Österreichs Mittelstand hält Investitionen wegen Sanktionen zurück

Die Regierung hat am Mittwoch mit Unternehmens- und Belegschaftsvertretern Maßnahmen beschlossen, um die betroffenen Firmen in der Ukraine-Krise zu unterstützen und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt so gering wie möglich zu halten. Die Internationalisierungsoffensive (IO) erhält 2, 5 Millionen Euro...

Die Regierung hat am Mittwoch mit Unternehmens- und Belegschaftsvertretern Maßnahmen beschlossen, um die betroffenen Firmen in der Ukraine-Krise zu unterstützen und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt so gering wie möglich zu halten.

Die Internationalisierungsoffensive (IO) erhält 2, 5 Millionen Euro zusätzlich. Auch die Förderbank AWS weitet ihr Garantievolumen auf insgesamt 100 Millionen Euro aus, um Existenzgefährdungen von Betrieben zu verhindern, teilt die Wirtschaftskammer Österreich mit (WKÖ). WKÖ-Präsident Christoph Leitl schätzt die Situation wie folgt ein:

„Sollten die Sanktionen verschärft werden und die Krise sich zuspitzen, ist ein größeres Ausmaß an Schäden zu befürchten. Das können und wollen wir uns angesichts des nur sehr verhaltenen Wirtschaftswachstums nicht leisten. Wir drohen in eine längerfristige Vertrauenskrise zu schlittern, wenn wir nicht aktiv gegensteuern.“

Denkbar sei etwa der Einsatz von Kurzarbeit sowie Initiativen zur Förderung der Jugendbeschäftigung. Es gebe in der Alpenrepublik einige Industriefirmen, die derzeit wegen sinkender Aufträge aus Russland mit Nachfrageeinbrüchen zu kämpfen hätten, sagte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) am Dienstag.

Die heimische Ausfuhr nach Russland verringerte sich im ersten Jahresdrittel bereits markant. Grund für die Einbußen seien aber nicht nur die Sanktionen gegen Russland, sagte Faymann. Davon sei nur ein sehr geringer Anteil des ohnehin überschaubaren Außenhandels mit Russland betroffen. „Schuld daran ist, dass Krieg herrscht in dieser Region. Viele Firmen würden geplante Investitionen daher verschieben und ihr Geschäft vorerst nicht ausbauen. „Die Psychologie ist viel stärker als die Sanktionen. Daher wird der wirtschaftliche Schaden des Kriegs in Europa spürbar – auch in Österreich, auch in Deutschland, auch in Finnland, auch in der Slowakei, auch in Tschechien“, sagte Faymann.

Auswirkungen der Sanktionen auf den Mittelstand

Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland treffen Österreichs Wirtschaft „deutlich überdurchschnittlich“, sagt Christian Helmenstein von der Industriellenvereinigung (IV). Kaum ein Exporteur kann sich den Auswirkungen entziehen. Medienberichten zufolge schadet der Konflikt 1.200 österreichischen Firmen, 550 von ihnen haben in Russland eine eigene Niederlassung.

„Mit 3,5 Milliarden Euro Exportvolumen ist der riesige Markt Russland erst letztes Jahr auf Platz 10 der wichtigsten Ausfuhrländer der Österreicher aufgerückt“, schreibt das Wirtschaftsblatt. Die Exportverbote beziehen sich neben Hochtechnologie-Produkten auch auf den Finanzsektor und auf die Rüstungsindustrie. Besonders betroffen sind neben mittelständischen Exportfirmen auch die Banken und Energiebetriebe aus Österreich.

