Schotten lehnen Unabhängigkeit von Großbritannien ab

Die Befürworter einer Loslösung von Großbritannien müssen eine Niederlage einstecken. Berechnungen zufolge stimmt eine knappe Mehrheit der Schotten für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Nur in wenigen Großstädten gab es eine Mehrheit für die Unabhängigkeit Schottlands.

Bei dem Referendum in Schottland hat die Unabhängigkeitsbewegung eine Niederlage erlitten. Nach Auszählung von mehr als zwei Dritteln der Stimmen ergab sich Reuters-Berechnungen zufolge eine Mehrheit von 54 Prozent für einen Verbleib im Vereinigten Königreich. Der Erste Minister Schottlands, Alex Salmond, der sich für eine Loslösung starkgemacht hatte, räumte seine Niederlage ein. Gleichzeitig forderte er die britische Regierung auf, ihr Versprechen einzulösen, der schottischen Regionalregierung mehr Befugnisse zu verleihen. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich erleichtert und gratulierte dem Anführer der Abspaltungsgegner, Alistair Darling. An den Finanzmärkten atmeten viele Anleger auf, da eine Unabhängigkeit weitreichende politische und wirtschaftliche Unwägbarkeiten bedeutet hätte.

Mit endgültigen Ergebnissen wurde am frühen Vormittag gerechnet. In Umfragen hatten sich die Unabhängigkeitsgegner und die Befürworter ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Bei der Auszählung der Stimmbezirke wurde schnell deutlich, dass es nur in wenigen Städten eine Mehrheit für eine Loslösung gab. So stimmten etwa in Schottlands größter Stadt Glasgow 53,5 Prozent der Wahlberechtigten für die Unabhängigkeit, in Dundee waren es sogar 57 Prozent.

Salmond zeigte sich enttäuscht vom Abstimmungsergebnis. Er müsse die Meinungsäußerung des Volkes aber akzeptieren, erklärte er. „Wie Tausende andere in diesem Land habe ich mein Herz und meine Seele in diese Kampagne gelegt“, sagte die Vize-Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP), Nicola Sturgeon. Sie sei betrübt, dass eine Unabhängigkeit so knapp verfehlt worden sei.

Die Finanzmärkte reagierten erleichtert auf das Votum. Das britische Pfund legte deutlich zu, nachdem es seit Anfang September in der Spitze mehr als drei Prozent verloren hatte.

International wurde der Ausgang mit großer Spannung verfolgt. Die Aussicht auf ein Auseinanderbrechen der weltweit sechstgrößten Volkswirtschaft und einer Atommacht mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat hat weit über die Insel hinaus Besorgnis ausgelöst.

Ein Ja zur Unabhängigkeit hätte viele Fragen aufgeworfen. Es wäre unklar gewesen, welche Währung dann in Schottland gegolten hätte, was aus der EU- und Nato-Mitgliedschaft geworden wäre und wie die Öl-Vorkommen in der Nordsee aufgeteilt worden wären. Wäre Schottland einen eigenen Weg gegangen, hätte dies auch Cameron das Amt kosten können.

„Den Briten und auch den Investoren ist sehr viel Unsicherheit erspart geblieben“, sagt Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt:

„Es hätte mindestens anderthalb Jahre lang große Diskussionen gegeben – etwa über die Währung oder über die Verteilung der Staatsschulden und Ölreserven. Durch das Nein bekommt die katalonische Unabhängigkeitsbewegung zumindest keinen weiteren Auftrieb. Wenn Schottland ausgetreten wäre, hätte das auch die Wahrscheinlichkeit eines Austritts Großbritannien aus der EU erhöht. Denn das hätte die Torys gestärkt. Jetzt ist das wieder offener. Die Austrittsbefürworter aus der EU bekommen keinen zusätzlichen Auftrieb.“

Holger Schmiedung, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank, sagt:

„Das Risiko eines EU-Austritts von Großbritannien sinkt, ist aber noch immer groß. Die Tatsache, dass Schottland ein Referendum durchführen konnte, stärkt den Anspruch der anderen unabhängig denkenden Regionen oder Nationen, ihre eigene Volksabstimmung durchzusetzen.“

Kommentare

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  1. Schorsch sagt:

    Oho,

    bei CNN ergab sich eine Mehrheit gegen die Loslösung von 58 %.
    Für die Trennung von England waren nach CNN 52 %.

    Also 110 % ,
    angelsächsische Mathematik vom Feinsten.
    Wenn das Wahlergebnis genauso „creativ“ ermittelt wurde ist alles klar.

  2. Toddi sagt:

    Da der gebildete Mensch die schottische Geschichte kennt, ist die Frage an das Volk schon lange überfällig, die Schotten sind vor ca- 300 Jahren nicht freiwillig der Union beigetreten, aber wie sagt Marie von Ebner-Eschenbach :

    „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“

    Schade und ich habe schon einen Leuchtturm eines freien Volkes in Europa gesehen.

    Gruß der Toddi

  3. Chris sagt:

    Zählt man/frau so aus?

    Man nehme den Ja-Stapel und lege einen Nein-Zettel drauf und schwups alle Ja-Stimmen auf den Nein-Stapel.

    https://www.youtube.com/watch?v=kUR-HgAtwtg

    Übrigens war ich bei uns in Deutschland Wahlbeobachter auch bei uns wird falsch ausgezählt. Mehr Stimmen als Wahlberechtigte.

  4. Ich sagt:

    Dass die Finanzmärkte, also diejenigen, die von anderer Leute Arbeit leben (denn Geld „arbeitet“ nicht), erleichtert reagieren, zeigt, dass die Schotten die falsche Wahl getroffen haben, nämlich die Unterwerfung und die weitere Ausbeutung.

  5. Rudolf Steinmetz sagt:

    Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: die Bindungsfähigkeit der Zentralregierungen schwindet. Brüssel will über seine „Metropolregionen“ in dieses Vallum hineinstossen – größte Vorsicht!