Sozialfirmen in der Schweiz wachsen schnell

Das Geschäft mit hilfsbedürftigen Menschen wächst. Sozialfirmen bieten ihnen einfache Tätigkeiten und Betreuung an und verdienen daran Geld. In der Schweiz gibt es bereits über 400 dieser Firmen, die zusammen einen Umsatz von 630 Millionen Franken im Jahr machen.

Das neue Gewerbe der Sozialfirmen wächst rasant. Sozialfirmen beschäftigen im Auftrag der Gemeinden hilfsbedürftige Menschen. Neuesten Zahlen zufolge gibt es bereits 400 Sozialfirmen in der Schweiz, die meisten in den Kantonen Zürich, Bern und Basel. Insgesamt beschäftigen diese Unternehmen bereits 10.000 Angestellte, die als Betreuer der Klienten arbeiten oder den Betrieb managen.

In der Schweiz gibt es 43.000 Menschen, die bei Sozialfirmen angestellt sind und einfache Arbeiten erledigen, „sie setzen beispielsweise an Geräten aus dem EU-Raum einen Schweizer Stecker an“, berichten die Autoren Sarah Serafini und Anna Kappeler in der Online Zeitung Schweiz am Sonntag. Das Geschäftsmodell funktioniert. Die Sozialfirmen schaffen Arbeitsplätze und generieren einen Umsatz von insgesamt 630 Millionen Franken.

Einige Sozialfirmen sind in der vergangenen Woche in die Kritik geraten, weil die Tarife, die sie für ihre Arbeit im Auftrag des Staates abrechnen, vielen als zu hoch erscheinen. So berichtet der Tagesanzeiger, dass Sozialfirmen bis zu 135 Franken pro Stunde, abends und am Wochenende sogar 145 Franken für ihre Dienste berechnen: „Die Sozialarbeiter stehen Tag für Tag während durchschnittlich sechs Stunden im Einsatz, um der Familie unter anderem beim Einkaufen, Kochen und Putzen zu helfen. So häufen sich Kosten von monatlich 20’000 Franken an. Aufkommen dafür müssen die Steuerzahler.“

Von den Beschäftigten in den Sozialfirmen haben etwa 40 Prozent eine geistige oder psychische Behinderung. Ebenfalls 40 Prozent beziehen Arbeitslosengeld. Etwa 20 Prozent sind Sozialhilfeempfänger, wie aus einer Studie hervorgeht, die die Fachhochschule Nordwestschweiz, die Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana und die Fernfachhochschule Schweiz erarbeitet haben.

Sozialfirmen sehen sich nach eigenem Verständnis eher als soziale Unternehmen und weniger als Hilfswerke», sagt Stefan Adam, Co-Leiter der Studie und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Firmen sind in erster Linie in den Branchen Industrie Gastronomie und im Handel tätig.

Den Autoren der Studie zufolge erhalten die Beschäftigten durch die Sozialfirmen eine Tagesstruktur, die es ihnen erlaubt, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wertschöpfung zu leisten.

Doch es gibt auch Kritiker, denen die Entstehung einer Sozialindustrie ein Dorn im Auge ist: „Vom System der Sozialfirmen profitieren primär private Firmen im Hintergrund“, sagt Peter Schallberger, Soziologieprofessor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen. Diese kämen etwa dank der Dock Gruppe AG, einer der grössten Sozialfirmen der Schweiz, zu billigen Arbeitskräften. „Der Staat weiss das und nimmt es in Kauf. Er stützt ein System prekärer Zwangsbeschäftigung“, sagt Schallberger.

Für leistungsbeeinträchtigte Menschen gibt es in der Schweizer Wirtschaft nicht genügend Arbeitsplätze. Deshalb wurden diese Menschen bisher in ergänzende Massnahmen wie geschützte Werkstätten vermittelt. Weil diese Arbeitsplätze viel kosten, sollen die Betroffenen verstärkt in den Arbeitsmarkt reintegriert werden. Dies stellt sich aber als schwierig dar, weil diesen Menschen Skepsis seitens der Unternehmen entgegenschlägt. Als Folge übernähmen sie diese Vorurteile als zusätzlich behindernde Selbst-Stigmatisierung, schreibt die Fachhochschule Nordwestschweiz in einer Mitteilung.

An diesem Punkt setzen die Sozialfirmen an. Sozialfirmen versuchen die Hindernisse unterschiedlich zu überwinden: Sie bieten sich der Wirtschaft als Partner für Nischendienstleistungen und -produktion an und schaffen dadurch „normale“ Arbeit. „In der Sozialfirma erhalten sie normale Arbeit und einen normalen Lohn. Das ist mindestens so wichtig wie das Zutrauen und die Wertschätzung“, erklärt Roland Z’Rotz, Vorsitzender und Geschäftsführer der Öko-Reinigungsservice GmbH.

Kommentare

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  1. Fredy Wyss sagt:

    Ich arbeitete neun Monate lang in der Sozialfirma Prowork. In einem 100 % Pensum. Ende Monat erhielt ich lediglich einen Bruttolohn von Fr. 800.00. Da werden Teile verarbeitet, die dann durch Zulieferfirmen bei Phonak, Ypsomed, Swatch usw. landen. Durch Sozialfirmen wird Working Poor gefördert. Solange es Sozialfirmen gibt, sind die Firmen nicht gezwungen, ihre Gewinne zu reduzieren und anständige Löhne zu zahlen. Ein eigenartiges Geschäftsmodell, grosse Konzerne über Sozialhilfegelder profitieren zu lassen.

    • Claire Schmied sagt:

      Sozialfirmen stehe ich mehr als kritisch gegenüber. Nicht nur dass den Arbeitslosen pauschal die Fähigkeit abgesprochen wird, eine Tagesstruktur aufrecht erhalten zu können, sie werden auch noch als nicht fähig abgestempelt, selbstständig den Weg zurück in den 1. Arbeitsmarkt zu finden.
      Es ist sehr gut, dass sich in diversen Medien endlich auch Stimmen erheben, welche den fragwürdigen Zirkus mit diesen kostenintensiven „Beschäftigungsprogrammen“ in Frage stellen.