ÖIAG-Aufsichtsratspräsident Siegfried Wolf warnt Unternehmen vor Investitionen in Russland. Wolf sagte dem Kurier am Mittwoch:

„Ich würde mir das sicher sehr genau anschauen. Derzeit gibt es ein Problem mit dem Kapitalmarkt. Es ist sehr schwer, Kapital für Investitionen in Russland zu beschaffen. Doch wie soll jemand investieren, wenn er die Unterstützung der Banken nicht hat. Die russischen Banken stehen auf der Sanktionsliste, die Beschaffung von Kapital auf dem internationalen Finanzmarkt ist unheimlich schwierig.“

Das Wirtschaftsblatt berichtet, dass sich die Geschäftslage in Österreichs Mittelstand langsam eintrübt:

„War im Februar noch mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) mit ihrer Geschäftslage uneingeschränkt zufrieden, sind es im Juli nur noch 47 Prozent der Unternehmen, ergab die letzte Veröffentlichung des Mittelstandsbarometers des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY. Auch die Stabilität des eigenen Unternehmens wird derzeit kritischer eingeschätzt als noch zu Jahresbeginn. Nur noch etwas mehr als jeder dritte Befragte (36 Prozent) bezeichnet die Verfassung des eigenen Unternehmens als sehr stabil (Februar 2014: 41 Prozent).“

Die Sanktionen betreffen auch sogenannte Dual-Use-Güter, die für den militärischen wie zivilen Sektor verwendet werden können. Der Boykott dieser Güter trifft vor allem Mittelständler und Industriebetriebe, denn jede Dichtung und jedes Kugellager kann genauso gut in eine Maschine oder in einen Panzer eingebaut werden. Die Auswirkungen der Sanktionen betreffen zahlreiche Branchen in Österreich:

Verbund

Viele Unternehmen wollen erst einmal lieber kein Geld in den Aufbau des Geschäfts in Osteuropa stecken, etwa der auf Wasserkraft spezialisierte Energiekonzern Verbund. „Die Attraktivität für Infrastruktur-Investitionen in diesen Ländern ist nicht hoch”, sagte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber. Die geplanten Sparmaßnahmen von 130 Millionen Euro bis 2015 könnten weiter verschärft werden. Die Ratingagentur Moody’s hat den Ausblick für Verbund von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt.

OMV

Ab 2017 soll russisches Gas über die geplante Leitung von der bulgarischen Schwarzmeerküste weiter nach Serbien und Ungarn bis nach Österreich strömen. Die EU-Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise werden nach Ansicht des österreichischen Energiekonzerns OMV den Bau der umstrittene Gas-Pipeline South Stream nicht behindern. „Ich sehe da keinen Einfluss“, sagte OMV-Chef Gerhard Roiss dem Nachrichtenmagazin Profil.at. Russland will mit South Stream die Ukraine als Transitland umgehen, mit der es wegen Gaslieferungen im Streit liegt.

Ölfeldausrüster SBO

Der österreichische Ölfeldausrüster Schoeller-Bleckmann (SBO) kritisiert die erforderlichen Genehmigungen für Russland-Exporte. „Das, was uns Sorge bereitet, ist der administrative Aufwand”, sagte Firmenchef Gerald Grohmann. Jede Lieferung – auch wenn sie in konventionelle Lagerstätten geht – müsse genehmigt werden. „Ich hoffe, dass die Regierung und das Wirtschaftsministerium unterstützen und nicht allzu bürokratisch sind”.

Voestalpine

Auch der Stahlkonzern Voestalpine zögert: „Osteuropa ist für uns im Moment schwierig, weil wir noch nicht den großen Zug unserer Kunden aus der Automobilindustrie oder aus dem Maschinenbau dorthin haben. Da gibt es große Zurückhaltung, weil natürlich die Finanzierung in diesen Regionen schwierig ist”, sagte Firmenchef Wolfgang Eder.

