Roche zahlt Intermune Geschäftsführung hohe Abfindung

Über 105 Millionen Dollar erhält die Führungsspitze des Biotech-Unternehmens Intermune nach der Übernahme durch Roche. Der Schweizer Pharmariese will noch weitere kleine Zukäufe starten. Auch die Übernahme des japanischen Konkurrenten Chugai für 10 Milliarden Euro sei finanziell auch noch möglich.

Der Pharma-Konzern Roche zahlt der Führungsriege des übernommenen Biotech-Konzerns insgesamt 105 Millionen Dollar „Abgangszahlungen“. Das zeigt ein Dokument der US-Börsenaufsicht SEC, das den Kaufvertrag zwischen Roche und Intermune in allen Details erläutert, berichtet Schweiz am Sonntag. Intermune Verwaltungsratspräsident und Konzernchef Daniel Welch erhält insgesamt 36,7 Millionen Dollar, zusammengesetzt aus Aktienpaketen, Steuerrückzahlungen, Boni und dem zweifachen Jahreslohn. Geschäftsführer Sean Nolan und Forschungschef Jonathan Leff erhalten je 16 Millionen Dollar.

Trotz der milliardenschweren Übernahme von Intermune hat Roche finanziellen Spielraum für weitere Zukäufe. Roche sei in der Handlungsfähigkeit nicht eingeschränkt, falls sich andere Gelegenheiten ergeben, sagte Verwaltungsratspräsident Christoph Franz der Basler Zeitung. „Unsere Möglichkeit, gegebenenfalls Fremdkapital auch über unsere eigenen Mittel hinaus aufzunehmen, ist unverändert.“ Zudem relativiere sich der Kaufpreis von acht Milliarden Dollar für Intermune, wenn man ihn mit dem jährlichen Cash Flow von 16 Milliarden Franken vergleiche.

Bei einem Umsatz von knapp 47 Milliarden Franken (38 Milliarden Euro) und einem Jahresgewinn von mehr als elf Milliarden Franken kann Roche die Übernahme gut stemmen. Intermune ist der größte Zukauf seit 2009, als die Schweizer den verbliebenen Anteil am US-Konzern Genentech für rund 47 Milliarden Dollar erwarben. Bei anderen Übernahmeprojekten war Roche zurückhaltend. Vor zwei Jahren verzichtete Roche-Chef Schwan auf die Biotechfirma Illumina, die sieben Milliarden Dollar kosten sollte. Ob Roche noch, wie von Medien berichtet, Interesse an der vollständigen Übernahme der japanischen Chugai hat, blieb offen. Die zehn Milliarden Dollar, die das kosten würde, hätten die Schweizer nach Ansicht von Kepler Cheuvreux-Analyst Fabian Wanner auch noch zur Verfügung. An der Börse legten die Roche-Anteilsscheine zu Wochenbeginn leicht um 0,3 Prozent auf 267 Franken zu.

Großakquisitionen plane Roche aber weiterhin keine. Der Konzern halte laufend nach Kooperationen und Akquisitionen Ausschau, da nicht nur Roche die besten Ideen habe. „Das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als Zukäufe in deutlich zweistelliger Milliardenhöhe“, sagte Franz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der ehemalige Lufthansa -Chef wollte sich nicht dazu äußern, ob Roche eine Veränderung der Beteiligung am japanischen Pharmakonzern Chugai plane. „Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es nicht sinnvoll ist, gewisse Dinge für alle Ewigkeiten auszuschließen“, sagte Franz der Basler Zeitung. Im August hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Berufung auf Insider berichtet, Roche wolle sich den Kauf der noch nicht in ihrem Besitz stehenden Chugai-Anteile von etwa 40 Prozent rund zehn Milliarden Dollar kosten lassen. Chugai wies den Bericht später zurück.

Roche hofft mit der Übernahme von Intermune auf ein weiteres Standbein außerhalb seines Hauptgeschäfts mit Krebsmedikamenten wie Avastin. Trotz des saftigen Preises für eine Firma, die über lediglich ein Produkt verfügt und rote Zahlen schreibt, sei das ein geschickter taktischer Zug, urteilen Analysten von Bernstein Research.

Intermunes Medikament Pirfenidone ist bereits in Kanada, Japan und in Europa auf dem Markt und brachte dem Unternehmen 2013 rund 70 Millionen Dollar Umsatz ein. In Europa wird das Mittel unter dem Namen „Esbriet“ vermarktet, in Japan, wo die Firma Shionogi die Rechte hat, unter dem Namen „Pirespa“. Die Zulassung in den USA wird im Herbst erwartet und gilt als weitgehend sicher. Das Medikament wurde von der US-Arzneimittelbehörde FDA kürzlich als „Therapiedurchbruch“ bei der Lungenkrankheit IPF eingestuft. Analysten schätzen den jährlichen Umsatz auf 1,2 bis 1,4 Milliarden Dollar – im Jahr 2020. „Es wird ein sehr großes Produkt werden“, sagte Roche-Chef Severin Schwan.

Die idiopathische pulmonale Fibrose (IPF) ist eine bislang unheilbare tödliche Lungenerkrankung. Die genauen Ursachen der relativ seltenen Krankheit, an der schätzungsweise fünf Millionen Menschen leiden, sind nicht bekannt. Die jährlichen Behandlungskosten belaufen sich nach Analystenschätzungen auf 40.000 bis 50.000 Dollar pro Patient. IPF führt zu einer fortschreitenden Vernarbung der Lungen – nach der Diagnose überleben Betroffene meist nur noch bis zu fünf Jahre. IPF-Kranke leiden unter zunehmender Atemnot, die Leistungsfähigkeit sinkt rapide. Neue Präparate zielen vor allem darauf ab, gesundes Lungengewebe vor der Vernarbung zu schützen und das Voranschreiten der Krankheit zu verlangsamen.

Bestrebungen, Medikamente außerhalb des Krebsbereichs in den eigenen Labors zu entwickeln, brachten Roche in den vergangenen Jahren durchwachsende Ergebnisse. Bei experimentellen Medikamenten gegen Herzkrankheiten, Diabetes und Schizophrenie mussten die Basler Rückschläge hinnehmen. Nun setzt Roche wie viele andere große Pharmakonzerne auch auf Zukäufe. Internationale Pharmariesen sind für neue Produkte zunehmend auf kleine, innovative Firmen angewiesen, die entsprechend teuer sind. Gemäß Daten von Thomson Reuters verzeichnete der Gesundheitssektor in den vergangenen zwölf Monaten Übernahmen im Volumen von 346 Milliarden Dollar. In den zwölf Monaten davor belief sich das Volumen auf 212 Milliarden.

Neben Intermune arbeitet auch Boehringer Ingelheim, Deutschlands zweitgrößter Pharmakonzern nach Bayer, an einem Mittel gegen IPF. Intermune hat aber im Therapiefeld IPF die Nase vorn – die Boehringer-Arznei Nintedanib ist noch nicht zugelassen, wird aber von der FDA auch als „Therapiedurchbruch“ eingestuft. Die Konkurrenz aus Deutschland schreckt Schwan nicht. „Beide Medikamente werden ihren Platz finden“, sagte er.

 

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