OECD warnt in Bildungsbericht vor „Aushöhlung der Mitte“

Das deutsche Bildungswesen entwickelt sich der OECD zufolge nicht schnell genug. Andere Länder holten auf, heißt es im Bildungsbericht der Organisation. Die Aufstiegschancen von Kindern aus sozial schwachen Familien seien schlecht. Die Ausgaben für Bildung zu gering. Die Einkommen in mittleren Bildungsstufen hätten sich hin zu denen unterster Bildungsstufen bewegt. Es drohe eine „Aushöhlung der Mitte".

Der Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt Defizite an deutschen Schulen und Universitäten auf. „Deutschland ist gut, Deutschland verbessert sich auch. Aber die anderen sind schneller unterwegs“, erklärte der OECD-Vertreter in Deutschland, Heino von Meyer. Zudem monierte er, dass immer mehr Kinder nicht mehr den Bildungsgrad ihrer Eltern erreichten. Außerdem seien nach wie vor die Aufstiegschancen aus sozial schwachen Familien vergleichsweise schlecht. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka wies Teile der Äußerungen Meyers zurück.

Die OECD vergleicht regelmäßig die Bildungssysteme seiner 34 Mitgliedsstaaten sowie anderer Länder. Dabei handelt es sich um hochentwickelte Industrienationen wie die meisten Länder der Europäischen Union sowie die USA, Kanada, Japan und Australien.

In Deutschland haben nach der Untersuchung 86 Prozent der Erwachsenen Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Im OECD-Schnitt sind es nur 75 Prozent. Einen wachsenden Zulauf registriert die OECD für die deutschen Hochschulen. Dort stieg zwischen 2010 und 2012 die Quote der Studienanfänger pro Geburtsjahrgang von 42 auf 53 Prozent an. Allerdings liegen die Abschlussquoten an deutschen Unis unter dem des OECD-Durchschnitts. Außerdem melden sich in anderen Ländern mehr Schulabgänger zum Studium an als in Deutschland.

Die OECD monierte auch die Ausgaben für Bildung, die in Deutschland 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen, im OECD-Schnitt aber bei 6,1 Prozent liegen.

Als besorgniserregend wertete Meyer eine sogenannte Abstiegsmobilität. Demnach haben bei den bis zu 34 Jahre alten Erwachsenen ein Viertel einen niedrigeren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Betrachte man die Altersgruppe bis 64 Jahre, hätten hier nur 18 Prozent einen niedrigeren Abschluss als die Eltern. Ungelöst sei auch das Problem, dass der Aufstieg aus sozial schwachen Schichten durch eine gute Ausbildung vergleichsweise schwer sei: „Insgesamt ist die sogenannte Bildungsmobilität in Deutschland so gering wie kaum irgendwo in der OECD.“

Meyer wies darauf hin, dass die Einkommensunterschiede je nach Bildungsgrad immer größer würden. Demnach verdienten 2012 Hochqualifizierte 74 Prozent mehr als Menschen, die nach Realschule oder Gymnasium angefangen hätten zu arbeiten. Der Abstand zwischen beiden Bildungsgruppen habe 2000 erst bei 45 Prozent gelegen. Brisant sei die Entwicklung in der unteren Hälfte des Lohnspektrums. Die Einkommen in mittleren Bildungsstufen hätten sich hin zu denen unterster Bildungsstufen bewegt. Es drohe eine „Aushöhlung der Mitte“.

