Russland war letzter „Hoffnungsmarkt“ für deutsche Autobauer

In Russland sind die Absatzzahlen der Autohersteller im freien Fall. Auch Europa erholt sich kaum. In Spanien wird die Nachfrage durch staatliche Subventionen erhalten. Auch in Italien und in Frankreich – wo sich die Hersteller zum Pariser Autosalon treffen – sind die Strukturprobleme nicht gelöst.

Wenn sich die Pkw-Branche nächste Woche in Paris zum Autosalon versammelt, werden sich die meisten Blicke wohl nach Osten statt nach Westen richten. Denn der Konflikt mit Russland wegen der Ukraine-Krise treibt Vorständen wie Verbrauchern Sorgenfalten auf die Stirn. „Russland war in Europa der letzte große Hoffnungsmarkt„, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. „Diese Hoffnung ist erst mal zerstoben.“ In anderen Ländern Europas trüben sich die Aussichten ein, kaum dass nach langen Krisenjahren endlich Linderung eingetreten ist. Auch wenn es auf dem Autosalon mehr neue Modelle zu sehen gebe als früher, werde die Messe in Paris „kein Freudenfest“ für Europas Autoindustrie, urteilt Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center der Universität Duisburg-Essen.

Zwölf Monate in Folge robbten sich die Neuzulassungszahlen in der EU zuletzt nach vorne, aber im Sommer geriet die zaghafte Erholung schon wieder ins Stocken. Denn in großen Ländern und damit großen Pkw-Absatzmärkten ist konjunkturell kaum Besserung in Sicht. „In Frankreich und Italien sind die Strukturprobleme noch nicht gelöst“, erläutert Bratzel. Dudenhöffer verweist darauf, dass in Spanien die Nachfrage hauptsächlich durch eine staatliche Kaufprämie erhalten wird. In Russland sind die Verkaufszahlen von Neuwagen im freien Fall. Von einem möglichen Importstopp für westliche Autos ist immer wieder die Rede. Für deutsche Hersteller ist der Absatz dort zwar überschaubar, aber die Unsicherheit greift um sich.

Experten von der Unternehmensberatung Roland Berger gehen davon aus, dass die Russland-Krise noch ein bis zwei Jahre andauern wird. „Automobilkonzerne sollten ihre Kostenbasis und ihre Kapazitäten dem schwächelnden Markt anpassen“, rät Branchenkenner Jürgen Reers. Opel etwa baut im Werk Sankt Petersburg massiv Personal ab und fährt die Produktion weiter zurück. Die defizitäre GM-Tochter wollte sich auf Russland als Wachstumsmarkt konzentrieren, weil man beim US-Mutterkonzern davon ausging, dass das Land bald Deutschland als größten europäischen Pkw-Markt ablösen wird. Europas größter Autobauer Volkswagen hat angekündigt, die Produktion in seinem Werk in Kaluga südwestlich von Moskau zurückzuschrauben.

Der Ukraine-Konflikt sei für Europa die dritte große Krise innerhalb weniger Jahre, nach der Finanzkrise 2008/2009 und der Euro-Schuldenkrise 2012, konstatiert Autoexperte Dudenhöffer. „Der wirtschaftliche Erholungsprozess in Europa wird damit erneut gestoppt.“ Einer Studie von Euler Hermes zufolge ist die Fahrzeugproduktion in Frankreich und Italien zwischen 2007 und 2013 um 42 beziehungsweise 29 Prozent zurückgegangen.

Auch wenn Hersteller wie VW, Daimler oder BMW die Marktschwäche auf dem Heimatkontinent in Übersee ausgleichen können, bleibt Europa für sie wichtig. Denn hier wird rund ein Sechstel aller weltweit verkauften Autos abgesetzt. Die Oberklasse-Autobauer liefern in Europa sogar fast jeden zweiten Wagen aus.

„Der chinesische Markt ist für deutsche Autobauer hochprofitabel und macht einen zunehmend großen Anteil an den Unternehmensgewinnen aus“, sagte Ludovic Subran, Chefökonom der Euler Hermes Gruppe. „Dies bedeutet einerseits eine stärkere Abhängigkeit und damit steigende Risiken. Als Folge der laufenden Untersuchungen der chinesischen Behörden haben beispielsweise fast alle großen Firmen bereits umfangreiche Preissenkungsmaßnahmen, vor allem bei Ersatzteilen angekündigt. Andererseits sind sinkende Preise die Voraussetzung für weiteres langfristiges Wachstum. Die Aussichten sind deshalb weiterhin sonnig – zumal lediglich 5 Prozent aller Chinesen bisher ein eigenes Auto besitzen. Um das große Potenzial der chinesischen Landbevölkerung zu erschließen, müssen die Autobauer für diese Zielgruppe Lösungen finden, die auf die geringere Kaufkraft dieser Bevölkerungsgruppe zugeschnitten sind.“

Dabei kommen deutsche Autobauer in China nur langsam voran. Die Kartellbehörden straften Audi, BMW und Daimler zuletzt wegen erhöhten Preisen für Ersatzteile mit hohen Geldforderungen ab.

Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Testophant sagt:

    „Der wirtschaftliche Erholungsprozess in Europa wird damit erneut gestoppt.”

    Wann gab es denn den letzten Erholungsprozess in Europa ?

    Nach dem 2. Weltkrieg ?

  2. WILHER sagt:

    In Russland sind die Verkaufszahlen von Neuwagen im freien Fall. Von einem möglichen Importstopp für westliche Autos ist immer wieder die Rede. Für deutsche Hersteller ist der Absatz dort zwar überschaubar, aber die Unsicherheit greift um sich.<

    Viel wichtiger als Russland ist zum Beipsiel für Daimler der US-Markt.

    Daimlers Verkaufszahlen sind insgesamt auf Rekordhoch,
    das KGV bei 10.
    Die Dividendenrendite bei rd 4 %,
    Staatsleihenverzinsung unter 2 %.

    Wa macht jemand, der heute aus Daimler aussteigt, mit seinem Geld?

  3. George sagt:

    wir haben uns mit den Sanktionen ins Bein geschossen.