzeit davon aus, dass die Annexion der Krim durch Russland schnell rückgängig gemacht werden kann.“

Gabriel sprach in seiner Funktion als Vizekanzler und Wirtschaftsminister: Er ist gewissermaßen His Mistress‘ Voice, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einigen Interviews ebenfalls einen Schwerpunkt darauf gelegt, dass Russland sein Gesicht nicht verlieren dürfe.

Als Wirtschaftsminister scheint Gabriel zu erkennen, dass die Sanktionen die Euro-Krise schlagartig wieder verschärfen könnte. Der Sturz der französischen Regierung hat in Berlin zu großer Nervosität geführt. Merkel hatte dem französischen Präsidenten Francois Hollande vor dem Rücktritt des Kabinetts Valls II aus Spanien „alles Gute“ gewünscht.

Die Rechnung der EU, mit einer nostalgischen Rückkehr zum Kalten Krieg die rechten, euroskeptischen und rechtsextremen Parteien in den EU-Staaten zu isolieren, geht nicht auf. So sehr sich alle Europäer für den Frieden begeistern: Es ist der Öffentlichkeit nicht klarzumachen, warum ein mehr oder weniger mutwillig vom Zaun gebrochener militärischer Konflikt innerhalb weniger Wochen tausende Arbeitsplätze in Europa vernichten soll. Diese Entwicklung, so dämmert es auch den Technokraten in Brüssel, wird die Wähler den extremen Parteien zutreiben. Die EU als Friedensprojekt haben sich meisten Europäer doch ganz anders vorgestellt. Martialische Figuren wie der dänische Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bringen die Europäer auf die Palme:

In einem Beitrag für das ARD-Magazin Monitor sagte der als ausgesprochen besonnen geltende Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Eberhard Sandschneider, dass sich die Nato seit dem Fall der Mauer „auf der Suche nach einem neuen Feindbild“ befinde. Dazu betreibe Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen eine „verantwortungslose Politik des Verbalradikalismus“.

Die militärische Schwäche der ukrainischen Armee macht es Putins gut ausgebildeten Truppen leicht, den für die russische Rüstungsindustrie unverzichtbaren Donbass unter Kontrolle zu bekommen. Bezeichnenderweise hat man in diesem Krieg viele Bilder von zerstörten Krankenhäusern und Wohnvierteln gesehen. Die für die Rüstungsexporte nach Russland wichtigen Waffenschmieden des Donbass scheinen bisher jedoch nicht beschädigt worden zu sein.

Sigmar Gabriels vorsichtiger Schmusekurs, der von der FT zu Recht als signifikante Wende bezeichnet wird, dürfte der Einsicht geschuldet sein, dass Deutschland und die EU in diesem Konflikt nichts zu gewinnen haben. Schon jetzt ist es Putin gelungen, die Europäer als Zahlmeister über den Tisch zu ziehen: Durch die nicht reflektierte Parteinahme der EU für eine durch und durch korrupte politische Klasse in Kiew müssen sich nun die europäischen Steuerzahler darum kümmern, wie die offenen Milliarden-Rechnungen von Gazprom bezahlt werden. Bis zum Ausbruch des Konflikts war dies allein Putins Problem gewesen.

Während sich die EU-Kommissare mit saftigen Gagen in den Vorruhestand verabschieden, müssen sich die deutschen Steuerzahler auf Milliarden-Zahlungen für die Ukraine einstellen. Die Amerikaner sind durch den neuen IS-Terror im Irak abgelenkt und hoffen, wie so oft in ihrer bellizistischen, aber nicht durchdachten Außenpolitik, auf ein Wunder.

Es könnte ein weiß-blau-rotes Wunder werden.

Kommentare

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  1. biersauer sagt:

    Nach den letzten Berichten ist die Zone entlang der russischen Grenze vollständig unter der Kontrolle der Partisanen und die Armeen Kiews sind eingekesselt und erwarten die Auflösung.
    Mit den erbeuteten Waffen ist es den Partisanen ein Leichtes, gegen ihre Gegner vorzugehen.

  2. George sagt:

    Man hat uns nach dem 2. Weltkrieg, aus der Not heraus, gelehrt amerikanisch zu denken.Wie dieser Artikel untermauert, dürfte ein Umdenkprozess in Gang gekommen zu sein und ist dies sicherlich kein Nachteil im Umgang mit einem großen Land Europas.
    Was gibt eigentlich den Vereinigten Staaten das Recht sich zu innereuropäischen Angelegenheiten zu äußern. In Wirklichkeit geht es nur um Plazierungen und Erhaltung von lukrativen Geschäften und quertreiberischer Aktionen diese auch durchzusetzen.

  3. Rollo sagt:

    Sehr guter Artikel…

    In den sogenannten Qualitätsmedien sucht man vergeblich nach so einer Einschätzung…

    Vielen Dank für den Stratfor-Verweis, weiter so.