Ministerin Wanka warf Meyer vor, die OECD definiere als Abstieg, wenn die Kinder nicht das Bildungs-Niveau der Eltern halten könnten. „Das ist für mich nicht das Entscheidende.“ Entscheidend sei, dass die maximalen Möglichkeiten der Kinder ausgeschöpft würden, egal ob es im Status der Eltern bleibe. So sei es falsch von „Abstieg“ zu sprechen, wenn beispielsweise die Tochter eines Zahnarztes Optikerin werde.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warf dem OECD eine einseitige Sichtweise vor. „Absolviert ein Akademikerkind in Deutschland eine duale Ausbildung mit besten Berufschancen, ist es nach dem Verständnis der OECD ein ‚Bildungsabsteiger‘„, kritisierte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. „Das ist angesichts der hervorragenden Beschäftigungsperspektiven und Aufstiegschancen nach Abschluss einer Ausbildung völlig unverständlich.“

Ganz andere Schlüsse zog der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) aus der OECD-Studie: „Die soziale Auslese verfestigt sich“, erklärte DGB-Vizechefin Elke Hannack. Nötig sei unter anderem eine bessere frühkindliche Bildung und die soziale Öffnung der Hochschulen.

Kommentare

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  1. Oscar sagt:

    Diese OECD-Studien sind für den Papierkorb. Verglichen werden z.T. Äpfel mit Birnen. Das einzigartige deutsche duale Ausbildungssystem mit Lehre und Berufsschule zum Facharbeiter und zum Meister wird nicht berücksichtigt. Dabei sind die Absolventen dieser Ausbildung eine der Stützen unserer Wirtschaft und sind kaum von Arbeitslosigkeit betroffen. Diese Ausbildung ist einer der Eckpfeiler der florierenden deutschen Wirtschaft. Massenweise durchschnittliche Akademiker zu produzieren ist der falsche Weg. „Brotlose“ Hochschulabschlüsse in „Laberfächern“ führen oft zu unterbezahlten Jobs der Absolventen oder direkt in die Arbeitslosigkeit.
    Ausserdem lassen wir seit Jahren massenweise Analphabeten in unser Land und brauchen uns nicht zu wundern, dass deren Nachkommen genauso bildungsfremd bleiben, wie ihre Eltern. Die hohen Sozialleistungen sind kontraproduktiv und befördern eben nicht die Anstrengungen einer guten Ausbildung.

  2. Leopold sagt:

    Typisch. Die EU kassiert uns ab und macht uns arm, die OECD warnt vor deutscher Verarmung. Und unsere deutsche Politik? Weiss von nichts!

  3. Mr. Fuchs sagt:

    Die Tatsache dass viele studieren ist ganz offensichtlich nicht hilfreich, denn in Ländern wie Spanien und Griechenland- auch in Schweden, Italien, Frankreich… stehen junge Leute mit abgeschlossenem Studium ohne Arbeit da. Dass Deutschland so eine geringe Arbeitslosenquote bei jungen Leuten hat, liegt auch daran, dass hier nicht wenige eine Ausbildung anfangen anstatt zu studieren. Wenn immer mehr studieren werden die Löhne weiter gedrückt, oder es finden sich nicht mehr genug offene Stellen. Dazu kommen noch die vielen hochqualifizierten Einwanderer, mit denen dann die Deutschen Bachelor und Master konkurrieren dürfen. Ich kann mir persönlich wenig schlimmeres vorstellen als ein Studium bis zum Master durchzuziehen, und dann schlecht entlohnt zu werden oder gar ohne Job da zu stehen. Das ist aber die Realität vieler Europäer.

    Zum Schluss will ich noch auf die Benachteiligung der Jungen hinweisen, die trotz durchschnittlich höherer Begabung in Mathematik und technischen Fächern seltener Abitur machen und öfter auf Schulen für Schwererziehbare oder anderen Förderschulen landen, und auch immer öfter als in den Generationen zuvor. Das ist auch sicher der Grund, warum eben „die Kinder“ oft „Absteigen“- dieser Prozess wird sich auch fortsetzen.