EVN

Der Energiekonzern EVN kippte wegen anhaltender Probleme in dem Land seine Gewinnprognose und muss 295 Millionen Euro abschreiben, wie das Wirtschaftsblatt berichtet. Die Telekom Austria musste 400 Millionen Euro in Bulgarien abschreiben

MAN

Der deutsche Lkw-Bauer MAN etwa plant von Oktober bis Anfang Januar für je rund 2.000 Beschäftigte in seinen Werken im österreichischen Steyr sowie in Salzgitter Kurzarbeit. Der offizielle Grund dafür sei die schwache Auftragslage in Europa, nicht die Krise in der Ukraine und Russland, sagte ein Sprecher. Österreichs Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) erklärte jedoch, der Nachfragerückgang bei MAN sei zu einem Drittel auf die Krise in Russland zurückzuführen.

Banken

In Russland sind mehrere große österreichische Banken – etwa die Raiffeisen Bank International oder die UniCredit -Tochter Bank Austria – vertreten. Die Bankenaufseher hatten bereits vor steigenden Risiken für die Institute gewarnt. Die Erste Group sei derzeit mit weniger als 200 Millionen Euro in Russland engagiert. In Russland und der Ukraine zusammen sind es 355 Millionen Euro.

„Wenn sich die Wirtschaftsentwicklung in Russland verschlechtert, ist davon auszugehen, dass auch zusätzliche Risiken entstehen bei unseren großen Banken”, sagte der Co-Chef der Finanzmarktaufsicht (FMA) Klaus Kumpfmüller. Sowohl Raiffeisen Bank International wie auch die UniCredit-Tochter Bank Austria haben große Niederlassungen in der Ukraine, deren Erträge einbrechen. Zudem bangen die Institute um ihr ertragreiches Russland-Geschäft, das durch den Wirtschaftsabschwung in Mitleidenschaft gezogen wird. Den Banken dürften dann höhere Vorsorgen für faule Kredite drohen, die ihre Gewinne schmälern. Auch die Sanktionen des Westens gegen Russland schränken die Geschäfte der Banken ein.

Wifo und Wirtschaftskammer

Die verschärften Sanktionen der EU gegen Russland werden die österreichische Wirtschaft hart treffen. „Schon derzeit erwarten wir ein Minus bei den Exporten von 20 Prozent im laufenden Jahr gegenüber dem Vorjahr“, sagte der Präsident der österreichischen Wirtschaftskammer, Christoph Leitl. Und auch im Tourismus sei der Einbruch der russischen Gäste schon stark zu spüren.

Wie ÖIAG-Chef Wolf erwartet auch Leitl, dass sich die Unternehmen künftig gut überlegen werden, ob sie weiter in Russland investieren. Österreichs Direktinvestitionen belaufen sich derzeit auf 8,6 Milliarden Euro. Wenn die Sanktionen in der zweiten Jahreshälfte ihre Wirkung weiter entfalten, kann damit gerechnet werden, dass das Investitionsvolumen in die Region weiter abnehmen wird.

Die EU-Russland-Sanktionen sowie Gegenmaßnahmen Moskaus könnten Österreich einen volkswirtschaftlichen Schaden von 775 Millionen Euro bescheren, was der Gefährdung von 11.000 Jobs entspreche, sagte Wifo-Experte Oliver Fritz. dem Standard. Um die Auswirkungen der Russland-Sanktionen auf die gesamte österreichische Wirtschaft weiter abzuschätzen, hat die Regierung ihre Berater vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) mit einer entsprechenden Studie beauftragt, sagte Wifo-Chef Karl Aiginger. Sie soll bis Mitte Oktober zeigen, inwieweit einzelne Branchen – etwa Landwirtschaft, Finanzsektor oder Industriebetriebe mit Einbußen rechnen müssen. „Es gibt kurzfristige Risiken, dass einige Exporte oder Investitionen verloren gehen”, sagte Aiginger.

Die EU-Staaten hatten am Montagabend vereinbart, die angestrebten härteren Wirtschaftssanktionen gegen Russland wegen der Waffenruhe in der Ostukraine vorerst nicht umzusetzen. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) begrüßte die Entscheidung, „weil wir in Verhandlungen und in einer politischen Lösung das wirkliche Problem beherrschen können und nicht mit Sanktionen.“

 

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