  4. Hans von Atzigen sagt:

    Die aktuellen Ereignisse offenbaren, dem Westen fehlt es an einem tragfähigen Grobraster Leitbild. Gewiss da ist ein Leitbild, das Bild einer EU bis an die Russische Grenze. Allfällige tragfähige ,,Zwischentöne,, unerwünscht.
    Die Zeit einer Einheitlichen Ukraine sind möglicherweise abgelaufen.
    Mehr als eine lockerer Verbund liegt nach diesem Innerukrainischen Krieg vermutlich nicht drin. Krieg schlägt tiefe Wunden die nur langfristig ausheilen können.
    Militärisch:
    Offenbar sind die Sezessionisten Kampfwillig. Das kann für die erfolgreich ausgehen.
    Der Militärische Hintergrund.
    Es spricht so einiges dafür das die Sezessionisten zugriff auf möglicherweise umfangreiche Waffenlager aus UDSSR Zeit haben.
    Unter den Sezessionisten gibt es zudem eine unbekannt Zahl an vormaligen Rotarmisten kampferprobt im mörderischen Partisanen- Krieg am Hindukusch.
    (Soweit Bildmaterial auftaucht ) Unter den Sezessionisten gibt es offenbar eine grosse Zahl an Kämpfern mittleren Alters, die grossflächig Partisanentaktisch operieren.
    Grundsätzlich müsste jeder gut ausgebildete Militär wissen.
    Zur Bekämpfung einer entschlossenen Partisanentruppe mit entsprechender Ausbildung und Zugriff auf geeignete Bewaffnung braucht es eine an Mannschaft 10 fache Überlegenheit Regulärer Einheiten.
    Tja scheint das mit dem eben mal auf die Schnelle einige Terroristen aus der Welt schaffen war wohl ein Griff ins Klo.
    Scheint im Westen sind die Kompetenten Geheimdienstler ausgestorben, die vor solchen Entwicklungen hätten warnen können.

  5. Max sagt:

    Man kann über die Dummheit unserer Politiker der EU und Deutschlands nur noch den Kopf schütteln. Sie lassen sich als hilfswillige Vasallen der US-Finanzmächtigen vor deren Karren spannen, sogar zum Nachteil der eigenen Bevölkerung, wie die unsinnigen Sanktionen gegen Russland. Dabei ist doch für Jeden der denken kann offensichtlich, dass es US-Interessen sind, die nach den ukrainischen Assets greifen und strategisch sich die russischen Bodenschätze, Öl- und Garvorkommen unter den Nagel reissen wollen. Was die Gier der US-Finanmächtigen nach Öl angerichtet hat ist in vielen Ländern z.B. im Irak, Libyen oder Syrien anschaulich zu sehen. Immer wird dabei gelogen dass sich die Balken biegen.

  6. Rechenkünstler sagt:

    „Die militärische Schwäche der ukrainischen Armee macht es Putins gut ausgebildeten Truppen leicht, den für die russische Rüstungsindustrie unverzichtbaren Donbass unter Kontrolle zu bekommen. Bezeichnenderweise hat man in diesem Krieg viele Bilder von zerstörten Krankenhäusern und Wohnvierteln gesehen.“

    Sie vermittel hier den Eindruck das es russische Truppen sind die Krankenhäuser und
    Schulen zerstören.

    Es sind aber ukrainische Geschosse die diese Einrichtungen treffen.
    Auch dieser Artikel hetzt gegen Russland und ich frage mich ensthaft warum unsere Presse unbedingt einen neuen Welkrieg haben möchte der auch Deutschland zerstören wird.

    • Zeitzeuge sagt:

      Ersatzteile, Munition und Ersatztbeschaffung – alles kommt entweder aus der Donbass-Region oder müßte direkt in Russland eingekauft werden, nach sechs Monaten ist 50% des ukrainischen Materials (das zu großen Teilen älter, als 20 und 30 Jahre ist) platt und die NATO müßte Ersatz liefern. Nun gab es noch gewaltige Restbestände an Waffen und Munition, welche die Russen nach 1989 „zurück gelassen“ hatten, als sie abzogen und Material von den übrigen Ostblock-Armeen, aber in Ex-Jugoslavien und bei den bisherigen anderen Konflikten seit damals ist viel verhökert, verbraten und zu Geld gemacht worden. Eine M16 (oder AR15) ist eben keine AK47 und die übergangsweise doppelte Logistik sollte man auch nicht unterschätzen. Die Russen können auf dem „kurzen Weg“ alles liefern, was die Kämpfer der Republik Neurussland benötigen… Poroschenko hat Glück, daß die Republik Neurussland über keine Luftwaffe verfügt…

      • Hans von Atzigen sagt:

        Luftwaffe:

        Flugzeuge inkl. Hubschrauber sind die anspruchsvollste Technik im Militärischen Arsenal. Ohne entsprechende Wartung und zumindest sporadischen Gebrauch wird diese Technik in kurzer Zeit unbrauchbar.
        Auch in Bezug auf das Personal / Piloten ist denn doch so einiges erforderlich. Damit kann man faktisch ausschliessen das auf Seite der Sezessionisten entsprechendes zum Einsatz kommt.
        Derartiges könnte somit NUR direkt aus Russland stammen.
        Bei Zb. Radaranlagen wird die Sache etwas ,,Grenzwertig,, vorstellbar das auch hier, älteres Gerät seine Funktionsfähigkeit allenfalls beibehält.
        Der faktisch ganze Rest bleibt in geeigneter Umgebung gelagert, teilweise sehr lange funktionstüchtig. Kleinwaffenmunition, Granaten, Raketen und dergleichen rund 40 Jahre, danach muss mit Abstrichen gerechnet werden. Entscheidend ist die Lagerumgebung. Konstante Temperatur und tiefe Luftfeuchtigkeit. Motoren sowie alles übrige Mechanische Gerät, mit entsprechender teilweise einfacher Vorbehandlung, bleibt auch über längere Zeit mit kleinen Einschränkungen Funktionstüchtig.
        Ausnahme Batterien. Doch da Hilft auch aktuelle Technik aus LKW, Baugerät und PKW.
        Weiss jeder der sich mit alter Technik auskennt oder sich damit beschäftigt.
        Freundliche Grüsse