    • Jule sagt:

      ich seh das vollkommen anders

      bitte lesen sie Seite 157 ff in diesem Bericht, dort steht eindeutig, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern mit dualen System untererfasst ist, ein statistisches Artefakt.

      http://www.blbs.de/presse/zeitung/archiv_2011/blbs_0511.pdf

      und außerdem sind selbst jetzt in der Krise akademiker in Spanien immer noch weniger arbeitslos als alle anderen, was aber auch daran liegt, dass dort wichtige Berufe wie Pflege und Pädagogik immer ein studium sind. Selbst in der Krise finden die noch eher Arbeit als z.B. jene mit Ausbildung im Baubereich.

      und Schweden mit seinem flexiblen bildungswesen hat weit weniger Langzeitarbeitslose als DE, auch das ein wichtiger Indikator — Schweden hat knapp 17%, DE 47% Langzeitarbeitslose mit langer Arbeitslosigkeit. So schlimm kann es in Schweden nicht sein.

      • Chris sagt:

        Könnte es sein, daß die anderen Länder höhere prozentuale Anteile im Staatsbereich haben? Auf diese Weise könnten wir auch unsere Arbeitslosigkeit weiter abbauen. Nur wäre dies wünschenswert, siehe Frankreich?

      • Mr. Fuchs sagt:

        Was schweden angeht habe ich von der Jugendarbeitslosigkeit geredet, die dort höher ist als in vielen anderen Ländern, obwohl Schweden wie von ihnen erwähnt (achtung, Momentaufnahme!) vergleichsweise geringe Arbeitslosenzahlen und Langzeitarbeitslosenzahlen aufweist. Man kann Länder direkt vergleichen, aber man muss eben auch die Relationen sehen.
        22,3% Jugendarbeitslosigkeit in Schweden, das ist über dem EU-Durchschnitt und bedeutet 22,3% junge Menschen die ihr Arbeitsleben scheinbar schon verwirkt haben bevor es überhaupt angefangen hat. Das Land wird definitiv später noch ganz andere Probleme bekommen.

        Ja, Akademiker haben in Spanien öfter Arbeit als nicht-Akademiker. Es geht darum, dass man für ein Studium viel auf sich nimmt: Es ist Lebenszeit, es kann anstrengend sein, und es bringt für viele entbehrungen mit sich: Leben in der Gartenlaube etc. Und so mancher verschuldet sich dafür. Wenn der Student nicht einmal wissen kann ob er überhaupt Arbeit findet, und nicht sicher sein kann gut entlohnt zu werden, dann ist es das wirklich nicht wert. Das gilt natürlich nicht für sehr begabte oder hochbegabte: Für die lohnt es sich immer. Heutzutage studieren aber eben immer mehr und mehr Europäer.

    • Jule sagt:

      und gucken sie sich mal die Top Tenberufe in DE an — glauben sie wirklich Verkäufer, Einzelhandelskaufleute, diese zig zu vielen Bürokaufleute und ähnliche Berufe werden in dem Umfang benötigt?

      meine Cousine ist Bürokauffrau und arbeitet als krankenhaus-putzfrau im OP, weil ihr Beruf kaum gebraucht wird und über bedarf als industrielle Reservearmee produziert wird.

    • Testostheron sagt:

      Vollkommen richtig !

      Ein Studienabschluß ist absolut keine Arbeitsplatzgharantie.

      siehe hier:

      http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zehn-jahre-hartz-iv-immer-den-staat-im-nacken-1.2293478

      Die dort beschriebene studierte Dame kann einem nur Leid tun !

  4. Krustenkäse sagt:

    Artikelausschnitt:

    „Demnach verdienten 2012 Hochqualifizierte 74 Prozent mehr als Menschen, die nach Realschule oder Gymnasium angefangen hätten zu arbeiten. Der Abstand zwischen beiden Bildungsgruppen habe 2000 erst bei 45 Prozent gelegen.“

    Sind die Löhne für Akademiker gestiegen oder ist der durschnittliche Lohn gefallen, seitdem in Deutschland zufällig nach dem Zeitraum des Vergleiches der Niedriglohnsektor so massiv ausgebaut wurde?